Spaß und Ernst – Sport und Budo

Ein Widerspruch?

100 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges wurde vor kurzem zumindest in den Medien des deutschen Sprachraumes vieles aufgearbeitet. Immer mehr wurde klar, dass Nationalismus und die damit schnell verbundene Überheblichkeit bis hin zum Hass keine Gewinner erzeugt, sondern nur unsägliches Leid. Dies erkannte vor mehr als 2500 Jahren schon der große Stratege Sun Tsu und mahnte folglich zur Zurückhaltung beim Anzetteln von Kriegen, ja sogar dazu den besiegten Gegner gut zu behandeln und ihn keinesfalls zu demütigen, wollte man an dem Ergebnis, etwa dem Sieg auch seine „Freude“ haben.

Existenzieller Kampf: David gegen Goliat

In den Kämpfen zwischen den frühzeitlichen Menschen ging es vornehmlich um Raum und/oder Nahrung und damit um die reine Existenz. Dieser noch ernsthafte Wettbewerb geht zurück bis in die Evolution: die überlegene Spezies überlebt … Und auch wenn später jener direkte Kampf um Recourcen schon über weite Zeit schon nicht mehr nötig war, förderten die Religionen zur Genüge Feindbilder und forderten von den Menschen, die jeweils vorherrschende Gottheit als überlegen anzunehmen. Das entsprechende Volk war dann von dem jeweiligen Gott beschützt oder zumindest bevorzugt.

Übungskämpfe – von Menschen bei Katzen meist als „Spiel“ angesehen.

Bereits bei vielen Tierarten insbesondere den höheren Säugetieren sind gleichsam rituelle Kämpfe üblich, meist zwischen geschlechtsreifen Männchen um die Gunst der Fortpflanzung, aber auch solche um Resourcen oder Territorien. Jedoch geht am Ende der Unterlegene nie zugrunde. Ein vom Artgenossen Besiegter liegt auf dem Rücken und präsentiert seinen verletzlichen Bauchraum oder die Halsregion. Der Sieger nutzt dies aber keinesweg aus – das wäre menschlich – sondern wendet sich lediglich ab, denn der Fall ist geklärt. Nicht wenige Menschen neigen in einer analogen Situation zum gegenteiligen Verhalten. Und auch wenn der Sieger hier nicht zusticht, zuschlägt oder die Pistole abdrückt, in der Regel sind Schmach und Häme die Folge des Unterlegenseins, selten aber Äußerungen von Mitgefühl, von Respektbekundungen gegenüber dem Besiegten ganz zu schweigen. So hat im menschlichen Umfeld jedweder Sieg schnell einen bitteren Beigeschmack.

Sumo: einst tödlicher Kult, heute lukrativer Profi-Sport.

Um nun unnötiges Leid (auch materiell-wirtschaftliches!) durch kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden wurden schon früh Verfahren eingeführt, bei denen nach dem Motto „Sollen die Götter entscheiden“ eingeführt, um die Überlegenheit von Gruppierungen, d.h. Clans oder Völkerscharen, festzustellen, bei denen einzelne Personen stellvertretend für alle kämpften. Nach der so „offensichtlichen“ Überlegenheit einer Partei wurden deren Interessen bevorzugt behandelt. Solche Götterentscheide standen jedoch in ihren Anfängen den realen Kämpfen in den Schlacht in Brutaliät kaum nach. Erst im Laufe der Zeit wurden Kriterien für einen Sieg festgelegt, die das Überleben des unterlegenen Gegners ermöglichten und somit bestimmte besonders gefährliche Aktionen untersagt wurden. Es enstanden so Regeln, welche letzlich hinführten zu den sportlichen Wettkämpfen, bei denen es dann nur noch um solch zweifelhafte Ideale wie Ruhm und Ehre ging. Letztlich lief das ganze daher doch auf eine wenn auch subtile Überlegenheit, nämlich innerhalb des sozialen Umfeldes durch das hinzugewonnene Ansehen hinaus. Die Praxis zeigt: Nur wenige erfolgreiche Sportler bleiben bescheiden …

Frühe Sportarten: sich zur Freude anderer auf die Glocke hauen.

Da deratige Spiele um Ruhm und Ehre auch den Zuschauern Freude und eine Ablenkung von der alltäglichen Last des Daseins bescheren, wurden diese schon im alten Rom bewußt veranstaltet und bis ins Detail durchorganisiert. Im Mittelalter entdeckte dann der Adel selbst in solcherart Tätigkeit, d.h. im Wettstreit ohne offensichtlich Notwendigkeit eine Möglichkeit sich von den vermeintlich anstrengenden Politik- und Tagesgeschäften ablenken zu können. Für diese emotional-körperlich-geistige „Zerstreuung“ wurde im französischen Sprachraum der Begriff „disport“ gebraucht, in Anlehnung an das lateinische disportare, in etwa „auseinandertragen“ (In meinem ersten Buch ist mir bei der Erklärung zur Abstammung dieses Wortes durch eine falsche Quelle ein kleiner Fehler unterlaufen; deportare = „wegtragen“ meint etwas anderes).

ernsthaftes Kämpfen mit Schutzausrüstung

In Japan hatte man diesbezüglich viel rationalere Ambitionen. Auch wenn Ruhm und Ehre dabei durchaus eine Rolle spielten, so ging es bei dem Vergleich zwischen den einzelnen Schwertkampfschulen vornehmlich darum Schwachpunkte in der eigenen Technik bzw. Trainingsmethodik zu erkennen. Und wenn man etwas von den Erkenntnissen umsetzen wollte, so durfte man sich vorher nicht umbringen lassen, weshalb die scharfen Schwerter durch solche aus Holz ersetzt wurden. Da es aber auch mit diesen zu mitunter sehr schweren Verletzungen durch harte Schläge kam, wurde später der Shinai aus Bambus entwickelt, dessen Treffer immer noch wehtun, aber nicht mehr die Knochen zertrümmern. Ein klares Regelwerk vereinfachte das ganze Prozedere. Sinn und Zweck eines Taikai war es daher weniger ruhmreiche Sieger zu kühren als vielmehr aus den Fehlern der Verlierer zu lernen. Ob das ganze jemandem in irgend einer Form Spaß bereitete, sei dahingestellt – ich meine, wohl eher nicht.

mit Ernst dabei

Denn die Samurai waren ja gehalten sich nicht in niederen Emotionen zu verlieren. Auch dies aus ganz pragmatischen und weniger ethisch-moralischen Gründen. Ein allzu von Gedanken und Gefühlen getrübter Geist ist nicht frei („leer“) und kann somit kaum angemessen auf die Aktionen des Gegners/Feindes reagieren. Nicht von ungefähr kommen daher solch markante Maxime wie „den wahren Krieger interessieren weder Sieg noch Niederlage“.

Natürlich wäre auch das Karate als Kampfkunst ganz ohne Übungskämpfe recht fragwürdig, denn gestellte Situationen im Rahmen der determinierten Partnerübung (yakusoku-kumite) entsprechen nie der Realität. Zudem sind all unsere Formen des Kumite zu einem beträchtlichen Grad formalisiert und ähneln daher schon fast einem Ritual. Dies war sicher nicht so ganz ungewollt, denn deren Schöpfer wollten ihre Kunst ja – den Anforderungen ihrer Epoche entsprechend – von einer kompromisslosen Form des Überlebens zu einen Budō mit höheren Werten umformen und dies auch nach außen hin darstellen.

Humor hilft mitunter zur rechten Distanz und damit dem Fanatismus vorzubeugen.

Aber auch die Bedingungen eines Übungs- bzw. Wettkampfes gehen weit an denen einer wirklichen Gefahrensituation vorbei! Denn allen Teilnehmern von Turnieren muss bewusst sein, dass es nicht darum geht den Kontrahenten, d.h. einen Sportkameraden zu schaden, sondern sich durch eine möglichst brillante Performance hervorzutun, was dann zunächst durch Punkte und am Ende gegebenenfalls durch eine Medaille oder einen Pokal belohnt wird. Der Bessere möge gewinnen, heißt es daher seit der Antike. Bezüglich des Zusatzes „Der Sieg ist nicht wichtig; dabei sein ist alles.“ tat ich mich jedoch, so muß ich gestehen, zumindest emotional immer ein wenig schwer.

Alle haben Freude – zumindest dem Anschein nach.

In der Konsequenz des Ausgangs liegt ein gravierender Unterschied zu einem Kampf um die Existenz: In einem Turnier ist man so man verliert enttäuscht oder auch traurig, nach einem verlorenen realen Kampf jedoch ist man im besten Fall der Habe verlustig, meist aber schwer verletzt, wenn nicht sogar tot. Die Folgen sind demnach komplett andere und entspechend unterscheidet sich die mentale Einstellung im Rahmen eines Wett- oder „Ritual“kampfes erheblich von der einer gewaltsamen Auseinandersetzung, bei der es ums Überleben geht. Budō lehrt nicht ohne Grund letztere unter allen Umständen zu vermeiden, einfach weil am Ende die Verluste zu hoch sind. Denn auch wenn man den Sieg davonträgt, so bleiben doch auch bei einem selbst, abgesehen von praktisch unvermeidlichen Blessuren, negative Gemütsregungen wie einer subtilen Unzufriedenheit über Trauer bis hin zur Häme zurück. Auf jeden Fall jedoch keinerlei Glücksgefühle.

Spaß and der Freud´ motiviert mitunter erheblich.

Im Falle einer gewaltlosen Konfliktlösung können jedoch alle Beteiligten am Ende gewinnen. Das zu verstehen fällt leider nur allzu vielen recht schwer, ebenso wie den grundsätzlichen Unterschied der Bedingungen zwischen Ritual- und Überlebenskampf. So sind nach wie vor nicht wenige der Meinung ein Champion wäre gleichzeitig ein guter Kämpfer in der Kneipe oder auf der Straße. Aber das genaue Gegenteil ist die Regel, wobei Ausnahmen diese nur bestätigen. Die im Übungs- und Wettkampf zu Recht geforderte und bis zur Unbewusstheit eingeübte Kontrolle der Technik behindert im Ernstfall deren effektvolle Ausführung.

Möglicherweise waren Meister wie Gichin Funakoshi unter anderem auch deswegen gegen Übungs- und damit auch Wettkämpfe: weil durch deren Praxis die klare Einstellung bezüglich des Überlebens als Zielsetzung des Kampfes verwässert würde. Kämpfe nach Regeln verhindern, dass das eigene Potenzial wirklich ausgeschöpft werden kann. Sie sind aber heutzutage ein wohl notwendiger Kompromiss um sich überhaupt irgendwie taktische Fähigkeiten wie Reaktion und Timing zu aneignen zu können.

Spielszene …

Die Teilnahme an Turnieren soll Freude bereiten, zumindest war dies die Grundidee des Sports. Aber auch hier ist, wie in allen Bereichen des Lebens, keine Perfektion zu erwarten, denn es regiert das Unrecht auf allen Ebenen, was den Spaß nicht selten beträchtlich einschränkt und, man könnte auch sagen, für Ärger sorgt. Als Teilnehmer wurde ich nur allzu oft fälschlich gemaßregelt oder aber durch Punkte für eigentlich unzureichende Techniken belohnt. Ich erinnere mich noch sehr gut wie ich einen Kampf verlor weil all meine Techniken angeblich „zu schwach“ waren und der Gewinner mich später in der Umkleide humorvoll auf die Hämatome an seinem Körper hinwies, mit dem Kommentar „hast aber ganz schön hingelangt ..“. Später als Schiedsrichter war dann auch ich an Urteilen beteiligt, die zu teilweise zu Recht von Coaches und Publikum angezweifelt wurden.

… fast wie im Aktsch-Fuim – auch das macht Spaß.

Meister Fritz Nöpel erklärte uns in einem seiner immer wieder bereichernden Seminare, wie in früheren Zeiten die Kontrahenten von Übungskämpfen sich gegenseitig über die Trefferqualitäten des Kameraden austauschten. Dies dient einem längerfristigen Fortschritt beider und war daher weitgehend frei von kurzsichtigem Konkurrenzdenken. Allerdings stellte ein solches Verhalten hohe Anforderungen an die Charakterstärke der Beteiligten.

Was lernen wir aus all dem? Schön wäre es wenn wir (wieder) vermehrt in der Lage wären eine kritisch-humorvolle Distanz gegenüber den ernsten Dingen zu waren, aber auch wenn wir wieder-/erlangten zu verhindern, dass der Spass allzu zu öberflächlich wird. Wer einmal beobachtet hat oder dies noch aus eigener Erinnerung weiß, mit welchem Ernst Kinder in der Lage sind zu spielen, versteht das Problem vieler Erwachsener, die dies scheinbar verlernt haben. Auch die emotionalen Konsequenzen, wenn die Regeln des jeweiligen Spiels verletzt werden kennen wir.

Aus Spaß wird nur allzu schnell Ernst.

Jedwedes Spiel hat einen wenn auch mitunter stark im Verborgenen liegenden ernsten Hintergrund. Wir sollten nur darauf achten, dass sich die Ebenen nicht umkehren und uns die ernsthafte Sicht nicht den Spaß verdirbt. Denn ohne Spaß macht das ganze keine Freude. Andersherum gilt es auch aufzupassen, dass der Spaß nicht überhand nimmt. Das altchinesische Konzept der 5 Wandlungsphasen (5 Elemente) veranschaulicht dies. Wenn das Feuer der Euphorie außer Kontrolle gerät, dann schädigt es das Herz oder vielleicht sagen wir lieber: das Gemüt. Durch das Kontrollelement Wasser könnte es vehement heruntergekühlt werden, etwa durch tragische Informationen über einen Unfall oder den Tod eines Angehörigen, was demnach einem recht drastischen Stimmungsumschwung gleichkäme und somit eigentlich weniger wünschenswert ist. Weit gedeihlicher ist jedoch die Wandlung von Feuer zu Erde, etwa wenn man vom Überschwang der Freude rechtzeitig auf den Boden der Tatsachen zurückkommt und das klare Denken wieder einsetzt.

5 Wandlungsphasen

Ein gravierendes Problem auch und nicht nur des Sports war zu alle Zeiten der Fanatismus, das Missverstehen und Verabsolutieren gegebener Zielsetzungen, verbunden mit dem Wunsch nach „Überlegenheit“ und dem Blindwerden für Bedürfnisse anderer, die sich nicht mit denen von einem selbst decken. Für die eigene Position (Überzeugung, Glauben) oder das Recht darauf zu kämpfen darf nicht zum Ziel haben Andersdenkende/-fühlende zu vernichten oder zu unterwerfen. Die rechte innere Distanz zur eigenen Tätigkeit, die Fähigkeit zur Selbstkritik und die über sich selbst zu lachen schützen uns vor jedwedem Fanatismus. Ein solcher führt immer zu einem Leben ohne Freude. Wollen wir dies? Der mittlere Weg ist das Stichwort.

Im Dōjō- und Vereinsleben führt fehlendes Verständnis für die Interessen der anderen  nicht selten zur Unzufriedenheit, die bewirkt, dass Mitglieder eines Vereins fortgehen oder dass fortgeschrittene Schüler ihr Missfallen offen äußern und somit für Unfrieden sorgen. Oft werden die Ziele des Trainings nicht klar genug definiert und die Teilnehmer verlieren kostbare Zeit ihres Lebens, wenn sie z.B. für den Wettkapf üben, obwohl sie beim Eintritt in den Verein (oder die Privatschule) doch eigentlich eine wirksame Form der Selbstverteigung oder gar Spiritualität such(t)en.

Spaß vertragen ist manchmal nicht ganz so einfach.

Zumindest erging es mir so. Ich hatte über viele Jahre meine Probleme damit, weil mir lange nicht klar war, dass das Gros der Karateka eben den Sport will, also Turniere und den angeblich dazu gehörenden Spaß, während es mir von Anbeginn um eine wirksame Methode des Kampfes ging. Heute bin ich weiter. Vor allem habe ich sowohl die Grenzen des heutigen Karate als Form des Kampfes erkannt, als auch dessen gravierende Unterschiede zum sportlichen Wettstreit. Auch sehe ich das ganze zunehmend gelassener, da ich weiß, dass auch mögliche, mir „feindlich“ gesinnte Kontrahenten die gleichen prinzipiellen Schwierigkeiten wie ich haben würden, in solch einer realen Konfliktsituation ihre technischen Ideale (sofern vorhanden) in wirksame Reaktion umzusetzen. Mit anderen Worten, ich habe die Suche nach dem „ultimativen System“ längst aufgegen, denn es existiert nicht.

So wünsche ich allen Leser/innen schöne und vor allem freudvolle Advents- und Weihnachtstage, aber auch, ob nun gläubig-fromm oder nicht, dass es gelingen möge den ernsten Hintergrund von all dem lustigen Treiben zu erkennen und nicht zu vergessen.

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Die Kata Sanchin – pure Basics oder Nonplusultra? – Teil 2

Die Kata Sanchin – pure Basics oder Nonplusultra?

Das Geheimnis dreier Schritte – Teil 2

Morio Higaonna – man achte auf die natürliche Position der Füße.

Beim Vergleich der heute geübten Versionen von Sanchin und San-zhan oder San-chien fällt folgendes auf: Obwohl die in China üblichen Formen sich zwar im Detail beträchtlich unterscheiden, so zeichnen sich doch alle dadurch aus, dass die Armbewegungen zum überwiegende Teil simultan ausgeführt werden. Entsprechende Anwendung sollen dazu dienen, in direkten Kontakt mit dem Gegner zu gelangen und so lange an ihm haften zu bleiben, bis sich die Gelegenheit für eine Offensive bietet. In den Versionen Okinawas hingegen wird aus der an eine beidarmige Seitwärtsabwehr Yoko-uke erinnernden Grundhaltung, teilweise mit zu Fäusten geschlossenen Händen, aus einer vorherigen Rückholbewegung eine Art Stoß entwickelt. Danach kehrt die Faust in einer kreisförmigen, wiederum an eine Abwehr erinnernden Bewegung in die besagte Grundhaltung zurück. Das Ganze geschieht betont langsam und wird meist von einer ausdrucksstarken Atmung begleitet. Solcherart Bewegungsmuster bieten jedoch kaum die Möglichkeit einer direkten Umsetzung in den Kampf. Anders bei den Versionen Südchinas: Die Bewegungen dieser Formen sind im Rahmen von Übungen wie Kaki-e routinierbar und können somit auch im Kampf direkt zur Anwendung kommen.

Wer sich so hinstellt, blockert sich selbst.

Die den meisten von uns bekannte, auf „Stoß und Abwehr“ rückentwickelte Form der Bewegung dient letztendlich nur der Koordination unserer Grundtechnik und dem Erlangen innerer Festigkeit. Insofern ist unsere Kata Sanchin wieder das, was sie von ihrem Urspung her sein sollte: ein Basiskonzept, eine Grundlage für die darauf aufzubauende kampftechnische Ausbildung, mehr aber nicht. Bei der Fußstellung unterscheidet sich die südchinesische Variante in ihrer Weite zwar von der im Karate üblichen, vom Konzept her decken sich die Ansichten jedoch. Ziel ist es, durch Absenken des Schwerpunktes bei geringer Standfäche größtmögliche Stabilität zu erreichen.

Dichter dran am Original?

Bekanntlich wurde Sanchin noch zu Zeiten Kanryo Higaonnas mit geöffneten Händen geübt. Inwieweit nun Chōjun Miyagi allein verantwortlich für das Schließen der Fäuste ist oder ob dies Folge eines allgemeinen Trends war, darüber wage ich keine Aussage. Auch nicht darüber, ob er es war, der die beiden ursprünglich nicht vorhandenen, aber heute vielfach praktizierten Wendungen in das Enbu-sen einfügte. Eigentlich müsste Chōjun Miyagi eine der „original“ südchinesischen Fassungen der Kata Sanchin bekannt gewesen sein, und zwar durch seinen freundschaftlichen Kontakt zu Wu Xingui, einem Kaufmann aus China, der in Okinawa sein Geschäft hatte, insbesondere nachdem beide zu Studiumszwecken in Wu´s Heimat reisten. Wahrscheinlich scheute Miyagi aber die Konfrontation mit seinen Kollegen und Mitstudenten, weshalb er es bei kleineren Abwandlungen beließ. Statt dessen setzte er innerhalb seiner Schule der Kata Sanchin eine der ursprünglichen Idee von San-zhan entsprechende Form entgegen, die er Tensho nannte.

Immer wieder erfrischend: winterliches Training mit Meister Hayashi – aus dem Doku-Film „Budo: The Art of Killing“.

Mehr als bei allen anderen entfaltet sich das Potential dieser Kata über die Routine eines langen Zeitraums. Das so erreichte Gefühl von Fülle und Leere, Spannung und Entspannung, für Stabilität und flexible Bewegung überträgt sich auf andere Kata und auf die Kampfkunstpraxis als Ganzes. Das betont langsame Ausführen bei der Übung von Techniken eröffnet dem Übenden die Möglichkeit, jede einzelne Phase der zunächst groß angelegten Abläufe zu korrigieren. Indem man diese intensiv „erfährt“, erlangt man die Fähigkeit, die jeweilige Technik aus jeder dieser Phasen direkt auszuführen und somit kurze Bewegungen mit sehr hoher Schlagkraft zu entwickeln. Die für das ungehinderte Fließen des Qi frei gewordenen Känale führen zu einer hohen Beschleunigung auf kurzem Weg.

Von praktisch allen, die diese Kata für sich praktizieren oder auch unterrichten, wird ein besonderer Wert auf die Schulung des Atems gelegt. Die einzelnen, langsam ausgeführten Bewegungen werden von lautstarkem Ein- und Ausatmen begleitet. Eine derart forcierte Atmung ist dann sinnvoll, wenn sie dazu dient, den Atem mit der Technik in Einklang zu bringen. Darüber hinaus kann bewusstes Atmen eine Form der Arbeit mit dem Qi darstellen. Durch das intensive Aus- und Ein(!)atmen wird vom Körper vermehrt Sauerstoff aufgenommen, was man eigentlich als der Gesundheit förderlich ansehen sollte. Die Atmung muss hierzu aber weitgehend natürlich bleiben. Je mehr sie vom eigenen normalen Rhythmus abweicht, desto höher ist das Risiko für gesundheitliche Schäden. Tatsächlich warnen chinesische Ärzte und Meister des Qigong vor einer allzu exzessiven Atmung, durch die es zu subtilem Verschleiß kommen kann. Danach ginge die intensive Atmung auf Kosten des Jing, einer Form vorgeburtlicher, relativ grobstofflicher Energie, deren Menge begrenzt ist und die sich im Laufe des Lebens aufzehrt. Anders ausgedrückt: Übertriebenes, gegen die Natur praktiziertes Üben der Atmung kann das Leben eher verkürzen.

Die gleiche vereinfachte Kombination von Abwehr und Stoß findet sich auch in der ersten Sequenz der Kata Sochin, wie sie ..

Ebenfalls lebensverkürzend wirkt ein zu starkes, gegen den gespannten Körper gerichtetes Pressen beim Ausatmen. Allzuviel oder überzogene Anspannung können die mit der Übung ja eigentlich erstrebte zunehmende Zirkulation des Qi mehr blockieren als fördern. Zudem kann es durch ein Aufsteigen des Qi leicht zu Bluthochdruck und damit zum vermehrten Risiko eines Infarktes oder Hirnschlags kommen. Desweiteren ist hinlänglich bekannt, dass isometrisches Training zwar die Muskeln wachsen lässt, dem Zugewinn an Geschwindigkeit aber eher entgegenwirkt, was für den Freikampf nicht gerade dienlich ist. Eine Atmung, wie wir sie in Sanchin und einigen verwandten Kata zur Mobilisierung des Qi, also als Übung praktizieren, ist letztlich nicht immer angemessen. Setzen wir die Gegenwart eines Gegners voraus – und dies tun wir ja in den meisten Kata – wäre es strategisch falsch, diesem den eigenen Atem und damit raum-zeitliche Lücken für einen Angriff zu präsentieren. Entsprechend ist die Atmung in anderen Kata eher „verdeckt“ zu halten und die auf vielen Turnieren gängige Praxis der Demonstration einer starken Atmung geht an jeglicher Realität eines echten Kampfes vorbei.

… von Seisho Aragaki über Kenwa Mabuni überliefert wurde. Jedoch wurde hier aus der ursprünglichen Fußstellung des Weißen Kranichs die uns bekannte Stellung des Katzenfußes.

Übungen wie Sanchin sollen eher das Gespür für den Atem vermitteln als dem Übenden eine besondere Weise aufzwingen. Insofern sehe ich es als angemessen an, Technik und Atmung einander anzunähern, anstatt den Atem der Technik oder diese den Atemzügen mit Gewalt anzupassen. Ich empfehle, sich hierfür viel Zeit zu nehmen. Mit der Zeit wird das Atmen geschmeidiger und die Technik „rund“. Dadurch verbessert sich die Dynamik und die angemessene Körperspannung fließt fast von selbst mit ein. Auf lange Sicht tritt die Betrachtung des Atems zugunsten des Erspürens des Qi in den Hintergrund. Bei den daoistischen Vorläufern der Form der drei Schritte San-jan ging es wohl noch primär darum, das „wahre“ Qi nutzbar zu machen. Die gedankliche Verwurzelung im Boden sollte einen festen Stand gewährleisten, in Verbindung mit dem Aufrichten der Wirbelsäule Richtung Himmel den Körper stabil machen und zudem den Übenden mit den Kräften des Kosmos in Einklang bringen. Die korrekte Ausrichtung aller Gelenke, gefolgt von den langsamen Bewegungen vor und zurück in Verbindung mit einfachsten Bewegungen der Arme machen die Kanäle frei, in die das Qi dann als Fülle in die vorhandene Leere einfließt und kampftechnisch zur Entfaltung kommt.

Beim Betrachten dieses Bildes ahnt man ein Gefühl des Setzens.

Den Schöpfern der frühen Vorläufer von Sanchin ging es daher wohl eher, wenn überhaupt, um den Aufbau eines energetischen Schutzschildes. Ein sehr langwieriges Unterfangen, weshalb wir die Anspannung beim Lernen und Üben von Sanchin nicht als den wesentlichen Aspekt sehen sollten. Denn so sehr man den Körper auch anspannen mag, die meisten Vitalpunkte liegen ungeschützt und können mit hinlänglichem Fachwissen und der entsprechenden Technik leicht attackiert werden. Das eigentlich sinnvolle Überprüfen der Festigkeit bei der Ausführung der Kata Sanchin, wie es durch Sanchin-gatame und Sanchin-dameshi geschieht, muss diese Tatsache berücksichtigen. Doch leider wird diese Überprüfung oft missverstanden und erweist sich dann als eine der Gesundheit wenig zuträgliche Praxis.

Beruhigend wenn der Meister hinter einem steht – in diesem Fall Chojun Miyagi.

Um die größtmögliche Wirksamkeit zu erlangen, müssen für eine stabile Haltung oder im Verlauf einer Technik alle benötigten Muskeln koordiniert angespannt werden. Durch die Kata Sanchin wird dieser Prozess vermittelt, studiert und eingeübt. Werden hierbei aber nicht alle Muskeln ausreichend erfasst, verliert die Kamae oder Aktion schnell Festigkeit und somit Effektivität. Durch Sanchin-gatame und Sanchin-dameshi sollen die schwachen Glieder der muskulären Anspannungskette ausfindig gemacht und einer Korrektur unterzogen werden. Eine zweite Person kann bei diesem „Festmachen“, japanisch katameru, helfen, indem sie während der Ausführung der Kata nach und nach alle in Frage kommenden Muskelpartien überprüft. Dazu genügt eigentlich schon ein einfaches Ausflegen der Hände, wodurch der Ausführende den fraglichen Bereich bewusster wahrnimmt und als Konsequenz gegebenfalls mehr Spannung hineingibt. Durch beherztes Klopfen kann zusätzlich überprüft werden, ob die Spannung an der jeweiligen Stelle ausreichend ist. „Prüfen, probieren“ heißt japanisch tamesu, darum Sanchin-dameshi.

Zwei Finger können für den Test völlig ausreichen.

Sanchin-dameshi ist aber kein Härtetest! Es soll und darf nicht eine vermeintliche Unverwundbarkeit oder Unempfindlichkeit gegen Schmerzen „überprüft“ oder gar hart oder spitz auf die, wenn auch gespannten, Muskeln eingewirkt werden. Nur allzu leicht könnte man ohne es zu wollen vitale Stellen treffen. Die sich dann einstellenden Blockaden können sich dann später durch Beschwerden im Leitbahnverlauf und daher oft an ganz anderen (!) Stellen des Körpers manifestieren. Darum hat das Klopfen mit der Innenfläche der offenen Hand zu geschehen und erst nachdem man es durch deren reines Auflegen angekündigt hat. Dies hilft zudem, die Leitbahnen frei zu halten, denn durch die hohe Anspannung der Muskeln kann ja das Qi leicht ins Stocken geraten.

Sehr wohl kann die durch Sanchin-dameshi geschulte Aufmerksamkeit später helfen, das Qi dahin zu schicken, wo es von Nutzen ist. Vitale Stellen sind weniger verletzlich, wenn sie mit Qi erfüllt sind. So kann bis zu einem gewissen Grad im Moment der unsanften Berührung durch den Gegner durch die schlagartige Konzentration auf den getroffenen Bereich größerer Schaden auf energetischer Ebene und damit schwere Folgen für die Gesundheit vermieden werden.

Ein gewisser subtiler männlicher Exhibitionismus  …

Da es sich bei Sanchin um eine spezielle Übung handelt, die anders als die meisten Kata keine direkte Übertragung in den freien Kampf zulässt, finden insbesondere sehr junge Karateka nur schwer Zugang zu dieser Form. Sie können mit den seltsam anmutenden, scheinbar für den Kampf kaum nutzbaren Bewegungen naturgemäß nur wenig anfangen. Für sie bieten sich daher eher Kata wie Kushanku, Passai oder auch Seipai an, bei denen die Bedeutung der Techniken viel leichter zu erfassen ist und die durch ihre hohe Dynamik dem Bedürfnis junger Leute nach „Action“ besser gerecht werden. Obwohl die Kata Sanchin eine absolute Basisform darstellt, ähnlich wie auch die Kata Tensho und Naifanchin, so ist sie doch schwer zu meistern und erst mit zunehmender eigener Reife lernt man diese Form wirklich schätzen.

… ist wie man sieht nicht nur auf Okinawa begrenzt.

Die vermeintliche Einfachheit einer Basis-Übung wie die der Kata Sanchin stellt gleichzeitig die größte Schwierigkeit für den Übenden dar. Wie bei vielen meditativen Übungen rückt das Ziel der Perfektion im Laufe der Praxis scheinbar in immer weitere Ferne. Nicht weil man immer schlechter würde, sondern weil das Gespür für die eigene Unzulänglichkeit und die damit verbundenen Fehler wächst, obwohl diese eigentlich immer kleiner werden. Viele kennen das: Man hat einen technischen Schwachpunkt erkannt und behoben, dafür werden drei neue Fehler offenbar, die nun zwar weitaus feiner sind, aber dennoch beseitigt werden wollen.

Vielleicht konnte ich mit dieser bescheidenen Meinungsäußerung, zumindest was die Kata Sanchin angeht, einiges ins rechte Licht rücken, wobei es sich hierbei um einen Auszug aus dem dreizehnten Kapitel meines Buches Die Form des Karate handelt. Dort finden sich naturgemäß noch mehr Infos zum gegebenen Thema.

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Die Kata Sanchin – pure Basics oder Nonplusultra?

Das Geheimnis dreier Schritte – Teil 1

Für meinen Geschmack wird bezüglich bestimmter Kata viel zuviel Mystizismus betrieben. Eine von diesen ist vor allem die Kata Sanchin.

gelungenes Intro im Film „Kuro-Obi“

Die Kata Sanchin gehört zum Standardprogramm aller Stile des Naha-te. Allerdings herrscht über die Bedeutung des Wortes sanchin nur scheinbar Klarheit. In den wie in Japan und Okinawa im China von heute üblichen Schreibweisen für San-zhan, San-chien oder Sanchin bedeutet san jeweils „drei“, während die beiden mir bekannten Kanji für zhan auf Mandarin bzw. Kantonesisch chien, die im Japanischen zu chin wurden, für den gewaltsamen Konflikt, also für „Kampf“ oder „Schlacht“, aber auch für „Krieg“ stehen.

Vielleicht hatte diese Namensgebung ursprünglich einen historischen Bezug. Die gängige Meinung heute ist aber, dass es sich bei den „drei Kämpfen“ eher um die Lösung innerer Konflikte des Übenden handele oder besser, um die Überwindung innerer Feinde in Form negativen Emotionen und Charakterzüge, was auf einen buddhistischen Ursprung des Namens deuten würde.

Drei Kämpfte

Die am weitesten verbreitete Interpretation des Wortes sanchin ist die, dass es gilt, auf drei Seinsebenen einen inneren Kampf zur Vervollkommnung des Selbst zu bestehen: und zwar auf körperlicher, emotional-energetischer und auf geistiger Ebene. Das wäre ohne Frage ein guter Vorsatz für jeden ernsthaften Kampfkunstadepten. Aber ob dies besonders gut nur mit dieser Basisform möglich sein soll, wage ich zu bezweifeln. Sicher gehört mehr zur positiv gerichteteten Ausformung des Charakters als das regelmäßige Ausführen der Kata Sanchin, einer im Grunde genommen recht einfach strukturierten Übungsform. Im übrigen muss jede Kata, ja die gesamte Kampfkunst, auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene gemeistert werden. Aber: Ist der Ausdruck „Kampf“ in diesem Zusammenhang überhaupt angemessen?

Mir erscheint daher die These sinnvoller, die besagt, dass es sich bei der Kata Sanchin bzw. deren Vorläuferform um eine Basisübung handelt, bei der im Laufe von jeweils drei Schritten vor und zurück gewisse, für den Kampfstil des Weißen Kranichs grundlegende Bewegungsmuster vermittelt wurden. Die meisten der heute bekannten Versionen, einschließlich der nicht von Chōjun Miyagi (s.u.) veränderten früheren Sanchin Okinawas, bestehen im Wesentlichen aus drei Vorwärts- und drei Rückwärtsschritten in der für den Stil charakteristischen Kampfstellung mit nach innen gerichtetem Kräftefluss.

„Drei Schritte“ hieße auf Mandarin San-jan, was sehr ähnlich klingt wie San-zhan. Wie die meisten unserer Kata unterlag wohl auch die in der Schule des Weißen Kranichs vermittelte Grundübung im Laufe der Zeit mehrfachen Änderungen hinsichtlich der genauen technischen Ausführung und womöglich auch bezüglich Schreibweise, Aussprache und Inhalt ihrer Benennung.

Ein ganzes Buch! … „Der Weg der Kata Sanchin“ – wohl eher ein Beitrag zum Mystizismus.

Der Legende nach wurde der Stil des Weißen Kranichs von einer Frau namens Fang Qiniang geschaffen, zu einer Zeit, als im Süden Chinas im Rahmen des schwelenden Widerstands gegen das Regime der Manchu (Qing-Dynastie) Kampfsysteme entwickelt wurden, die denen der Fremdherrscher überlegen sein sollten. Man war bestrebt, die Ausbildung effektiver zu gestalten. Das war verbunden mit einer partiellen Abkehr von der bisherigen Praxis komplexer Formen, deren Details nur über einen langen Zeitraum erfasst werden konnten. Die Schüler sollten möglichst rasch kampftechnische Fähigkeiten erlangen. Daher verkürzte man die Formen beträchtlich und versuchte, in ihnen einfache, auf maximale Effektivität bei geringem Aufwand ausgerichtete Techniken zu vermitteln. Sicher griff man dabei auch auf die daoistische Tradition der inneren Kampfkünste zurück. Deren Übungspraxis zielt viel stärker auf ein den freien Fluss des Qi gewährleistendes vollständiges Öffnen der Kanäle ab als auf das Vermitteln bestimmter Techniken. Das total frei fließende „wahre Qi“ befähigt den Ausübenden dann zu allen notwendigen Aktionen und Reaktionen ohne willentliches Zutun.

Durch falsche Übersetzung entstehen fatale Denk- und Praxisfehler.

Einer kampftechischen Ausbildung ging darum eine sehr lange geistig-energetische Praxis voraus. Zu dieser gehörte insbesondere das regungslose Stehen, bei dem der Körper von innen her perfekt ausgerichtet und dann der freie Fluss des Qi zugelassen und beobachtet werden sollte. Äußerlich hat die dabei eingenommene Haltung den Anschein, als umarme man etwas. Zusätzlich zur Harmonisierung des Qi-Flusses wird bei dieser Übung eine starke Verwurzelung mit der Erde und eine Stabilisierung der Haltung insgesamt angestrebt – weshalb man auch von der „Übung des Baumstamms“ spricht. Idealerweise sollten sich die für einen Kampf erforderlichen Bewegungen aus dieser indifferenten Haltung spontan manifestieren. Nach den Aussagen meines Qigong-Lehrers Meister Zhichang Li ist ein solcher Zustand der perfekten Reaktionsfähigkeit aber, wenn überhaupt, nur nach Jahrzehnten entbehrungsreicher Praxis zu erreichen.

Bei den daostischen Standübungen befinden sich die Füße etwas mehr als schulterbreit auseinander, wobei die Zehenspitzen leicht nach innen zeigen. Durch gedankliches Setzen auf einen imaginären Hocker sinkt der Schwerpunkt und die Haltung gewinnt an Stabilität. Das Steißbein fällt  nach schräg-vorn, wodurch das Becken nach hinten kippt und die Lendenwirbelsäule sich aufrichtet. Die restliche Wirbelsäule wird durch Einziehen der Kinnspitze nach oben hin gestreckt. Meist stellt man sich dabei vor, man hängt an an einem an dem höchsten Punkt des Kopfes befestigten, unsichtbaren Faden, der bis in den Himmel reicht.

Strecken der Arme als erste Bewegung der Sequenz.

Nicht wenige werden sich durch diese Beschreibung an schon bekannte Übungsdetails erinnern. Denn bedingt durch unsere Anatomie bleibt es nicht aus, dass die Anleitungen zur Gewinnung an Standfestigkeit, auch wenn sie unterschiedlicher Herkunft sind, sich weitgehend decken. Sicher war die gut 2000 Jahre alte Übung des Baumstamms in Grundzügen einem „weiteren Kreis“ von Experten bekannt und ich vermute, dass sie als Modell für vielerlei andere Übungen zur Regulierung des Qi und zur allgemeinen Kräftigung diente, womit sie sich auch als Grundlage für die Entwicklung von Kampftechniken anbot. Es ist daher anzunehmen, dass im Rahmen der Umgestaltung der Kampfkunst in Zeiten der Qing-Dynastie eine solche Übung als Basis für die Kata der drei Schritte und damit der Kata Sanchin diente, indem man versuchte, aus der stabilen Verwurzelung in eine angemesse Form der Bewegung überzugehen – was auch die typischen bogenförmigen Schrittfolgen erklären würde.

Aufnahme der gegnerischen Bewegung

Allerdings gibt es in China auch Versionen der Form, bei der das Vor- und Zurückbewegen in einer Art Gleitschritt erfolgt und dadurch die Auslage (linker oder rechter Fuß) gleich bleibt. Wahrscheinlich ist beides richtig, das heißt es wurde beides gelehrt, weil beide Formen der Bewegung, Gleit- und vollständiger Schritt, im Kampf von Nutzen sind. Wichtig für uns ist festzuhalten, dass die Schöpfer dieser Übung wohl bestrebt waren, die im Stand gewonnene Stabilität der Verwurzelung während der im Kampf unumgänglichen Ortswechsel so wenig wie möglich aufzugeben. Insofern enthält die Kata Sanchin – vielleicht mehr als jede andere formale Übung des Karate – gewiss eine Qi-regulierende Komponente. Jedoch wird eine Übung nicht allein dadurch energetisch oder spirituell wirksam, weil man sie langsam ausführt.

kontrollierender Kontakt zum Gegner

Das für Sanchin typische langsame Üben ermöglicht zunächst einmal nur eine ausgiebige Detailarbeit, die aber Voraussetzung ist für einen frei werdenen Fluss des Qi. Bevor etwas fließen kann, müssen die entsprechenden Wege frei sein und Blockaden beseitigt werden. Natürliche Engstellen für den Fluss des Qi sind die Gelenke. Nach jedem Schritt vor oder zurück wird daher der Körper in all seinen Gelenken als Ganzes optimal ausgerichtet, bevor eine kampftechnisch relevante Bewegung der Arme einsetzt. Mit der Zeit wird durch die Routine die Phase des Ausrichtens immer kürzer, sodass gerade die Versionen Südchinas San-zhan bzw. San-chien im Vergleich zu den uns bekannten Varianten Okinawas relativ zügig ausgeführt werden.

In den Versionen Südchinas sind die meisten Bewegungen beidarmig. Unklar ist, zumindest für mich, ob die Reduzierung der Armbewegungen auf das Minimum einer Kombination von Stoß und angedeuteter Abwehr das Resultat einer Entwicklung auf Okinawa selbst ist oder ob diese Abwandlung den Schülern aus Ryūkyū so bereits in Fuchou geichsam als vereinfachte, „ausländergerechte“ Fassung beigebracht wurde. Möglich ist natürlich auch, dass eine solche Version eine Spezialität von Meistern wie Ryūryū Ko und Wai Xinxian darstellte.

Wie man sich die Vorgänge plausibel machen kann – nicht unbedingt immer sinnvoll.

Wahrscheinlich führten zumindest die technischen Vereinfachungen, ebenso wie der Übergang von der offenen Hand zur geschlossenen Faust, zu einer übermäßigen Betonung des Krafteinsatzes beim Ausführen der Kata. Möglich Auch, dass man sich diesbezüglich innerhalb des Naha-te Okinawas einander angepasst hat. Allerdings gab es auch schon in Südchina überaus harte Varianten, wie etwa die des dem Tigerstil Hu-quan entlehnten Pangai-noon, aus dem später das Uechi-ryū entstand, die jedoch den grundlegenden Ideen des Weißen Kranich Baihe-quan, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in der Taktik, eher entgegenstehen.

Im Kampf gibt es immer wieder Momente, in denen eine hohe innere Stabilität gefordert ist, insbesondere beim Auftreffen der Faust auf dem gegnerischen Körper. Andererseits ist nur ein maximal entspannter Muskel zu einer schnellen Reaktion fähig. Daher ist das Spiel von Spannung und Entspannung wohl eher Ziel von Übungen, wie die Kata Sanchin sie darstellt.

Tolle Muckies – aber wirklich ein Vorteil im Kampf?

Eine muskuläre Panzerung, wie sie manche erzielen wollen, ist jedoch illusorisch. Zum einen wäre sie taktisch unvorteilhaft, denn die eigenen Reaktionsmöglichkeiten wären bei übermäßiger oder lang andauernder Anspannung eingeschränkt. Zum anderen ist eine solche „Immunisierung“ gegen Schläge und Stöße gar nicht möglich, da die meisten verletzlichen Stellen zwar zwischen den Muskeln liegen, aber trotzdem mit entsprechend spitz ausgeformter Hand leicht erreichbar sind. Ein rein auf Spannung und Härte ausgerichtetes Ausführen von Sanchin bewegt sich somit an den Prinzipien der Kampfkunst vorbei.

Den Sinn der Praxis von Sanchin sehe ich daher vor allem darin, die Bewegung zu optimieren und mit der Atmung zu koordinieren. Über die Schulung des Atems kann das Qi reguliert werden, wodurch in das Üben der Kata durchaus ein energetischer Aspekt miteinfließt. Wir sehen: Je mehr das reine Bewegen nach einem vorgegebenen Muster von Vorstellungen über Ziel und Methode erfüllt wird, desto stärker kommt die Übung auf energetischer Ebene zur Entfaltung. Dies gilt jedoch nicht nur für die Kata Sanchin, sondern für jedwede Form der Übung.

Durch ihre einfache, eben nicht auf eine direkte Anwendung im Kampf ausgerichtete Struktur eröffnet uns Sanchin noch mehr als all die anderen viel komplexeren Kata die Möglichkeit, uns mit uns selbst zu beschäftigen, da wir beim Üben kaum an einen imaginären Feind denken müssen. Wir können und sollten uns beim Üben von Sanchin die Zeit für die Schau nach innen nehmen und so die für einen Kampf notwendigen Voraussetzungen schaffen: nämlich einen stabilen Qi-Fluss, der hohen Belastungen und Irritationen von außen standhalten kann.

Fang Qiniang ? … für mich ist Michelle Yeoh mit Abstand eine der glaubwürdigsten Darstellerinnen in den Kampfkunstfilmen.

Wahrscheinlich wird sich nie klären lassen, inwieweit energetische oder spirituelle Aspekte die Entstehung der Kata Sanchin von Anfang an prägten oder ob diese erst im nachhinein integriert wurden. Ich persönlich tendiere eher zum ersteren, meine aber auch, dass es sich bei der Form gleichwohl primär um eine Grundübung handelte – die der „drei Schritte“ – deren Entstehen aber weiter zurückliegen mag als die Schaffung der Faust des Weißen Kranichs durch Fang Qiniang. Das Bubishi, in dem einige Hinweise über die Entstehung dieses Kampfstils zu finden sind, enthält keinerlei Angaben über den Namen der dort erwähnten grundlegenden Form, nur darüber, wie diese korrekt auszuführen sei, wobei die Beschreibungen und Hinweise tatsächlich sogar auf unsere heutige Form der Kata Sanchin anwendbar sind.

Fortsetzung folgt …

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Mai-nichi, mai-nichi …. vom unbeugsamen Geist

erfrischendes Kobudo

Geben wir es doch zu! Die nicht enden wollende Hitze des diesjährigen Sommers droht all unsere guten Vorsätze zunichte zu machen. Denn zunehmend fällt es schwer dem „täglichen“ oder zumindest regelmäßgen Üben nachzugehen. Für die meisten ist dies ja das Training am Nachmittag oder Abend, und zwar nach dem Broterwerb, und da ist es besonders warm. Nur wenige können es sich erlauben frühmorgens in den Garten oder Hof zu gehen und am Makiwara 200 Stöße links und 100 mit der rechten Faust zu absolvieren, so wie es noch die Meister wie Kenwa Mabuni oder Choki Mutobu taten und in ihren Schriften dann auch empfehlen.

In vielen unserer Dōjōs wird im Sommer nur eingeschränkt trainiert. Manche machen ganz zu, insbesondere all jene Sportvereine, die auf Hallen der öffentlichen Hand angewiesen sind. Vielerorts bedeutet dies daher: Schulferien gleich Vereinsferien und somit Trainingsausfall. Aber jede Pause, die länger als eine Woche andauert ist spürbar, in der Technik selbst und im Verlust von Kraftreserven. Experten sprechen in diesem Zusammenhang dann auch gerne von Konditionsverlust: die Muskeln werden weniger ausdauernd, die Puste bleibt einem schneller weg.

Selbst Meister Motobu …

In meiner Zeit als Trainer und Vorsitzender bzw. Spartenleiter namhafter Lübecker Budō-Vereine war ich darum bemüht den Übungsbetrieb unter allen Umständen ganzjährig, d.h. auch in den Schulferien aufrecht zu erhalten. Nur die Zeit zwischen den Jahren, also zwischen Weihnachten und einigen Tagen nach Neujahr waren auch für mich „tabu“, d.h. auch ich verspührte in dieser Zeit weder Lust noch sah ich unbedingten Anlaß zum Üben.

… verzichtete bei Bedarf auf allzu viele Kleidung.

Es ist durchaus wichtig ab und an alle Strenge fallen zu lassen, sich selbst und auch den Schülern gegenüber. Ansonsten wird man allzu leicht fanatisch oder verbittert. Andererseits sollten wir darauf achten nicht allzu nachlässig zu werden, eben besonders wenn andere Aktivitäten mehr Freude oder Glück versprechen. Hierzu gehören gerade im Sommer auch der Aufenthalt am Strand oder beschauliche Abende mit kühlen Getränken im Biergarten. Da wird der ohnehin schon oft strapazierte unbeugsame Geist des Budō noch mehr gefordert als sonst und es kostet deutlich mehr Überwindung zum Training in die stickige Halle zu gehen. Als Ausweg bietet sich mitunter an das Üben einfach nach draußen zu verlagern – sofern es die Gegebenheiten zulassen. Aber damit ist die „Weisheit“ auch schon am Ende.

Während meines Lebens kam ich immer wieder in derartige Situationen, in denen ich mich entscheiden musste zwischen angenehmer Kurzweil und der Quälerei im Dōjō. Gewiss bin ich auch heute noch der Auffassung, man sollte es sich nicht allzu leicht machen auf dem Weg des Budō, jedoch ohne sich zu überfordern. Der Wert des Budō steigt gerade durch das Vermeiden von dessen Überbewertung! Der „mittlere Weg“ ist das Stichwort.

Kaeri-ashi, Schrittfolge für „Su“-Übungen

Auf jeden Fall sollten wir uns diesen Weg nicht beschwerlicher gestalten als er ohnehin schon ist. Es gilt für das Vorankommen eine langfristige Konzeption zu erarbeiten und diese dann zu erhalten. Hilfreich ist hierbei sich auf die jeweils gegebenen Bedingungen einzustellen. Nicht wenige Karateka meinen unter allen Umständen und zu jeder Zeit auf die gleiche Weise trainieren zu müssen. So werden Sommer wie Winter die gleichen Übungsriten abgespult: Kihon, Kumite und Kata stets mit gleicher Intensität nach dem Motto „viel hilft viel“ oder „gelobt sei was hart macht“. Dabei werden dem menschlichen Körper mitunter Dinge abverlangt für die er nicht geschaffen wurde. Im Moment des Überschwangs mag man dann selbst den Eindruck haben, dass man das „wegsteckt“ – nur wohin? In späteren Phasen des Lebens kann es dann zu gesundheitliche Problemen kommen, die doch durch intensive sportliche Betätigung eigentlich hätten vermieden werden sollen. Das Gleichgewicht zu halten zwischen einem starken positiven Stimulus, den  das Training der Kampfkünste ja darstellt, und der schädigenden Überforderung ist bisweilen nicht ganz einfach. Für uns Nordeuropäer bietet ein heißer Sommer hier gewisse Gefahren. Die Bewohner Japans und besonders Okinawas sind hier natürlich ganz anderes gewohnt. Sie sind konstitutionell an die Hitze einfach besser angepasst.

Kaeri-mawari-ashi, Schrittfolge mit integrierter Wendung

Persönlich habe ich recht gute Erfahrungen damit gemacht die momentane Intensität der Übung zu reduzieren, also weniger auf Kraft (wieder einmal!), aber auch weniger auf Speed, sondern noch mehr als zu jeder anderen Jahreszeit in Richtung Präzision zu arbeiten. Zur notwendigen häufigen Wiederholung dienen hier idealerweise all die Übungen die mit „su“ beginnen. Viele von uns kennen sicher das Suburi im Kendō, das ständig wiederkehrende „Wirbeln“ mit Schwert oder Bokken. Auch im Kobudō gibt es diverse Varianten dieser Übung. Im Karate jedoch wird dieser Begriff eher wenig gebraucht, aus geschichtlichen Gründen, aber auch weil bei uns eben nicht „gewirbelt“ wird, mit dem Armen oder wie sonst auch immer, sondern gestoßen, geschlagen oder getreten. Angemessene Ausdrücke wären hier daher su-geri, ein kontinuierliches Ausführen von Fußtritten, su-uchi also „kontinuierliches Schlagen“ oder su-zuki, d.h. „kontinuierliches Stoßen“. Das ganze geschieht am besten in Kombination mit besonderen Schrittwechseln, in der Regel auf der Stelle und gerne hin auf eine Zielvorrichtung, ein vorstehendes oder hängendes Objekt, das aber nicht unbedingt getroffen werden soll.

zumindest die Füße bleiben gekühlt

Der Vorteil von all dem ist, dass nicht gezählt werden braucht. Man macht einfach soviele Ausführungen der jeweiligen Technik bis man genügend ermüded ist oder zur nächsten übergehen will. Es empfiehlt sich dabei eine nach innen gerichtete Schau, ein vermehrtes Wahrnehmen von Details in Technik, Körperhaltung oder Fußstellung, was mittelfristig hilft Fehler zu erkennen und sie zu beseitigen.  Die Zeit vergeht dabei so manches Mal besser als beim „normalen“ Kata- oder Kihon-Training.

Mainichi ganbaru, das „tägliche Dranbleiben“, ist bei (sub-)tropischem Klima bisweilen eben gar nicht so einfach für uns Nordeuropäer. Nun gut, viel mehr fällt mir gerade auch nicht ein zu diesem Thema. Es ist einfach zu heiß …..

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Budo-Legenden – Teil 2

Diesmal soll es nicht um namhafte Größen der Karate-Geschichte gehen, sondern um Mysterien der Budō-Welt oder Vorgänge, welche zu ihnen hinführen können.

Der berühmte Kräuterarzt Li Shizhen vertrat sicher eine andere, umfassendere Sicht auf unsere Probleme mit der Gesundheit.

Dazu erlaube ich mir einfach einmal die Geschehnisse um die Wahrheitsfindung im Bereich Budō und Kampfkunst mit denen der modernen Gesundheitsvorsorge zu vergleichen. Es bestehen dort doch einige Parallelen zur Cholesterin-Lüge oder zur Kochsalz-Saga. Bis heute sind viele Ärzte und deren Patienten davon „überzeugt“, dass zu hoher Eierkonsum oder zuviel Salz im Essen zu Arteriosklerose und damit zu erhöhtem Bluthochdruck führen würde, wobei sie sich sowohl den Erkenntnissen der biologischen Wissenschaften als auch dem überlieferten Wissen der Ganzheitsmedizin verschließen. Bei der Argumentation zuviel Salz oder Cholesterin wäre schlecht für den Körper werden all die Regelmechanismen übersehen, die es uns ermöglich(t)en über Jahrtausende/-millionen überhaupt überlebensfähig zu sein. Die Leber selbst produziert den Großteil des im Blut schwimmenden Cholesterins und nur ein Bruchteil wird aus der Nahrung aufgenommen. Und von HDL und LDL („gutem“ und „bösem“ Cholesterin) will ich gar nicht erst anfangen – ist ja auch nicht Themenstellung dieser Website!

Interessant bis erschreckend ist nur wie schwer solche scheinbar einfachen und damit zunächst leicht nachvollziehbaren „Wahrheiten“ wieder aus den Hirnen der Menschen heraus zu bekommen sind, wenn sie erst einmal festgesetzt haben. Es handelt sich dabei um ein psychologisches Problem der Wahrheitsfindung, bei dem neben rationaler Überzeugung auch der Prozess des Glaubens eine besondere Rolle spielt. Ich spreche hier jedoch nicht von einem Verehrungsglauben, wie er in den Religionen (ein)gefordert wird, sondern von einem in zahlreichen Lebenslagen durchaus nötigen vorbehaltlosen Annehmen von Prämissen. Es sind dies Behauptungen, bei einer Sache verhalte es sich so oder so, die man zunächst als wahr annehmen muss um darauf im Rahmen einer logischen Betrachtung oder einer praktischen Planung aufbauen zu können. Am Ende kann sich die Annahme dann als richtig oder falsch erweisen.

Kata-Sequenzen wie diese …

Sofern man die Flexibilität aufbringt (sich) letzteres am Ende einzugestehen, ist das ganze ein angemessenes und allzu oft das einzig mögliche Vorgehen, denn niemand ist allwissend und ohne einen ersten Schritt geht kaum etwas. Schlimm wird es nur wenn man sich der Realität verschließt und an dem zuvor Angenommenen haften bleibt. Der berühmte Schwertmeister Yagyu Munenori sprach in diesem Zusammenhang von „Krankheiten“ des Geistes und meinte damit eine falsche Einstellung zur Realität, insbesondere der des Kampfes.

Unserer Verstand braucht Daten und Bedingungen wie diese miteinander verknüpft werden sollen. Schwierig wird es darum beim Betrachten der Geschichte des Budō, und noch viel mehr des Karate, denn es sind nur wenige präzise Information überliefert. Nun könnte man argumentieren, man bräuchte ja eigentlich gar nicht wissen wie genau sich das Karate entwickelt hat. Wichtig sei doch nur, dass man hart und geflissentlich übt. – Aber wie üben? – Na eben nach den von den Meistern überlieferten Richtlinien! – Und da haben wir´s. Wo sind sie denn, diese Richtlinien? Gab es sie damals überhaupt in einer Weise wie wir sie uns heutzutage vorstellen?

… machen erst Sinn beim Wissen um die historischen Umstände.

Nach den spärlichen Informationen, die zumindest mir vorliegen, waren jene Richtlinien in der Vergangenheit stark von der Person des einzelnen Lehrmeisters abhängig, von dessen technisch-methodischen Vorlieben und „didaktischen“ Fähigkeiten. Alles ganz individuell. Mit den Anführungzeichen möchte ich hier andeuten, dass von Didaktik im heutigen Sinne kaum eine Rede sein kann. Im Gegenteil, um die Fähigkeiten des Schülers im Kampf zu fördern, z.B. seine Intuition sowie seinen Willen zum Lernen, wurde ihm das Lehrleben auf alle mögliche Weise erschwert. Sogar bis in die 50er Jahre wurde beim Unterricht in Japans Karate-Dōjōs noch kaum etwas im Detail erklärt, sondern nur vorgezeigt. Verbale Zusätze erschöpften sich in „das“, „so“ oder „so nicht, nochmal“ – oder auch „gut, weiter so“, was allerdings eher selten vorkam. So zumindest beschrieb es mir Sensei Demura, wie sein Lehrer Ryusho Sakagami ihn oder Shinken Taira letzteren unterrichtete.

Hier die ursprüngliche Form mit offener Hand.

Die Idee der alten Methode des Unterrichts war, den Schüler für den Kampf essenzielle Verhaltensweisen zu vermitteln, wobei man davon ausging, dass Worte (Definitionen) leicht zu verfälschtem Verständnis bezüglich des Wesentlichen führten und die Technik eh nur eine sekundäre Rolle spiele, in dem Sinne: Was nützt alle filigrane Bewegung wenn diese nicht im richtigen Moment oder mit der richtigen geistigen Einstellung ausgeführt wird? Auf die der Kampfsituation angemessene mentale Reaktion kam es vornehmlich an. Um die entsprechenden Fähigkeiten des Meisters zu erlangen sollte der Schüler diesen so gut es geht nachahmen. Und klar, neben diesem aus damaliger Sicht durchaus sinnvollen indirekten Unterricht von Person zu Person, d.h. auf mental-emotionaler Ebene, spielte natürlich gerade die im Bereich der Kampfkunst die seit jeher nötige Geheimhaltung bzw. Verschlüsselung der Technik eine besondere Rolle.

Yoko-uke? Oder Tate-uraken? Oder Ura-zuki? Man weiß es nicht …

Seit Meister wie Kanryo Higaonna und vor allem Anko Itosu es vorzogen ihre Kunst einem weiteren Kreis von Interessierten als nur einer Hand Auserwählter zugänglich zumachen fehlte jedoch zusehens die erwähnte intuitiv-direkte Weitergabe von Können und Erfahrung. Der Übergang zum Training in großen Gruppen, ähnlich wie beim Militär, machte zudem ein Straffen des Übungsstoffes nötig, so dass nun alle Teilnehmer in etwa die „gleiche Kost“ abbekamen. Dass dabei vieles an Details verloren gehen musste leuchtet ein. Durch das (weitgehende) Fehlen persönlicher Unterweisung konnten zudem bestimmte, eben doch vorhandene Geheimnisse kaum mehr übermittelt werden.

Es gibt nur sehr wenige Fotos von Kanryo Higaonna (2. v.r. vorn) und nicht ein einziges wo er etwas vorzeigt.

In der Epoche von Meistern wie Chojun Miyagi, Kenwa Mabuni oder Gichin Funakoshi war daher bereits auf eine Analyse angewiesen von dem was man da weitergab, wollte man vermeiden, dass das Geübte immer mehr aushöhlte. Im Rahmen der damals eingeleiteten Strukturierung des Karate als Budō nach altjapanischem Vorbild wurden die zuvor mit „so“ titulierten Bewegungen mit Bezeichnungen versehen, die bereits auf eine Anwendung hindeuten. Das Problem dabei war, dass in den Zeiten des Umbruchs Ende des 19. Jahrhunderts insbesondere Anko Itosu umfangreiche Vereinfachungen an den Kata und deren Techniken vorgenommen hatte, sodass eine spätere Interpretation bzw. Anwendung zusätzlich erschwert wurde. So erscheinen uns Techniken wie Yoko-uke klar definiert, zugleich wissen wir aber nicht genau wie die ursprüngliche Bewegung aussah, die zu ebendieser Endposition des Armes führte. Nur unter der Annahme es handele sich um eine Abwehr können heute Kriterien für eine korrekte Ausführung gegeben werden.

San-zhan des Weißen Kranich, Vorläufer der Kata Sanchin

Im Falle der Kata Sanchin wird die ganze Diskrepanz offensichtlich, die sich innerhalb von etwa 50 Jahren Kampfkunstentwicklung während des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert manifestierte. Für mich ist klar, dass Kanryo Higaonna, sofern er denn in Fuzhou eine Form namens San-zhan oder Samchien gelernt hatte, diese gänzlich anders weitergab. Chojun Miyagi komplettierte den Wandel indem fortan die vormals offenen Hände zu Fäusten geschlossen wurden. Die heute übliche Form von Sanchin ähnelt der ursprünglichen eigentlich kaum noch, allenfalls in der Art wie die Füße bewegt werden.

Ich will mit all dem unser Karate als Kunst oder Dō nicht schlecht reden. Vielmehr möchte ich zu einer kritischen Herangehensweise ermuntern, bei der das bisher Überlieferte nicht als unumstößlich wahr oder absolut hingenommen wird. Im Kampf kann solcherart Einstellung fatale Folgen haben. Ich meine, auch in vergangenen Tagen wäre kaum ein ernstzunehmender Gegner auf die Idee gekommen mit Mae-geri oder Oi-zuki anzugreifen! Zudem können  Abwehrtechniken so wie sie allgemein gelehrt werden aus physiologischen Gründen niemals funktionieren. Sie dauern aufgrund der nervalen Reizleitungen einfach zu lange. Eine scheinbar schnelle Reaktion im Kampf ist darum eher eine Folge intuitiven Vorausahnens des gegnerischen Tuns.

Von der Flexibiltät und der Agilität dieser beiden Tiere kann man beim Karate von heute nur noch ahnen.

Bei der Faust des Weißen Kranich Bai-He Quan und deren Folgesystemen, d.h. den Vorläufern des Karate, will man denn auch kaum einen Erstangriff des Gegners parieren, vielmehr wird der direkte Kontakt zu dessen Körper gesucht (Arm zu Arm, Bein zu Bein etc.), wodurch technische Antworten auf sein Agieren eher auf Taktilität (Gefühl, nervale Reflexbögen) basieren, ohne dass man unbedingt auf optische Wahrnehmungen angewiesen wäre. Visueller Kontakt ist hingegen durchaus nötig um den Gegner einzuschätzen, ihn zu „durchschauen“, d.h. anhand kleinster Regungen nach außen hin auf dessen Inneres zu schließen. Dies erfordert viel Talent, Erfahrung und vor allem auch subtile Beobachtungsgabe (man denke an die Poker-Spieler).

Eine halbwegs realistische Interpretation des in den Kata Gelernten ist immens schwierig. Uns fehlen detaillierte Kenntnisse bezüglich der Wirkungsweise der einzelnen Aktionen. Ganz zu schweigen von den psychisch-emotionalen Problemen, die sich stellen wenn der Kampf um die Existenz, also um das Leben geht. Wir können Autoren wie Patrick McCarthy oder Mark Bishop darum gar nicht genug dankbar sein für ihre mühevolle Arbeit uns das Wissen der Vergangenheit zu erhalten und zugänglich zu machen. Während Mark Bishop auf Okinawa alle möglichen noch lebenden Zeitzeugen aus der Zeit ab Sōkon Matsumura befragte, ist es Patrick McCarthy gelungen aus dem rudimentären Sammelsurium von Strichzeichnungen und mehrfach handschriftlich kopierten Aufzeichnung des Bubishi ein für alle lesbares Buch zu machen.

Aber aufgepasst, die menschliche Erinnerung kann trügen und zudem handelt es sich bei den spärlichen Dokumenten aus der Vergangenheit um das was der jeweilige Autor freiwillig mitteilen wollte. Unklar bleibt was unerwähnt bleiben sollte und deshalb eben nicht niedergeschrieben wurde. Zudem waren derartige, sogenannte schulinternen Texte so formuliert, dass nur Eingeweihte verstanden worum es wirklich ging. Als Beispiel mögen jene Anweisungen im Bubishi dienen wie die „Quan“ (die Form) genau auszuführen sei. Man ahnt, dass es sich um die Kata Sanchin, oder besser San-zhan handelt – und das war es dann auch schon … Die Verpflichtung alles wahrheitsgetreu zu beschreiben wie im heutigen Journalismus oder in der Wissenschaft ist relativ neu. Damals wurde mitunter bewusst irregeführt („fake-news“!), um zu vermeiden, dass, sollte der Text in falsche Hände (womöglich unsere?!) fallen, keine Gefahr bestand, dass die praktische Umsetzung des Beschriebenen den Autoren selbst zum Verhängnis wird.

Wir sollten uns somit unbedingt klar sein oder werden, dass das Gros unseres Wissens bezüglich der Kampfkunst Karate letztlich auf Spekulation beruht. Für viele Leser wäre sicherlich „Bunkai“ der schönere Ausdruck. Und man bedenke, dass es sich bei den Anweisungen im Rahmen des üblichen Training im Grunde genommen schon um Bunkai handelt, da (fast) alle Bezeichnungen für unsere Techniken das Resultat von Interpretationen aus den 20er/30er Jahren sind. Ob man will oder nicht, Bunkai ist Spekulation, ohne die es aber nicht geht.

Bubishi „Originaldruck“

Gewiss, die meisten verstehen heute unter dem Begriff Bunkai eine anspruchsvolle Anwendung von möglichst höheren Kata, verbunden mit einer ästhetisch ansprechenden Darbietung, sei es während der Übungsstunde oder auf Verantstaltungen. Dagegen ist absolut  nichts zu sagen, auch nicht dagegen sich Filme mit Jackie Chan oder Jet Li anzuschauen, solange man sich der Fiktion nur bewusst bleibt. Es macht halt Freude und das soll es auch! Nur, zu glauben der Gute bliebe immer der Sieger, halte ich für fragwürdig, auch ob es unbedingt nötig ist, den Teilnehmern eines am Breitensport orientierten Trainings bestimmte, womöglich gar festgelegte Anwendungen der Kata als das Bunkai zu präsentieren.

Beim Bunkai handelt sich um eine vorläufige (!) Analyse  – und Schluss. Von wahrer Bedeutung kann nie eine Rede sein. Was wirklich hinter einer Bewegung steckt(e), bleibt leider wie so oft im Nebel der Vergangenheit. Hilfreich wäre es jedoch sowohl bei einem als Trainer selbst als auch bei den einem anvertrauten fortgeschrittenen Schülern mit der Zeit einen Blick für das Sinnvolle und weniger Sinnvolle zu entwickeln. Man spricht diesbezüglich gerne von omote und ura, vom Augenscheinlichen und Hintergründigen. Denn durch abermaliges Herunterspulen der Kata erschließt sich deren Inhalt nur mit viel Glück. Trotzdem ist häufiges Wiederholen der Technik die Vorraussetzung für spätere intuitive Eingebungen, Erkenntnissprozesse oder auch Initialisierungen durch den Meister. Es kann nämlich nur das (neu-)strukturiert werden was schon da ist, in diesem Falle eben bereits antrainierte Reaktions- und Bewegungsmuster. Mit anderen Worten, die routinemäßige Übung von Kata und Kihon ist notwendige Bedingung für den individuellen Fortschritt (Shu Ha Ri).

die hohe Kunst des Haareziehens – wie damals auf dem Schulhof

Die uns heute bekannten Karate-Techniken sind kaum geeignet einen echten Gegner zu besiegen, d.h. ihn ersthaft/tödlich zu verletzen oder ihn zumindest zu paralysieren. Dies war auch so angedacht, zunächst von Meister Itosu und dann Meister Funakoshi, und womöglich von fast allen übrigen der selben Generation. Die wenigen, die anderer  Meinung waren sind heute praktisch unbekannt, da sie nur wenige oder gar keine Schüler mehr ausbildeten. Für erstere sollte das Üben der Technik nunmehr vornehmlich der Ertüchtigung des Körpers dienen und die Praxis allgemein zu einem unbeugsamen Geist führen. Das entsprach dem damaligen Zeitgeist: Gesunder Geist in gesundem Körper, ähnlich wie bei Turnvater Jahn.

Entsprechend wurde die Technik von den Meistern so modifiziert, dass sie nur noch geringen Schaden anrichten konnte, wodurch sie aber auch an Wirksamkeit und somit an wahrer Bedeutung verlor. Andererseits sollten wir wissen was wir tun und somit eine grundlegende Vorstellung von der Wirkung und Anwendung unserer Technik haben, jedoch bereit sein diese zu hinterfragen und sie nicht zu verabsolutieren. Aus dem Bunkai entstandene Übungen sind lehrreich und wertvoll, entsprechende Vorführungen faszinierend und sie erwecken Freude beim Ansehen. Es ist halt Action und auch das entsprechende Üben macht Spaß – ein ganz wichtiger Faktor in der Budo-Praxis (s.o.).

Titel: der Gute (rechts) gegen den Choleriker

Zu trennen ist jedoch der Spaß vom Ernst einer möglichen Gefahrensituation. Die Praxis des Budō soll uns ja auch eigentlich dahin bringen, die rechte Distanz zu wahren, eben aus dem Bewusstsein der negativen Folgen einer voreiligen Gewaltaktion.  Das Entschärfen der Techniken ist hier jedoch ist aus meiner Sicht eher hinderlich. Wer nie ein echtes Schwert oder eine geladene Pistole in der Hand gehabt hat, kann kaum die Gefahr erspüren, die von solch einer Waffe ausgeht.

Ich glaube, wir werden beobachtet …

Vielleicht waren Leute wie Gichin Funakoshi auch deswegen gegen den freien Kampf? Wenn keine Wirkung erzielt werden darf, welchen Sinn macht das ganze? Andersherum könnte aber auch gefragt werden ob es Sinn mache, überhaupt Karate zu betreiben. Aber ebenso könnten Traditionen und Bräuche (Weihnachten, Neujahr, Tanz in den Mai, Geburtstag, Jubiläen) abgeschafft werden. Allerdings geben diese unserem Leben Rhythmus und Struktur. All das weglassen? Was würde bleiben?

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Karate-Grade und -Ungrade

Über dieses innerhalb des Budō nicht ganz so unproblematische Thema hatte ich mich das eine oder andere Mal schon ausgelassen, etwa unter den Titeln „Grad-Wanderungen“ und „Dan oder nicht Dan – Graduelle Abweichungen“, wenn auch dort nicht ganz so ernsthaft. Hier nun ein paar Gedanken mehr dazu.

ungerade

„Gerade“, das bedeutet im Ursprung des Wortes „nicht krumm“. In der niederen Mathematik unterscheidet man gerade Zahlen somit von den krummen, den un-geraden. Solche, die nicht durch 2 teilbar sind werden als ungerade bezeichnet. Es bleibt ein Rest in Höhe von 1, ebenfalls eine ungerade, krumme Zahl. Woher diese Bezeichnungen rühren, konnte ich nicht auf befriedigende Weise in Erfahrung bringen. Nur soviel: Im Deutschen ist seit jeher die Vorsilbe „un“ mit Negativität behaftet, sie steht gleichsam für das Gegenteilige des Guten. Man denke an das Un-Glück oder die Un-Kräuter! Insofern scheint es ein kurioser Zufall zu sein, dass der derzeitige Machthaber Nordkoreas Kim der Dritte den (nachgestellten) Vornahmen Jong-Un besitzt.

„Gerade“ – oder wie in Norddeutschland meist knapp ausgesprochen: „grade“ – heißt auf Lateinisch rectus, bei Zahlen jedoch par. Das klingt auch nach „richtig“. Gerade Zahlen sind demnach „korrekte“ Zahlen. Möglicherweise wollte man hiermit einem Wunsch nach Symmetrie Rechnung tragen, einer göttlichen Perfektion gewissermaßen. Ungerade Zahlen sind nicht so göttlich, nicht unbedingt so teuflisch wie die Primzahlen, aber doch irgendwie …

Graduierung

Doch halt, ich beginne mich wieder einmal in Spitzfindigkeiten und Wortspielereien zu verlieren, die scheinbar nichts mit dem Budō zu tun haben. Aber ist dem wirklich so? Findet man doch in praktisch allen Budō-Künsten ein Graduierungs-system, welches einen groben Anhalt über den Entwicklungsstand eines Adepten oder Meisters geben soll. Allerdings leitet sich das deutsche Wort hier vom lateinischen gradus ab, was „Schritt“ oder „Stufe“ bedeutet. Das würde fast direkt dem japanischen dan entsprechen. Und in der Tat wurde das Dan/Kyu-System von Jigoro Kano mit einer solchen Absicht geschaffen. Er orientierte sich dabei angeblich an den Dienstgraden der Militärs.

Zunächst waren es wohl je 6 Grade, dann erfolgten nach und nach Erweiterungen, so dass wir im Karate bekanntlich vom 9. bis zum 1. Kyu und danach vom 1. bis zum 9. Dan gelangen können. Kyu bedeutet im übrigen keineswegs „Schülergrad“, es handelt sich lediglich um eine andere Schreib- und Sprechweise für die selbe Sache.

Oku-Iai – Meister Hakuo Sagawa

Eine weitere Anregung für die Einführung eines neuen Stufensystems war wohl auch die vielleicht von den damaligen Verantwortlichen als antiquiert angesehene Tradition der alten Kampfkünste Japans ihre Ausbildungprogramme in drei, mitunter auch vier Leistungs- bzw. Erkenntnisstufen aufzuteilen. Man sprach von shoden, chuden und okuden.

Das Wort den wiederum bedeutet  „Methode“, „Tradition“, „Überlieferung“, in diesem Falle also tradiertes Wissen um die Prinzipien der eigenen Schule. Die jewelige Information bezüglich Technik und Übungsmethode wurde einem Schulmitglied erst nach Erreichen eines bestimmten Reifegrades weitergegeben. Die letzte „verborgene“ Stufe war dabei nur sehr wenigen vorbehalten.

Naifanchin Sandan – Itosus´s Okuden?

Diese Dreiteilung lebt indirekt weiter in den auf Meister Anko Itosu zurückgehenden Versionen der Kata Naifanchin und Rohai. Möglich auch, dass bei den Channan-Kata, den späteren Pinan, dem Meister die Idee vorschwebte, das alte System der Leistungsstufen in Erinnerung zu erhalten, indem er die „Ursprungskata“ in gerade drei Schwierigkeitsstufen aufteilte (Es gibt Quellen, die behaupten, dass es auch im Falle der Channan/Pinan-Kata zunächst nur drei gegeben habe.). Heute sagen wir „shodan„, „nidan“ und „sandan„, aber war das schon immer so? Zumindest sollten wir uns immer vergegenwärtigen, dass Meister wie Anko Itosu oder Sōkon Matsumura Mitte des 19. Jahrhunderts aufwuchsen, als die alten Sitten und Gebräuche Japans und damit auch Okinawas noch vollends präsent waren.

Je heftiger die Diktatur, desto mehr Dekoration.

Ein bestimmter Grad sagt nichts über den wirklichen Wert einer Sache aus. Er muß mit Bedeutung erfüllt werden. 20 Grad Raumtemperatur können angenehm oder unerträglich kalt sein. Im einen Fall würde sich der Wert auf die Celsius-Skala beziehen. Wenn man jedoch die Kelvin-Skala zugrunde legt, dann läge die Temperatur nach der von uns üblicherweise gebrauchten bei 253 Grad unter Null! Noch komplizierter wird die Sache wenn wir mit der Messung nach Fahrenheit anfangen. Dieses Beispiel sollte zeigen, dass die Zahl an sich nicht viel aussagt, wenn die dahinter liegende Aufteilung der zu messenden Größe in einzelne Werte und deren Abstände voneinander nicht bekannt sind. Somit ist es (nicht nur) in den Kampfkünsten recht unsinnig die entsprechende Werte zu verabsolutieren, etwa in dem Sinne, dass jemand ab einem bestimmten Grad unbesiegbar wäre oder nichts mehr zu lernen hätte, denn das genaue Gegenteil ist eigentlich der Fall.

In zahlreichen Schlachten hatte Kaiser Wilhem II Mut und Tapferkeit bewiesen – zumindest legt die Behängung dies nahe.

Jede Kampfkunst hat ihr eigenes System einer Abgrenzung der einzelnen Leistungsstufen, wobei sich im traditionellen (japanischen) Karate beträchtliche Überschneidungen zwischen den einzelnen Stilen ergeben. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass sich unser Karate in den 20er und 30er Jahren unter intensivem gedanklichen und praktischen Austausch zwischen den heute als „Stilgründer“ bekannten Meistern entwickelte.

Wir Budōka sollten daher vorsichtig sein bei der Beurteilung anderer, seien dies Leute aus den eigenen Reihen oder solche, die einem „konkurrierenden“ Stil angehören. Besonders aufpassen müssen wir hierbei jedoch bei der Betrachtung gänzlich andererer Kampfkünste. Statt auf die Ziffern zu starren ist es sinnvoller sich jenen so unvoreingenommen es geht (womöglich sogar wohlwollend) zu nähern und sie nicht nur an den eigenen Kriterien zu messen. Entsprechend sollten wir innerhalb des eigenen Stils so ehrlich wie möglich miteinander umgehen. Schön wäre es denn auch wenn wieder vermehrt Respekt und Bescheidenheit, die alten Tugenden des Budō, gewahrt würden und man weniger dem Drang nach möglichst hohen und/oder vielen Zahlenwerten nachgäbe.

Früher war mehr Lametta …

Zu der Zeit als ich noch bei Sensei Akio Nagai im SKID (Shōtōkan Karatedō International Deutschland) trainierte (1980er Jahre), war ein 2. Dan schon recht viel. Um uns herum gab es aber diverse, meist private Schulen, deren Leiter scheinbar wahre Genies der Kampfkünste waren. Bei all den hohen Graden in den verschiedensten Disziplinen war dieser Schluss durchaus naheliegend. Trotzdem wurde das Prozedere damals schon relativ leicht erkannt: Man gründe (wie einst Bruce Lee) einen eigenen Stil, der nur das Beste der bisherigen Kampfsysteme enthält (was das auch immer sei). Man wäre dann somit sein eigener Meister, was erfordern würde die entsprechend eindrucksvolle Graduierung vorzuweisen. Gedacht – getan; es gab eine ganze Reihe solcher „ultimativer“ Stile, die dann aber irgendwann wieder von der Szene verschwanden, weil sie von dem nächsten Geniestreich überholt wurden. 

erinnert mehr an einen Flugkapitän

Leider beeindruckte das Gebahren jener selbsternannter Meister allzu sehr die meist schlecht informierten Vertreter der Presse, so dass dann in teils geschmackloser Weise über die angeblich sensationellen Fähigkeiten dieser Experten berichtet wurde. Der Zulauf zu diesen vielversprechenden Instituten und Akademien war beträchtlich, während wir mit unserer realistisch-zurückhaltenden Propaganda nicht selten auf der Strecke blieben. In unserem Verdruss machten wir uns, „ermutigt“ durch unsere japanischen Lehrer, gelegentlich den Spaß jene Kampfschulen zu besuchen um die Leute dort herauszufordern. Zum Glück kam es kaum zu nennenswerten Konflikten mit Verletzten oder Polizeieinsatz. Jugendlicher Leichtsinn!

Graduierungsverächter Motobu?

Der „Schwarze Gürtel“ hat für viele Außenstehende immer noch etwas mystisches an sich und für einen Verein oder ein Dōjō sind Dan-Grade gewiss ein Reklamefaktor. Die Öffentlichkeit hat aber nur wenige Vergleichsmöglichkeiten, weshalb wir, die wir es ernst meinen mit der Moral, die wir so gerne proklamieren, diesbezüglich korrekte Angaben machen und bei der Wahrheit bleiben sollten, wodurch wir jeglichen unlauteren Wettbewerb zu vermeiden helfen. Zu meinem Bedauern greift aber die Dan-Inflation mittlerweile auch vermehrt in bisher graduierungs-technisch eher restriktiv agierenden Organisationen über. So tummeln sich allerlei unangemessen hochrangige Instruktoren in besonderen Führungspositionen, weil es für das Image der Association/Federation natürlich mehr hermacht, wenn im Vergleich der heute zugegeben sehr starken Konkurrenz zumindest scheinbar ein möglichst hohes Ausbildungsniveau vorherrscht.

Dabei sagen die Graduierungen nur wenig bis gar nichts über Fähigkeiten, Erfahrung oder Kreativität der betreffenden Personen aus. Bisweilen ist sogar jemand auf ein Niveau gerutscht, das ihm eigentlich (noch) gar nicht zusteht, wobei der eigene Sempai/Trainer überholt wurde. Zu erklären ist dies durch das geschickte Erheischen von der Meisters Wohlwollen, indem der Aspirant die Gegebenheiten in seinem Verantwortungsbereich (Land oder Provinz) besonders schönredet und es dabei mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Die Berichte entsprechen dann mehr dem Wunschdenken, vor allem dem des Meisters, als der Realität.

Antreten zum Grad-Verleih

Viele der heutigen durchaus hochqualifizierten Meister sind zugleich Chef ihrer eigenen, meist weltumspannenden, Organisation. Durch das englische und damit international klingende Wort „Association“ wird einem schnell eine beträchtliche Größe derselben vorgegaukelt. Tatsächlich haben viele dieser „Weltverbände“ nur Mitgliederzahlen von einigen Tausend, also um die 80 bis 200 pro Mitgliedsland. Zum Vergleich: Der Deutsche Karateverband umfasst etwa 120.000 Mitglieder. Vertretungen in so und so viel Ländern der Erde bedeutet denn auch in Wirklichkeit meist: Es gibt dort irgendwo mindestens einen halbwegs ernsthaften Schüler des Meisters als „Repräsentanten“ des jeweiligen Stils mit seiner mehr oder minder groβen Gruppe von Anhängern, nicht selten jedoch auch nicht mehr.

ein Klassiker

Die Ziffern vor dem „Dan“ müssen richtig ein- bzw. zugeordnet werden, dann korrelliert die Qualität mit der Quantität. Mein derzeitiger Lehrer Sensei Fumio Demura besaß 19 Jahre lang den 5. Dan. Nach seinen Bekundungen hatte dies seine Ursache in organisatorischen Problemen. Er hatte bei all seinen Verpflichtungen in Kalifornien einfach zu wenig Zeit um nach Japan zu reisen und sich einer für ihn damals weniger wichtigen Prüfung zu stellen. Man kann das so oder so beurteilen, sollte dabei jedoch bedenken, dass der Kontakt zu seinen Kollegen in Japan damals eher ein wenig frostig war. Im Jahr 1993 wurde er dann aber endlich in Anerkennung seiner Verdienste von seinem Meister Ryusho Sakagami im Rahmen eines Besuches desselben in den USA direkt zum 7. Dan befördert. Die Verleihung des 9. Dan erfolgte im Jahr 2005 im Namen des japanischen Hozon Shubu-kai Verbandes durch dessen Präsidenten Shigeru Sawabe.

Monument auf der Insel Ganryu-jima: Das berühmte Duell zwischen Miyamoto Musashi und Sasaski Kojiro

Wenn ich selbst auf das leidige Thema angesprochen werde, so antworte ich meist auf norddeutsch-scherzhafte Art, also scheinbar bitter-ernst, dass ich es meinem Meister gleichtun wolle, womit ich nicht selten heftiges Erstaunen hervorrufe. Man müsse doch vorankommen, höre ich dann. Ich meine: Natürlich muß man vorankommen, es ist sogar unabdingbar und gehört zur Essenz des Budō. Jedoch denke zumindest ich dabei an technisch-spirituellen Fortschritt, weniger an Zahlen. Denn durch eine höhere Ziffer wird die Technik keineswegs besser, sondern nur durch die tägliche Praxis. Seit meiner letzten Prüfung sind nun acht Jahre vergangen, es fehlen daher nur noch elf. Na gut, ganz so extrem muss es ja nicht kommen. Aber trotzdem, gut Ding will und soll Weile haben. Denn mit dem Grad steigt auch die Verantwortung gegenüber dem kampfkünstlichen Umfeld.

Wichtiger als alle Zahlen: tägliches Üben

Wie all jenen bekannt, welche in den 80er Jahren Eiji Yoshikawas Novelle über Miyamoto Musashi gelesen haben, war auch dieser ein Grad-Verweigerer, genau wie sein Kontrahent und Erzrivale Sasaki Kojiro, der jedwede Beurkundung seines Könnens  (menkyo kaiden) ablehnte. Die Beispiele dieser beiden können so manchem vielleicht helfen zur rechten Bescheidenheit zurückzugelangen. Humorvoller Schluss dieser Betrachtung: zu Recht erworbene Grade stehen im Gegensatzt zu den Un-Graden. … Naja, etwas gequält, aber ich lass´ es trotzdem so stehen!

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Dem Alter gerecht üben im Budo – Teil 2

Im ersten Teil dieses Beitrags hatte ich die sich bei uns mit der Zeit ändernden körperlichen Voraussetzungen erörtert und auf die Möglichkeiten hingewiesen wie man sich trotz der sich eventuell hieraus ergebenden Einschränkungen eine wirksame Technik erarbeiten und deren erfolgreiche Anwendung gewährleisten kann. Hier nun einige Details und Tipps für die Umsetzung in die Praxis:

War bekannt für sein exzessiv hartes Training: Meister Funakoshis Sohn Yoshitaka. Er starb relativ jung an Tuberkulose ….

Das Erfassen neuer Strukturen fällt jüngeren Menschen leichter, vor allem wenn sie noch in der Ausbildung stehen. Ist diese abgeschlossen, dann erfolgt bei vielen ein Übergang zur Routine, welcher oft auch das übrige Leben betriff. Als Folge kommt es zu Umstrukturierungen im Gehirn, die den geändernten Anforderungen Rechnung tragen und das Erlernen neuer Strukturen fällt schwerer. Insofern stellt die Maxime „Budō is a life-time study“ all jene vor gewisse Probleme, welche es nicht vergönnt war ihre Fähigkeit zu Lernen hinreichend zu erhalten.

So bereitet das Neuerlernen von Kata vielen Erwachsenen erhebliche Schwierigkeiten, allerdings weniger was die technischen Details angeht, denn hier ist Gedult und Beharrlichkeit gefragt, etwas was vielen Jungendlichen (noch) fehlt, sondern mehr bezüglich der bisweilen recht langen und komplexen Abläufe. Als besonders krasse Beispiele wären hier die Kata Kushanku-dai oder Suparinpei zu nennen. Jugendliche haben den Ablauf von solchen Kata meist nach einem bis zwei Trainingsabenden drauf, Erwachsene fortgeschrittenen Alters brauchen hierfür mitunter Wochen bis Monate

Auch frühere Kata-Champions waren nicht rei von Fehlern. Wer findet sie?

Persönlich hege ich daher schon seit langem meine Zweifel an der Notwendigkeit der Anzahl der z.B. für Prüfungen für nötig erachteten Kata, gerade auch weil mein eigener Stil Shito-ryū in dieser Hinsicht als besonders extrem auffällt. Gewiss müssen wir die zu erlernenden Kata nicht wie in alten Zeiten auf zwei oder drei beschränken, jedoch sollte man den Fortschritt den Menschen nicht unnötig durch eine Masse an Kata erschweren, die sich in weiten Teilen überschneiden und sich dadurch bezüglich Sequenz und Einzeltechnik zumindest vom Anschein her eigentlich nur wiederholen. Basis-Kata wie Sanchin, Tensho oder Naifanchin halte ich für unumgänglich. Was darüber hinaus geht stelle ich jedoch zur Diskussion unter Experten oder solche, die sich dafür halten. Natürlich gehe ich mit Meister Kenwa Mabuni konform, wenn es darum geht möglichst viele der noch bekannten Kata der Nachwelt zu erhalten. Dieser Aufgabe mögen sich gern all jene widmen, die dazu fähig sind und daran Freude haben, sie sollte aber niemanden aufgezwungen werden. Aber wie so oft habe auch ich für dieses Problem keine ideale Lösung parat.

Meister Kanazawa macht es vor: 5% Rest vor dem vollständigen Strecken des Ellbogens

Wie im ersten Teil dieses Beitrags bereits angedeutet, handelt es sich bei einer dem Alter gerechten Trainingspraxis um einen Übergang von einer rein körperlichen hin zur feinstofflich bzw. „energetisch“ ausgerichteten und letztendlich vielleicht sogar von Spiritualität geprägten Form des Übens –  wobei der Umgang, oder besser gesagt, die Arbeit mit dem Ki (Qi) eine zentrale Rolle spielt. Wir erinnern uns vielleicht noch: Der Ki-Begriff ist im Japanischen recht umfassend. Er beinhaltet neben dem (in traditionellen Medizinsystemen postulierten) feinstofflichen, lebenserhaltenden Fluidum auch eine Umschreibung von Phänomenen, die sich der strengen Logik entziehen, vor allem unser Gefühlsleben. Durch einen geschickten Trainingsaufbau, in welchem wir uns zwar fordern, aber nicht überforden, kann eine Verbesserung dieses Ki-Flusses erreicht werden, was sowohl unseren Fähigkeiten im Kampf, vor allem aber unserer Gesundheit zugute kommt. In der täglichen Übungspraxis sollten daher aus meiner Sicht folgende Gesichtspunkte besondere Beachtung finden:

– Wir müssen unsere Gelenke schonen, insbesondere die von Knie und Ellbogen. Das beliebte vollständige „Einrasten“ bei den Stoßtechniken ist darum zu vermeiden. Vielmehr gilt es die schnelle Bewegung von Schlägen und Stößen durch die der jeweilgen Bewegung entgegengesetzt wirkenden Muskeln, die Antagonisten zu bremsen, kurz bevor es zur völligen Streckung kommt (mehr darüber in meinem Buch Die Form des Karate). Zum Beispiel empfiehlt es sich in der Endstellung des Fauststoß Gyaku-zuki das Ellenbogengelenk noch zu ca. 5% gebeugt zu halten.

Die Wirbelsäule muss allen Belastungen standhalten, wozu sie naturgerecht auszurichten ist. Überlastungen durch Fehlhaltungen sind zu vermeiden.

– Gelenksverschleiß ist eine der häufigsten Quellen von Beschwerden bei älteren Sportlern, nicht nur im Karate, welche auf Überforderung in jüngeren Jahren zurückgehen. Es empfiehlt sich daher schon rechtzeitig eine „elastische“ Ausführung der Techniken zu erlernen. Insbesondere bei gestoßenen Tritten wie Ushiro-geri oder Yoko-geri. Es leiden sonst unnötig die Hüft- und vor allem die Kniegelenke. Letztere sind gegenüber seitlicher Belastung hochempfindlich. Wir können sie gesund erhalten, indem wir stets auf die korrekte Ausrichtung der Füße, besonders im Anschluss an Körperdrehungen, achten.

– Fortgeschrittene sollten zudem auf lange Sicht auch bei den Stoßtechniken von der statischen Endphase zu einer federnden übergehen. Diese in Okinawa mit muchimi bezeichnete Ausführungsweise ist gelenkschonender und zudem oft wirkungsvoller.

– Besonderer Augenmerk ist auf eine korrekt ausgerichtete Wirbelsäule zu richten, wobei durch gedankliches Strecken nach oben und unten die natürlichen Krümmungen leicht verringert werden, was die Belastung der Bandscheiben zu vermindern hilft.

Geöffnete Hände erleichtern die Zirkulation des Ki:  Kata Shisochin.

– Die zerstörerische Kraft der Karate-Technik soll den Gegner treffen, insofern es unsinnig ist beim Üben übermäßige Härte gegen sich selbst walten zu lassen. Gewiss sollte ein Krieger einigermaßen hart im Nehmen, vor allem aber im Geben sein. Andererseits sollte er darauf achten, dass sich die Härte des Trainings nicht verselbstständigt und er am Ende an sich selbst zugrunde geht (statt durch einen siegreichen Feind, was zumindest noch ehrenhaft wäre). Die Meister warnten in früheren Zeiten daher auch vor dem „Übel des Steins“. Hiermit wurden durch übermäßig auf Härte ausgerichtetes Training hervorgerufene Ansammlungs- und Stagnationsprozesse bezeichnet, die zu Bluthochdruck und später zu Hirn- oder Herzschlag oder zu Geschwülsten, wir würden heute sagen zu Krebs, führen.

– Für eine routinierte, bis ins Unbewußte vertiefte Technik ist deren abermaliges Wiederholen nötig. Neben der Präzision ist auf die richtige Dosierung der Kraft zu achten. Schläge, Stöße und Tritte erfordern in ihrer Anfangsphase der Bewegung „maximale Beschleunigung“. Ansonsten empfehlen die Meister für das Routinetraining einen Krafteinsatz von etwa 30% des möglichen. Dem Aspekt der Körperertüchtigung (Workout) kann durch entsprechend zahlreiche Wiederholungen Rechnung getragen werden. So empfahl etwa Meister Chojun Miyagi für das allmorgendliche Üben am Makiwara zunächst 200 Stöße mit der linken, dann 200 mit der rechten und wieder 200 Stöße mit der linken Faust, was wohl kaum möglich ist wenn man sich gleich zu Beginn verausgabt.

Schulung der Balance: Kata Rohai

– Für das Wirksamwerden unserer Techniken braucht es einen festen Stand. So macht es nur wenig Sinn Fauststöße auszuführen während der Körper noch „unterwegs“ ist. Alle Schrittbewegungen in Kata und Kihon sollten daher weitgehend zu Ende kommen bevor gestoßen oder geschlagen wird. Dies betrifft vor allem auch die Drehungen, welche bei angemessenem Timing weniger kraftzehrend und damit schneller vonstatten gehen. Die Zeitabstände zwischen den beiden Phasen werden dann durch die verbesserte Ökonomie allmählich von selbst immer kürzer.

– Jede Technik braucht ihre Zeit zur vollen Entfaltung. Alle Einzelbewegungen einer Kata müssen darum vollständig zu Ende gebracht werden bevor man die nächste beginnt. Im realen Kampf kann ein zu hastiges Agieren fatale Folgen haben. Insbesondere bei den Tritten ist auf das hinreichende Zurückziehen und kontrollierte Absetzen des Fußes zu achten.

– Das Tempo, mit der eine Kata geübt oder vorgeführt wird sollte eher verhalten sein, sodass alle Bewegungen zu Ende gebracht werden und ihre „Essenz“ erspürt werden kann, womit der gewünschte Vertiefungsprozess erst möglich wird. Geschwindigkeit entsteht mit der Zeit von allein, wenn die Koordination optimiert wurde und damit „die Kanäle frei“ sind. Übereiltes Ausführen der Kata lässt im übrigen auf fehlendes Zanshin (mentale Präsens) schließen.

Nach wie vor essentiel für alle Alterstufen: die Nainfanchin-Kata

– Zwar kann es so für Außenstehende dem äußeren Bild unserer Kampfkunst ein wenig an Dynamik fehlen, jedoch sollte das für uns ohne Belang sein. Andererseits kann durch das beschriebene Herangehen an die Übung das bisherige Image des Karate überwunden werden, sofern wir nur gewillt sind Rigidität gegen mit Geschmeidigkeit gepaarte Straffheit zu tauschen. Gerade die männlichen Budōka können so loskommen von einem falschen Ideal. Der wahre Krieger erscheint äußerlich sanft, ist aber in der Lage sofern nötig die schon erwähnte physische Härte gegen den Feind walten zu lassen und „auszuteilen“. Jedoch wird er diesem zugleich mit Verständnis und Wohlwollen begegnen, soll ein Konflikt im Sinne des Budō zu einer langfristigen Lösung finden.

– Auch beim Kumite sollten wir wie bei Kata und Kihon auf Präzision bedacht sein und entsprechend verhalten üben und keine Hektik aufkommen lassen. Zusätzlich haben wir hier auf den korrekten Abstand ma-ai zu achten, der von Technik zu Technik recht stark variieren kann. Schnelligkeit ist darum eher zweitrangig, sie ergibt sich (wieder einmal) aus dem optimalen Timing, wobei eine scheinbar schnelle Reaktion eigentlich aus dem subtilen Vorausahnen eines Angriffs herrührt. Das teils unbewußte Einfühlen in die Absichten des Gegners sollte darum das langfristige Ziel aller Partnerübungen, insbesondere von Übungskämpfen sein.

Naifanchin – verhaltenes Üben trotz Wirken der Schwerkraft.

– Bei den Übungen von Abwehr und Gegenangriff sollte flexiblem Ausweichen gegenüber den klassischen harten Basistechniken der Vorzug gegeben werden. Der ideale Winkel beträgt 45°. Aus ihm läßt sich am leichtesten der Abstand zum Gegner anpassen, und zwar mit den Schrittübungen Tsuri-ashi und Tsugi-ashi (s. Buch). In fortgeschrittenem Stadium wird dieses Ausweichen immer knapper und der 45°-Winkel somit zwar gedanklich angestrebt, aber nach außen hin nur noch ansatzweise realisiert bzw. sichtbar.

– Desweiteren sollten wir uns im Kumite bezüglich der Abwehraktionen auf einfache Techniken beschränken, denn der Erstimpuls muß immens schnell sein, soll das Nachfolgende überhaupt einen Sinn machen. Es geht vornehmlich um zügiges Reagieren, allzuviel Verspieltes oder Spektakuläres behindern dabei nur den Geist. Von überschwänglichem und allzu hypothetisch ausgelegtem Bunkai mit übermäßig langen Sequenzen ist darum abzuraten.

– Budōka reiferen Alters sollten Ambitionen bezüglich Meistertitel abgelegt haben. Im Ernstfall, d.h. in einem Kampf, bei dem offensichtlich das Leben in Gefahr ist, werden andere Hirnareale aktiv als bei Auseinandersetzungen um Ansehen und Rangfolge (sog. Ritualkämpfe), wie etwa auf Turnieren oder in der Kneipe. Zur angemessenen Wirksamkeit kommt es in solch einer Situation nur wenn die individuell optimierte Technik mit einer spontanen und kompromisslosen Reaktion gepaart ist.

Naifanchin – Arbeit am Detail

– Beim Üben der Kata empfinde ich es als „spannend“ mir vorzustellen was die Meister vergangener Zeiten wohl an Information herüberbringen wollten. Eins ist jedoch klar: Es fanden aus Gründen der damals notwendigen Geheimhaltung umfangreiche Verschlüsselungen statt, so dass unsere Kata nie 1:1 anwendbar sind. Mehr noch, häufig ist die einzelne Bewegung nur als Ansatz zu einer weit vielschichtigeren Aktion zu sehen. Eingeweihte wußten damals was gemeint war, wir heute kaum noch. Vielleicht ist es jedoch schon ein kleiner Fortschritt, wenn wir lernen Kamae von Waza, also abwartende Körperhaltung von ausgeführter Technik zu unterscheiden.

– Die Gymnastik ist darauf zu beschränken den Körper auf die anschließende Belastung vorzubereiten. Muskeln, Sehnen, Gelenke und Nerven werden optimal erwärmt, deren eigentliches Training ist dann aber die Technik. Zu beachten wäre hier, dass bestimmte Muskelgruppen mit den Energieleitbahnen (Meridianen) der Traditionell-Chinesischen Medizin korrellieren. Es ist darum ratsam mit der Stimulation der rückwärtigen Muskeln (Tai-Yang) zu beginnen, es folgen die der Front (Yang-Ming) und im Anschluss die der Körperseiten (Shao-Yang). Dies ist aber nur eine Richtlinie und nicht von allzu tiefer Bedeutung. Wichtiger ist es mit genügendem Gemach an das Erwärmen und anschließende Strecken heranzugehen. Es genügt wenn jeder einzelne Muskel des Körpers im Laufe der Gymnastik einmal ausgiebig gedehnt wurde.

Eisenhandübung – sofern das Material es zulässt.

– Bei der Gymnastik ist zudem auf absurde Übungen zu verzichten, die sich zwar über die Jahrzehnte etabliert haben, die aber mehr schaden als dass sie Nutzen bringen. Viele von ihnen sind vom Konzept her falsch ausgelegt oder nicht genügend durchdacht. Beispiele wären der Hürdensitz oder Dehnungsübungen frei auf einem Bein. Bei letzteren laufen im Gehirn zwei gegensätzliche Botschaften zusammen. Das Halten des Gleichgewichts erfordert die Aktivität zahlreicher Muskeln an Rumpf und Bein. Dehnungen, deren Vorausetzung ja die Entspannung ist, werden so erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Letztlich ist für eine tiefe und vollständige, vor allem aber risikolose Muskeldehnung die Entspannung möglichst aller Körperbereiche von Vorteil, weshalb viele der sinnvollen Übungen auf dem Boden durchgeführt werden. Zumindest muss gewähleistet sein, dass nicht irgendein Muskel dem jeweils angestrebten Dehnungsprozess unkontrolliert entgegenwirkt.

– Für die meridianbezogene Dehnung der Muskeln der Arme eignet sich besonders die Kata Tensho. Diese ist auch recht dienlich als Übergang hin zum regulären Training im Anschluss an die Aufwärmphase, und dies weit besser als die Kata Sanchin, die heutzutage meist viel zu kraft- und spannungslastig geübt wird. Tensho entspricht in ihrer Charakteristik denn auch mehr dem historischen Original der Kata Sanchin mit dem chinesischen Namen San-zhan oder Sam-chien.

 – Krafttraining: Wer darauf nicht verzichten mag, die/der sollte dieses am Ende des Trainings durchführen. Dazu schrieb schon Meister Hidetaka Nishiyama in seinem Buch Karate: The Art of Empty-Hand Fighting, dass das beste Krafttraining die Technik selbst sei (Anmerkung: Sie muß nur häufig genug ausgeführt werden.). Es gäbe allerdings als Ausnahme die Bauchmuskeln, welche für Dynamik und Stabiltät essenziell sind und darum eines gesonderten Aufbaus bedürfen.

Daoistische Übung: durch Qi-Aufnahme von einem Baum an Kraft gewinnen.

Soviel zur Übungspraxis. Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass aus dem Wissen um die beschrieben Sachverhalte in Verbindung mit der beständigen, langfristigen Verfeinerung der Technik beim Übenden eine Gelassenheit entsteht, welche zur Auflösungen von Verspannungen, sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler Ebene führen kann. Hieraus ergibt sich wiederum der allseits gepriesene gesundhaltende Effekt des Karate, der das Eintreten von tatsächlichen, nach außen hin sichtbaren Alterserscheinungen dann bisweilen zeitlich nach weit vorne verlagert.

Egal wie intensiv man jedoch mit Hilfe des täglichen Trainings dagegenan arbeitet, bei fortschreitendem Alter lassen Schnelligkeit und Muskelkraft nach. Daher wird für den Kampf das geschickte Anpassen an Gegner und Situation immer wichtiger. Bei angemessenem Traingskonztept sollte dies aber gewährleistet sein. Die so erlangte taktische Flexibiltät im Kampf überträgt sich meist sogar auf das übrige Handeln, beginnend vom Üben an sich bis hin zu den Dingen des täglichen Lebens. Budō bedeutet in diesem Sinne: Über den Körper den Geist schulen.

Den Baum stützen, dass er nicht umfällt.

Altersgerechtes Üben ist somit abhängig von der Grundeinstellung, nämlich was frau/man von der Praxis erwartet und wie es erreicht werden soll. Gelegentlich sollte daher auch die Frage nach den Prioräten gestellt werden sollte: „Wo steht Budō in meinem Leben?“ Ich meine, wenn man sich schon dafür entscheidet, so sollte man konsequent sein und ernsthaft an die Sache heran gehen, dabei jedoch eine gesunde Distanz wahren und allen Fanatismus vermeiden. Budō sollte durchaus einen hohen Stellenwert haben, wenn auch nicht den höchsten.

Insofern bewahrheitet sich das – eigentlich allen bekannte – Geheimnis des Karate-dō, nämlich Bescheidenheit gepaart mit beständigem Üben. Dabei klingt einigen „Bescheidenheit“ sicherlich ein wenig zu pathetisch und „Selbstkritik“ und „Heiterkeit“ wären vielleicht die besseren Worte, gleich bedeutend damit dem bitteren Ernst mit Humor zu begegnen. Und wahrer Humor ist doch, wenn man über sich selbst lachen kann … Vielleicht wäre dies sogar ein passender Ratschlag als Abschluss zum gegebenen Thema. Insofern bitte ich darum die letzten Fotos nicht allzu ernst zu nehmen!

Offen gebliebene Fragen beantworte ich gern auf dem am Wochende des 21./22. April 2018 in Lübeck stattfindenden Lehrgang. Er wird vom Genbukai Lübeck e.V. ausgerichtet. Nähere Informationen gibt es bei Rainer Kummerfeldt, Email: rainer.kummerfeldt@online.de.

 

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