Die Kata Sanchin – pure Basics oder Nonplusultra?

Das Geheimnis dreier Schritte – Teil 1

Für meinen Geschmack wird bezüglich bestimmter Kata viel zuviel Mystizismus betrieben. Eine von diesen ist vor allem die Kata Sanchin.

gelungenes Intro im Film „Kuro-Obi“

Die Kata Sanchin gehört zum Standardprogramm aller Stile des Naha-te. Allerdings herrscht über die Bedeutung des Wortes sanchin nur scheinbar Klarheit. In den wie in Japan und Okinawa im China von heute üblichen Schreibweisen für San-zhan, San-chien oder Sanchin bedeutet san jeweils „drei“, während die beiden mir bekannten Kanji für zhan auf Mandarin bzw. Kantonesisch chien, die im Japanischen zu chin wurden, für den gewaltsamen Konflikt, also für „Kampf“ oder „Schlacht“, aber auch für „Krieg“ stehen.

Vielleicht hatte diese Namensgebung ursprünglich einen historischen Bezug. Die gängige Meinung heute ist aber, dass es sich bei den „drei Kämpfen“ eher um die Lösung innerer Konflikte des Übenden handele oder besser, um die Überwindung innerer Feinde in Form negativen Emotionen und Charakterzüge, was auf einen buddhistischen Ursprung des Namens deuten würde.

Drei Kämpfte

Die am weitesten verbreitete Interpretation des Wortes sanchin ist die, dass es gilt, auf drei Seinsebenen einen inneren Kampf zur Vervollkommnung des Selbst zu bestehen: und zwar auf körperlicher, emotional-energetischer und auf geistiger Ebene. Das wäre ohne Frage ein guter Vorsatz für jeden ernsthaften Kampfkunstadepten. Aber ob dies besonders gut nur mit dieser Basisform möglich sein soll, wage ich zu bezweifeln. Sicher gehört mehr zur positiv gerichteteten Ausformung des Charakters als das regelmäßige Ausführen der Kata Sanchin, einer im Grunde genommen recht einfach strukturierten Übungsform. Im übrigen muss jede Kata, ja die gesamte Kampfkunst, auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene gemeistert werden. Aber: Ist der Ausdruck „Kampf“ in diesem Zusammenhang überhaupt angemessen?

Mir erscheint daher die These sinnvoller, die besagt, dass es sich bei der Kata Sanchin bzw. deren Vorläuferform um eine Basisübung handelt, bei der im Laufe von jeweils drei Schritten vor und zurück gewisse, für den Kampfstil des Weißen Kranichs grundlegende Bewegungsmuster vermittelt wurden. Die meisten der heute bekannten Versionen, einschließlich der nicht von Chōjun Miyagi (s.u.) veränderten früheren Sanchin Okinawas, bestehen im Wesentlichen aus drei Vorwärts- und drei Rückwärtsschritten in der für den Stil charakteristischen Kampfstellung mit nach innen gerichtetem Kräftefluss.

„Drei Schritte“ hieße auf Mandarin San-jan, was sehr ähnlich klingt wie San-zhan. Wie die meisten unserer Kata unterlag wohl auch die in der Schule des Weißen Kranichs vermittelte Grundübung im Laufe der Zeit mehrfachen Änderungen hinsichtlich der genauen technischen Ausführung und womöglich auch bezüglich Schreibweise, Aussprache und Inhalt ihrer Benennung.

Ein ganzes Buch! … „Der Weg der Kata Sanchin“ – wohl eher ein Beitrag zum Mystizismus.

Der Legende nach wurde der Stil des Weißen Kranichs von einer Frau namens Fang Qiniang geschaffen, zu einer Zeit, als im Süden Chinas im Rahmen des schwelenden Widerstands gegen das Regime der Manchu (Qing-Dynastie) Kampfsysteme entwickelt wurden, die denen der Fremdherrscher überlegen sein sollten. Man war bestrebt, die Ausbildung effektiver zu gestalten. Das war verbunden mit einer partiellen Abkehr von der bisherigen Praxis komplexer Formen, deren Details nur über einen langen Zeitraum erfasst werden konnten. Die Schüler sollten möglichst rasch kampftechnische Fähigkeiten erlangen. Daher verkürzte man die Formen beträchtlich und versuchte, in ihnen einfache, auf maximale Effektivität bei geringem Aufwand ausgerichtete Techniken zu vermitteln. Sicher griff man dabei auch auf die daoistische Tradition der inneren Kampfkünste zurück. Deren Übungspraxis zielt viel stärker auf ein den freien Fluss des Qi gewährleistendes vollständiges Öffnen der Kanäle ab als auf das Vermitteln bestimmter Techniken. Das total frei fließende „wahre Qi“ befähigt den Ausübenden dann zu allen notwendigen Aktionen und Reaktionen ohne willentliches Zutun.

Durch falsche Übersetzung entstehen fatale Denk- und Praxisfehler.

Einer kampftechischen Ausbildung ging darum eine sehr lange geistig-energetische Praxis voraus. Zu dieser gehörte insbesondere das regungslose Stehen, bei dem der Körper von innen her perfekt ausgerichtet und dann der freie Fluss des Qi zugelassen und beobachtet werden sollte. Äußerlich hat die dabei eingenommene Haltung den Anschein, als umarme man etwas. Zusätzlich zur Harmonisierung des Qi-Flusses wird bei dieser Übung eine starke Verwurzelung mit der Erde und eine Stabilisierung der Haltung insgesamt angestrebt – weshalb man auch von der „Übung des Baumstamms“ spricht. Idealerweise sollten sich die für einen Kampf erforderlichen Bewegungen aus dieser indifferenten Haltung spontan manifestieren. Nach den Aussagen meines Qigong-Lehrers Meister Zhichang Li ist ein solcher Zustand der perfekten Reaktionsfähigkeit aber, wenn überhaupt, nur nach Jahrzehnten entbehrungsreicher Praxis zu erreichen.

Bei den daostischen Standübungen befinden sich die Füße etwas mehr als schulterbreit auseinander, wobei die Zehenspitzen leicht nach innen zeigen. Durch gedankliches Setzen auf einen imaginären Hocker sinkt der Schwerpunkt und die Haltung gewinnt an Stabilität. Das Steißbein fällt  nach schräg-vorn, wodurch das Becken nach hinten kippt und die Lendenwirbelsäule sich aufrichtet. Die restliche Wirbelsäule wird durch Einziehen der Kinnspitze nach oben hin gestreckt. Meist stellt man sich dabei vor, man hängt an an einem an dem höchsten Punkt des Kopfes befestigten, unsichtbaren Faden, der bis in den Himmel reicht.

Strecken der Arme als erste Bewegung der Sequenz.

Nicht wenige werden sich durch diese Beschreibung an schon bekannte Übungsdetails erinnern. Denn bedingt durch unsere Anatomie bleibt es nicht aus, dass die Anleitungen zur Gewinnung an Standfestigkeit, auch wenn sie unterschiedlicher Herkunft sind, sich weitgehend decken. Sicher war die gut 2000 Jahre alte Übung des Baumstamms in Grundzügen einem „weiteren Kreis“ von Experten bekannt und ich vermute, dass sie als Modell für vielerlei andere Übungen zur Regulierung des Qi und zur allgemeinen Kräftigung diente, womit sie sich auch als Grundlage für die Entwicklung von Kampftechniken anbot. Es ist daher anzunehmen, dass im Rahmen der Umgestaltung der Kampfkunst in Zeiten der Qing-Dynastie eine solche Übung als Basis für die Kata der drei Schritte und damit der Kata Sanchin diente, indem man versuchte, aus der stabilen Verwurzelung in eine angemesse Form der Bewegung überzugehen – was auch die typischen bogenförmigen Schrittfolgen erklären würde.

Aufnahme der gegnerischen Bewegung

Allerdings gibt es in China auch Versionen der Form, bei der das Vor- und Zurückbewegen in einer Art Gleitschritt erfolgt und dadurch die Auslage (linker oder rechter Fuß) gleich bleibt. Wahrscheinlich ist beides richtig, das heißt es wurde beides gelehrt, weil beide Formen der Bewegung, Gleit- und vollständiger Schritt, im Kampf von Nutzen sind. Wichtig für uns ist festzuhalten, dass die Schöpfer dieser Übung wohl bestrebt waren, die im Stand gewonnene Stabilität der Verwurzelung während der im Kampf unumgänglichen Ortswechsel so wenig wie möglich aufzugeben. Insofern enthält die Kata Sanchin – vielleicht mehr als jede andere formale Übung des Karate – gewiss eine Qi-regulierende Komponente. Jedoch wird eine Übung nicht allein dadurch energetisch oder spirituell wirksam, weil man sie langsam ausführt.

kontrollierender Kontakt zum Gegner

Das für Sanchin typische langsame Üben ermöglicht zunächst einmal nur eine ausgiebige Detailarbeit, die aber Voraussetzung ist für einen frei werdenen Fluss des Qi. Bevor etwas fließen kann, müssen die entsprechenden Wege frei sein und Blockaden beseitigt werden. Natürliche Engstellen für den Fluss des Qi sind die Gelenke. Nach jedem Schritt vor oder zurück wird daher der Körper in all seinen Gelenken als Ganzes optimal ausgerichtet, bevor eine kampftechnisch relevante Bewegung der Arme einsetzt. Mit der Zeit wird durch die Routine die Phase des Ausrichtens immer kürzer, sodass gerade die Versionen Südchinas San-zhan bzw. San-chien im Vergleich zu den uns bekannten Varianten Okinawas relativ zügig ausgeführt werden.

In den Versionen Südchinas sind die meisten Bewegungen beidarmig. Unklar ist, zumindest für mich, ob die Reduzierung der Armbewegungen auf das Minimum einer Kombination von Stoß und angedeuteter Abwehr das Resultat einer Entwicklung auf Okinawa selbst ist oder ob diese Abwandlung den Schülern aus Ryūkyū so bereits in Fuchou geichsam als vereinfachte, „ausländergerechte“ Fassung beigebracht wurde. Möglich ist natürlich auch, dass eine solche Version eine Spezialität von Meistern wie Ryūryū Ko und Wai Xinxian darstellte.

Wie man sich die Vorgänge plausibel machen kann – nicht unbedingt immer sinnvoll.

Wahrscheinlich führten zumindest die technischen Vereinfachungen, ebenso wie der Übergang von der offenen Hand zur geschlossenen Faust, zu einer übermäßigen Betonung des Krafteinsatzes beim Ausführen der Kata. Möglich Auch, dass man sich diesbezüglich innerhalb des Naha-te Okinawas einander angepasst hat. Allerdings gab es auch schon in Südchina überaus harte Varianten, wie etwa die des dem Tigerstil Hu-quan entlehnten Pangai-noon, aus dem später das Uechi-ryū entstand, die jedoch den grundlegenden Ideen des Weißen Kranich Baihe-quan, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in der Taktik, eher entgegenstehen.

Im Kampf gibt es immer wieder Momente, in denen eine hohe innere Stabilität gefordert ist, insbesondere beim Auftreffen der Faust auf dem gegnerischen Körper. Andererseits ist nur ein maximal entspannter Muskel zu einer schnellen Reaktion fähig. Daher ist das Spiel von Spannung und Entspannung wohl eher Ziel von Übungen, wie die Kata Sanchin sie darstellt.

Tolle Muckies – aber wirklich ein Vorteil im Kampf?

Eine muskuläre Panzerung, wie sie manche erzielen wollen, ist jedoch illusorisch. Zum einen wäre sie taktisch unvorteilhaft, denn die eigenen Reaktionsmöglichkeiten wären bei übermäßiger oder lang andauernder Anspannung eingeschränkt. Zum anderen ist eine solche „Immunisierung“ gegen Schläge und Stöße gar nicht möglich, da die meisten verletzlichen Stellen zwar zwischen den Muskeln liegen, aber trotzdem mit entsprechend spitz ausgeformter Hand leicht erreichbar sind. Ein rein auf Spannung und Härte ausgerichtetes Ausführen von Sanchin bewegt sich somit an den Prinzipien der Kampfkunst vorbei.

Den Sinn der Praxis von Sanchin sehe ich daher vor allem darin, die Bewegung zu optimieren und mit der Atmung zu koordinieren. Über die Schulung des Atems kann das Qi reguliert werden, wodurch in das Üben der Kata durchaus ein energetischer Aspekt miteinfließt. Wir sehen: Je mehr das reine Bewegen nach einem vorgegebenen Muster von Vorstellungen über Ziel und Methode erfüllt wird, desto stärker kommt die Übung auf energetischer Ebene zur Entfaltung. Dies gilt jedoch nicht nur für die Kata Sanchin, sondern für jedwede Form der Übung.

Durch ihre einfache, eben nicht auf eine direkte Anwendung im Kampf ausgerichtete Struktur eröffnet uns Sanchin noch mehr als all die anderen viel komplexeren Kata die Möglichkeit, uns mit uns selbst zu beschäftigen, da wir beim Üben kaum an einen imaginären Feind denken müssen. Wir können und sollten uns beim Üben von Sanchin die Zeit für die Schau nach innen nehmen und so die für einen Kampf notwendigen Voraussetzungen schaffen: nämlich einen stabilen Qi-Fluss, der hohen Belastungen und Irritationen von außen standhalten kann.

Fang Qiniang ? … für mich ist Michelle Yeoh mit Abstand eine der glaubwürdigsten Darstellerinnen in den Kampfkunstfilmen.

Wahrscheinlich wird sich nie klären lassen, inwieweit energetische oder spirituelle Aspekte die Entstehung der Kata Sanchin von Anfang an prägten oder ob diese erst im nachhinein integriert wurden. Ich persönlich tendiere eher zum ersteren, meine aber auch, dass es sich bei der Form gleichwohl primär um eine Grundübung handelte – die der „drei Schritte“ – deren Entstehen aber weiter zurückliegen mag als die Schaffung der Faust des Weißen Kranichs durch Fang Qiniang. Das Bubishi, in dem einige Hinweise über die Entstehung dieses Kampfstils zu finden sind, enthält keinerlei Angaben über den Namen der dort erwähnten grundlegenden Form, nur darüber, wie diese korrekt auszuführen sei, wobei die Beschreibungen und Hinweise tatsächlich sogar auf unsere heutige Form der Kata Sanchin anwendbar sind.

Fortsetzung folgt …

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Mai-nichi, mai-nichi …. vom unbeugsamen Geist

erfrischendes Kobudo

Geben wir es doch zu! Die nicht enden wollende Hitze des diesjährigen Sommers droht all unsere guten Vorsätze zunichte zu machen. Denn zunehmend fällt es schwer dem „täglichen“ oder zumindest regelmäßgen Üben nachzugehen. Für die meisten ist dies ja das Training am Nachmittag oder Abend, und zwar nach dem Broterwerb, und da ist es besonders warm. Nur wenige können es sich erlauben frühmorgens in den Garten oder Hof zu gehen und am Makiwara 200 Stöße links und 100 mit der rechten Faust zu absolvieren, so wie es noch die Meister wie Kenwa Mabuni oder Choki Mutobu taten und in ihren Schriften dann auch empfehlen.

In vielen unserer Dōjōs wird im Sommer nur eingeschränkt trainiert. Manche machen ganz zu, insbesondere all jene Sportvereine, die auf Hallen der öffentlichen Hand angewiesen sind. Vielerorts bedeutet dies daher: Schulferien gleich Vereinsferien und somit Trainingsausfall. Aber jede Pause, die länger als eine Woche andauert ist spürbar, in der Technik selbst und im Verlust von Kraftreserven. Experten sprechen in diesem Zusammenhang dann auch gerne von Konditionsverlust: die Muskeln werden weniger ausdauernd, die Puste bleibt einem schneller weg.

Selbst Meister Motobu …

In meiner Zeit als Trainer und Vorsitzender bzw. Spartenleiter namhafter Lübecker Budō-Vereine war ich darum bemüht den Übungsbetrieb unter allen Umständen ganzjährig, d.h. auch in den Schulferien aufrecht zu erhalten. Nur die Zeit zwischen den Jahren, also zwischen Weihnachten und einigen Tagen nach Neujahr waren auch für mich „tabu“, d.h. auch ich verspührte in dieser Zeit weder Lust noch sah ich unbedingten Anlaß zum Üben.

… verzichtete bei Bedarf auf allzu viele Kleidung.

Es ist durchaus wichtig ab und an alle Strenge fallen zu lassen, sich selbst und auch den Schülern gegenüber. Ansonsten wird man allzu leicht fanatisch oder verbittert. Andererseits sollten wir darauf achten nicht allzu nachlässig zu werden, eben besonders wenn andere Aktivitäten mehr Freude oder Glück versprechen. Hierzu gehören gerade im Sommer auch der Aufenthalt am Strand oder beschauliche Abende mit kühlen Getränken im Biergarten. Da wird der ohnehin schon oft strapazierte unbeugsame Geist des Budō noch mehr gefordert als sonst und es kostet deutlich mehr Überwindung zum Training in die stickige Halle zu gehen. Als Ausweg bietet sich mitunter an das Üben einfach nach draußen zu verlagern – sofern es die Gegebenheiten zulassen. Aber damit ist die „Weisheit“ auch schon am Ende.

Während meines Lebens kam ich immer wieder in derartige Situationen, in denen ich mich entscheiden musste zwischen angenehmer Kurzweil und der Quälerei im Dōjō. Gewiss bin ich auch heute noch der Auffassung, man sollte es sich nicht allzu leicht machen auf dem Weg des Budō, jedoch ohne sich zu überfordern. Der Wert des Budō steigt gerade durch das Vermeiden von dessen Überbewertung! Der „mittlere Weg“ ist das Stichwort.

Kaeri-ashi, Schrittfolge für „Su“-Übungen

Auf jeden Fall sollten wir uns diesen Weg nicht beschwerlicher gestalten als er ohnehin schon ist. Es gilt für das Vorankommen eine langfristige Konzeption zu erarbeiten und diese dann zu erhalten. Hilfreich ist hierbei sich auf die jeweils gegebenen Bedingungen einzustellen. Nicht wenige Karateka meinen unter allen Umständen und zu jeder Zeit auf die gleiche Weise trainieren zu müssen. So werden Sommer wie Winter die gleichen Übungsriten abgespult: Kihon, Kumite und Kata stets mit gleicher Intensität nach dem Motto „viel hilft viel“ oder „gelobt sei was hart macht“. Dabei werden dem menschlichen Körper mitunter Dinge abverlangt für die er nicht geschaffen wurde. Im Moment des Überschwangs mag man dann selbst den Eindruck haben, dass man das „wegsteckt“ – nur wohin? In späteren Phasen des Lebens kann es dann zu gesundheitliche Problemen kommen, die doch durch intensive sportliche Betätigung eigentlich hätten vermieden werden sollen. Das Gleichgewicht zu halten zwischen einem starken positiven Stimulus, den  das Training der Kampfkünste ja darstellt, und der schädigenden Überforderung ist bisweilen nicht ganz einfach. Für uns Nordeuropäer bietet ein heißer Sommer hier gewisse Gefahren. Die Bewohner Japans und besonders Okinawas sind hier natürlich ganz anderes gewohnt. Sie sind konstitutionell an die Hitze einfach besser angepasst.

Kaeri-mawari-ashi, Schrittfolge mit integrierter Wendung

Persönlich habe ich recht gute Erfahrungen damit gemacht die momentane Intensität der Übung zu reduzieren, also weniger auf Kraft (wieder einmal!), aber auch weniger auf Speed, sondern noch mehr als zu jeder anderen Jahreszeit in Richtung Präzision zu arbeiten. Zur notwendigen häufigen Wiederholung dienen hier idealerweise all die Übungen die mit „su“ beginnen. Viele von uns kennen sicher das Suburi im Kendō, das ständig wiederkehrende „Wirbeln“ mit Schwert oder Bokken. Auch im Kobudō gibt es diverse Varianten dieser Übung. Im Karate jedoch wird dieser Begriff eher wenig gebraucht, aus geschichtlichen Gründen, aber auch weil bei uns eben nicht „gewirbelt“ wird, mit dem Armen oder wie sonst auch immer, sondern gestoßen, geschlagen oder getreten. Angemessene Ausdrücke wären hier daher su-geri, ein kontinuierliches Ausführen von Fußtritten, su-uchi also „kontinuierliches Schlagen“ oder su-zuki, d.h. „kontinuierliches Stoßen“. Das ganze geschieht am besten in Kombination mit besonderen Schrittwechseln, in der Regel auf der Stelle und gerne hin auf eine Zielvorrichtung, ein vorstehendes oder hängendes Objekt, das aber nicht unbedingt getroffen werden soll.

zumindest die Füße bleiben gekühlt

Der Vorteil von all dem ist, dass nicht gezählt werden braucht. Man macht einfach soviele Ausführungen der jeweiligen Technik bis man genügend ermüded ist oder zur nächsten übergehen will. Es empfiehlt sich dabei eine nach innen gerichtete Schau, ein vermehrtes Wahrnehmen von Details in Technik, Körperhaltung oder Fußstellung, was mittelfristig hilft Fehler zu erkennen und sie zu beseitigen.  Die Zeit vergeht dabei so manches Mal besser als beim „normalen“ Kata- oder Kihon-Training.

Mainichi ganbaru, das „tägliche Dranbleiben“, ist bei (sub-)tropischem Klima bisweilen eben gar nicht so einfach für uns Nordeuropäer. Nun gut, viel mehr fällt mir gerade auch nicht ein zu diesem Thema. Es ist einfach zu heiß …..

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Budo-Legenden – Teil 2

Diesmal soll es nicht um namhafte Größen der Karate-Geschichte gehen, sondern um Mysterien der Budō-Welt oder Vorgänge, welche zu ihnen hinführen können.

Der berühmte Kräuterarzt Li Shizhen vertrat sicher eine andere, umfassendere Sicht auf unsere Probleme mit der Gesundheit.

Dazu erlaube ich mir einfach einmal die Geschehnisse um die Wahrheitsfindung im Bereich Budō und Kampfkunst mit denen der modernen Gesundheitsvorsorge zu vergleichen. Es bestehen dort doch einige Parallelen zur Cholesterin-Lüge oder zur Kochsalz-Saga. Bis heute sind viele Ärzte und deren Patienten davon „überzeugt“, dass zu hoher Eierkonsum oder zuviel Salz im Essen zu Arteriosklerose und damit zu erhöhtem Bluthochdruck führen würde, wobei sie sich sowohl den Erkenntnissen der biologischen Wissenschaften als auch dem überlieferten Wissen der Ganzheitsmedizin verschließen. Bei der Argumentation zuviel Salz oder Cholesterin wäre schlecht für den Körper werden all die Regelmechanismen übersehen, die es uns ermöglich(t)en über Jahrtausende/-millionen überhaupt überlebensfähig zu sein. Die Leber selbst produziert den Großteil des im Blut schwimmenden Cholesterins und nur ein Bruchteil wird aus der Nahrung aufgenommen. Und von HDL und LDL („gutem“ und „bösem“ Cholesterin) will ich gar nicht erst anfangen – ist ja auch nicht Themenstellung dieser Website!

Interessant bis erschreckend ist nur wie schwer solche scheinbar einfachen und damit zunächst leicht nachvollziehbaren „Wahrheiten“ wieder aus den Hirnen der Menschen heraus zu bekommen sind, wenn sie erst einmal festgesetzt haben. Es handelt sich dabei um ein psychologisches Problem der Wahrheitsfindung, bei dem neben rationaler Überzeugung auch der Prozess des Glaubens eine besondere Rolle spielt. Ich spreche hier jedoch nicht von einem Verehrungsglauben, wie er in den Religionen (ein)gefordert wird, sondern von einem in zahlreichen Lebenslagen durchaus nötigen vorbehaltlosen Annehmen von Prämissen. Es sind dies Behauptungen, bei einer Sache verhalte es sich so oder so, die man zunächst als wahr annehmen muss um darauf im Rahmen einer logischen Betrachtung oder einer praktischen Planung aufbauen zu können. Am Ende kann sich die Annahme dann als richtig oder falsch erweisen.

Kata-Sequenzen wie diese …

Sofern man die Flexibilität aufbringt (sich) letzteres am Ende einzugestehen, ist das ganze ein angemessenes und allzu oft das einzig mögliche Vorgehen, denn niemand ist allwissend und ohne einen ersten Schritt geht kaum etwas. Schlimm wird es nur wenn man sich der Realität verschließt und an dem zuvor Angenommenen haften bleibt. Der berühmte Schwertmeister Yagyu Munenori sprach in diesem Zusammenhang von „Krankheiten“ des Geistes und meinte damit eine falsche Einstellung zur Realität, insbesondere der des Kampfes.

Unserer Verstand braucht Daten und Bedingungen wie diese miteinander verknüpft werden sollen. Schwierig wird es darum beim Betrachten der Geschichte des Budō, und noch viel mehr des Karate, denn es sind nur wenige präzise Information überliefert. Nun könnte man argumentieren, man bräuchte ja eigentlich gar nicht wissen wie genau sich das Karate entwickelt hat. Wichtig sei doch nur, dass man hart und geflissentlich übt. – Aber wie üben? – Na eben nach den von den Meistern überlieferten Richtlinien! – Und da haben wir´s. Wo sind sie denn, diese Richtlinien? Gab es sie damals überhaupt in einer Weise wie wir sie uns heutzutage vorstellen?

… machen erst Sinn beim Wissen um die historischen Umstände.

Nach den spärlichen Informationen, die zumindest mir vorliegen, waren jene Richtlinien in der Vergangenheit stark von der Person des einzelnen Lehrmeisters abhängig, von dessen technisch-methodischen Vorlieben und „didaktischen“ Fähigkeiten. Alles ganz individuell. Mit den Anführungzeichen möchte ich hier andeuten, dass von Didaktik im heutigen Sinne kaum eine Rede sein kann. Im Gegenteil, um die Fähigkeiten des Schülers im Kampf zu fördern, z.B. seine Intuition sowie seinen Willen zum Lernen, wurde ihm das Lehrleben auf alle mögliche Weise erschwert. Sogar bis in die 50er Jahre wurde beim Unterricht in Japans Karate-Dōjōs noch kaum etwas im Detail erklärt, sondern nur vorgezeigt. Verbale Zusätze erschöpften sich in „das“, „so“ oder „so nicht, nochmal“ – oder auch „gut, weiter so“, was allerdings eher selten vorkam. So zumindest beschrieb es mir Sensei Demura, wie sein Lehrer Ryusho Sakagami ihn oder Shinken Taira letzteren unterrichtete.

Hier die ursprüngliche Form mit offener Hand.

Die Idee der alten Methode des Unterrichts war, den Schüler für den Kampf essenzielle Verhaltensweisen zu vermitteln, wobei man davon ausging, dass Worte (Definitionen) leicht zu verfälschtem Verständnis bezüglich des Wesentlichen führten und die Technik eh nur eine sekundäre Rolle spiele, in dem Sinne: Was nützt alle filigrane Bewegung wenn diese nicht im richtigen Moment oder mit der richtigen geistigen Einstellung ausgeführt wird? Auf die der Kampfsituation angemessene mentale Reaktion kam es vornehmlich an. Um die entsprechenden Fähigkeiten des Meisters zu erlangen sollte der Schüler diesen so gut es geht nachahmen. Und klar, neben diesem aus damaliger Sicht durchaus sinnvollen indirekten Unterricht von Person zu Person, d.h. auf mental-emotionaler Ebene, spielte natürlich gerade die im Bereich der Kampfkunst die seit jeher nötige Geheimhaltung bzw. Verschlüsselung der Technik eine besondere Rolle.

Yoko-uke? Oder Tate-uraken? Oder Ura-zuki? Man weiß es nicht …

Seit Meister wie Kanryo Higaonna und vor allem Anko Itosu es vorzogen ihre Kunst einem weiteren Kreis von Interessierten als nur einer Hand Auserwählter zugänglich zumachen fehlte jedoch zusehens die erwähnte intuitiv-direkte Weitergabe von Können und Erfahrung. Der Übergang zum Training in großen Gruppen, ähnlich wie beim Militär, machte zudem ein Straffen des Übungsstoffes nötig, so dass nun alle Teilnehmer in etwa die „gleiche Kost“ abbekamen. Dass dabei vieles an Details verloren gehen musste leuchtet ein. Durch das (weitgehende) Fehlen persönlicher Unterweisung konnten zudem bestimmte, eben doch vorhandene Geheimnisse kaum mehr übermittelt werden.

Es gibt nur sehr wenige Fotos von Kanryo Higaonna (2. v.r. vorn) und nicht ein einziges wo er etwas vorzeigt.

In der Epoche von Meistern wie Chojun Miyagi, Kenwa Mabuni oder Gichin Funakoshi war daher bereits auf eine Analyse angewiesen von dem was man da weitergab, wollte man vermeiden, dass das Geübte immer mehr aushöhlte. Im Rahmen der damals eingeleiteten Strukturierung des Karate als Budō nach altjapanischem Vorbild wurden die zuvor mit „so“ titulierten Bewegungen mit Bezeichnungen versehen, die bereits auf eine Anwendung hindeuten. Das Problem dabei war, dass in den Zeiten des Umbruchs Ende des 19. Jahrhunderts insbesondere Anko Itosu umfangreiche Vereinfachungen an den Kata und deren Techniken vorgenommen hatte, sodass eine spätere Interpretation bzw. Anwendung zusätzlich erschwert wurde. So erscheinen uns Techniken wie Yoko-uke klar definiert, zugleich wissen wir aber nicht genau wie die ursprüngliche Bewegung aussah, die zu ebendieser Endposition des Armes führte. Nur unter der Annahme es handele sich um eine Abwehr können heute Kriterien für eine korrekte Ausführung gegeben werden.

San-zhan des Weißen Kranich, Vorläufer der Kata Sanchin

Im Falle der Kata Sanchin wird die ganze Diskrepanz offensichtlich, die sich innerhalb von etwa 50 Jahren Kampfkunstentwicklung während des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert manifestierte. Für mich ist klar, dass Kanryo Higaonna, sofern er denn in Fuzhou eine Form namens San-zhan oder Samchien gelernt hatte, diese gänzlich anders weitergab. Chojun Miyagi komplettierte den Wandel indem fortan die vormals offenen Hände zu Fäusten geschlossen wurden. Die heute übliche Form von Sanchin ähnelt der ursprünglichen eigentlich kaum noch, allenfalls in der Art wie die Füße bewegt werden.

Ich will mit all dem unser Karate als Kunst oder Dō nicht schlecht reden. Vielmehr möchte ich zu einer kritischen Herangehensweise ermuntern, bei der das bisher Überlieferte nicht als unumstößlich wahr oder absolut hingenommen wird. Im Kampf kann solcherart Einstellung fatale Folgen haben. Ich meine, auch in vergangenen Tagen wäre kaum ein ernstzunehmender Gegner auf die Idee gekommen mit Mae-geri oder Oi-zuki anzugreifen! Zudem können  Abwehrtechniken so wie sie allgemein gelehrt werden aus physiologischen Gründen niemals funktionieren. Sie dauern aufgrund der nervalen Reizleitungen einfach zu lange. Eine scheinbar schnelle Reaktion im Kampf ist darum eher eine Folge intuitiven Vorausahnens des gegnerischen Tuns.

Von der Flexibiltät und der Agilität dieser beiden Tiere kann man beim Karate von heute nur noch ahnen.

Bei der Faust des Weißen Kranich Bai-He Quan und deren Folgesystemen, d.h. den Vorläufern des Karate, will man denn auch kaum einen Erstangriff des Gegners parieren, vielmehr wird der direkte Kontakt zu dessen Körper gesucht (Arm zu Arm, Bein zu Bein etc.), wodurch technische Antworten auf sein Agieren eher auf Taktilität (Gefühl, nervale Reflexbögen) basieren, ohne dass man unbedingt auf optische Wahrnehmungen angewiesen wäre. Visueller Kontakt ist hingegen durchaus nötig um den Gegner einzuschätzen, ihn zu „durchschauen“, d.h. anhand kleinster Regungen nach außen hin auf dessen Inneres zu schließen. Dies erfordert viel Talent, Erfahrung und vor allem auch subtile Beobachtungsgabe (man denke an die Poker-Spieler).

Eine halbwegs realistische Interpretation des in den Kata Gelernten ist immens schwierig. Uns fehlen detaillierte Kenntnisse bezüglich der Wirkungsweise der einzelnen Aktionen. Ganz zu schweigen von den psychisch-emotionalen Problemen, die sich stellen wenn der Kampf um die Existenz, also um das Leben geht. Wir können Autoren wie Patrick McCarthy oder Mark Bishop darum gar nicht genug dankbar sein für ihre mühevolle Arbeit uns das Wissen der Vergangenheit zu erhalten und zugänglich zu machen. Während Mark Bishop auf Okinawa alle möglichen noch lebenden Zeitzeugen aus der Zeit ab Sōkon Matsumura befragte, ist es Patrick McCarthy gelungen aus dem rudimentären Sammelsurium von Strichzeichnungen und mehrfach handschriftlich kopierten Aufzeichnung des Bubishi ein für alle lesbares Buch zu machen.

Aber aufgepasst, die menschliche Erinnerung kann trügen und zudem handelt es sich bei den spärlichen Dokumenten aus der Vergangenheit um das was der jeweilige Autor freiwillig mitteilen wollte. Unklar bleibt was unerwähnt bleiben sollte und deshalb eben nicht niedergeschrieben wurde. Zudem waren derartige, sogenannte schulinternen Texte so formuliert, dass nur Eingeweihte verstanden worum es wirklich ging. Als Beispiel mögen jene Anweisungen im Bubishi dienen wie die „Quan“ (die Form) genau auszuführen sei. Man ahnt, dass es sich um die Kata Sanchin, oder besser San-zhan handelt – und das war es dann auch schon … Die Verpflichtung alles wahrheitsgetreu zu beschreiben wie im heutigen Journalismus oder in der Wissenschaft ist relativ neu. Damals wurde mitunter bewusst irregeführt („fake-news“!), um zu vermeiden, dass, sollte der Text in falsche Hände (womöglich unsere?!) fallen, keine Gefahr bestand, dass die praktische Umsetzung des Beschriebenen den Autoren selbst zum Verhängnis wird.

Wir sollten uns somit unbedingt klar sein oder werden, dass das Gros unseres Wissens bezüglich der Kampfkunst Karate letztlich auf Spekulation beruht. Für viele Leser wäre sicherlich „Bunkai“ der schönere Ausdruck. Und man bedenke, dass es sich bei den Anweisungen im Rahmen des üblichen Training im Grunde genommen schon um Bunkai handelt, da (fast) alle Bezeichnungen für unsere Techniken das Resultat von Interpretationen aus den 20er/30er Jahren sind. Ob man will oder nicht, Bunkai ist Spekulation, ohne die es aber nicht geht.

Bubishi „Originaldruck“

Gewiss, die meisten verstehen heute unter dem Begriff Bunkai eine anspruchsvolle Anwendung von möglichst höheren Kata, verbunden mit einer ästhetisch ansprechenden Darbietung, sei es während der Übungsstunde oder auf Verantstaltungen. Dagegen ist absolut  nichts zu sagen, auch nicht dagegen sich Filme mit Jackie Chan oder Jet Li anzuschauen, solange man sich der Fiktion nur bewusst bleibt. Es macht halt Freude und das soll es auch! Nur, zu glauben der Gute bliebe immer der Sieger, halte ich für fragwürdig, auch ob es unbedingt nötig ist, den Teilnehmern eines am Breitensport orientierten Trainings bestimmte, womöglich gar festgelegte Anwendungen der Kata als das Bunkai zu präsentieren.

Beim Bunkai handelt sich um eine vorläufige (!) Analyse  – und Schluss. Von wahrer Bedeutung kann nie eine Rede sein. Was wirklich hinter einer Bewegung steckt(e), bleibt leider wie so oft im Nebel der Vergangenheit. Hilfreich wäre es jedoch sowohl bei einem als Trainer selbst als auch bei den einem anvertrauten fortgeschrittenen Schülern mit der Zeit einen Blick für das Sinnvolle und weniger Sinnvolle zu entwickeln. Man spricht diesbezüglich gerne von omote und ura, vom Augenscheinlichen und Hintergründigen. Denn durch abermaliges Herunterspulen der Kata erschließt sich deren Inhalt nur mit viel Glück. Trotzdem ist häufiges Wiederholen der Technik die Vorraussetzung für spätere intuitive Eingebungen, Erkenntnissprozesse oder auch Initialisierungen durch den Meister. Es kann nämlich nur das (neu-)strukturiert werden was schon da ist, in diesem Falle eben bereits antrainierte Reaktions- und Bewegungsmuster. Mit anderen Worten, die routinemäßige Übung von Kata und Kihon ist notwendige Bedingung für den individuellen Fortschritt (Shu Ha Ri).

die hohe Kunst des Haareziehens – wie damals auf dem Schulhof

Die uns heute bekannten Karate-Techniken sind kaum geeignet einen echten Gegner zu besiegen, d.h. ihn ersthaft/tödlich zu verletzen oder ihn zumindest zu paralysieren. Dies war auch so angedacht, zunächst von Meister Itosu und dann Meister Funakoshi, und womöglich von fast allen übrigen der selben Generation. Die wenigen, die anderer  Meinung waren sind heute praktisch unbekannt, da sie nur wenige oder gar keine Schüler mehr ausbildeten. Für erstere sollte das Üben der Technik nunmehr vornehmlich der Ertüchtigung des Körpers dienen und die Praxis allgemein zu einem unbeugsamen Geist führen. Das entsprach dem damaligen Zeitgeist: Gesunder Geist in gesundem Körper, ähnlich wie bei Turnvater Jahn.

Entsprechend wurde die Technik von den Meistern so modifiziert, dass sie nur noch geringen Schaden anrichten konnte, wodurch sie aber auch an Wirksamkeit und somit an wahrer Bedeutung verlor. Andererseits sollten wir wissen was wir tun und somit eine grundlegende Vorstellung von der Wirkung und Anwendung unserer Technik haben, jedoch bereit sein diese zu hinterfragen und sie nicht zu verabsolutieren. Aus dem Bunkai entstandene Übungen sind lehrreich und wertvoll, entsprechende Vorführungen faszinierend und sie erwecken Freude beim Ansehen. Es ist halt Action und auch das entsprechende Üben macht Spaß – ein ganz wichtiger Faktor in der Budo-Praxis (s.o.).

Titel: der Gute (rechts) gegen den Choleriker

Zu trennen ist jedoch der Spaß vom Ernst einer möglichen Gefahrensituation. Die Praxis des Budō soll uns ja auch eigentlich dahin bringen, die rechte Distanz zu wahren, eben aus dem Bewusstsein der negativen Folgen einer voreiligen Gewaltaktion.  Das Entschärfen der Techniken ist hier jedoch ist aus meiner Sicht eher hinderlich. Wer nie ein echtes Schwert oder eine geladene Pistole in der Hand gehabt hat, kann kaum die Gefahr erspüren, die von solch einer Waffe ausgeht.

Ich glaube, wir werden beobachtet …

Vielleicht waren Leute wie Gichin Funakoshi auch deswegen gegen den freien Kampf? Wenn keine Wirkung erzielt werden darf, welchen Sinn macht das ganze? Andersherum könnte aber auch gefragt werden ob es Sinn mache, überhaupt Karate zu betreiben. Aber ebenso könnten Traditionen und Bräuche (Weihnachten, Neujahr, Tanz in den Mai, Geburtstag, Jubiläen) abgeschafft werden. Allerdings geben diese unserem Leben Rhythmus und Struktur. All das weglassen? Was würde bleiben?

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Karate-Grade und -Ungrade

Über dieses innerhalb des Budō nicht ganz so unproblematische Thema hatte ich mich das eine oder andere Mal schon ausgelassen, etwa unter den Titeln „Grad-Wanderungen“ und „Dan oder nicht Dan – Graduelle Abweichungen“, wenn auch dort nicht ganz so ernsthaft. Hier nun ein paar Gedanken mehr dazu.

ungerade

„Gerade“, das bedeutet im Ursprung des Wortes „nicht krumm“. In der niederen Mathematik unterscheidet man gerade Zahlen somit von den krummen, den un-geraden. Solche, die nicht durch 2 teilbar sind werden als ungerade bezeichnet. Es bleibt ein Rest in Höhe von 1, ebenfalls eine ungerade, krumme Zahl. Woher diese Bezeichnungen rühren, konnte ich nicht auf befriedigende Weise in Erfahrung bringen. Nur soviel: Im Deutschen ist seit jeher die Vorsilbe „un“ mit Negativität behaftet, sie steht gleichsam für das Gegenteilige des Guten. Man denke an das Un-Glück oder die Un-Kräuter! Insofern scheint es ein kurioser Zufall zu sein, dass der derzeitige Machthaber Nordkoreas Kim der Dritte den (nachgestellten) Vornahmen Jong-Un besitzt.

„Gerade“ – oder wie in Norddeutschland meist knapp ausgesprochen: „grade“ – heißt auf Lateinisch rectus, bei Zahlen jedoch par. Das klingt auch nach „richtig“. Gerade Zahlen sind demnach „korrekte“ Zahlen. Möglicherweise wollte man hiermit einem Wunsch nach Symmetrie Rechnung tragen, einer göttlichen Perfektion gewissermaßen. Ungerade Zahlen sind nicht so göttlich, nicht unbedingt so teuflisch wie die Primzahlen, aber doch irgendwie …

Graduierung

Doch halt, ich beginne mich wieder einmal in Spitzfindigkeiten und Wortspielereien zu verlieren, die scheinbar nichts mit dem Budō zu tun haben. Aber ist dem wirklich so? Findet man doch in praktisch allen Budō-Künsten ein Graduierungs-system, welches einen groben Anhalt über den Entwicklungsstand eines Adepten oder Meisters geben soll. Allerdings leitet sich das deutsche Wort hier vom lateinischen gradus ab, was „Schritt“ oder „Stufe“ bedeutet. Das würde fast direkt dem japanischen dan entsprechen. Und in der Tat wurde das Dan/Kyu-System von Jigoro Kano mit einer solchen Absicht geschaffen. Er orientierte sich dabei angeblich an den Dienstgraden der Militärs.

Zunächst waren es wohl je 6 Grade, dann erfolgten nach und nach Erweiterungen, so dass wir im Karate bekanntlich vom 9. bis zum 1. Kyu und danach vom 1. bis zum 9. Dan gelangen können. Kyu bedeutet im übrigen keineswegs „Schülergrad“, es handelt sich lediglich um eine andere Schreib- und Sprechweise für die selbe Sache.

Oku-Iai – Meister Hakuo Sagawa

Eine weitere Anregung für die Einführung eines neuen Stufensystems war wohl auch die vielleicht von den damaligen Verantwortlichen als antiquiert angesehene Tradition der alten Kampfkünste Japans ihre Ausbildungprogramme in drei, mitunter auch vier Leistungs- bzw. Erkenntnisstufen aufzuteilen. Man sprach von shoden, chuden und okuden.

Das Wort den wiederum bedeutet  „Methode“, „Tradition“, „Überlieferung“, in diesem Falle also tradiertes Wissen um die Prinzipien der eigenen Schule. Die jewelige Information bezüglich Technik und Übungsmethode wurde einem Schulmitglied erst nach Erreichen eines bestimmten Reifegrades weitergegeben. Die letzte „verborgene“ Stufe war dabei nur sehr wenigen vorbehalten.

Naifanchin Sandan – Itosus´s Okuden?

Diese Dreiteilung lebt indirekt weiter in den auf Meister Anko Itosu zurückgehenden Versionen der Kata Naifanchin und Rohai. Möglich auch, dass bei den Channan-Kata, den späteren Pinan, dem Meister die Idee vorschwebte, das alte System der Leistungsstufen in Erinnerung zu erhalten, indem er die „Ursprungskata“ in gerade drei Schwierigkeitsstufen aufteilte (Es gibt Quellen, die behaupten, dass es auch im Falle der Channan/Pinan-Kata zunächst nur drei gegeben habe.). Heute sagen wir „shodan„, „nidan“ und „sandan„, aber war das schon immer so? Zumindest sollten wir uns immer vergegenwärtigen, dass Meister wie Anko Itosu oder Sōkon Matsumura Mitte des 19. Jahrhunderts aufwuchsen, als die alten Sitten und Gebräuche Japans und damit auch Okinawas noch vollends präsent waren.

Je heftiger die Diktatur, desto mehr Dekoration.

Ein bestimmter Grad sagt nichts über den wirklichen Wert einer Sache aus. Er muß mit Bedeutung erfüllt werden. 20 Grad Raumtemperatur können angenehm oder unerträglich kalt sein. Im einen Fall würde sich der Wert auf die Celsius-Skala beziehen. Wenn man jedoch die Kelvin-Skala zugrunde legt, dann läge die Temperatur nach der von uns üblicherweise gebrauchten bei 253 Grad unter Null! Noch komplizierter wird die Sache wenn wir mit der Messung nach Fahrenheit anfangen. Dieses Beispiel sollte zeigen, dass die Zahl an sich nicht viel aussagt, wenn die dahinter liegende Aufteilung der zu messenden Größe in einzelne Werte und deren Abstände voneinander nicht bekannt sind. Somit ist es (nicht nur) in den Kampfkünsten recht unsinnig die entsprechende Werte zu verabsolutieren, etwa in dem Sinne, dass jemand ab einem bestimmten Grad unbesiegbar wäre oder nichts mehr zu lernen hätte, denn das genaue Gegenteil ist eigentlich der Fall.

In zahlreichen Schlachten hatte Kaiser Wilhem II Mut und Tapferkeit bewiesen – zumindest legt die Behängung dies nahe.

Jede Kampfkunst hat ihr eigenes System einer Abgrenzung der einzelnen Leistungsstufen, wobei sich im traditionellen (japanischen) Karate beträchtliche Überschneidungen zwischen den einzelnen Stilen ergeben. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass sich unser Karate in den 20er und 30er Jahren unter intensivem gedanklichen und praktischen Austausch zwischen den heute als „Stilgründer“ bekannten Meistern entwickelte.

Wir Budōka sollten daher vorsichtig sein bei der Beurteilung anderer, seien dies Leute aus den eigenen Reihen oder solche, die einem „konkurrierenden“ Stil angehören. Besonders aufpassen müssen wir hierbei jedoch bei der Betrachtung gänzlich andererer Kampfkünste. Statt auf die Ziffern zu starren ist es sinnvoller sich jenen so unvoreingenommen es geht (womöglich sogar wohlwollend) zu nähern und sie nicht nur an den eigenen Kriterien zu messen. Entsprechend sollten wir innerhalb des eigenen Stils so ehrlich wie möglich miteinander umgehen. Schön wäre es denn auch wenn wieder vermehrt Respekt und Bescheidenheit, die alten Tugenden des Budō, gewahrt würden und man weniger dem Drang nach möglichst hohen und/oder vielen Zahlenwerten nachgäbe.

Früher war mehr Lametta …

Zu der Zeit als ich noch bei Sensei Akio Nagai im SKID (Shōtōkan Karatedō International Deutschland) trainierte (1980er Jahre), war ein 2. Dan schon recht viel. Um uns herum gab es aber diverse, meist private Schulen, deren Leiter scheinbar wahre Genies der Kampfkünste waren. Bei all den hohen Graden in den verschiedensten Disziplinen war dieser Schluss durchaus naheliegend. Trotzdem wurde das Prozedere damals schon relativ leicht erkannt: Man gründe (wie einst Bruce Lee) einen eigenen Stil, der nur das Beste der bisherigen Kampfsysteme enthält (was das auch immer sei). Man wäre dann somit sein eigener Meister, was erfordern würde die entsprechend eindrucksvolle Graduierung vorzuweisen. Gedacht – getan; es gab eine ganze Reihe solcher „ultimativer“ Stile, die dann aber irgendwann wieder von der Szene verschwanden, weil sie von dem nächsten Geniestreich überholt wurden. 

erinnert mehr an einen Flugkapitän

Leider beeindruckte das Gebahren jener selbsternannter Meister allzu sehr die meist schlecht informierten Vertreter der Presse, so dass dann in teils geschmackloser Weise über die angeblich sensationellen Fähigkeiten dieser Experten berichtet wurde. Der Zulauf zu diesen vielversprechenden Instituten und Akademien war beträchtlich, während wir mit unserer realistisch-zurückhaltenden Propaganda nicht selten auf der Strecke blieben. In unserem Verdruss machten wir uns, „ermutigt“ durch unsere japanischen Lehrer, gelegentlich den Spaß jene Kampfschulen zu besuchen um die Leute dort herauszufordern. Zum Glück kam es kaum zu nennenswerten Konflikten mit Verletzten oder Polizeieinsatz. Jugendlicher Leichtsinn!

Graduierungsverächter Motobu?

Der „Schwarze Gürtel“ hat für viele Außenstehende immer noch etwas mystisches an sich und für einen Verein oder ein Dōjō sind Dan-Grade gewiss ein Reklamefaktor. Die Öffentlichkeit hat aber nur wenige Vergleichsmöglichkeiten, weshalb wir, die wir es ernst meinen mit der Moral, die wir so gerne proklamieren, diesbezüglich korrekte Angaben machen und bei der Wahrheit bleiben sollten, wodurch wir jeglichen unlauteren Wettbewerb zu vermeiden helfen. Zu meinem Bedauern greift aber die Dan-Inflation mittlerweile auch vermehrt in bisher graduierungs-technisch eher restriktiv agierenden Organisationen über. So tummeln sich allerlei unangemessen hochrangige Instruktoren in besonderen Führungspositionen, weil es für das Image der Association/Federation natürlich mehr hermacht, wenn im Vergleich der heute zugegeben sehr starken Konkurrenz zumindest scheinbar ein möglichst hohes Ausbildungsniveau vorherrscht.

Dabei sagen die Graduierungen nur wenig bis gar nichts über Fähigkeiten, Erfahrung oder Kreativität der betreffenden Personen aus. Bisweilen ist sogar jemand auf ein Niveau gerutscht, das ihm eigentlich (noch) gar nicht zusteht, wobei der eigene Sempai/Trainer überholt wurde. Zu erklären ist dies durch das geschickte Erheischen von der Meisters Wohlwollen, indem der Aspirant die Gegebenheiten in seinem Verantwortungsbereich (Land oder Provinz) besonders schönredet und es dabei mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Die Berichte entsprechen dann mehr dem Wunschdenken, vor allem dem des Meisters, als der Realität.

Antreten zum Grad-Verleih

Viele der heutigen durchaus hochqualifizierten Meister sind zugleich Chef ihrer eigenen, meist weltumspannenden, Organisation. Durch das englische und damit international klingende Wort „Association“ wird einem schnell eine beträchtliche Größe derselben vorgegaukelt. Tatsächlich haben viele dieser „Weltverbände“ nur Mitgliederzahlen von einigen Tausend, also um die 80 bis 200 pro Mitgliedsland. Zum Vergleich: Der Deutsche Karateverband umfasst etwa 120.000 Mitglieder. Vertretungen in so und so viel Ländern der Erde bedeutet denn auch in Wirklichkeit meist: Es gibt dort irgendwo mindestens einen halbwegs ernsthaften Schüler des Meisters als „Repräsentanten“ des jeweiligen Stils mit seiner mehr oder minder groβen Gruppe von Anhängern, nicht selten jedoch auch nicht mehr.

ein Klassiker

Die Ziffern vor dem „Dan“ müssen richtig ein- bzw. zugeordnet werden, dann korrelliert die Qualität mit der Quantität. Mein derzeitiger Lehrer Sensei Fumio Demura besaß 19 Jahre lang den 5. Dan. Nach seinen Bekundungen hatte dies seine Ursache in organisatorischen Problemen. Er hatte bei all seinen Verpflichtungen in Kalifornien einfach zu wenig Zeit um nach Japan zu reisen und sich einer für ihn damals weniger wichtigen Prüfung zu stellen. Man kann das so oder so beurteilen, sollte dabei jedoch bedenken, dass der Kontakt zu seinen Kollegen in Japan damals eher ein wenig frostig war. Im Jahr 1993 wurde er dann aber endlich in Anerkennung seiner Verdienste von seinem Meister Ryusho Sakagami im Rahmen eines Besuches desselben in den USA direkt zum 7. Dan befördert. Die Verleihung des 9. Dan erfolgte im Jahr 2005 im Namen des japanischen Hozon Shubu-kai Verbandes durch dessen Präsidenten Shigeru Sawabe.

Monument auf der Insel Ganryu-jima: Das berühmte Duell zwischen Miyamoto Musashi und Sasaski Kojiro

Wenn ich selbst auf das leidige Thema angesprochen werde, so antworte ich meist auf norddeutsch-scherzhafte Art, also scheinbar bitter-ernst, dass ich es meinem Meister gleichtun wolle, womit ich nicht selten heftiges Erstaunen hervorrufe. Man müsse doch vorankommen, höre ich dann. Ich meine: Natürlich muß man vorankommen, es ist sogar unabdingbar und gehört zur Essenz des Budō. Jedoch denke zumindest ich dabei an technisch-spirituellen Fortschritt, weniger an Zahlen. Denn durch eine höhere Ziffer wird die Technik keineswegs besser, sondern nur durch die tägliche Praxis. Seit meiner letzten Prüfung sind nun acht Jahre vergangen, es fehlen daher nur noch elf. Na gut, ganz so extrem muss es ja nicht kommen. Aber trotzdem, gut Ding will und soll Weile haben. Denn mit dem Grad steigt auch die Verantwortung gegenüber dem kampfkünstlichen Umfeld.

Wichtiger als alle Zahlen: tägliches Üben

Wie all jenen bekannt, welche in den 80er Jahren Eiji Yoshikawas Novelle über Miyamoto Musashi gelesen haben, war auch dieser ein Grad-Verweigerer, genau wie sein Kontrahent und Erzrivale Sasaki Kojiro, der jedwede Beurkundung seines Könnens  (menkyo kaiden) ablehnte. Die Beispiele dieser beiden können so manchem vielleicht helfen zur rechten Bescheidenheit zurückzugelangen. Humorvoller Schluss dieser Betrachtung: zu Recht erworbene Grade stehen im Gegensatzt zu den Un-Graden. … Naja, etwas gequält, aber ich lass´ es trotzdem so stehen!

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Dem Alter gerecht üben im Budo – Teil 2

Im ersten Teil dieses Beitrags hatte ich die sich bei uns mit der Zeit ändernden körperlichen Voraussetzungen erörtert und auf die Möglichkeiten hingewiesen wie man sich trotz der sich eventuell hieraus ergebenden Einschränkungen eine wirksame Technik erarbeiten und deren erfolgreiche Anwendung gewährleisten kann. Hier nun einige Details und Tipps für die Umsetzung in die Praxis:

War bekannt für sein exzessiv hartes Training: Meister Funakoshis Sohn Yoshitaka. Er starb relativ jung an Tuberkulose ….

Das Erfassen neuer Strukturen fällt jüngeren Menschen leichter, vor allem wenn sie noch in der Ausbildung stehen. Ist diese abgeschlossen, dann erfolgt bei vielen ein Übergang zur Routine, welcher oft auch das übrige Leben betriff. Als Folge kommt es zu Umstrukturierungen im Gehirn, die den geändernten Anforderungen Rechnung tragen und das Erlernen neuer Strukturen fällt schwerer. Insofern stellt die Maxime „Budō is a life-time study“ all jene vor gewisse Probleme, welche es nicht vergönnt war ihre Fähigkeit zu Lernen hinreichend zu erhalten.

So bereitet das Neuerlernen von Kata vielen Erwachsenen erhebliche Schwierigkeiten, allerdings weniger was die technischen Details angeht, denn hier ist Gedult und Beharrlichkeit gefragt, etwas was vielen Jungendlichen (noch) fehlt, sondern mehr bezüglich der bisweilen recht langen und komplexen Abläufe. Als besonders krasse Beispiele wären hier die Kata Kushanku-dai oder Suparinpei zu nennen. Jugendliche haben den Ablauf von solchen Kata meist nach einem bis zwei Trainingsabenden drauf, Erwachsene fortgeschrittenen Alters brauchen hierfür mitunter Wochen bis Monate

Auch frühere Kata-Champions waren nicht rei von Fehlern. Wer findet sie?

Persönlich hege ich daher schon seit langem meine Zweifel an der Notwendigkeit der Anzahl der z.B. für Prüfungen für nötig erachteten Kata, gerade auch weil mein eigener Stil Shito-ryū in dieser Hinsicht als besonders extrem auffällt. Gewiss müssen wir die zu erlernenden Kata nicht wie in alten Zeiten auf zwei oder drei beschränken, jedoch sollte man den Fortschritt den Menschen nicht unnötig durch eine Masse an Kata erschweren, die sich in weiten Teilen überschneiden und sich dadurch bezüglich Sequenz und Einzeltechnik zumindest vom Anschein her eigentlich nur wiederholen. Basis-Kata wie Sanchin, Tensho oder Naifanchin halte ich für unumgänglich. Was darüber hinaus geht stelle ich jedoch zur Diskussion unter Experten oder solche, die sich dafür halten. Natürlich gehe ich mit Meister Kenwa Mabuni konform, wenn es darum geht möglichst viele der noch bekannten Kata der Nachwelt zu erhalten. Dieser Aufgabe mögen sich gern all jene widmen, die dazu fähig sind und daran Freude haben, sie sollte aber niemanden aufgezwungen werden. Aber wie so oft habe auch ich für dieses Problem keine ideale Lösung parat.

Meister Kanazawa macht es vor: 5% Rest vor dem vollständigen Strecken des Ellbogens

Wie im ersten Teil dieses Beitrags bereits angedeutet, handelt es sich bei einer dem Alter gerechten Trainingspraxis um einen Übergang von einer rein körperlichen hin zur feinstofflich bzw. „energetisch“ ausgerichteten und letztendlich vielleicht sogar von Spiritualität geprägten Form des Übens –  wobei der Umgang, oder besser gesagt, die Arbeit mit dem Ki (Qi) eine zentrale Rolle spielt. Wir erinnern uns vielleicht noch: Der Ki-Begriff ist im Japanischen recht umfassend. Er beinhaltet neben dem (in traditionellen Medizinsystemen postulierten) feinstofflichen, lebenserhaltenden Fluidum auch eine Umschreibung von Phänomenen, die sich der strengen Logik entziehen, vor allem unser Gefühlsleben. Durch einen geschickten Trainingsaufbau, in welchem wir uns zwar fordern, aber nicht überforden, kann eine Verbesserung dieses Ki-Flusses erreicht werden, was sowohl unseren Fähigkeiten im Kampf, vor allem aber unserer Gesundheit zugute kommt. In der täglichen Übungspraxis sollten daher aus meiner Sicht folgende Gesichtspunkte besondere Beachtung finden:

– Wir müssen unsere Gelenke schonen, insbesondere die von Knie und Ellbogen. Das beliebte vollständige „Einrasten“ bei den Stoßtechniken ist darum zu vermeiden. Vielmehr gilt es die schnelle Bewegung von Schlägen und Stößen durch die der jeweilgen Bewegung entgegengesetzt wirkenden Muskeln, die Antagonisten zu bremsen, kurz bevor es zur völligen Streckung kommt (mehr darüber in meinem Buch Die Form des Karate). Zum Beispiel empfiehlt es sich in der Endstellung des Fauststoß Gyaku-zuki das Ellenbogengelenk noch zu ca. 5% gebeugt zu halten.

Die Wirbelsäule muss allen Belastungen standhalten, wozu sie naturgerecht auszurichten ist. Überlastungen durch Fehlhaltungen sind zu vermeiden.

– Gelenksverschleiß ist eine der häufigsten Quellen von Beschwerden bei älteren Sportlern, nicht nur im Karate, welche auf Überforderung in jüngeren Jahren zurückgehen. Es empfiehlt sich daher schon rechtzeitig eine „elastische“ Ausführung der Techniken zu erlernen. Insbesondere bei gestoßenen Tritten wie Ushiro-geri oder Yoko-geri. Es leiden sonst unnötig die Hüft- und vor allem die Kniegelenke. Letztere sind gegenüber seitlicher Belastung hochempfindlich. Wir können sie gesund erhalten, indem wir stets auf die korrekte Ausrichtung der Füße, besonders im Anschluss an Körperdrehungen, achten.

– Fortgeschrittene sollten zudem auf lange Sicht auch bei den Stoßtechniken von der statischen Endphase zu einer federnden übergehen. Diese in Okinawa mit muchimi bezeichnete Ausführungsweise ist gelenkschonender und zudem oft wirkungsvoller.

– Besonderer Augenmerk ist auf eine korrekt ausgerichtete Wirbelsäule zu richten, wobei durch gedankliches Strecken nach oben und unten die natürlichen Krümmungen leicht verringert werden, was die Belastung der Bandscheiben zu vermindern hilft.

Geöffnete Hände erleichtern die Zirkulation des Ki:  Kata Shisochin.

– Die zerstörerische Kraft der Karate-Technik soll den Gegner treffen, insofern es unsinnig ist beim Üben übermäßige Härte gegen sich selbst walten zu lassen. Gewiss sollte ein Krieger einigermaßen hart im Nehmen, vor allem aber im Geben sein. Andererseits sollte er darauf achten, dass sich die Härte des Trainings nicht verselbstständigt und er am Ende an sich selbst zugrunde geht (statt durch einen siegreichen Feind, was zumindest noch ehrenhaft wäre). Die Meister warnten in früheren Zeiten daher auch vor dem „Übel des Steins“. Hiermit wurden durch übermäßig auf Härte ausgerichtetes Training hervorgerufene Ansammlungs- und Stagnationsprozesse bezeichnet, die zu Bluthochdruck und später zu Hirn- oder Herzschlag oder zu Geschwülsten, wir würden heute sagen zu Krebs, führen.

– Für eine routinierte, bis ins Unbewußte vertiefte Technik ist deren abermaliges Wiederholen nötig. Neben der Präzision ist auf die richtige Dosierung der Kraft zu achten. Schläge, Stöße und Tritte erfordern in ihrer Anfangsphase der Bewegung „maximale Beschleunigung“. Ansonsten empfehlen die Meister für das Routinetraining einen Krafteinsatz von etwa 30% des möglichen. Dem Aspekt der Körperertüchtigung (Workout) kann durch entsprechend zahlreiche Wiederholungen Rechnung getragen werden. So empfahl etwa Meister Chojun Miyagi für das allmorgendliche Üben am Makiwara zunächst 200 Stöße mit der linken, dann 200 mit der rechten und wieder 200 Stöße mit der linken Faust, was wohl kaum möglich ist wenn man sich gleich zu Beginn verausgabt.

Schulung der Balance: Kata Rohai

– Für das Wirksamwerden unserer Techniken braucht es einen festen Stand. So macht es nur wenig Sinn Fauststöße auszuführen während der Körper noch „unterwegs“ ist. Alle Schrittbewegungen in Kata und Kihon sollten daher weitgehend zu Ende kommen bevor gestoßen oder geschlagen wird. Dies betrifft vor allem auch die Drehungen, welche bei angemessenem Timing weniger kraftzehrend und damit schneller vonstatten gehen. Die Zeitabstände zwischen den beiden Phasen werden dann durch die verbesserte Ökonomie allmählich von selbst immer kürzer.

– Jede Technik braucht ihre Zeit zur vollen Entfaltung. Alle Einzelbewegungen einer Kata müssen darum vollständig zu Ende gebracht werden bevor man die nächste beginnt. Im realen Kampf kann ein zu hastiges Agieren fatale Folgen haben. Insbesondere bei den Tritten ist auf das hinreichende Zurückziehen und kontrollierte Absetzen des Fußes zu achten.

– Das Tempo, mit der eine Kata geübt oder vorgeführt wird sollte eher verhalten sein, sodass alle Bewegungen zu Ende gebracht werden und ihre „Essenz“ erspürt werden kann, womit der gewünschte Vertiefungsprozess erst möglich wird. Geschwindigkeit entsteht mit der Zeit von allein, wenn die Koordination optimiert wurde und damit „die Kanäle frei“ sind. Übereiltes Ausführen der Kata lässt im übrigen auf fehlendes Zanshin (mentale Präsens) schließen.

Nach wie vor essentiel für alle Alterstufen: die Nainfanchin-Kata

– Zwar kann es so für Außenstehende dem äußeren Bild unserer Kampfkunst ein wenig an Dynamik fehlen, jedoch sollte das für uns ohne Belang sein. Andererseits kann durch das beschriebene Herangehen an die Übung das bisherige Image des Karate überwunden werden, sofern wir nur gewillt sind Rigidität gegen mit Geschmeidigkeit gepaarte Straffheit zu tauschen. Gerade die männlichen Budōka können so loskommen von einem falschen Ideal. Der wahre Krieger erscheint äußerlich sanft, ist aber in der Lage sofern nötig die schon erwähnte physische Härte gegen den Feind walten zu lassen und „auszuteilen“. Jedoch wird er diesem zugleich mit Verständnis und Wohlwollen begegnen, soll ein Konflikt im Sinne des Budō zu einer langfristigen Lösung finden.

– Auch beim Kumite sollten wir wie bei Kata und Kihon auf Präzision bedacht sein und entsprechend verhalten üben und keine Hektik aufkommen lassen. Zusätzlich haben wir hier auf den korrekten Abstand ma-ai zu achten, der von Technik zu Technik recht stark variieren kann. Schnelligkeit ist darum eher zweitrangig, sie ergibt sich (wieder einmal) aus dem optimalen Timing, wobei eine scheinbar schnelle Reaktion eigentlich aus dem subtilen Vorausahnen eines Angriffs herrührt. Das teils unbewußte Einfühlen in die Absichten des Gegners sollte darum das langfristige Ziel aller Partnerübungen, insbesondere von Übungskämpfen sein.

Naifanchin – verhaltenes Üben trotz Wirken der Schwerkraft.

– Bei den Übungen von Abwehr und Gegenangriff sollte flexiblem Ausweichen gegenüber den klassischen harten Basistechniken der Vorzug gegeben werden. Der ideale Winkel beträgt 45°. Aus ihm läßt sich am leichtesten der Abstand zum Gegner anpassen, und zwar mit den Schrittübungen Tsuri-ashi und Tsugi-ashi (s. Buch). In fortgeschrittenem Stadium wird dieses Ausweichen immer knapper und der 45°-Winkel somit zwar gedanklich angestrebt, aber nach außen hin nur noch ansatzweise realisiert bzw. sichtbar.

– Desweiteren sollten wir uns im Kumite bezüglich der Abwehraktionen auf einfache Techniken beschränken, denn der Erstimpuls muß immens schnell sein, soll das Nachfolgende überhaupt einen Sinn machen. Es geht vornehmlich um zügiges Reagieren, allzuviel Verspieltes oder Spektakuläres behindern dabei nur den Geist. Von überschwänglichem und allzu hypothetisch ausgelegtem Bunkai mit übermäßig langen Sequenzen ist darum abzuraten.

– Budōka reiferen Alters sollten Ambitionen bezüglich Meistertitel abgelegt haben. Im Ernstfall, d.h. in einem Kampf, bei dem offensichtlich das Leben in Gefahr ist, werden andere Hirnareale aktiv als bei Auseinandersetzungen um Ansehen und Rangfolge (sog. Ritualkämpfe), wie etwa auf Turnieren oder in der Kneipe. Zur angemessenen Wirksamkeit kommt es in solch einer Situation nur wenn die individuell optimierte Technik mit einer spontanen und kompromisslosen Reaktion gepaart ist.

Naifanchin – Arbeit am Detail

– Beim Üben der Kata empfinde ich es als „spannend“ mir vorzustellen was die Meister vergangener Zeiten wohl an Information herüberbringen wollten. Eins ist jedoch klar: Es fanden aus Gründen der damals notwendigen Geheimhaltung umfangreiche Verschlüsselungen statt, so dass unsere Kata nie 1:1 anwendbar sind. Mehr noch, häufig ist die einzelne Bewegung nur als Ansatz zu einer weit vielschichtigeren Aktion zu sehen. Eingeweihte wußten damals was gemeint war, wir heute kaum noch. Vielleicht ist es jedoch schon ein kleiner Fortschritt, wenn wir lernen Kamae von Waza, also abwartende Körperhaltung von ausgeführter Technik zu unterscheiden.

– Die Gymnastik ist darauf zu beschränken den Körper auf die anschließende Belastung vorzubereiten. Muskeln, Sehnen, Gelenke und Nerven werden optimal erwärmt, deren eigentliches Training ist dann aber die Technik. Zu beachten wäre hier, dass bestimmte Muskelgruppen mit den Energieleitbahnen (Meridianen) der Traditionell-Chinesischen Medizin korrellieren. Es ist darum ratsam mit der Stimulation der rückwärtigen Muskeln (Tai-Yang) zu beginnen, es folgen die der Front (Yang-Ming) und im Anschluss die der Körperseiten (Shao-Yang). Dies ist aber nur eine Richtlinie und nicht von allzu tiefer Bedeutung. Wichtiger ist es mit genügendem Gemach an das Erwärmen und anschließende Strecken heranzugehen. Es genügt wenn jeder einzelne Muskel des Körpers im Laufe der Gymnastik einmal ausgiebig gedehnt wurde.

Eisenhandübung – sofern das Material es zulässt.

– Bei der Gymnastik ist zudem auf absurde Übungen zu verzichten, die sich zwar über die Jahrzehnte etabliert haben, die aber mehr schaden als dass sie Nutzen bringen. Viele von ihnen sind vom Konzept her falsch ausgelegt oder nicht genügend durchdacht. Beispiele wären der Hürdensitz oder Dehnungsübungen frei auf einem Bein. Bei letzteren laufen im Gehirn zwei gegensätzliche Botschaften zusammen. Das Halten des Gleichgewichts erfordert die Aktivität zahlreicher Muskeln an Rumpf und Bein. Dehnungen, deren Vorausetzung ja die Entspannung ist, werden so erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Letztlich ist für eine tiefe und vollständige, vor allem aber risikolose Muskeldehnung die Entspannung möglichst aller Körperbereiche von Vorteil, weshalb viele der sinnvollen Übungen auf dem Boden durchgeführt werden. Zumindest muss gewähleistet sein, dass nicht irgendein Muskel dem jeweils angestrebten Dehnungsprozess unkontrolliert entgegenwirkt.

– Für die meridianbezogene Dehnung der Muskeln der Arme eignet sich besonders die Kata Tensho. Diese ist auch recht dienlich als Übergang hin zum regulären Training im Anschluss an die Aufwärmphase, und dies weit besser als die Kata Sanchin, die heutzutage meist viel zu kraft- und spannungslastig geübt wird. Tensho entspricht in ihrer Charakteristik denn auch mehr dem historischen Original der Kata Sanchin mit dem chinesischen Namen San-zhan oder Sam-chien.

 – Krafttraining: Wer darauf nicht verzichten mag, die/der sollte dieses am Ende des Trainings durchführen. Dazu schrieb schon Meister Hidetaka Nishiyama in seinem Buch Karate: The Art of Empty-Hand Fighting, dass das beste Krafttraining die Technik selbst sei (Anmerkung: Sie muß nur häufig genug ausgeführt werden.). Es gäbe allerdings als Ausnahme die Bauchmuskeln, welche für Dynamik und Stabiltät essenziell sind und darum eines gesonderten Aufbaus bedürfen.

Daoistische Übung: durch Qi-Aufnahme von einem Baum an Kraft gewinnen.

Soviel zur Übungspraxis. Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass aus dem Wissen um die beschrieben Sachverhalte in Verbindung mit der beständigen, langfristigen Verfeinerung der Technik beim Übenden eine Gelassenheit entsteht, welche zur Auflösungen von Verspannungen, sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler Ebene führen kann. Hieraus ergibt sich wiederum der allseits gepriesene gesundhaltende Effekt des Karate, der das Eintreten von tatsächlichen, nach außen hin sichtbaren Alterserscheinungen dann bisweilen zeitlich nach weit vorne verlagert.

Egal wie intensiv man jedoch mit Hilfe des täglichen Trainings dagegenan arbeitet, bei fortschreitendem Alter lassen Schnelligkeit und Muskelkraft nach. Daher wird für den Kampf das geschickte Anpassen an Gegner und Situation immer wichtiger. Bei angemessenem Traingskonztept sollte dies aber gewährleistet sein. Die so erlangte taktische Flexibiltät im Kampf überträgt sich meist sogar auf das übrige Handeln, beginnend vom Üben an sich bis hin zu den Dingen des täglichen Lebens. Budō bedeutet in diesem Sinne: Über den Körper den Geist schulen.

Den Baum stützen, dass er nicht umfällt.

Altersgerechtes Üben ist somit abhängig von der Grundeinstellung, nämlich was frau/man von der Praxis erwartet und wie es erreicht werden soll. Gelegentlich sollte daher auch die Frage nach den Prioräten gestellt werden sollte: „Wo steht Budō in meinem Leben?“ Ich meine, wenn man sich schon dafür entscheidet, so sollte man konsequent sein und ernsthaft an die Sache heran gehen, dabei jedoch eine gesunde Distanz wahren und allen Fanatismus vermeiden. Budō sollte durchaus einen hohen Stellenwert haben, wenn auch nicht den höchsten.

Insofern bewahrheitet sich das – eigentlich allen bekannte – Geheimnis des Karate-dō, nämlich Bescheidenheit gepaart mit beständigem Üben. Dabei klingt einigen „Bescheidenheit“ sicherlich ein wenig zu pathetisch und „Selbstkritik“ und „Heiterkeit“ wären vielleicht die besseren Worte, gleich bedeutend damit dem bitteren Ernst mit Humor zu begegnen. Und wahrer Humor ist doch, wenn man über sich selbst lachen kann … Vielleicht wäre dies sogar ein passender Ratschlag als Abschluss zum gegebenen Thema. Insofern bitte ich darum die letzten Fotos nicht allzu ernst zu nehmen!

Offen gebliebene Fragen beantworte ich gern auf dem am Wochende des 21./22. April 2018 in Lübeck stattfindenden Lehrgang. Er wird vom Genbukai Lübeck e.V. ausgerichtet. Nähere Informationen gibt es bei Rainer Kummerfeldt, Email: rainer.kummerfeldt@online.de.

 

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Dem Alter gerecht üben im Budo – Teil 1

Wiederholungen sind bei ganzheitlichen Betrachtungen nicht immer zu umgehen. Die Themen überschneiden sich häufig in weiten Teilen. Im Mai 2016 hatte ich das vorliegende unter dem Stichwort „Krafteinsatz“ ja bereits angerissen. Hier nun das ganze noch einmal etwas detaillierter.

Sinnbild der vergehenden Zeit: Astrologische Uhr in der Rostocker Marienkirche

Die Jahre vergehen und man bemerkt, ob´s einem gefällt oder nicht, das Nagen des Zahns der Zeit an einem selbst. Vieles fällt einem nicht mehr so leicht wie zuvor. Schmerzlich wird diese Erfahrung gerade beim Training mit jüngeren Leuten, insbesondere beim üblichen Kumite. Sofern wir das Karate aber weniger als Sport, sondern eher als körperlich-geistigen Bildungsprozess verstehen, dann wird klar, dass ab einem bestimmten Altersbereich Kraft und Geschwindigkeit anderen Kritereien weichen müssen, soll das Üben für den (wenn auch meist hypothetisch bleibenden) Kampf ums Dasein erfolgreich sein. In meinem ersten Buch Karate als Budo war ich vielleicht nicht weit genug auf diese Problematik eingegangen, weshalb ich versuchen will dies hiermit nachzuholen.

Anders als zu der Zeit, in der ich mit dem Karate begann (vor mehr als 45 Jahren) wird selbiges heute nicht mehr überwiegend von jungen Leuten betrieben. Zwar kamen auch damals schon ab und an Personen fortgeschrittenen Alters zu unserem Training, doch blieb dies eher die Ausnahme. Andersherum gilt das Karate heute eher als ein Sport für Kinder und Jugendliche, dann klafft eine Alterslücke, die sich um die Dreißig wieder schließt. Anders ausgedrückt, das Karate übt nicht mehr den stimulierenden Reiz auf die „Zwanziger“ aus wie noch zu meiner Zeit. Wirkliche Risikosportarten scheinen da attraktiver oder zumindest solche, die vom Outfit mehr hermachen, wie z.B. verkehrsbehinderndes Rennradfahren mit Farbgebungen bei der Kleidung wie sie vom Karneval her kennen.

Besonders in jungen Jahren ist der Spaß-Faktor nicht zu unterschätzen.

Doch Wehklagen soll nicht Inhalt dieses Beitrags sein, sondern vielmehr die Frage: Wie kann das Karate einer jeden Altersgruppe gerecht werden, so dass alle maximal von der Übung profitieren? „Profitieren“ bedeutet hier maximaler Nutzen bei minimalem Aufwand und, im Sport besonders wichtig, minimales Risiko für die körperliche Gesundheit. Aus meiner Sicht hat sich folgende Einteilung nach dem Lebensalter bewährt um sich vom Unterrichtskonzept her auf die jeweiligen Schüler optimal einzustellen:

  • Kinder unter 6 Jahren, Vorschulalter
  • Kinder von 6 bis 12 Jahren
  • Jugendliche von 13 bis 16 Jahren
  • Jungendliche über 16 Jahre
  • Erwachsene ab etwa 20 Jahren
  • Erwachsene zwischen 40 und 60 Jahren
  • Budōka über 60 Jahre

Anschaulichkeit ist oft das Geheimnis guter Übungsergebnisse.

Die Abgrenzungen sind natürlich fließend und nicht alle werden mit dieser Anordung einverstanden sein. Noch weniger Leser werden meine Einschätzung teilen, dass Kinder vor dem achten Lebensjahr beim Karate nicht unbedingt ideal aufgehoben sind. Jedoch ist nach eigener Erfahrung die Vorstellungskraft erst ab diesem Alter soweit entwickelt, dass das dem Karate zugrundliegende Konzept hinreichend logisch erfasst werden kann. Darunter ist für die Kinder das Judō weit besser geeignet, weil das Resultat einer erfolgreich ausgeführten Technik offensichtlich ist: Der Gegner liegt am Boden, kann sich durch den Haltegriff kaum bewegen oder im Falle eines Gelenkshebels tut ihm dies weh. Zudem meine ich, dass Kinder den Unterschied zwischen Unterricht und Spiel erfasst haben müssen. Ansonsten gestaltet sich das Training wie eine Stunde im Kindergarten. Karate bleibt für mich immer noch eine Methode zum – wenn auch defensiv ausgerichteten – Kampf. Kinder müssen lernen, verantwortungsvoll mit der Gewalt an sich umzugehen, wozu dann auch gehört das Recht auf die Gesundheit des Partners, eventuell auch der eines Gegners außerhalb des Dojos zu achten. Aus all diesen Beweggründen hatte ich immer nur möglichst Kinder ab 8 Jahren in meine Gruppen aufgenommen oder zumindest sollten sie bereits die Schule besuchen.

Nett anzusehen, aber wissen die beiden um den wirklichen Sinn ihrer Übung?

Gleichwohl muß die Übungsstunde dem Alter entsprechend durchgeführt und dem Bewegungsdrang der meisten Kinder Rechnung getragen werden. Wovon ich jedoch überhaupt nichts halte ist die Jungen und Mädchen zu Champions zu formen. Wenn sie das Zeug dazu haben, werden sie das von selbst, die rechte, wohldosierte Betreuung von Seiten des Trainers vorausgesetzt. Denn wichter als alle Meistertitel ist die Verbesserung der Koordination in der Bewegung und der Zugewinn an geistiger Reife im Sinne von Rücksichtnahme und dem Respekt vor den anderen. Natürlich kann man bei Kindern, anders als bei den Erwachsenen, nur bedingt eine spirituelle Entwicklung im Sinne eines Karate- erwarten.

Hier wird nicht genügend Augenmerk auf die korrekte Rückwärtsstellung gelegt. Knieprobleme sind absehbar.

Ganz wichtig, und das nicht nur in der Kindergruppe, ist die Freude an der Sache. Karate ist durchaus anstrengend, sollte aber auch Spaß machen. Dies betrifft das Training als solches, wie auch die Freude an einem „bestandenen Gurt“ und meinetwegen auch an einem Meistertitel. Hilfreich hierbei ist eine der Altersgruppe angemessene Sprache. Es bringt wenig bei Kindern und Jugendlichen allzu geschwollen daherzureden oder sie mit esoterischen Spekulationen zu langweilen. Das Vokabular ist entscheidend ob die jeweilige „Message“ herüberkommt. Zudem erleichtert auch hier ein gesunder Humor das Lernen: An Ereignisse, bei denen man lachen konnte erinnert man sich viel später immer noch gern. Derart werden die Fakten bezüglich Technik und deren Anwendung eher im Gedächtnis behalten. Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass wir beim Training albern werden. Der Humor muss wohl dosiert sein, soll der tiefe Ernst unserer Kampfkunst nicht verloren gehen.

Deutlich bessere Position des Hinterfußes, wodurch das Knie weitgehend natürlich belastet wird.

Was den Bewegungsdrang angeht, so gibt es auch Ausnahmen, denn neben dicklichen Kindern und trägen Personen aller Altersgruppen kennen wir auch überagile Greise, wie etwa jene 80jährigen Marathonläufer. Insgesamt aber nimmt die Lust sich zu bewegen im Laufe der Lebensjahre ab, d.h. es kostet immer mehr innere Überwindung weiterzutrainieren, insbesondere wenn nach und nach kleinere und größere körperlich Leiden uns einschränken wollen. Hier setzt dann der persönlichkeitsbildenede Effekt des Budō an: Wir gehen zum Training obwohl wir eigentlich gar keine Lust haben. Hilfreich ist es dann auch wenn diesbezüglich bereits eine gewisse Routine vorliegt, man also schon längere Zeit dabei ist und „einfach nur“ weitermacht.

Das Knie ist bedingt durch seinen Aufbau empfindlich gegenüber seitlicher Belastung.

Der stimmungshebende Effekt körperlicher Betätigung ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei dieser Routine. Obwohl körperlich müde von der Anstrengung durchdringt uns doch ein subtiles Wohlbefinden, aus der Gewissheit etwas konstruktiv-positives für uns getan zu haben. Aus der Perspektive einer sich stetig verbessernden Technik ergibt sich eine tiefgehende Zufriedenheit, die langfristiger ist als jene, die wir erfahren wenn wir z.B. am Schäppchenmarkt ein „günstiges Teil“ ergattern konnten. Die kleinen Fortschritte während des Trainings, wenn etwa bei der Partnerübung etwas gut funktioniert hat oder wir einen komplexen technischen Zusammenhang in der Kata erkannt haben, bringen ebenfalls ein gutes Gefühl. Erklären lässt sich dies durch Endorphinausschüttungen im Gehirn oder traditionell ausgedrückt, durch ein frei und harmonisch zirkulierendes Ki. Es ist denn auch dies das Ziel aller Übung, sofern man Karate als betreiben will.

Diese Rückwärtsstellung sieht vielleicht toll aus, bietet dem Gegner aber eine gute Möglichkeiten das unstabile Vorderknie anzugreifen.

Im Falle negativer Umstände beim Üben, etwa von Schmerz infolge Verletzungen, Frustrationeserlebnissen, aber auch wenn wir selbst ungute Absichten verfolgten, kommt es zu „unrund laufendem“ Ki oder modern ausgedrückt, zur Ausschüttung von Stresshormonen. Entsprechende körperlichen Empfindungen werden von uns teils bewusst erfahren, oft aber auch nur intuitiv wahrgenommen (Man denke an das „schlechte Gewissen“!). Um sie zu vermeiden verhalten wir uns bei der Übung anständig oder fair, auch hier meist ohne uns der eigentlichen Zielsetzung, nähmlich dem subtilen Zugewinn an eigenem Wohlbefinden, wirklich bewusst zu sein. Unser Handeln wird so für die Umwelt allmählich verträglicher. Eine positiv-konstruktive Grundeinstellung verbessert den Ki-Fluß, destruktives Verhalten blockert ihn.

Luftsprünge jugendlichen Leichtsinns (1979)

Im leicht fortgeschrittenen Alter, so ab ungefähr 30 Jahren, sollten wir uns allmählich über die hier beschriebenen Vorgänge klar werden. Dazu gehört zunächst einmal die als von Natur aus vorhandenen Gefühlsregungen anzuerkennen und sie für uns und andere zuzulassen, was bedeutet für sie körperlich und gedanklich empfänglich zu werden. Nur allzu oft werden Emotionen unterdrückt oder falsch kanalisiert und wir geben anderen die Schuld am eigenen Versagen. Gewiss existieren einige willfährige Prüfer, die einen tatsächlich „durchfallen lassen wollen“, oder auch „blinde“ Schiedsrichter, die dojofiltrierende Brillen tragen. Sie sind aber, dem Himmel sei Dank, höchst selten. Wir selbst sind verantwortlich für unser Tun, uns selbst und anderen gegenüber. Wenn also etwas daneben geht, eine Anwendung nicht funktioniert oder es zu Verletzungen kommt, dann prüfe man sich selbst. Meist liegt der Grund des Missgeschicks im eigenen Unvermögen, das es dann zu verbessert gilt – und deswegen trainiert man doch letztlich.

Generell gilt: Je früher man mit dem Üben anfängt, desto besser. Es fällt einem in jungen Jahren leichter die erwähnte nötige Routine zu erreichen, bei der man nicht mehr aufhören kann, obwohl einem ab und an durchaus danach wäre. Der verbesserte oder gestärkte Ki-Fluss bewirkt eine Gewöhnung an die Praxis, bedingt durch die immer wiederkehrende aus körperlicher Anstrengung und die kleinen Erfolgserlebnisse resultierende Endorphinausschüttung.

„Alte“ Schule: Die Meister Miyagi und Funakoshi.

Dementsprechend ist es gerade für Späteinsteiger umso schwieriger sich diese Routine anzueignen. Die Trainer sollten dies wissen und jenen, welche sich jenseits der Jugendjahre für den Weg des Karate entscheiden oder dies zumindest versuchen, entsprechend in der Anfangsphase lerntechnisch (noch) nicht allzu viel abverlangen (Mehr dazu im zweiten Teil dieses Beitrags!). Dabei ist die Motivation „älterer“ Karateka häufig viel gefestigter als bei den „jüngeren“, auch wenn die Technik ersterer mitunter vom äußeren Bild her dies nicht vermuten läßt. Hier liegt meines Erachtens ein weitverbreiteter Denkfehler: Eine Technik, die schön anzusehen ist, muss nicht unbedingt wirksam sein!

Seit ich erinnern kann, mußten die Bewegungen beim Training, besonders aber auf Prüfungen und Turnieren „stark“ aussehen. Dazu gehörten tiefe Fußstellungen und langausgeführte Stoß- Schlag- und Tritt-Techniken. Lange Zeit war man (mich eingeschlossen) der im übrigen immer noch vorherrschenden Meinung, die Wirkung der Karate-Technik würde durch ihre Wucht hervorgerufen. Zum Glück setzt sich jedoch allmählich eine weit komplexere Sichtweise durch, dahingehend, dass vor allem Präzision und richtiges Timing über der Erfolg einer Aktion im Kampf entscheiden.

Nach wie vor ein Ideal
für vollendete Dynamik: Hirokazu Kanazwa mit Yoko-tobi-geri.

Unser kampf-ästhetisches Empfinden wurde aber auch durch das Kino beeinflusst. Stundenlanger Schlagabtausch und akrobatisch anmutende Auseinandersetzungen beherrschen die bekannten Produktionen aus Hong-Kong und später auch die aus Hollywood. Dort werden die meisten Kämpfe nach wie vor durch Schläge und Tritte in Richtung Kopf entschieden und gehen nur selten in den Bereich des Unterkörpers oder der Beine – Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Ich glaube jedoch, den meisten von uns ist klar, dass wir fähig sein müssen Fiktion von der Realität zu unterscheiden. Ein „guter“ Kampf ist nur kurz. Zudem ist von außen her kaum zu sehen, was da passiert, nur dass am Ende einer oder mehrere Leute am Boden liegen. Die Memoiren von Meister Funakoshi zeugen hiervon mit einigen Bespielen, wie dessen Lehrer Anko Itosu derartiges handhabte. Auch Choki Motobu war für seine kurzen, aber schmerzhaften und bewusstseinstrübenden Aktionen bekannt. Junge Leute mögen durchaus kraftbetont üben und sich nach dem Prinzip „viel hilft viel“ verausgaben, wodurch sie einen Überschuss an vorhandener ansonsten möglicherweise destruktiv eingesetzter Energie abbauen können. Ab einer bestimmten Altersphase sollte jedoch ein allmählicher Übergang, eben hin zu mehr Präzision und Timing, einsetzen.

Wirksamkeit im Sinne des Budō bedeutet, dass ein Gegner mit möglichst wenig Aufwand entscheidend (s.u.) beeinträchtigt und somit zur Aufgabe gezwungen wird. Dazu muß er nicht zwingend getötet oder schwer verletzt werden. Wichtig ist, dass am Ende des Kampfes seitens des „Gewinners“ eine sichtliche Überlegenheit vorherrscht: So etwas ist angesichts eines sich mit einem gebrochenen Bein vor Schmerzen auf der Erde windenen Gegner natürlich offensichtlich, es bedarf aber nicht unbedingt solch drastischer Ergebnisse, Luftnot oder Schwindel tun es auch (haha!). Noch schöner wäre es jedoch, wenn es beim Gegner zur vernunftbedingten Einsicht kommt und er von sich die Überlegenheit des anderen, vielleicht sogar die Absurdität der eigenen übelwollender Absichten anerkennt.

Kime – auch im Judo.

Auch wenn ich Gefahr laufe mich abermals zu wiederholen, an dieser Stelle sollte der Zusatz trotzdem nicht fehlen, dass kime eben nicht „kräftig“, „fokussiert“ oder „maximal hart“ bedeutet, sondern so etwas wie „Entscheidung bringend“. Kime kann sich demnach von der Technik her durchaus sanft oder elastisch manifestieren, auf die innere Einstellung beim Ausführenden kommt es an. Bündelung ja, aber gemeint sind eher die geistigen Kräfte. Ich möchte mich nun aber nicht weiter in Details, etwa bezüglich vitaler Körperzonen, verlieren (ich tat dies ja schon einige Male), sondern auf den Schluss beschränken, dass Voraussetzung für eine wirklich effektive Aktion des Budō eine genau platzierte, korrekt dosierte und vor allem im rechten Moment ausgeführte Bewegung darstellt. Und genau hierauf muß unser Üben allgemein und besonders bei fortschreitendem Alter ausgerichtet sein.

Beispiel hocheffektiver Präzision: Kyuzo Mifune

Die für eine hocheffektive Aktion nötige Präzision kann nur durch ständige Verfeinerung im Rahmen der täglichen Praxis erreicht werden. Das Wort „täglich“ ist hierbei nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, eher kommt es auf das regelmäßige zielgerichtete Üben an. Die Meister Okinawas betonten in ihren Schriften denn auch immer wieder, wie wichtig es sei jeden Tag vielleicht gar nicht unbedingt besonders viel zu machen, das wenige aber wirklich konsequent „durchzuziehen“. In Gichin Funakoshis Werk Karate-dō Kyōhan liest man denn auch, dass es für einen Fortgeschrittenen durchaus reiche, wenn er pro Tag ungefähr 20 Minuten trainiere. Da stellt sich uns natürlich die Frage, was verstand Meister Funakoshi unter einem „Fortgeschrittenen“?

Meister Funakoshi bei der täglichen Übung.

Wir erkennen hier das Problem, nämlich dass unsere heutigen Tagesabläufe mit all den uns auferlegten Verpflichtungen ein wenn auch nur kurzes tägliches Training kaum zulassen. Andererseits reichen zwei mal 1,5 Stunden pro Woche für einen wirklichen Fortschritt im erwähnten Sinne kaum aus. Zudem kann das konventionelle Training unter Anleitung nur der Vermittlung von Informationen und der immer wieder nötigen technischen Korrektur dienen. Für das Vertiefen der erlernten oder im Detail verbesserten Bewegungen hingegen muß jeder Einzelne das seinige tun. Um das individuelle Üben kommt keine/r herum. Leider habe ich dafür, wie dies im Einzelfall zu realisieren sein könnte, kaum Ratschläge parat. Ich warne sogar vor dem zuweilen einsetzenden Fanatismus, bei dem versucht wird das Leben gänzlich nach dem Karate auszurichten. Der mittlere Weg wäre auch hier der angemesse und mit etwas gutem Willen findet sich sicher für jeden Budōka eine praktikabele Lösung.

Das allmorgendliche Training am Makiwara kann problematisch werden – wegen der Nachbarn!

Besonders beim eigenständigen Üben kommt es darauf an die jeweilige Technik, oder besser die ihr zugrunde liegenden Prinipien, den individellen Gegebenheiten anzupassen. Neben dem Alter sind dies Veranlagungen wie Körpergröße und Statur, Gewicht, Muskulatur, Geschlecht und persönliche Vorlieben bezüglich der Bewegung allgemein. Kaum eine Technik ist für alle gleichermaßen geeignet. Es ist dies ein Grund warum wir in unseren Kata so ein breites Arsenal vorfinden, von dem nur ein Bruchteil beherrscht werden kann. Ich wage sogar zu behaupten, dass nach 30- bis 40jähriger Praxis allenfalls 2 bis 3 Techniken so gut sitzen, dass sie sich im Ernstfall unter psychischem Druck einigermaßen spontan, also ohne willentliches Zutun entwicken und sich gleichsam von selbst freisetzen. Das Herausfinden dieses für einen selbst optimal geeigneten Satz an Techniken geht (wieder einmal) nur über die längerfristige Praxis. Erst durch eingehendes Studium des gesamten zur eigenen Kampfkunst zugehörigen technischen Repertoires kann eine sinnvolle Präferenz erwachsen. Mit anderen Worten, mit der Zeit stellt man von allein fest welche Techniken einem liegen und welche weniger.

Neko-ashi, eine gelenkschonende und zudem sehr praxisgerechte Fußstellung

Auch sollte man sich klar sein über die Methode(n) auf welche Weise die erwünschten Verfeinerungen erreicht werden können. Zu nennen wären etwa die optimale Bündelung und Fokussierung des Ki, d.h. aller zur Verfügung stehenden Kräfte, von der rein geistigen bis hin zu den Muskeln, Sehnen und Knochen oder ausreichende Balance, damit wir bei der Anwendung von Stoß- oder Schlagtechniken von der Wucht des Aufpralls nicht selbst umgeworfen werden. Technische Präzision erwächst aus optimierter Koordination aller an einer Bewegung beteiligten Muskeln, wobei sich keiner von ihnen zu spät oder zu früh anspannen darf, damit sich die Kochen analog einer straffen Kette verhalten. Dieser mechanische Fluß ist unter anderem gemeint wenn vom Ki gesprochen wird. Für eine entscheidungsbringende Aktion (s.o.) müssen alle „Kanäle“ des Ki frei sein. Verspanntheiten, seien sie körperlich oder emotional, behindern da nur.

Die Kenntnis  empfindlicher Stellen allein reicht nicht. Auch die Art und Weise der Manipulation muss bekannt sein.

Die Genauigkeit in der Anwendung ist Voraussetzung für eine optimale Wirkung beim Kontrahenten. Letztlich geht es um eine Einflussnahme auf dessen Ki-Fluss. Diese kann durch Manipulation von vitalen Stellen, aber auch durch Behinderung der Zufuhr von Luft zur Lunge oder Blut zum Gehirn erfolgen. Auch das Erzeugen von Schmerzen ist hilfreich. Wird der freie Fluss des Ki hinreichend beeinträchtigt oder blockiert, wird er sich hoffentlich unwohl genug fühlen und aufgeben. Im Falle von Bewustlosigkeit oder Paralyse erfolgt letzteres von selbst, erst recht natürlich bei Eintritt des Todes. Wichtig bei all dem ist das Maß der an die jeweilige Situation angepasste und gefühlvoll eingesetzen eigenen (Muskel-)Kraft. Vitalpunkte, Nervenbündel und Arterien müssen genau und in einem bestimmten Winkel getroffen werden, genau wie Strangulationen und Gelenksattacken nur an der richtigen Stelle ihre volle Wirkung entfalten.

Wir können dieses Dosieren der Kraft natürlich gut mit einem Partner üben, jedoch steht ein solcher nicht immer, und wenn dann nur zeitlich begrenzt, zur Verfügung. Zum Glück bietet das Üben der Kata auch hierfür eine Möglichkeit zum Vorankommen, und zwar durch das Setzen von Akzenten innerhalb der Bewegungen. Diese entspringen der klaren Vorstellung wo und in welchem Moment ich im Laufe eines Kampfes welche Intensität an Kraft einsetzen müsste um größtmögliche Wirkung zu erziehlen. Auch ökonomische Gesichtspunkte sollten berücksichtigt werden, vor allem da man nie weiß wie lange sich ein Kampf in der Realität hinziehen wird. Ziel nicht nur des Trainings Älterer (Jukuren) muß es daher sein im Laufe der Jahre zu einem optimal niedrigen Verhältnis von Krafteinsatz und erzielter Wirkung zu gelangen.

Nicht selten in Okinawa ist Fitness bis ins hohe Alter – Shoshin Nagamine.

Älter werdende Kämpfer verfügen nicht mehr über die Muskelkraft früherer Jahre, aus der sich Schnelligkeit und Stoß-/Schlagwirkung hauptsächlich ergeben. Die Reaktionswege werden nun länger, so dass es von Vorteil wird im Kampf zunehmend geschickter zu taktieren und aus der Erfahrung in Zeiten der Jugend zu schöpfen. Dazu ist es allerdings erforderlich, das eigene Grundverständnis bezüglich des Kampfes anzupassen, in dem Sinne „nicht die Kraft ist entscheidend, sondern das Timing“. „Intuition“ wäre ein weiteres Stichwort. Aber auch diese erwächst nur aus einem gelassenen, nicht von vordergründigen Gedanken an Stäke oder Schnelligkeit belasteten Geist.

Katzenfuß-Stellung …

„Dem zunehmenden Alter gerecht“ heißt demnach auch sich all die Zeit zu nehmen, die jeweils nötig ist. Eile hat im Budō keinen Platz. Beim Üben gilt es ins Detail zu gehen und ein subtiles Gefühl für die korrekt ausgeführte Technik zu entwickeln. Der im eigenen Innern ablaufende Lern- und Vertiefungsprozess wird einem somit immer mehr bewußt und man gewinnt zunehmend Erkenntnisse über sich selbst, eine Voraussetzung für den erfolgreichen Kampf. Denn nach dem Großen Strategen Sun Tsu ist ein sicher Sieg nur dann möglich wenn man den Gegner und vor allem sich selbst genaustens erforscht hat.

Im zweiten Teil dieses Beitrags (im nächten Monat) werde ich noch mehr auf einzelne Aspekte des Trainings bei fortschreitendem Alter eingehen. Und am Wochenende des 21./22. April 2018 wird in Lübeck zu diesem Thema ein Lehrgang stattfinden. Dort wird mein langjähriger Freund und Trainingskameraden Michael Stenke auch etwas darüber erzählen wie man erfolgreich ein Dojo aufbaut und weiterführt. Interessierte wenden sich bitte an Rainer Kummerfeldt, Genbukai Lübeck e.V., Email: rainer.kummerfeldt@online.de!

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Zum Jahr des Erde-Hundes

Die Feuer verlöschen und es wird ruhiger.

Jahr des Hundes

Wie zu Beginn eines jeden Jahres will ich an dieser Stelle wagen eine Prognose für das kommende Jahr anhand der Chinesischen Astrologie abzugeben, wobei ich mir vollends bewußt bin, dass diese wie immer recht unvollständig ausfallen muß, einfach weil einerseits der Platz nicht reichen würde, vor allem aber weil bei mir für weiteres detailliertere Kenntnisse fehlen.

Anders als in den Jahren des Feuer-Affen und des Feuer-Hahns geht es im kommenden, dem des Erde-Hunds, das vom 16. Januar 2018 bis zum 4. Januar 2019 dauern wird, nun nicht mehr so darum, mutig Neues zu wagen oder sich selbst in Szene zu setzen. Vielmehr sind nun wieder mehr Bodenständigkeit, also Sicherheitsdenken, Stabilität und praktische Intelligenz gefordert.

Steht nach wie vor für Moral und klaren Verstand: Konfuzius

Nach der chinesischen Astrologie ist der Hund idealistisch und unbestechlich. Er stellt, anders als etwa Affe, Hahn oder Drache, das Allgemeinwohl stets vor den eigenen Vorteil, etwas was insbesondere auf der politischen Weltbühne interessant werden dürfte. Beziehungen sollten wichtiger werden als Geld und Erfolg. Für romantische Abenteuer und emotionale Exzesse ist dabei nur wenig Platz. Der neue Regent schätzt Treue und klare Worte.

Das großspurige Gehabe des Feuer-Hahns geht vorüber und man wird wieder sachlich. Als Konsequenz können sich Konflikte durch klare Argumentation lösen – oder auch verschärfen, wodurch leider auch Kriege wahrscheinlicher werden. Eine gewisse Vorsicht ist daher angeraten.

Lange Zeit war ich der Überzeugung, dass das Tierkreiszeichen des derzeitigen US-Präsidenten der Hahn wäre. Sein Gehabe und seine Geltungssucht machen dies eigentlich wahrscheinlich. Genaueres Nachforschen hat jedoch ergeben, dass jener in einem Hundejahr (1946) geboren wurde. Dabei sucht man Sicherheitsdenken und Streben nach Stabilität bei ihm vergebens. Und praktische Intelligenz? Naja, in gewisser Weise könnte sie vorhanden sein, obwohl: wenn einer Milliarden von Dollar in den Sand setzt? ….

Metamorphose: die Maske und …

Mit diesem Widerspruch habe ich so meine Probleme, wenn mir auch bewußt ist, dass der Charakter eines Menschen nicht nur vom Geburtsjahr, sondern neben familiärer Veranlagung auch von Geburtsstunde, -woche und vor allem -monat geprägt wird. Zudem bin ich nicht gerade ein Experte der Astrolgie. Die chinesische hilft mir nur einige Verhaltensweisen meiner Mitmenschen zu verstehen, im Sinne von „er oder sie kann eben nicht anders“ (mich eingeschlossen!). Letztlich sagt keine Astrologie der Welt etwas aus über das vorhandene geistige Vermögen eines Menschen. Bestes Bespiel dafür ist denn wohl tatsächlich der orangene Herrscher Amerikas. Immerhin ist dieser in einem Jahr des Feuers geboren, was zumindest dessen Impulsivität erklären mag.

… das wahre Gesicht?

Viele der heutigen Horoskope aus direkt-chinesischer Hand zielen darauf ab, Prognosen für Beruf und Karriere zu machen, nach dem Motto, wie werde ich mit Sicherheit wohlhabend und erfolgreich? Man muß da aufpassen bezüglich Wunschdenken, auch bei den Voraussagen, welche Familie und Beziehung betreffen. Überhaupt ist es nicht leicht hier Faktisches vom Aberglauben zu trennen. All die netten billigen aber auch mitunter sehr teuren Feng-Shui-Accessoires sind ein guter Beleg dafür, wie weit wir geneigt sind uns in die Irre leiten zu lassen.

Hat überhaupt keinen Bezug zum Thema, aber was soll´s?

Wahres Feng-Shui ist sehr komplex und von seiner Wirkung her eher subtil. Wer hingegen sein Qi optimal reguliert, hat meist recht gute Vorrausetzungen für den persönlichen Erfolg. So in etwa erklärte es mir einst mein Qigong-Meister Zhichang Li. Jahresprognosen hin oder her, ein klarer Verstand gepaart mit einem einfühlsamen Herzen sind die beste Grundlage für den angemessenen Weg.

Ich wünsche allen ein ein besonnenes und von Gerechtigkeit geprägtes „Hunde-Jahr“!

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