Korona-Bushi – Karate im Zeichen des Virus

So manche/r, der/die sich dann und wann auf meinen Blog einfindet, hat für sich vielleicht schon einige profunde Kenntnisse bezüglich der Kultur und Gebräuche Japans angeeignet, womöglich sogar über die klassische oder auch moderne Musik des Landes. Irgendwo zwischen Volkslied und nostalgischem Schlager angesiedelt sind einige Versionen des Liedes Tanko-bushi, frei übersetzt „der Kohlenkrieger“. Es entstand wohl im 19. Jahrhundet, als Japan begann sich, zumindest äußerlich, zum Staat nach westlichem Vorbild zu wandeln und im Zuge der Industrialisierung auch die Förderung von Steinkohle zu intensivieren. Tanko-bushi ist somit ein Kohlenkumpel-Song, recht vergnüglich anzuhören und wird gerne bei volkstümlichen Festivals als Musik zu traditionellen Tänzen, z.B. den bon-odori aufgelegt. Ein Beispiel ist unten angefügt.

Ganz anders klingt dagegen das Lied des Kuroda-bushi. Es handelt von der dramatischen Geschichte eines todesverachtenden und zugleich trinkfesten Samurai. Die Melodie ist getragen, fast wie ein spanischer Fandango. Entsprechend wird dieses Lied denn auch inner- und teilweise wohl auch außerhalb Japans gerne zu fortgeschrittener Stunde im Kreise traditionsbewusster (reis-)weinseeliger Budōka angestimmt. Beispiel siehe unten.

Was diese Info hier bezwecken soll? .. Nun, ein klein wenig mehr Heiterkeit als sonst kann uns doch helfen mit der Virus-Krise emotional fertig zu werden. Nach dem Lockdown wollen ja alle gern zu einer gewissen „Normalität“ zurück und dies natürlich auch bei uns in Budō-Kreisen. Allenthalben wird dann auch viel Sorge getragen wie im Übungsbetrieb Abstands- und Hygieneregeln einhaltbar sein können ohne dass die Effektivität der Übungspraxis zu kurz kommt. Dabei weisen die meisten Budō-Disziplinen, genau wie die chinesischen Wushu, in ihrem Grundkonzept einen enormen Vorteil auf, der in anderen Sytemen der körperlichen Ertüchtigung weitgehend fehlt. Es handelt sich um tradierte Formalismen, uns als Kata bekannt, welche in der Vergangenheit wohl aus vergleichbaren Beweggründen entwickelt wurden.

Schlemihl, rechts im Bild, suchte schon vor der Krise allzu sehr die Nähe … „genau!“

Uns Karate-Leuten fällt es in Zeiten geforderter sozialer Distanz weitaus leichter mit der Praxis (einfach) fortzufahren; Kata und Kihon machen es möglich. Und sogar im Bereich des Kumite bietet sich dem flexibel denkenden Übenden oder Trainer ein weites Spektrum an Übungen, bei denen der Mindestabstand von 1,5 bis 2.0 m leicht einzuhalten ist. Ich denke dabei an eine Form der Übung, die Meister Funakoshi in seinem Werk Karate-dō Kyohan mit Iai bezeichnet hatte. Er bezog sich dabei zwar mehr auf eine besondere Kumite-Form aus dem Sitzen heraus, die Grundidee des Iai blieb dort aber erhalten: Angriff und Verteidigung gestalten sich im Verhältnis recht einfach, vielmehr wird Wert auf eine möglichst spontane und angemessene Reaktion gelegt.

Der Begriff i-ai setzt sich aus den Kanji i, in etwa „vollständig präsent sein“ und ai für „Harmonie“ zusammen. Mit dem völligen Präsentsein meint man – so hab´ ich es verstanden – eine geistige Wachheit, die Anwesenheit im Hier und Jetzt, wobei jedwede Gedanken, die bei der Übung aufkommen mögen sofort wieder losgelassen werden sollen. Dies dient dem freien Fluss des Ki, der vonnöten ist um auf unvorhergesehene Angriffe, insbesondere aus dem Hinterhalt, angemessen antworten zu können. Der Übende soll  zum Einklang mit seiner Umgebung finden, gleichsam eins-werden mit dem potentiellen Angreifer, eine Grundvoraussetzung für das Vorausahnen eines Angriffs, was erst eine spontane und sichere Gegenreaktion, die nicht vom „Glück“ abhängt, ermöglicht.

Iai-dō

Die meisten kennen und einige von uns praktizieren sogar das Iai-, heute bekannt als eine besondere Form der Übung mit dem japanischen Schwert. Es entstand, wie fast alle Budō, im ausgehenden 19. Jahrhundert aus dem Iai-jutsu. Letzteres war zuvor in den traditionellen Kampfschulen Teil eines Gesamtkonzepts. Gleichwohl gibt es im Iaidō als geschlossenes System Suburi-, d.h. Kihon- und auch Partnerübungen, nicht zu vergessen den Effektivitätstest Tameshi-giri.

Die Kata des Iai-jutsu bzw. Iai-dō erscheinen von außen gesehen recht einfach, komplett anders als die mitunter sehr langen und komplexen Abläufe der Kampfkünste chinesischen Ursprungs, wie auch die des Karate. Natürlich muss auch im Iai-dō die Technik bis ins Detail stimmen, dies jedoch eher als Voraussetzung für die eigentliche – mentale – Übung: Die Ausführung der Kata soll im Laufe der Zeit vermehrt ohne willentliches Zutun, „wie von selbst“, stattfinden.

Auf technischer Ebene geht es vornehmlich darum auf zügige Weise das Schwert aus der Scheide zu bringen, den imaginären Gegner zu „besiegen“, um am Ende die Klinge sicher wieder zurückzuführen. Bei fehlender Kontrolle der Bewegungen kann es zu Schäden an Schwert und Scheide oder gar der eigenen Hände, bisweilen sogar der Füße kommen. Im Moment der Überraschung und vor allem angesichts eines möglichen Todes kann jede Hast verheerend wirken. Ein kühler Geist, der gelernt hat auch in solch extremer Lage gelassen zu bleiben – was einfach klingt – und der auf eine sichere und effektive,  über einen langen Zeitraum erlernte Technik zurückgreifen kann, ist das letztendliche Ziel der Übung des Iai.

Iai der etwas besonderen Art

Derlei Übungen lassen sich bis zu einem Grade auch mit einem (oder mehreren) Partner(n) durchführen. Dabei werden Aspekte wie genaues Treffen oder Abstände vorerst außer Acht gelassen. Man könnte sagen, auf Reaktion und Timing kommt es an. Gewöhnlich widmen sich solcher Art Training eher Fortgeschrittene, die sich nicht mehr auf vordergründige Details ihrer Technik konzentrieren müssen. Zudem wird das Repertoire der Aktionen auf wenige Grundmuster eingeengt. Die „Kontrahenten“ stehen oder sitzen sich gegenüber, einer verteidigt, der andere oder die anderen greifen an. Angriffs- und Abwehr-/Konteraktonen können abgesprochen werden, man kann aber auch zu einem gewissen Grade „frei“ agieren. Das ganze funktionert gefahrlos natürlich nur auf Distanz, d.h. wir stehen 2, 3 oder mehr Meter auseinander. Das Ziel der Übung besteht darin, früher mit der eigenen Aktion fertig zu sein als die vermeintlichen Angreifer, wobei es nicht um Schnelligkeit der Technik selbst geht, sondern um das frühere Einsetzen der eigenen Aktion. Sen-no-sen wäre hier ein passendes Stichwort.

Für das Karate eröffnen sich hier verschiedenerlei Möglichkeiten:

– Wir können alle Formen der kampfbezogenen Partnerübung (also nicht die Fitnessübungen) mit großem Abstand üben, wobei jedweder direkter Kontakt wegfällt und die Übung rein optisch-akustisch, d.h. „fernsensuell“ vonstatten geht.

– In der Unter- und Mittelstufe können wir z.B. Kihon-ippon-kumite auf 3 – 4 m Distanz üben (lassen), wobei besagte Reaktionsschnelle den Hauptschwerpunkt (bei korrekter Technk!) bilden soll.

– Fortgeschrittene können jedwede Form des Kumite analog umsetzen, insbesondere Situationen des Turnierkampfes.

– Besonders das Einüben von Überraschungsangriffen, etwa von der Seite oder vom Rücken her können zunächst langsam, dann zügiger durchgeführt werden. Dabei kann es dienlich sein den Angriff zunächst mit einer Art „Kiai“ anzukündigen.

– Bisweilen kann es hilfreich sein wenn ein „Schiedsrichter“ die Übenden beobachtet, korrigiert und bestimmt ob der Übungszweck erfüllt wurde.

aus Zeiten lange vor der Krise

Der Erwähnung wert sind natürlich auch die uns allen bekannten, überaus geduldigen Ersatzpartner wie Makiwara, Sandsack und wer mag die chinesische Holzpuppe. Bei ihnen besteht kaum die Gefahr einer Ansteckung, auch nicht, dass sie sich wehren oder zurückschlagen (ein Witz!).

Ich hoffe ich konnte mit dem hier geschilderten „Corona-Iai“ der/dem einen oder anderen Instruktor/in einige Insprirationen liefern, auf dass wir dann als ehrenwerte Korona-Bushi in die Geschichte eingehen mögen.

 

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Nix los – auch im Budo.

etwas zur allgemeinen Lage

Kontemplation …

Seit Beginn des Jahres habe ich nur noch wenig verlautbart. Dies wird manche/n Leser/in vielleicht wundern, denn in Zeiten verordneten privaten Rückzugs sollte man doch eigentlich viel mehr dazu kommen sinnfällige Texte zu schreiben. Natürlich ist dem auch so bei mir.

Allerdings ist die Thematik Budō mittlerweile „ausgereizt“ und ein Blick auf mein eigenes Blog-Werk neulich ließ mich  selbst staunen, was ich in all den Jahren so zusammengereimt habe. Andererseits geschieht in der Szene im Moment auch nicht viel neues, das eine Stellungnahme wert wäre.

Ohne mich nun mit dem berühmten Mann auf eine Stufe stellen zu wollen, so habe auch ich, ähnlich wie es einst Isaac Newton tat, als er in den Pestjahren Ende des 17. Jahrhunderts auf dem Land zurückgezogen seine Philosophia Naturalis Principia Mathematica verfasste, begonnen an einem dritten Buch zu arbeiten.

Obschon ich bereits zum Ende des vergangenen Jahres begann erste Entwürfe hierfür zu formulieren, nutze ich nun die im erhöhten Maß zur Verfügung stehende Zeit um jene rudimentalen Gedanken zu präzisieren. Ich widme mich einem Thema, das mich schon länger bewegt. Einzelne Aussagen hierzu findet man ja beim Lesen meiner diversen Beiträge immer wieder.

Es geht um das Qi bzw. Ki, welches in den Ländern Südostasiens, allen voran China, Japan und Korea in allen Bereichen des Lebens gegenwärtig ist. Die Menschen dort erklären mit dem Begriff alltägliche und subtile Phänomene auf detaillierte Weise sowie das eigene Empfinden und das Erleben der Natur. Insbesondere in Heilkunde  und Kampfkunst arbeiten wahre Experten bevorzugt mit dem Qi. Aber inwieweit ist dieses nur postuliert und kann seine Existenz – oder Nichtexistenz – irgendwie doch nachgewiesen werden? Ich möchte die fundamentale Größe der asiatischen Weltsicht kritisch und offen hinterfragen um sie dann für uns Europäer noch leichter annehmbar zu machen. Wie lange es das dauern wird bis ich hiermit fertig bin, ist schwer abzuschätzen ..

als Schutzmaske ungeeignet

Darum an dieser Stelle vielleicht doch noch etwas Aktuelles. Aus Gründen des Schutzes vor Infektionen ist folgendes zu beachten:

– Auf das Training am Makiwara in den frühen Morgenstunden ist zwecks Vermeiden von Lärmbelästigung vorerst zu verzichten.

– Kumite-Übungen außerhalb der Wohnung sind auf 2 Personen (Angreifer + Verteidiger) zu beschränken.

– Bunkai mit mehreren Personen, außer mit in der eigenen Wohnungsgemeinschaft lebenden Kindern und Ehegatten ist unzulässig.

besser geeignet

– Das Training insbesondere weiträumiger Kata darf nicht auf die Wohnung des Nachbarn ausdehnt werden.

– Bruchtest sollten sich auf ein Minimum reduzieren um die Vorräte an Material in den Baumärkten zu schonen.

– Beim Training an der frischen Luft empfiehlt sich das Tragen einer Schutzmaske.

Nach der Divise: Spaß kann sein, muss aber nicht. In dieser Lage allen das beste!

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Kampf oder Gesundheit? Über die Ursprünge des Karate.

Oder auch: von der Henne und dem Ei

Angeregt durch einen Meinungsaustausch mit dem in Japan lebenden Karate-Experten und früheren Kameraden aus SKI-Shotokan-Zeiten Wolfgang Herbert möchte ich einiges hoffentlich Sinnhaftes zu dem genannten Thema von mir geben.

Hat unsere Kampfkunst ihre Ursprünge im Gesundheitswesen?

Wolfgang widmet sich schon seit geraumer Zeit dem Leben und Wirken Bodhidarmas und hat dazu bereits einen umfangreichen Bestand an Daten zusammengetragen. In der älteren Literatur kann man zur Entstehung unserer Kampfkunst ja häufig lesen wie die Mönche des Klosters Shaolin von ihrem aus Indien stammenden Abt Bodhidarma instruiert wurden durch besondere Übungen ihre körperliche Verfassung zu verbesseren. Sie sollten dadurch eher imstande sein die langen stillen Meditationssitzungen durchzustehen. Später wären diese Übungen zur Methoden des Kampfes umfunktioniert worden. Schriften neueren Datums wiederum geben an es handelte sich bei den Übungen von vorn herein um Kampftechniken, jedoch entdeckte man später deren gesundheitsfördernde Wirkung. Beides klingt für den ersten Moment widersprüchlich, denn buddhistische Mönche sollten doch der Gewalt entsagen, da diese doch immer mit der Zufügung von Leid einhergeht, wozu also Kampftechniken?

Bodhidarma, wie ihn sich viele vorstellen

Fast scheint es daher als ob Bodhidarma als erster verantwortlich war für ein Zusammenfügen spriritueller Praxis mit körperlicher Übung. Zumindest ist – meines Wissens nach – nichts anderes dokumentiert oder sonstwie überliefert. Im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten, die sich in der chinesischen Geschichte um die Kampfkünste verdient gemacht haben sollen gilt das Leben Bodhidarmas als ziehmlich sicher. Allerdings wurde sein Wirken durch allerlei wundersame Legenden reichlich ausgeschmückt. Unter anderem soll er erst im Alter von etwa 200 Jahren im Kloster Shaolin angekommen sein. Seine Hauptaktivität dort wird um das Jahr 700 datiert, während andere Quellen angeben, dass er um 440 geboren und um 530 gestorben sei. Alles ziemlich unübersichtlich, aber für die damaligen Menschen war die korrekte Chronologie bei solche außerordentlichen Personen eh nur wenig relevant.

Eine weitere für die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste höchst bedeutende Person ist Zhang Sanfeng. Ob er tatsächlich gelebt hat ist jedoch weniger belegt als im Falle Bodhidarmas. Bereits sein Geburtsjahr wird in unterschiedlichen Quellen mit 960, 1247 oder 1279 angegeben. Auch um ihn ranken sich etliche Sagen und Legenden. Den meisten Quellen nach soll er in den Wudang-Bergen gelebt haben, obwohl mitunter auch behauptet wird, er habe im Kloster Shaolin geweilt. Beides könnte meiner Meinung nach stimmen, d.h. das eine schleißt das andere nicht aus. In unserer monotheistisch geprägten Grundhaltung meinen wir häufig etwas müsse entweder so oder so sein. Zwei Wahrheiten zugleich, das ist für viele schwer vorstell- oder akzeptierbar. Hingegen haben Menschen aus dem vom Daoismismus geprägten Kulturkreis kein Problem damit. Insbesondere wenn es darum geht die Entwicklung unserer Kampfkunst geschichtlich zu belegen, kommt es bei uns leicht zu Kontroversen bezüglich der Zielsetzung unserer Karate-Urahnen, darüber mit welcher Motivation diese übten: für ihre Gesundheit oder für den Kampf?

Übungen zur Gesundheitspflege?

Im Falle Bodhidarmas wird weithin argumentiert, er habe seine Übungen rein zur Stärkung des Körpers eingeführt, als Gesundheitsprophylaxe gewissermaßen. Auch wird gerne argumentiert die Mönche hätten das als reine Kräftigung gedachte Programm später zur Kampftechnik umfunktioniert, weil sie ständig irgendwelchen Gefahren ausgesetzt gewesen wären, etwa Angriffe durch Räuber und dergleichen. Jedoch, was soll man einem Mönch schon wegnehmen? Hingegen gilt mittlerweile als sicher, dass Bodhindarma ein Könner der sehr alten, bis heute praktizierten indischen Kampfdisziplin Kalaripayattu war. So wird zumindest nachvollziehbar warum er seinen Schülern gerade ein solches Training gleichsam als Fitness-Programm verordnete.

Kalaripayattu – eine Spezialität Bodhidarmas

Zumindest scheint es, dass Bodhidarma den besonderen Wert des Trainings kämpferischer Bewegungen für die Kräftigung des Körpers erkannte. Denn ein Krieger ist nur dann erfolgreich wenn er vollständig über all seine körperlichen und geistigen Reserven verfügt, d.h seine Technik ist nur dann maximal effektiv wenn sie optimal koordiniert, schnell und mit stimmigen Krafteinsatz (wir würden heute sagen: mit kime) ausgeführt wird, und das mit rechten Timing, was wiederum ein beträchtliches Maß an geistiger Kompetenz voraussetzt. Die Ausbildung im bewaffneten, vor allem aber waffenlosen Kampf führt somit fast zwangsläufing zu Verbesserung körperlich-geistiger Fähigkeiten des Übenden, wie es dann ja auch viel später Meister Itosu für das Karate erkannte und es als Programm für die Volksgesundheit propagierte, wenn auch aus anderen Beweggründen (s. Beitrag „Spatenstich und Gyaku-zuki“). Aber wieso verfügte Bodhidarma als Mönch überhaupt über Kenntnisse des Kampfes? Eine Antwort wäre vielleicht, dass er bevor er Mönch wurde als junger Mann schon eine Karriere als Krieger hinter sich hatte. Ein Wechsel hin zur spirituellen Enwicklung kam ja bekanntlich gar nicht so selten vor.

Zhang Sanfeng´s angebliche Inspiration durch Kranich und Schlange

Ähnlich soll Zhang Sanfeng einer der diversen Legenden nach ebenfalls ein Experte der „äußeren“, d.h. harten Kampfmethoden gewesen sein und im bereits fortgeschrittenem Alter im daoistischen Kloster Wudang nach langer Introspektion und dem Beobachten der Vorgänge in der Natur das Prinzip des „weichen Kämpfens“ mit innerer Kraft erkannt haben. In der so entstandenen „inneren“ Kampfkunst bekam der Einsatz des Qi eine zentrale Bedeutung, die physische, muskelkraftorientierte Technik trat in ihrer Bedeutung weitgehend zurück. Es galt das Qi zu kultivieren, derart dass es für den Kampf direkt nutzbar würde. Zhan Sanfeng soll dazu auch intensiv die vitalen Stellen des menschlichen Körper studiert und klassifiziert haben, womit diese für den Kampf zu einem entscheidungsbringenden Faktor werden konnten. Mit anderen Worten, Erkenntnisse und Erfahrungen der Chinesischen Medizin wurden für den Kampf nutzbar gemacht und mit der vermehrten Berücksichtigung von Anatomie und Physiologe eine noch höhere Effektivität erzielt. Dies allerdings zu dem Preis, dass die Ausbildung sehr komplex wurde und mitunder mehrere Jahrzehnte dauern konnte.

Die Leitbahnen des Qi gehörten zum Basiswissen – nicht nür Ärtze, bisweilen auch für Kampfexperten.

Bei Zhang Sanfeng finden wir somit eine eher umgekehrte Entwicklung zu der von Bodhidarma. Beiden gemein ist aber, dass bestehendes Wissen verschiedener „Fachbereiche“ zu einem neuen (?) Übungsprogramm zusammengefügt wurden, gleich ob vornehmlich heilerische oder verteidigungstaktische Aspekte im Vordergrund standen. Interessant wäre jedoch  zu wissen, ab wann man überhaupt ein zielgerichtetes Üben praktizierte, eines das darauf abzielte „für den Fall dass“ vorbereitet zu sein. Das Einüben von definierten Handlungsweisen ermöglichten es rasch auf Ausnahmezustände wie Fluten, Feuer, oder auch Unfälle, drohendes Ertrinken, Stürze und dergleichen rasch zu reagieren. Durch die Praxis solcher Formalismen konnte größeres Leid verhindert werden. Sicher wurden dabei schon lange vor Bodhidarme und Zhang Sanfeng die aus Erfahrung und Überlegung gewonnenen Erkenntnisse von einem aufs andere Tätigkeitsfeld übertragen und entsprechende Analogieschlüsse gezogen.

Deratige zunächst sicher eher individuell weitergegeben Hinweise und Routinen wurden im recht früh administrativ weit fortgeschrittenen China, zumindest aber ab der Qin-Dynastie (um 220 v. Chr.), zu allgemein verbindlichen Richtlinen. Diese mußten von Leuten in verantwortungsvollen Positionen beherrscht werden, das bedeutete Auswendiglernen und wiederholtes (Ein-)Üben. Formalisierungen erleichtern dies natürlich. So  strukturierte man die viele Information auf bestimmte Weise, wobei Symbolhaftigkeiten eine  besondere Rolle spielten und es dann zu besonders blumigen Bezeichnungen kam, wie etwa „goldene Jade-Verordnung“ oder „Liegender Löwe-Richtlinie“. Auch  „magische“ Zahlen wurden gerne gebraucht. Mit der Zeit wussten allerdings nur noch Eingeweihte worum es bei all dem genau ging.

Laufen im Kreis: das Bagua Zhang gilt als typisches Beispiel innerer Kampfkünste

Die so weitergegebenen Erfahrungen wurden in ihrer Zusammenfassung allmählich  zum Lehrkonzept. Aus dem unbewußten Üben, d.h. der Routine aus der Praxis heraus entstand die bewusste Übung, die auf eine eventuale Anwendung abzielt. Die Übung ist ein gerichtetes, aber „leeres“ Tun ohne direktes Resultat, aus einer Vorstellung heraus, wie das Geübte wirken würde oder anzuwenden wäre. So ging schamanistisches Heilen über in aus Beobachtung und Logik gewonnene medizinische Prognostik. Aus erfolgreicher Diagnose und Therapie konnte im Umkehrschluss Prophylaxe werden. Es entstanden Gesundheitsprogramme, in denen das Qi als funktionale feinstoffliche Größe eine besondere Bedeutung hat.

Man vermutet, dass die frühzeitliche Menschen Chinas im Rahmen ihrer rituellen Handlungen, also solchen welche den Himmel oder die Götter gnädig stimmen sollten und die entsprechend oft wiederholt wurden, bemerkten, dass sie sich im Anschluss besser fühlten oder langfristig widerstandfähiger wurden. Einige spürten dann wohl auch so etwas was wir heute als Fluss oder Anreicherung des Qi benennen würden. Vor allem zirkuläre Abläufe erwiesen sich als günstig oder das gedankliche Einbeziehen der Himmels- bzw. Raumrichtungen. Durch Bewahren und Pflegen des Qi können die Vorgänge im eigenen Körper positiv beeinflusst werden. Aber wie wäre es wenn es gelänge ebendies bei einem Widersacher ins Gegenteil zu verkehren? Das Erkennen dieser Möglichkeiten wird Zhang Sanfeng zugeschrieben.

Innere Kreisläufe des Qi sind Basis altchinesischer Gesunderhaltung.

Strukturierte Übungen zur kampftechischen Fertigkeit gibt es mindestens seit dem Alten Rom. Die Gladiatoren erhielten ein spezifisches Training, das neben der rein physischen Schlag- und Stichtechnik mit Speer, Schwert oder Dreizack auch besondere Taktiken umfasste, etwa um den Gegner zu Fall zu bringen, aber auch Informationen wie dieser durch das Treffen besonder Körperzonen leicht zu schwächen war. Solche Konzepte für den Kampf Mann gegen Mann waren sicher nicht auf die Arena beschränkt, d.h. auch die Legionäre erhielten entsprechende Unterweisungen. Ich gehe sogar davon aus, dass derartiges Kriegshandwerk noch wesentlich älter ist.

Übertragung der energetischen Übung in den Stand

Schlachtaufstellungen, wie sie nicht nur die römische Armee sondern auch deren Kontrahenten und Vorgänger benutzen, setzen zudem voraus, dass der einzelne Soldat genaus weiß was er zu tun hat wenn ein Kommando ertönt oder ein Signal sicht-/hörbar wird. Er hat unverzüglich ohne langes Nachdenken zu reagieren, weshalb all die Manöver über einen längeren Zeitraum eingeübt werden müssen. Das koordinierte Handeln der römischen Soldaten machte den meist siegbringenden Unterschied aus zu den Horden der später unterworfenen Volksgruppen. Schon der große Stratege Sun Tsu weist in seinem Werk mehrfach darauf hin wie Soldaten verschiedener Neigungen in den größeren Verband eingebunden werden müssen, will man gegen den Feind erfolgreich sein. Die Einigung Chinas durch die Qin-Armee konnte nur durch den Einsatz in Vorwege genormter Strategien gelingen und dies erforderte langes zielgerichtetes Üben. Die Frage nun ob das Einüben kampftechnischer Taktiken oder die Routine gesundheitlicher Vorsorge älter sei ist so gesehen eigentlich müßig. Ich meine, das Stärken der Körperkräfte ging einher mit dem Auspfeilen von Methoden und Techniken des Überlebens, vom Feuermachen bis hin zur Herstellung von Werzeugen, die ebensogut als Waffen einsatzbar waren, nebst deren Gebrauch.

Die Qi-Säule, eine Übung für sich, aber auch Ausgangsposition vieler innerer Kampfstile.

Das Formalisieren des Übens geht sicher auch auf das wiederholte Ausführen bestimmter Riten zurück. Nach dem Motto „viel hilft viel“ konnte es wohl hier nie gesug sein und die Anzahl der Wiederholungen richtete sich nach den schon erwähnten magischen Zahlen, 36 oder 108 waren besonders beliebt. Häufiges Niederwerfen und das Laufen im Kreis, verbunden mit Gestikulationen wie „Wolken wegschieben“ und ähnlichem bringen mehr als nur eine gute Ernte sondern für den Ausführenden selbst ein subtiles Wohlbefinden, eben durch ein verbessert rundlaufendes Qi. Und da allgemeine Gegebenheiten wie das Klima und individuelle Vorlieben bei Priesterschaft, den Kriegern, Handwerkern oder wem auch immer mit in die Entwicklung einflossen, kam es zwangsläufig zu Unterschieden in der Ausprägung welche später die Lehrschulen voneinander abgrenzten.

Eine durchgängige Wirbelsäule ist Voraussetzung für gute Gesundheit und effektive Kampftechnik.

Für die frühen Daoisten war die Gesunderhaltung eher ein Nebenprodukt. Vielmehr war deren letztes Ziel die Unsterblichkeit oder zumindest Langlebigkeit, d.h. ihnen ging es mehr um eine spirituelle Entwicklung. Die Transformation von materiell über feinstofflich (Qi) hin zu rein-geistig (Shen) war allerdings, wie sie meinten, nur mit einem robusten Körper zu erreichen. Mit anderen Worten, um die physische Existenz des Körpers zu überwinden musste dieser zunächst maximal gestärkt, bzw. dessen innere Funktionen optimiert werden. Dies wiederum kann vorteilhaft sein bei Notsituationen, bei Unbill der Natur oder bei Konfrontationen mit wilden Tieren oder agressiv gestimmten Mitmenschen. Wir hatten das schon weiter oben erwähnt.

Die Beweggründe für das Üben waren somit seit jeher komplex, da der Kampf ums Überleben sich auf mehreren Ebenen abspielte. Eine Betrachtung all dieser Dinge aus heutiger Sicht kann jedoch zu so manchem Fehlschluss führen. Der für uns fast selbstverständliche distanziert-rationale Umgang mit den Dingen ist relativ neu und die Wahrnehmung der Vorgänge in der Natur war in den verschiedenen Zeitaltern eine jeweils andere als die unsrige heute. Dem Qi wurde bisweilen sogar eine gewisse Wesenhaftigkeit zuerkannt, ähnlich der „Seele“ oder dem „Geist“ in verschiedenen Epochen in der europäischen Geschichte.

Der „Weiße Kranich“ als Ursprung des Naha-te.

Beim Lesen der bestehenden Schriften über die Entwicklung des Karate ist für mich besonders bei japanischen Autoren irgendwie ein gewisser Wunsch nach Rechtfertigung  unüberhörbar. Es kostet dort anscheinend immer noch viel Überwindung zuzugeben, dass (nicht nur) das Karate eben kein Produkt der japanischen Kultur ist, sondern in diesem Land „nur“ verfeinert wurde. Es fand dort entsprechend den Umständen der Zeit, zunächst in der des Nationalismus und dann später nach dem Weltkrieg, eine Umstrukturierung zum modernen Budō bis hin zum Sport statt. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Aber zu behaupten, das Karate gehe mehr oder weniger direkt auf die Kampfkunst des Klosters Shaolin oder womöglich noch auf den Buddha selbst zurück ist, wie ich meine, nicht mehr ganz zeitgemäß.

Obwohl es nach dem was man über das frühe Leben des Buddha als Prinz Siddharta weiß gar nicht nicht so unwahrscheinlich wäre, dass auch er als Sohn eines Raja (Regionalfürst) in den Waffenkünsten ausgebildet wurde. Bekannt ist, dass er all dem luxuriösen höfischen Leben überdrüssig nach alternativen Lebensweisen suchte und diese nach intensiver Suche dann auch fand. Nach dem Ausüben verschiender damals bekannter Lehrmethoden wie Meditation bis hin zu extremer Askese schuf er den Mittleren Weg und entwickelte somit eine höchst erfolgreiche Weise der sprituellen Praxis.

Was also war zuerst da, die Henne oder das Ei?

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Sinnhaftes zum Jahr der Ratte

Wie jedes Jahr an dieser Stelle ein paar, so hoffe ich, sinnvolle Worte zum Jahreswechsel. Nach der altchinesischen Astrolgie beginnt am Samstag, dem 25. Januar das Jahr der Metall-Ratte. Es endet am 11. Februar 2021. Die Ratte ist das erste Zeichen des chinesischen Tierkreises, weshalb ein entsprechendes Jahr gerne als eines des Neubeginns – wobei auch immer –  betrachtet wird.

Natürlich sollte es vor allem für die in diesem Jahr Geborenen besonders gewinnbringend und glücklich werden. Aber nicht nur sie, jedwede/r sonst wird gegenüber seinen Zielen, Bestrebungen oder auch Hobbys vermehrt Entschlossenheit zeigen. Es ist somit ein ideales Jahr für Gründungen und intensivierte Entwicklung. Jedoch werden alle Initiativen nur dann erfolgreich sein, wenn sie sorgfältig geplant wurden.

Anders als bei uns werden in China der Ratte oder auch der Maus weit weniger negative Attribute als bei uns beigemessen. Man sieht ähnlich (wie beim Schwein) zumindest in der Astrologie sowohl positive als auch negative Seiten des Tieres, es finden aber keine Verteufelungen statt.

Famose Ratte: Meister Splinter aus dem Film „Ninja Turtles“

Das Jahr 2019 stand im Zeichen des Erde-Schweins, was es zu einer eher „gemütlichen“ Zeitspanne, wenn auch mit vielen Möglichkeiten, machte. Die Schwein-Einflüsse weckten unsere gutmütige, genießerische Seite. Das Jahr der Ratte 2020 wiederum stärkt unsere Widerstandskraft, schenkt Raffinesse, Cleverness und Fleiß. Laut chinesischem Horoskop gibt es im Jahr 2020, also dem der Metall-Ratte keine Probleme, sondern nur Chancen. In der Tat werden wir durch den Einfluss der Ratte zu starkem Ehrgeiz angetrieben, der bei einigen sogar in Perfektionismus gipfeln kann.

Menschliche Stärken, welche im kommenden Jahr durch diesen kosmische Einfluß besonders gestärkt werden sollen sind u.a. Klugheit, Kreativität und Wissensdurst. Hinzu kommen Ehrgeiz, Tatkraft, Wendigkeit und Einfühlungsvermögen, aber auch Ordnungssinn und Fürsorglichkeit. Natürlich bibt es auch Negatives, etwa Starrsinn, Inflexibilität oder Streitlust, die sich bei uns und unseren Mitmenschen in überhöhten Ansprüchen und Unnachgiebigkeit äußern können.

Kosmische Vorgänge nicht sind manipulierbar. Ihr Einfluß ist eher subtil. Alle astrologische Weisheit ändert nichts daran, sie gibt uns jedoch die Chance besser auf die Geschehnisse vorbereitet zu sein und das beste aus allem herauszuholen.

In diesem Sinne, allen die freundlichsten Gruße und ein gedeihliches Jahr der Ratte 2020.

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In memoriam: Meister Hirokazu Kanazawa

Einer der ganz Großen der Kampfkunst ist vor kurzem leider von uns gegangen. Ich erlaube mir darum hier einen Beitrag meines in Japan lebenden ehemaligen SKI-Trainingskameraden und besonderen Kanazawa-Schüler Wolfgang Herbert wiederzugeben.

Hirokazu Kanazawa-sôke (1931-2019) – Ein persönlicher Nachruf

Am 8. Dezember 2019 verstarb Kanazawa Hirokazu, “peacefully”, wie es in der offiziellen Verlautbarung hieß. Ich hatte die Ehre und Freude seine Autobiographie ins Deutsche übertragen zu dürfen. Für diese Ausgabe habe ich auch ein Interview mit ihm geführt. Dabei sprach ich mit ihm über den Tod. In diesem Kontext sagte er: “Wenn man ein ganz gewöhnliches Training macht, einen ganz normalen Lebensstil pflegt, dann bleibt auch die Entfaltungsmöglichkeit eine ganz gewöhnliche. Wenn man allerdings ein Training in der Weise des Übersteigens, des Transzendierens der natürlichen Kräfte macht, heißt das nach meiner Ansichtin allen, auch den kleinsten Dingen, mit vollem Ernst dabei zu sein, ein wenig übertrieben gesagt, alles so zu machen, als ginge es um Leben oder Tod. Mit vollem Ernst bei der Sache zu sein, also doch sozu handeln, als ginge es um Leben oder Tod, ist ja, so meine ich, der wahre und endgültige Sinn des Bushidô (Kriegerethos). Wenn man alles unter Einsatz seines Lebens macht, dann gibt es nichts, auf das man mit Bedauern zurückblicken müsste und wenn die Zeit des Sterbens kommt, kann man in Seelenruhe sterben. Ich glaube, die Art und Weise des Sterbens ist ein Barometer dafür, wie man gelebt hat. Auch darin besteht der Weg des Kriegers (Bushidô).

Kanazawa-sôke hat zweifelsfrei wie ein Krieger gelebt und ist wie einer von dannen gegangen. Kanazawa Hirokazu wurde 1931 in der Präfektur Iwate, im Nordosten Japans an einer rauen Meeresküste mit schroffen Klippen und Kieferhainen geboren. Er war das sechste Kind, hatte eine ältere Schwester und vier ältere und zwei jüngere Brüder. Der Großfamilienverband, der Fischerei-und Handelsbetrieb seines Vaters und die mütterliche Obhut schufen ein soziales Umfeld, in dem er sich Rücksichtnahme, Kooperation und gegenseitiges Wohlwollen als Umgangsform einverleibte. “Harmonie” sollte dann ja die zentrale Säule seiner Karate-Philosophie werden. In seiner Jugend betrieb Hirokazu – neben dem Herumtollen in der Natur und am Meer – Sumô, Judô, Rugby und Boxen. Sein Körper war somit bestens präpariert, als er mit 18 Jahren in der Karate-Abteilung der Takushoku-Universität ernsthaft mit dem Karate begann. Nach Abschluß der Universität wurde er mit Mikami Takayuki der erste Absolvent des Instruktoren-Kurses der 1949 gegründeten JKA (Japan Karate Association). 1957 war er der Gewinner der ersten gesamtjapanischen Meisterschaft der JKA. Diesen Sieg sollte er in Folge noch zwei Mal erringen. 1960 wurde er als Karatelehrer der JKA nach Hawai´i geschickt. Damit begann sein beipielloser Weg in die Welt. Wohl kein anderer japanischer Karatelehrer ist so viel und oft auf dem gesamten Globus herumgereist wie Kanazawa Hirokazu.

Die meisten von der JKA entsandten Instruktoren ließen sich ja vor Ort nieder und bauten ihre Landesorganisationen auf. Sôke verweilte zwar länger in England und Deutschland, war aber Auslandsbeauftragter in der JKA und als solcher viel unterwegs. Besonders nach der Gründung seiner eigenen Organisation (1978) war Sôke praktisch ständig auf Visite in aller Herren Länder. Das machte ihn zu einem der weltweit bekanntesten Karateka überhaupt. Der Bruch mit der JKA war von Sôke weder initiiert worden noch gewollt, in meinen Augen darf er letztlich als Glücksfall angesehen werden. Er bot ihm die Möglichkeit, ungehindert sein Karate-dô zu entwickeln und weiterzugeben. Das “International” (jap. kokusai, Shotokan Karate-do International Federation SKIF) in seinem Organisationsnamen hatte er in der japanischen Version bewusst an den Anfang gestellt (Kokusai Shôtôkan Karate-dô Renmei), um zu demonstrieren, dass es sich bei Karate um eine globale Bewegung und ein kulturelles Welterbe handelt. Sôkes Reputation beruhte aber nicht nur auf seiner Internationalität, sondern auf seinem Ausnahmekönnen, seiner technischen Brillianz und vor allem seiner Persönlichkeit, seinem Charisma und seinem Charme. Was ihn auch auszeichnete war, dass er auf Großveranstaltungen oder Lehrgängen umstandslos perfekte und atemberaubende Demonstrationen sowohl in Kumite wie Kata liefern konnte. Das Hervorstechende an Sôke lag nicht nur in seiner technischen Raffinesse und warmherzigen und engagierten Unterrichtsweise, sondern darin, dass er und sein Karate wirklich für alle da waren, ungeachtet des Geschlechtes, des Alters, der Rasse, Nationalität, Religionszugehörigkeit, des sozialen oder ökonomischen Status etc.. Bevor er nach Hawai´i ging, äußerte er in einem Interview, dass er Karate in seinen drei Aspekten, als Leibeserziehung, als Kampfkunst und als Wettkampfsport zur Entfaltung und Verbreitung verhelfen wolle. Auch hier zeigte sich die Breite seines Ansatzes: sein Karate-dô war für jede(n) gedacht, für Jung und Alt, Hobby-Sportler und Spitzenathleten, ja selbst für körperlich Gehandikapte. Die Weite von Sôkes Horizont zeigte sich auch darin, dass er anderen Stilarten und Kampfkünsten gegenüber Offenheit und eine stete Lernbereitschaft entgegenbrachte. Alte Kata (z.B. Koryû Gankaku, Nijû Hachi Ho) die das Bewegungsspektrum über das orhodoxe Shôtôkan hinaus erweitern sollen, wurden von ihm in seinen Syllabus übernommen. Daneben war er für seine meisterliche Beherrschung der Waffen Stock (bô) und Nunchaku bekannt, die er auch in den Unterricht integrierte. Mit Lehrern anderer Stilrichtungen, aber auch der JKA, verbanden ihn lebenslange Freundschaften und reger Austausch. Kanazawa Hirokazu vertrat in einem seiner englischsprachigen Bücher die Perspektive, dass Karate historisch besehen einem gesundheitshygienischen Programm entsprang, das erst nachträglich zum Selbstschutz eingesetzt worden ist. Er konstatierte darin unter Beleuchtung “einer Facette, die üblicherweise übersehen wird”: “Die Geschichte des Karate begann vor etwa viertausend Jahren mit einer Serie von Bewegungen für die Gesundheit. Später wurde entdeckt, dass diese auch für das Kämpfen eingesetzt werden können. In den letzten Jahren hat es sich zu einem Sport entwickelt. Alle anderen wettstreitorientierten Sportarten haben mit Kampftechniken ihr Leben begonnen. Daher ist Karate die einzige, die von natürlichen Bewegungen zur Förderung der Gesundheit ihren Ausgang nahm.”

Daraus resultiert ein Charakteristikum seines Karate-dô: seine Betonung der Wichtigkeit einer korrekten Atmung mittels derer die Zirkulation des Ki (chines. Qi, “Universalenergie”) gesteuert wird und die psychophysische Konzentration auf das Körperzentrum im Unterbauch (seika tanden), in dem das Ki akkumuliert und von dem das Ki hinausgeschickt werden kann. Ki ist ein zentrales Konzept der chinesischen Kosmologie und Medizin und wird gerne mit “innerer Energie” oder “Vitalkraft” wiedergegeben. Mit “Energie” verbindet man im Westen eher physikalische Phänomene und versteht sie als Quantum. Beim Ki geht es mehr um eine Qualität, eine Form der Bewusstheit. Es hat zugleich materielle wie immaterielle Aspekte. Ki wird über den Willen mobilisiert. Jede Art der Konzentration lässt Ki in deren Objekt fließen. Kanazawa-sôke konnte bei Bruchtests aus mehrfach geschichteten Brettern nur dasjenige zerbersten lassen, das ihm angewiesen worden war. Er erläuterte es damit, dass er sein Ki willentlich kontrollieren konnte. Auch wenn nur ganz wenige auf dieses Niveau kommen, war für Kanazawa-sôke die Regulierung des Ki ein zentrales Element des Karate. Und darauf beruht auch dessen gesundheitlicher Effekt. Nach chinesischer Anschauung bedeutet ein blockadenfreier Fluss des Ki im Körper Gesundheit. Um diesen Fluss ungehindert geschehen zu lassen, wurden seit altersher Meditationsmethoden, Atemtechniken, therapeutische Eingriffe (Akupunktur, Moxibustion, Massagen) und Körperübungen (z.B. Qigong) entwickelt. Sôke hatte ja auch lebenslang Taijiquan betrieben und war mit dem entsprechenden Gedanken gut vertraut. Im Taijiquan geht es darum, den Ki-Fluss zu äquilibrieren und ins Lot zu bringen und das galt für Sôke auch für das Karate. Dies führt zu Harmonie und Wohlbefinden, etwas pathetisch formuliert, zum Einklang mit dem Universum. Und darum ist es Sôke wirklich gegangen. Ich habe das in Gesprächen und aus Interviews immer wieder erfahren. Es ist für meine Karate-Praxis ein Leitelement geworden. Diese Fundierung seines Karate-dô in der chinesischen Philosophie hob ihn für mich von allen anderen Karate-Lehrern ab. Für mich hatte Sôke und sein Karate-dô eine spirituelle Dimension, die hingegen gänzlich unaufdringlich war. Wer seine Antennen dorthin ausfuhr, hatte reichlich Empfang, wem nichts daran lag, wurde damit nicht behelligt. Sôke verstand Karate immer als Zen in Bewegung. Einen egofreien Zustand heller Wachheit, frei flottierender allumfassender Aufmerksamkeit und innerer Ruhe zu erreichen, war sein Ideal. Dafür verwendete er Ausdrücke aus dem Zen-Buddhismus und der Schwertkunst. Mushin (Nicht-Geist/Herz) oder muga (Nicht-Ich) waren solche Chiffren. Wenn man Sôke erlebte, hatte man immer wieder den Eindruck, dass er diese Zustände verkörperte. Er hatte eine Aura, die jeden mit Frieden und Gelassenheit umhüllte. Wieder mag ich pathetisch klingen, aber wenn ich in seiner Präsenz war, erfüllte mich das einfach somit stillem Glück. Ich habe nie eine negative Emotion wie Ärger oder Aufgebrachtsein an ihm wahrgenommen. Viele kennen sicher seineu nendliche Geduld und Langmut, wenn er nach Lehrgängen in zuweilen stundenlangen Sessions Bücher, T-Shirts und dergleichen mit seinem Berg-Fuji-Emblem signierte.

Was ich in keiner Weise möchte, ist den Eindruck zu erwecken, dass ich in irgendeiner Form eine “besondere” Beziehung zu Sôke gehabt hätte. Jede(r) hatte seine/ihre eigene Verbindung und ureigene Erlebnisse mit ihm geteilt. Sôke zeigte keine Sonderpräferenzen, er war für alle da, vom altgedienten Schwarzgurt bis zum Anfängerkind. Ich bin Sôke immer wieder “punktuell” begegnet. Seine Sicht auf das Karate und die Welt haben mich aber zutiefst geprägt. In diesem Sinne ist und war er mir steter Begleiter und Leitstern. Einige persönliche Fußnoten und Anekdoten möchte ich daher anbringen. Bei einem seiner Aufenthalte in Vorarlberg in den 1980er Jahren kamen wir auf den Winter zu sprechen. Sôke zeigte sich verwundert darüber, dass in einem kalten Alpenland ein Haramaki (eine [baum]wollene Bauchbinde, eine Art Nierengurt) nicht gebräuchlich war. In Japan sind Haramaki unter Arbeitern, die im Freien oder in kalten Werkstätten malochen, sehr beliebt. Sôke kommentierte: “Wenn der Bauch (hara) warm gehalten wird, wird der ganze Körper durchwärmt.” Freilich hatte der Hara für einen Kampfkünstler wie Sôke eine weit größere Bedeutung als nur der physische Unterleib. Er ist die Drehscheibe jeglicher Technik und Lokus der Ki-Konzentration. “Hara gut/warm, alles gut/warm” könnte man sagen. Auf jeden Fall ließ ich mir aus Japan zwei Haramaki schicken, die ich bis heute im Winter vor allem in den ungeheizten Dôjô trage! Die Entdeckung des Haramaki verdanke ich Sôke und ich denke immer an ihn (und an seine Lehre den hara betreffend!), wenn ich mir einen anlege. Im Übrigen erleben Haramaki, die bis vor kurzem als hoffnungslos altmodisch und proletenhaft gegolten hatten, seit einigen Jahren in Japan eine Renaissance als Fashion-Accessoire und Kälteschutz. Als junger Athlet war ich sehr ernährungsbewusst. Ich wollte daher von Sôke wissen, was er als gesunde und gut balancierte Ernährung ansah. Er erwiderte sinngemäß: “Ich bin sehrviel auf Reisen und mit entsprechend vielen diversen Landesküchen konfrontiert. Meist werde ich eingeladen, da kann ich aufgetischte Speisen nicht ausschlagen. Es ist so: während ich die Gerichte zu mir nehme, denke ich innerlich: ‘Das ist gut für meinen Körper, liefert mir feine Energie und kräftigt mich!’ Damit wird jede Nahrung zielgerecht aufgenommen und verwertet! Selbst Fast-Food kann man mit dieser positiven Einstellung mit Gewinn zu sich nehmen. Allgemein gesprochen, ist es am Besten lokal Produziertes und saisonal eben Gewachsenes zu konsumieren.” Auch hier erfuhr ich, wie sehr bei Sôke der Geist als Agens vor dem Körper stand, Geist für ihn stärker als Materie war. Nebenbei bemerkt: in punkto Getränken hat Sôke in Österreich eine ausgeprochene Vorliebe für Pilsner Bier bekundet. Nachdem ich selbst längere Zeit mit dem Karate ausgesetzt hatte, hatte ich die Chuzpe Sôke zu fragen, ob er jemals daran gedacht habe mit dem Karate aufzuhören. Es habe mehrere kritische Perioden in seinem Leben gegeben, in denen er das ernsthaft erwogen habe, gab er ohne Zögern zur Antwort. Aber jedes Mal habe er sich zum Reflektieren zurückgezogen und dann seien unweigerlich Kata-Sequenzen vor seinem inneren Auge aufgestiegen. Er sah sich etwa die Kankû-dai ausführen und wusste dann unzweifelhaft mit jeder Faser seines Leibes, dass dies sein “Schicksal”, sein Auftrag, seine Lebensaufgabe war. Sôke hatte immer schon Augenmerk auf das jüngst wieder aktuell werdende “Imagery Training” gelegt. Das hatte offenbar auch hier seine Rückwirkungen. Er ging unbeirrt von Höhen und Tiefen seinen Weg weiter. Als ich nach einer geraumen Pause im Karate wieder mit dem Training begann, fuhr ich mehrmals am Mittwoch nach Tokyo, um im Honbu-Dôjô Unterweisungen zu erhalten. An diesem Tag unterrichtete nämlich Sôke höchstpersönlich und auch alle im Lande anwesenden Instruktoren fanden sich ein. Dabei hatte ich bei einem Grußritual den falschen Fuß herangezogen und wurde von Sôke in seiner wohlwollenden Art auf meinen “Fehltritt” aufmerksam gemacht. Kurz war ich irritiert und dachte mir, warum nur auf solchen Kleinigkeiten insistiert wird. In einer plötzlichen Intuition wurde mir dann klar, dass die Botschaft darin bestand, dass gerade in diesen kleinen Gesten die geistige Haltung dahinter zum Ausdruck kommen soll.

Sôke war ein aufmerksamer Beobachter. Ich hatte zum x-ten mal an der gesamtjapanischen Meisterschaft in der Klasse “Kata Individual Masters II (50-59 Jahre)” teilgenommen, zu einer Zeit als Sôke schon recht fragil war. Am Abend danach gab es eine Party mit Stehbuffet nebst Umtrunk. An den jährlich abgehaltenen Championships nehmen stets weit über sechshundert Leute teil, Sie sind bei Kindern nach Schulstufen, bei den Erwachsenen nach Altersklassen und in etliche Wettbewerbsdisziplinen aufgesplittert und ziehen sich über zwei Tage lang hin. An besagtem Abend brach Kanazawa-sôke im Hinblick auf seine körperliche Verfassung frühzeitig nach Hause auf. Alle Partygäste bildeten ein Spalier und verbeugten sich tief vor Sôke, sobald er an seinem Stock an ihnen vorbeiging. Als er auf meine Höhe kam, blieb er stehen, blickte mich an, lächelte und bemerkte: “Heute hast du eine Medaille gewonnen! Gratuliere!” Ich war gerührt. In dem ganzen Wettkampfgewimmel war ihm dies und wohl sonst auch nichts entgangen!

Menschen waren Sôke wichtig. In den 1980er Jahren (meiner Karate-aktivsten Zeit) erkundigte sich Sôke bei unseren Treffen stets als erstes nach dem Befinden von Fujinaga Yasuyuki (1944-1995). Ich empfand dies als äußerst aufmerksam und habe dann die Grußbotschaften zwischen den beiden überbracht. Fujinaga-sensei leitete ein JKA-Dôjô in Wien, in dem ich zwei Mal die Woche am Training teilnehmen durfte. Fujinaga-sensei hatte zu Kanazawa-sôkes JKA-Zeiten in Japan eine Weile unter ihm trainiert. Selbst nach dem Ableben von Fujinaga-sensei hat mir Kanazawa-sôke Jahre danach mehrfach sein Bedauern darüber bekundet, dass er so früh von uns gegangen war. Sôke wusste, wie sehr ich Fujinaga-sensei geradezu verehrt und geschätzt hatte.

1982 wurde der erste SKI-Verband in Österreich gegründet. Ich wurde eines der ersten Mitglieder und war bis Ende der 1980er Jahre im Vorstand und als Dôjô-Leiter in Wien tätig. In der Bezeichnung haben wir bewusst den Namen des Gründers an den Kopf gestellt: Kanazawa Shotokan Kokusai Karate-do Österreich (KSKKÖ). Dem selbstlosen Engagement und Einsatz der Pädagogin Rosemarie Osirnigg war es zu verdanken, dass Sôke in dieser Zeit jährlich nach Vorarlberg kam und mehrtägige Lehrgänge abhielt. Zudem wurden Videos gedreht, die als Lehrmaterial geplant waren. Sie sind heute über VP-Masberg im Handel erhältlich und zeigen Kanazawa Hirokazu auf der Höhe seines Könnens. Auch Bundestrainer Kawasoe Norio (1951-2013) ist darin mit seiner exzellenten Technik verewigt. Ich durfte oftmals als Sôkes Dolmetscher fungieren, was mir auch Einblick in sein didaktisches Geschick und seinen systematischen Zugang zum Karate schenkte. Der KSKKÖ wurde Anfang der 1990er Jahre aufgrund diverser Querelen aufgelöst. Ein Großteil seiner Mitglieder trat geschlossen in die Organisation von Nishiyama Hidetaka über. Obwohl ich dazu eingeladen wurde, habe ich diesen Schritt nicht getan. Mit Nishiyama-sensei verband mich praktisch nichts, mit Kanazawa-sôke aber alles, was für mich Karate bedeutete. Ich bin ihm loyal geblieben, habe mich aber auch wegen sonstiger verbandspolitischer Kleinkariertheiten eine lange Weile von Karate-Organisationen ferngehalten. Als ich Kanazawa-sôke nach fast zwei Dekaden im Honbu-Dôjô aufsuchte und wiedertraf war da sogleich ein Einvernehmen und eine Verbundenheit, die Zeit und Ort überstieg. Es war als wäre seit dem letzten Treffen keine Zeit vergangen. Er konnte sich an erstaunliche Details aus den gemeinsam erlebten Momenten erinnern. Sôke ermunterte mich für ihn ein Dôjô in Tokushima, wo ich an der Universität lehre, zu eröffnen. Ohne diesen Rückhalt wäre mir nie in den Sinn gekommen, in Japan Karate zu unterrichten.

In meinen Zwanzigern hatte ich von Sôke ein wenig Taijiquan gelernt. Daran erinnerte ich mich und begann wieder, Taijiquan im Yang-Stil zu lernen und täglich zu üben. Als ich ihm davon berichtete, war er hoch erfreut: “Taijiquan und Karate sind wie Yin und Yang, weich und hart, fließend-rund und rasant-direkt. Sie sind komplementär und synergetisch. Es ist gut beides zu praktizieren, vor allem im Alter ist es empfehlenswert mehr auf die weiche Seite zu gehen und sich – weg von der Muskelkraft – auf die Kultivierung des Ki zu konzentrieren. ”Sôke sagte dies zu einer Zeit, als er selbst nicht mehr praktizieren konnte. Und hier komme ich auf etwas zu sprechen, was mir meine restlose Bewunderung abgerungen hat: die große Würde im Alles-Loslassen-Können. Sôke fuhr sein Leben lang gerne Schi und hatte ein Schilehrer-Diplom aus Davos. Mit Ende siebzig hatte er einen Schiunfall in Oberitalien und zog sich mehrere Wirbelbrüche zu. Seither verschlechterte sich seine körperliche Konstitution. Nach längerer Rehabilitation kehrte er dennoch ins Dôjô zurück. Als Sôke die achtzig überschritt, brach eine Krankheit aus, die bis zu seinem Ableben medikamentös gebändigt wurde: Parkinson. Sie machte ihm zunehmend das Gehen, dann das Sprechen und zuletzt die Nahrungsaufnahme schwer. Dieser unvergleichliche Kampfkunstmeister, der jede Zelle seines Körpers im Griff gehabt hatte, musste zusehen, wie ihm die Kontrolle über diesen entglitt. Und dabei offenbarte sich wieder Sôkes Geistesgröße: kein Hadern, keine Bitterkeit, kein Lamento. Er erduldete sein Gebrechlichwerden mit stoischer Gelassenheit und gab alles, ohne sich an irgendetwas zu klammern, aus den Händen. Mit dieser Dignität dem Altern und dem Lauf der Dinge seelenruhig zusehen zu können, wird mir für immer als Ideal ins Gedächtnis gebrannt bleiben. Es war schlicht eine daoistische Eingestimmtheit in den Kosmos.

Sôke sagte einmal zu mir, dass er mit zunehmendem Alter die Überzeugung gewann, von einer höheren Macht beschützt zu sein. Der 8. Dezember ist Bodhi-Tag, der Tag, an dem das Erwachen des historischen Buddha Shakyamuni memoriert und gefeiert wird. Er ist der Höhepunkt einer achttägigen intensiven Meditationsperiode (rôhatsu) in den Zen-Klöstern. Kanazawa Hirokazu ist im Lichte des Buddha an das andere Ufer gegangen und nun mit den höheren Mächten vereint. Mit Sôke als Schutzmacht und Behüter des Karate-dô wird sein Lebenswerk auch weiterhin ausstrahlen und nachwirken.

Ewig Dank, Sôke! Ossu!

Wolfgang Herbert

Dem ist von meiner Seite kaum mehr hinzuzufügen. Vielen Dank!

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die Kata auf links üben

In meiner Kindheit und auch später noch hörte ich bisweilen den Ausdruck „auf links bügeln“, womit gestande Frauen im Haushalt meinten den Stoff von Tischtüchern oder Bettwäsche von der Rückseite her zu „plätten“. Dies diente unter anderem dazu die Strukturen auf der vorderen Seite wie Bedruckungen oder Stickereien zu schonen. Der Ausdruck „auf links“ fasziniert mich bis heute. Er bezeichnet so etwas wie anders bis hin zu falsch herum. In fast allen Kulturen galt schon immer die linke Seite als der rechten untergeordnet, was wohl daher kommt, dass das Gros der Menschen rechtshändig ist. Die überwiegende Rechthändigkeit kann auf neurologische, also letztlich biologische Zusammenhänge zurückgeführt werden. Recht(s) stand dann sprachlich auch stellvertretend für richtig, im Gegensatz zu falsch. Im Englischen wird dies noch deutlicher: „right“ für „rechts“ gleicht vollständig dem Ausdruck „right“ im Sinne von „richtig“.

Womöglich wird hier gerade auf links gebügelt.

Andererseits kennen wir im Deutschen neben „links“ auch das Wort „linkisch“ als Attribut für einen Menschen, der unkare Absichten verfolgt. Linkshänder waren früher weniger vertrauenswürdig. In bestimmten religiös geprägten Gegenden ist es sogar verboten die linke Hand bei bestimten Tätigkeiten zu gebrauchen, sie gilt als unrein. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind linkshändige Menschen jedoch oft sensibler oder kreativer als der Durchschnitt. Und in der Kampfkunst kann eine „verkehrte Polung“ sogar von erheblichem Vorteil sein. Nichtsdestotrotz, ein überwiegender Teil der traditionellen Kampfkünste oder auch militärischer Richtlinien tragen der scheinbaren Normalität Rechnung, wodurch das technische Repertoire überwiegend für Rechtshänder ausgelegt ist. So wurde im alten Japan das Schwert links getragen und das Gewehr später rechts geschultert.

Wir wissen heute – oder zumindest sollten wir das – , dass Bewertungen im Sinne von gut oder schlecht nur wenig nützen und das Miteinander erschweren. Für die Daoisten war ohnehin Yin nie „schlechter“ als Yang, denn das eine kann ohne das andere gar nicht existieren. Und ob etwas von Vorteil oder Nachteil für einen selbst, die Familie oder das eigene Land ist, hängt weitgehend von der Perspektive ab. Da sollten alle ehrlich mit sich sein und viele wenn nicht alle Konflikte in der Welt könnten sich auf diese Weise auflösen.

Im Bagua Zhang wird konsequent in Zirkeln rechts und links geübt.

In meinem Buch „Die Form des Karate“ hatte ich einiges zum Drehsinn körperlicher Bewegungen ausgeführt. Dieser kann je nach Ausrichtung auf spituell-energetischer Ebene zu Anreicherung oder Zerstreuung führen. Gegen die Uhr wird Qi konzentriert, mit der Uhr werden unerwünschte Ansammlungen, die zu Blockaden und damit gesundheitlichen Störungen führen könnten, aufgelöst. Auch hatte ich geschrieben, dass man im alten China immer darauf bedacht war Extreme zu vermeiden, was sich bei einer ganzen Reihe von Kata darin zeigt, dass allzu viele Körperdrehungen mit der Uhr durch eine meist geringere Anzahl von Wendungen in entgegengesetzter Richtung ausgeglichen werden. Zwar wird so ein Teil der Anreicherung wieder zerstreut, ein insgesamt stärkender anreichernder Effekt bleibt aber trotzdem erhalten ohne dass es zu „Blockaden“ kommt. Besonders in der traditionellen Chinesischen Medizin wird dieses Prinzip angewandt, sowohl in Akupunktur und Tuina-Massage als auch in der Kräuterkunde.

Bis in heutige Zeit aktuell: die 8 Trigramme des Bagua.

Allerdings sind Kata neueren Datums da oft weit weniger ausbalanciert oder sie haben durch zahlreiche Überarbeitungen ihre Ausgewogenheit verloren. Hier dominiert häufig die rechte Seite, insbesondere in den speziellen Sequenzen, die ich früher gerne als „Action-Teil“ bezeichnete, jener der sich nicht als Spiegelbild wiederholt (linker Arm – rechter Arm etc.). So haben wir in den meisten unserer Kata zwar ein gewisses Gleichgewicht bezüglich linker und rechter Ausführung bei Sequenzen, die wir gemeinhin als Grundtechnik ansehen würden, hingegen totale Einseitigkeit bei den „Spezialitäten“. Wenn wir dann nach langjährigem Üben eine bestimmte Kata „linksherum“ vorzeigen wollen oder sollen, dann haben wir gerade da unsere Schwierigkeiten (die/der eine mehr, die/der andere weniger).

Das Bagua Zhang wurde u.a. durch den Film „Deadly Fury“ bekannt.

Aus rein kampfkunstphilosophischer Sicht ist dies höchst bedenklich, wissen wir doch nie ob wir eines Tages einem Gegner mit anderer Händigkeit als der unseren gegenüberstehen werden. Nun gut, wäre die Lösung da nicht alle Kata sowohl rechts als auch links herum zu üben? Scheint plausibel, jedoch ist die Tradition eine andere. Warum nur? Die Antwort liegt wohl in dem bereits Erwähnten, u.a. darin, dass dann kein energetischer Anreicherungseffekt mehr vorläge. Diesen könnten wir zwar als modern-aufgeklärte Menschen, als die wir uns sehen mögen, die nur das glauben was sie sehen, anzweifeln. Ein Blick auf die Anatomie zeigt aber, dass wir eben nicht symmetrisch gebaut sind und auch nicht so funktionieren. Die inneren Organe liegen ungleichmäßg verteilt und man weiß heute, dass linke und rechte Gehirnhälfte in weiten Teilen ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Sequenzen, die problemlos …

Um einer drohenden kampftechnischen Einseitigkeit, insbesondere durch das Üben „rechtslastiger“ Kata, zu begegnen üben wir ja im Kihon- und Kumite-Training immer sowohl die linke als auch die rechte Seite. Links fühlt sich aber meist schwächer an (bei Linkshändern ist dies umgekehrt) und die alten Meister empfahlen daher links doppelt so oft auszuführen wie rechts, insbesondere beim Üben am Makiwara. Leider finden wir in vielen unserer Kata konzeptionell das genaue Gegenteil: Bei dreimaligem Aufteten einer Technik wird fast immer 2 x rechts und nur 1 x links ausgeführt. Beispiele wären die Pinan/Heian-Kata, Bassai-sho, Jion oder Jitte.

So bin ich in den letzten Jahren dazu übergegengen die entsprechenden Dreiersequenzen in umgekehrter Manier separat zu üben, genau wie all die nur einfach angebotenen „Spezialitäten“. Man kann so auch einer körperlichen Dysbalance entgegenwirken, zu der wir naturgemäß tendieren und die sich leicht in Problemen der Statik manifestiert. Gemeint sind Fehlstellungen der Wirbelsäule oder des Beckens und in deren Folge „Verschleißerscheinungen“ in Schulter-, Hüft- und Kniegelenken. Aber Obacht! Die gesamte Kata linksherum sollte nur in Ausnahmefällen gleichsam als spezielle Übung aufgeführt werden. Allzu häufig würde dies die Gesundheit beeinträchtigen, so Sensei Fumio Demura bereits in den 80er Jahren.

… rechts und links zu üben sind.

Wer z.b. unter langwierigen Schmerzen in den Gelenken oder ähnlichen Beschwerden leidet, die/der überprüfe auch die eigenen Trainingsmodalitäten. Manualtherapien wie Osteopathie oder Chiropraktik können nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn die Ursachen der „Schiefstellungen“ behoben werden. Meist liegen diese im Bereich des Qi, mitunter sogar auf emotionaler Ebene. Übungen entgegen dem gewohnten oder naturgegebenen Drehsinn können darum recht heilsam sein, wenn bereits Probleme bestehen. Wie mein Qigong-Lehrer Meister Zhichang Li einmal erklärte müsse man sich dabei nur der „Nebenwirkungen“ bewusst sein, wie bei jedem anderen Medikament auch, d.h. wissen was man tut und warum.

Auch bei mir hinterlässt das Altern seine Spuren. Das bedeutet unter anderem zunehmende Einschränkungen in der technischen Dynamik, was mich dazu brachte vermehrt über die genannten Zusammenhänge nachzudenken. Entsprechend bin ich weiterhin bemüht die Balance zu halten, körperlich, energetisch und emotional. Letzteres ist wohl am schwierigsten.

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Mabuni und die anderen

Auch wenn der Titel dieses Beitrags wie der eines Kinderbuchs klingt, so birgt dessen Inhalt doch für manch eine/n gewisse Brisanz.

„Tōde“ Sakugawa, gefeierter Ahnherr der Kampfkünste Okinawas

In praktisch allen Stilrichtungen des heutigen Karate wird ein größerer Teil der praktizierten Kata bestimmten Personen zugeschrieben. Es klingt dann oft so als ob jene sie in ihrer Genialität genau so geschaffen und unverändert an alle ihre Schüler weitergegeben hätten. Andersherum gibt es viele unterschiedliche Meinungen wie diese oder jene ja so einzigartige und unveränderliche Kata auszuführen sei, nicht nur Tempo und Takt betreffend sondern auch bezüglich technischer Details. Dabei gibt es je nach Lehrmeister oder Association sogar Unterschiede im Ablauf, z.B. in der Anordnung der einzelnen Sequenzen oder den Bewegungsrichtungen. Sofern unsere japanischen Instruktoren dann halbwegs ehrlich mit uns sind, erklären sie uns den Sachverhalt in etwa folgendermaßen:

  1. In alten Zeiten bekam jeder Schüler die Übung/Kata entsprechend seiner derzeitigen Auffassungsgabe beigebracht.
  2. Vertrauen spielte früher eine noch größere Rolle als heute; wahre Geheimnisse wurden daher nur sehr wenigen Schülern zuteil.
  3. Im Laufe der Zeit änderten sich die Ansichten des Meisters, bedingt durch Erfahrungen aus der täglichen Praxis oder neue Umstände (politische Lage, religiös-philosophische Umwälzungen), entsprechend auch dessen Lehrinhalte.

Daher gilt es für mich als sicher, dass Meister Anko Itosu die Pinan-Kata nicht an einem einzigen Tag geschaffen hat, und auch nicht an fünfen. Vielmehr hat er sie wohl über einen längeren Zeitraum gemäß der von ihm gesehenen Notwendigkeit – Unterricht in den Schulen – erarbeitet und mehrfach an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst. Auch unterzog er fast alle weiteren Kata, insbesondere  die, welche heute zu unserem Standard-Repertoire gehören, wie Kushanku, Bassai, Jion oder Wanshu umfangreichen Abänderungen in Detail und Ablauf, wobei deren Techniken in ihrer Wirksamkeit – vorsichtig ausgedrückt – beträchtlich modifiziert wurden.

Typisch für das alte Karate war das simultane Ausführen von Abwehr und Gegenangriff.

Im Rahmen des sozialen Umbruchs während der Meiji-Reform, d.h. Japans gesellschaftlich-kulturellen Wandlung in die Moderne, wurde jede Mystifizierierung und eine damit verbundene extreme Geheimhaltung innerhalb der Kampfkünste als nicht mehr zeitgemäß angesehen. Zudem sollte das japanische Volk für seine Zukunft geistig und vor allem körperlich „fit“ gemacht werden, wodurch es vonnöten war das Karate nicht mehr nur auserwählten hochtalentierten Schülern, sondern von nun an jederman/-frau, ja sogar den Jüngsten zugänglich und in gewisser Weise auch schmackhaft zu machen. Einfachheit in der Technik statt Komplexität war darum gefragt und entsprechend gestalten sich die seitdem unterrichteten Kata. Beispielsweise war es früher eher unüblich Abwehr und Gegenangriff zeitlich voneinander zu trennen. Daher vermute ich, dass in einer Vorform von Pinan Godan (Chan-an) Yoko-uke und Gyaku-zuki in der Anfangssequenz noch simultan ausgeführt wurden.

Erhöhter Schwierigkeitsgrad: Shorin-ryu- bzw. Chatanyara-Version der Kata Kushanku.

Auch für uns heute ist die strukturelle Einfachheit zunächst einmal gar nicht so verkehrt, ja sogar dienlich, denn allzu Kompliziertes schreckt ab und kaum jemand würde sonst mit dem Karate beginnen. Jedoch kann dieses Konzept unter Umständen auf Dauer nicht recht befriedigen, und zwar dann wenn einem der Eindruck entsteht trotz eifriger Praxis irgendwie nicht voran zu kommen. Stures Weiterüben des Bekannten hilft da wenig, denn technische Details oder gar energetische Tiefen erschließen sich nur bei gezieltem Vorarbeiten mit klarer Richtung. Auch das Erlernen immer weiterer Kata oder deren Versionen bringt, solange deren Inhalte ausgeführt werden wie der bisherige Rest, kaum etwas.

Best friends: Kenwa Mabuni und Chojun Miyagi.

Das wohlstrukturierte Übungskonzept des modernen Karate ist somit recht hilfreich, sofern es als Basis fungiert, welches einer/m jeden – einen ersten Einstieg in eine durchaus komplexe Kampfkunst ermöglicht – den Meistern sei Dank. Jedoch sollte mit Zunahme von technischer Fertigkeit und Traingserfahrung allmählich ein Übergang stattfinden hin zu einer auf den einzelnen Übenden angestimmten Form der Weg-Praxis. Mit anderen Worten, für den wirklichen Fortschritt sollten wir irgendwie versuchen zur Individualität der Lehrweise früherer Tage zurückzufinden. Dazu würde auch das An-/Erkennen gehören, dass unsere Kata von ihren Schöpfern keinesfalls ein für alle mal festgelegt oder von ihren Nachfolgern streng unverändert weitergegeben wurden. Memerkenswerterweise weichen alle im Shorin-ryu Okinawas geübten Versionen von Kata wie Kushanku, Jion, Wanshu, Bassai, teilweise beträchtlich von dem ab was gemeinhin in Japan als Itosu´s Original propagiert wird. Man bedenke, dass der Begriff „Shorin-ryu“ von ihm höchst selbst eingeführt worden sein soll, und zwar um das von ihm unterrichtete Tōde-jutsu von dem u.a. von Kanryo Higaonna gezeigten „Shorei-ryu“ abzugrenzen.

In Europa weniger bekannt: Yasuhiro Konishi, hier beim experimentell angelegten Kumite („Bunkai“) mit Choki Motobu.

Ferner sollten wir davon absehen die Kata als von einer einzigen bestimmten Person erschaffen zu sehen, auch wenn sie deren Namen trägt, wie etwa im Falle von „Aragaki“-Sochin. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass einige dieser durch Namen oder eine besondere Entstehungsgeschichte spezifizierten Kata womöglich gar nicht von den genannten Personen stammen, sondern letzteren „nur“ von ihren Schülern in konfuzianischer Ehrerbietung zugeschrieben wurden.

Gemeinschaftsbild: Gichin Funakoshi mit Kenwa Mabuni und Yasuhiro Konishi. Links hinten Genwa Nakasone, rechts Mabunis Sohn Kenei.

Erste Zweifel an den üblichen Überlieferungen mit ihren allzu fixierten historischen Darstellungen kamen mir beim Üben der Kata Shiho-Kushanku. Bei dieser etwas verkürzten Fassung von Anko Itosus´s Kushanku-dai wurde eine Gesamtdrehung des Geschehens um 90° vollzogen, ähnlich wie wir dies in dessen Version der Kata Wanshu wiederfinden, womit erstere gewiss „nach Itosu aussieht“. Seltsam nur, dass diese Kata – zumindest meines Wissens nach – nur im Shito-ryu vorkommt! Sollte hier vielleicht Kenwa Mabuni selbst auf vorsichtige Weise begonnen haben das Werk seines Meisters Itosu bezüglich Straffung der Kata zu vollenden? Womöglich tat er dies auch bei anderen Kata und schrieb das jeweilige Ergebnis seinem Initiator zu, auch um dem ganzen mehr Autorität zu verleihen? Das Konzept der Anpassung des Karate an bestimmte Zielgruppen (Highschool, Jugendliche, Frauen) hat er dann ja später analog wie sein Meister, jedoch nun offen fortgeführt. Man denke an die Kata Shinsei, Aoyagi, Juroku, Myojo und Shinpa, welche ähnlich wie die Pinan-Kata aus Fragmenten älterer Formen bestehen.

Durch fehlende Information waren wir lange geneigt die Entwicklung der einzelnen Stile als mehr oder weniger isoliert voneinander zu betrachten. Gepflegt wurde diese Sichtweise leider auch durch unsere (japanischen) Lehrer. Dabei unterhielten Kenwa Mabuni und all die anderen aus Okinawa stammenden Experten zumindest in den Anfangsjahren des Karate in Japan teils intensiven Kontakt zueinander, verbunden mit einem regen Wissens-, Erfahrungs- und Meinungsaustausch, d.h. sie beeinflussten sich gegenseitig, was viele der heutigen Puristen sich nur ungern vorstellen mögen.

Immer dabei: Genwa Nakasone (zweiter v. rechts).

Nicht wenige der damals an der Entwicklung und Strukturierung des Karate als Budō beteiligten Leute wurden später nur selten erwähnt und sind darum heute beinahe unbekannt. Ich nenne nur Genwa Nakasone, einen Journalisten und Freund Kenwa Mabunis, der durch seine Publikationen wesentlich zum Bekanntwerden und damit zur Verbreitung des Karate beitrug. Er wird häufig als Ko-Autor namhafter Werke genannt, wobei ich fast den Verdacht hege, das es eigentlch er war, welcher die Texte für Werke wie „Karate-dō Nyūmon“ verfaßte. Bleibt nun die Frage offen, wem die Ehre gebührt.

Wiedersehen macht Freude, auch nach vielen Jahren. Kenwa Mabuni und Gichin Funakoshi 1953, im Gefolge Ryusho Sakagami, Isao Obata und Masatoshi Nakayama.

Ich möchte mit der Darstellung meiner blasphemischen Gedanken das Image unserer Ahnherren und Meister gemäß einer wahrscheinlicheren Realität etwas zurechtrücken. Dabei meine ich, dass ihnen durchaus all unser Dank und der damit verbundene Respekt gebührt. Nur sollten wir von einer überzogenen Glorifizierung absehen. Sie waren keineswegs allwissend und ihre Werke, die Kata waren das Ergebnis einer Entwicklung, die bis heute anhält. Lebendiges Karate muß Wandel zulassen können, wozu auch gehört die derzeit praktizierten Kata oder deren Versionen bezüglich ihrer Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Sie nur darum zu üben, weil sie von einem illustren Meister geschaffen oder überliefert wurden, geht an einem der wahren Inhalte des Budō vorbei. – „Erkenntnis“ wäre ein passendes Stichwort …

 

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Bodhidarma – Ur-Meister des Karate?

„Der Ruf nach dem Meister“ – ist der Titel eines 1975 erscheinenen Werkes des Diplomaten, Psychotherapeuten und Zen-Lehrers Karlfried Graf Dürckheim. Mein früherer Judō-Trainer Holger Brückner empfahl mir dessen Lektüre Anfang der 1980er, weil ich ihm gegenüber äußerte selbst das Bedürfnis nach einer Führungsperson zu verspüren, welche mir über die üblichen technischen Anweisungen hinaus eine Ausrichtung bezüglich Moral und Werte sowie auch Spiritualität vermitteln können sollte. Es fiel mir  recht schwer mich durch den überaus anspruchsvollen Text hindurchzuarbeiten, denn die bis dahin von mir gelesenen Bücher zum Thema Zen waren einfacher, darunter „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ von Eugen Herrigel oder „Za-Zen. Die Praxis des Zen“ und „Zen in den Kampfkünsten Japans“ von Rōshi Taisen Deshimaru. Vieles von dem bei Graf Dürckheim Gelesenen blieb zunächst unverstanden, weil philosophisches Grundwissen fehlte und es mir darüber hinaus einfach noch an entsprechenden Erfahrungen des Lebens oder der nötigen Übungspraxis mangelte. Was mir aber damals schon klar wurde war, dass über das logisch-rationale ein intuitiv-emotionales Erfassen der Dinge besonders im Bereich des Budō unerläßlich ist. Und um dies zu bewirken bedarf es zusätzlich zu aller noch so vollständigen Informationen und Richtlinien bezüglich Methode und Praxis einer oder auch mehrerer Personen, die einen anleiten und helfen das Wesentliche zu erkennen.

Qigong-Meister Zhichang Li

Mein Qigong-Meister Zhichang Li betonte immer wieder, dass neben Fleiß und günstigem Umfeld die stimmige Übungsmethode Renshi Fangfa von aus-schlaggebender Bedeutung ist für den Erfolg im Vorankommen auf dem spirituellen Weg. Entsprechende Methoden wurden meist über viele Generationen überliefert und sind im günstigen Falle ständig verbessert worden, sie sind jedoch niemals perfekt oder in ihrer Entwicklung abgeschlossen. Zudem wurden sie nicht selten in verschlüsselter Form weitergegeben, wodurch sich deren Zugang erschwert(e). So braucht es eines Kundigen zur Entschlüsselung und in der Regel einer individuellen Anpassung. Diesen Teil kann nur eine Person übernehmen, die weit fortgeschritter ist als der Übende selbst. Zwar kann sich letzterer in weiten Bereichen – und heutzutage leichter als in früher vermittels der vielfältigen medialen Zugänge – die erforderlichen Kenntnisse bis zu einem gewissen Grade selbst aneignen. Allerdings kann er sich so nie sicher sein, ob seine Informationen komplett sind, ob er sie richtig interpretieren und somit korrekt in die Praxis umsetzen kann.

Zen-Literatur

Wir können uns nämlich nur bedingt selbst wahrnehmen und darum kaum hinreichend beurteilen wie weit wir gekommen sind oder welche Korrekturen uns guttäten. Hierzu bedarf es eines Außenstehenden, der uns einschätzt. Als eine der wesentlichen Aussagen des Buches von Graf Dürckheim habe ich verstanden, dass es unabdingbar ist durch eine solche Person angeleitet zu werden bis man selbständig genug ist weiter ohne Hilfe voranzuschreiten. Aber wann ist dieser Moment gekommen? Ausbildungen gleich welcher Art werden ja meist mit einem Zeugnis, einem Grad oder so etwas wie einer Lizenz abgeschlossen. Man bekommt zur Bestätigung des eigenen Kenntnis- und Erfahrungsstands eine Urkunde oder ein Zertifikat. Später folgen dann oft weitere Grade oder ehrwürdige Titel. Trotzdem haben wir, sofern wir nur ehrlich genug mit uns selbst sind, immer ein subtiles Gefühl, noch nicht wirklich gut zu sein und dass es noch viel zu lernen gibt.

Mokusō -spiritueller Bezug im Budō.

In praktisch allen Bereichen des menschlichen Tuns „behilft“ man sich darum mit übergeordneten Richtlinen (Meister Li´s „Methoden“ oder bei uns die Kata) und vertraut auf Personen mit mehr Wissen oder Erfahrung, die einen weiter anleiten. Diese Lehrkräfte genießen je nach Abstand (nach oben) zu unserem eigenen Er-/Kentnisstand mehr oder weniger Autorität, d.h. man folgt ihren Anweisungen oder stimmt ihnen in ihren Ansichten zu, ohne sie grundlegend zu hinterfragen. Das Wort „Autorität“ beinhaltet Respekt gegenüber dem Wissen/Können der jeweiligen Person, deren persönlicher Leistung und davor in dem gefragten Bereich derart weit vorangekommen zu sein.

entspannte Straffheit: Meister Kanazawa

Besonders in den Kampfkünsten braucht es zum Erreichen eines überdurchschnittlichen Niveaus eines „unbeugsamen Geistes“, welcher von Außenstehenden nicht selten als Sturheit oder Fanatismus wahrgenommen wird. Entsprechend ist der Umgang mit diesen Personen häufig nicht einfach, sie gelten bisweilen sogar als exzentrisch. Und selbst diese durchaus als Meister zu bezeichnenden Menschen sind sich der nicht existierenden Perfektion und damit ihrer eigenen Unzulänglichkeit vollends bewusst – oder zumindest sollten sie das sein. Im Karate kennen wir in diesem Zusammenhang die Begriffe Sensei und Senpai. Ich hatte schon darüber geschrieben und möchte das darum nicht noch einmal vertiefen.

Im Falle eines in der jeweiligen Kunst extrem weit fortgeschrittenen Menschen, welcher kaum noch lebende Autoritäten „über sich“ hat, besteht das Problem auf wen dieser sich berufen oder an wen er sich wenden könnte um den fortwährend bestehenden Zweifeln an sich selbst oder der Sache zu begegnen. Wo kann sie/er Gewissheit finden? Seit den frühesten Tagen der Menschheitsgeschichte war es üblich Rat in „heiligen“ Texten zu suchen, die außergewöhnlichen Personen zugeschrieben wurden, bei welchen besondere geistig-sprituelle Fähigkeiten vorausgesetzt und göttliche Eingebung nicht ausgeschlossen wurden.

So nicht! Eine leider weit verbreitete Haltung, die an der Idee der inneren Sammlung vollkommen vorbeigeht.

Dabei erfüllen verstorbene Lehrmeister  eher die Erwartungen an eine perfekte, unfehlbare Person, was wichtig ist für eine angenommene Rechtmäßigkeit der Lehre, also ihren Wahrheitsanspruch – was „Wahrheit“ auch immer für den Einzelnen oder eine Gruppe bedeuten mag. Verstorbenen wird gerne nur Gutes zugeschrieben und tote Meister erscheinen frei von Verfehlungen, ähnlich dem Ideal eines Heiligen. Und je länger deren Wirken  zurückliegt, desto besser erfüllen sie die Anforderungen, die wir an sie stellen. Zu allen Zeiten neigten die Menschen dazu sich vorzustellen jene Ahnherren hätten ganz uneigennützig eine Lehre für die Nachwelt entwickelt. Die eigene Lehre, nach der man übt soll ja möglichst ohne Makel sein. Leider wird diese nur allzu gern dogmatisch als fehlerfrei angenommen. Ein Heiliger als Gründer ist darum praktisch, weil per Definition unfehlbar. Ich meine jedoch, alle Gründerväter müssen, sofern sie denn gelebt haben (wie auch die Propheten der Bibel) als menschlich-fehlbar angesehen werden.

Dieser hier macht´s richtig.

Solch ein Quasi-Heiliger ist Bodhidarma, der gerne als überragender Genius angesehen wird und der gleichsam aus spiritueller Eingebung heraus das Shaolin-Kungfu geschaffen und damit den Grundstein aller folgenden Kampfkünste gelegt haben soll. Fast alle japanischen Autoren berufen sich beim Beschreiben der Karate-Geschichte auf Bodhidarma. Nach den gängigsten Versionen hätte er Übungen ersonnen, welche die Mönche fit machten – für Meditaion und Kampf – oder er hat gleich das ganze Kloster Shaolin aus dem Nichts gegründet. Nach neueren Erkenntnissen der historischen Forschung ist beides falsch. Buddhistische Klöster gab es in China schon lange vor der Ankunft Bodhidarmas und auch die von ihm eingeführte  Form der Meditation war nicht absolut neu. Die Ansichten des Chan (japanisch Zen) stammen zum großen Teil aus daoistischen Lehren. Hier war es von großem Vorteil, dass den Menschen der ostasiatischen Welt religiöses Konkurrenzdenken so wie wir es kennen mit den dazugehörigen Absolutheitsansprüchen schon immer weitgehend fremd war. Auch gab es in China zuvor schon Kampfkünste, die angeblich auf einen göttlichen (!) Krieger namens Zhen Wu zurückgehen. Letztlich hat Bodhidarma die Übungen, welche er als Abt seinen Mönchen „verordnete“ wohl nicht selbst ersonnen, sondern griff wohl eher auf ein älteres Konzept zurück, welches in Indien – denn daher stammte er ja – bis heute als Kalaripayattu bekannt ist und dessen Bewegungen zum Teil erstaunliche Ähnlichen mit denen des Shaolin aufweisen.

Bodhidarma – nach japanischer Vorstellung

Ich möchte das Wirken Bodhidarmas keinesfalls herabwürdigen. Auch meine ich (ohne ihm je begegnet zu sein), dass er bestimmt eine herausragende Person mit starkem Charisma und hoher Spritualiät gewesen sein muß, ähnlich wie Mahatma Ghandi oder der Dalai Lama. Es bringt uns jedoch nichts ihn rein zu vergöttern. Wollen wir seine Lehre, die des Buddha oder meinetwegen auch die Jesu Christi, wirklich „im Herzen“ erfassen, so sollten wir versuchen jene auch als Menschen zu sehen um uns dann einem gewissen Grad in sie hineinzuversetzen. Dies klingt im ersten Moment sicher vermessen, entspräche aber vollkommen der traditionellen Ausbildungsmethode, bei der das Vermögen (Potenzial) des Meisters möglichst wortfrei auf intuitivem Wege auf den Schüler übergehen soll. Eine als göttlich oder unfehlbar angenommene Meisterperson blockert so einen Vorgang  jedoch nur unnötig.

Kalaripayattu – die Ähnlichkeit mit der Kunst der Shaolin ist nicht zu übersehen.

Für die namhaften Autoren, welche ihre Werke während der Zeit des japanischen Nationalismus verfassten, unter ihnen Anko Itosu, Chōjun Miyagi, Choki Motobu aber auch Gichin Funakoshi und Kenwa Mabuni, hatte Bodhadarma (japanisch: Daruma) als Ahnherr des Tōde/Karate aber noch eine andere, ganz besondere Attraktivität. Japan befand sich seit seiner Modernisierung und dem damals verbundenen Machtsteben seit Mitte des 19. Jahrhunderts im diplomatischen Konflikt mit China. Die allgemeine Stimmung im Volk war dementsprechend antichinesisch, ganz analog dem antifranzösischen Denken bei uns vor und während der zwei Weltkriege. Wenn nun das Karate in den Reigen des japanischen Budō aufgenommen werden sollte, dann hätte man den Verantwortlichen nur schwerlich einen Chinesen als Ahnherrn präsentieren können. Ein Inder passte daher viel besser ins Konzept. Nur dieser wäre in der Lage gewesen den gleichsam „unfähigen Chinesen“ den Buddhismus und die Kampfkünste beibringen. Völkischen Denken – wir Deutsche waren da nicht die einzigen!

Vorläufer von Bodhidarma´s Übungen?

Dabei gab es Migrationen seit der Steinzeit und keine Nation besteht aus reinem Blut. Man weiß heute, dass die Urbevölkerung Japans kaukasisch und rein äußerlich eher den Europäern ähnlich war. Man vermutet sogar, dass bis in Tokugawa-Zeit hinein noch Ainu in Zentraljapan lebten und vornehmlich im Militärwesen Dienst taten. Alte Abbildungen (Holzstiche) zeigen bisweilen für heutige japanische Verhältnisse allzu wild aussehende Krieger mit lockigem (!) Haar und vollem Bart und unterstreichen somit diese These. Aber bleiben wir ruhig auf dem Boden von Tatsachen. Dienlich wäre es nur wenn wir  als „wahre“ Budōka die historischen Zusammenhängen so nehmen wie sie sind, und seien sie noch so unbequem.

Geschmacksache: nach japanischen Brauch wird zu Beginn einer schweren Aufgabe ein Auge des Daruma ausgemalt, nach Vollendung das andere.

Unsere Ahnherren waren menschlich und damit fehlbar. Auch sie waren einmal jung, begingen Dummheiten und hatten ebenso wie wir ihre Lehrer. Sie pflegten Beziehungen zu anderen Menschen und wurden vom Leben enttäuscht. Aber sie lernten aus ihren Fehlern, etwas was viel mehr Vorbildcharakter haben sollte als vermeintliches Göttlichsein.

Angeregt zu diesem Beitrag wurde ich durch ein Manuskript, das mir vor einiger Zeit dankenswerterweise von Wolfgang Herbert, einem Freund aus früheren Tagen im S.K.I.-Verband überlassen wurde. In dem Text wurde sehr ausführlich so ziehmlich alles Wissen über Bodhidarma und die Umstände seines Wirkens nach dem letzten Stand der historischen Forschung zusammengetragen. Ansichten namhafter Autoren wurden einer kritischen Beurteilung unterworfen. Für mich war die Lektüre sehr lehr- und aufschlussreich. Wolfgang Herbert (s. Link unter „Weiterführende Kontakte“) war es gelungen sich in Japan gegen starke Konkurrenz als Instruktor durchzusetzen und, ermutigt durch seinen Meister Hirokazu Kanazawa, ein eigenes Dojo zu eröffnen. Demnächst erscheint von ihm ein Roman über das Leben des Meisters Gichin Funakoshi. Wir können gespannt sein.

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Für immer und ewig – ist Oi-zuki noch zeitgemäß?

 In wie weit entspricht unser „traditionelles“ Karate den Erfordernissen der modernen Zeit? Werden unsere Zielsetzungen wirklich erfüllt? Oder üben wir Dinge, die eigentlich keinen praktischen Wert für uns haben?

Gewiss bin ich mir des provokativen Charakters dieser Fragen bewusst. Und eine mögliche Anwort auf sie wäre: Wir machen das so, weil wir es immer so taten, nach dem Motto: „Fortschritt? – Nein Danke!“ Aber Achtung, mir geht es auch hier weniger um die Frage nach einer perfekten Methode des Zweikampfs, abgesehen davon, dass es sie nicht gibt. Dabei werden von Zeit zu Zeit doch immer wieder ultimative Kampfsysteme vorgestellt und angeboten, welche dann „das Beste“ aus allem bisher Dagewesenen enthalten sollen. Das zeigt irgendwie, dass viele Praktiker der Kampfkünste gewisse und womöglich berechtigte Zweifel am Geübten hegen. Ob dann die Lösung im Zusammenbasteln neuer Kreationen und entsprechenden Namen besteht, ist aus meiner Sicht fraglich. Als sinnvoll erachte ich jedoch das eigene Tun ständig selbstkritisch zu hinterfragen und gegebenfalls zu korregieren, wobei nicht der Glaube, sondern die kühle Logik unter Einbezug aller zur Verfügung stehenden Fakten Anwendung finden sollte.

„Sanjuro“ – Akira Kurosawas leicht ironische Homage an vergangene Zeiten.

Bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde in den Kampfkünsten die persönliche Unterweisung der jeweiligen Situation angepasst. Dies betraf die allgemeinen Erfordernisse, welche an die jeweilige Methode gestellt wurden, als auch die besonderen Gegebenheiten, wie etwa Anzahl und Talent der einzelnen Schüler. So wurden von den Bushi früherer Jahrhunderte besonders kämpferische Fähigkeiten auf dem Schlachtfeld gefordert, für die Samurai der Tokugawa-Epoche waren hingegen eher solche von Bedeutung, die bei der Verteidigung bei Anschlägen oder kleinen Scharmützeln dienlich waren. Das schnelle Reagieren auf unvorhergesehe Angriffe war besonders wertvoll und Iai-jutsu trat an die Stelle von Ken-jutsu. Zwar war der Kampf mit blanken Schwertern nach wie vor wichtig, das entsprechende Training wurde jedoch für den Kampf ohne Rüstung anders strukturiert und nahm zeitlich gegenüber der Schulung der Reaktion in für Samurai „alltäglichen“ Situationen immer mehr Raum ein. Auch die Schnitttechnik selbst wurde der Zeit angepasst, galt es ja nun nicht mehr unbedingt mit dem Schwert einen Panzer zu durchdringen. Je nach Schule gab es allerlei Stufen von Schwierigkeitsgrad oder Geheimhaltung.

Yōjinbo“ – Toshiro Mifune in Action.

Ähnlich haben sich in der Praxis des unbewaffneten Kampfes im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte die Bedingungen immer wieder verändert. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Kampfkunst vom Meister an jeweils nur wenige Schüler weitergegeben. Aufgrund des gesellschaftlichen Wandels im Rahmen der Meiji-Reformen war es dann aber kaum mehr zu rechtfertigen diese Praxis beizubehalten. Sowohl in Japan als auch auf Okinawa wurde die Krieger-Kaste so wie alle weiteren offiziell abgeschafft. Entsprechende Zweikämpfe wurden unüblich und sogar verboten. Zugleich schickte sich Japan an zu einer regionalen Militärmacht aufzusteigen. Für eine Armee braucht es wiederum möglichst viele starke junge Männer und nicht nur Anko Itosu erkannte hier den Wert der traditionellen Kampfkünste. Zwar gab es für diese in einer modernen Truppe kaum eine direkte Anwendung, aber sie taugten in idealer Weise zur Körperschulung. Man bedenke, dass Sport als reine Leibesertüchtigung zur selben Zeit auch in Europa noch neu war und auch hier noch in seinen Anfängen steckte.

Open-Air Training vor dem Shuri Castle … Nur: wie will der auf dem Podest nun einenSchritt  vorgehen?

So erfolgte eine grundlegende Überarbeitung all dessen, was von nun an gelehrt werden sollte. Die Formung starker junger Männer stand im Vordergrund, weniger oder kaum noch die effektive handgreifliche Verteidigung. Sicher variierte diese Einstellung von Schule zu Schule, d.h. von Meister zu Meister. Jedoch nahm Anko Itosu mit Abstand die größte Anzahl an Schülern auf und war dadurch und dank seiner sozial-administrativen Stellung bei dieser Entwicklung im Bereich der Kampfkunst Okinawas tonangebend. Praktisch alle durch ihn überlieferten Kata wurden zum Teil erheblich verändert, d.h. technisch vereinfacht und insbesondere für die jüngeren Teilnehmer von allem „Gefährlichen“ befreit. Diesbezüglich hatte ich mich ja schon mehrfach kritsch geäußert und möchte daher an dieser Stelle nur einiges zum Stoß im Vorgehen mit der Standardfaust seiken, allen bekannt als Oi-zuki, anmerken.

Tōde-jutsu, das spätere „Karate“ sollte von möglichst vielen jungen Leuten geübt werden können, auf dass diese Körper und Geist stählten. Zudem sollte durch das gemeinsame Üben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit – wir würden heute sagen „Teamgeist“ – verbunden mit einer weitgehend konformen Denkweise (alle/s für´s Vaterland) gefördert und damit einem allzu ausgeprägten Individualismus entgegengewirkt  werden. In dem sich hierfür ideal anbietenden Training in großen Gruppen waren dann bestimmte Technik nur schwer unterzubringen. Natürlich hätte man auch damals schon Gyaku-zuki, eine für den Kampf durchaus wertvolle Technik, im Stand üben können, nach Kommando, so wie wir es heute kennen. So etwas kam den damaligen Übungsleiter wohl nicht in den Sinn, da sie noch zu stark der Vorstellung eines Abschreitens von Bewegungsmustern entsprechend der Kata verhaftet waren. Das uns allen bekannte Idō-kihon, das Auf- und Abbewegen unter Ausführung von einfachen Grundtechniken, ist darum noch relativ neu und als Endprodukt eines Strebens nach größtmöglicher Vereinfachung zu sehen, und es handelt sich keinesfalls um eine  aus alten Zeiten überlieferte Form der Übung.

Kentsu Yabu

Kentsu Yabu

Wenn wir uns bestimmte, von Meister Itosu geschaffene Kata anschauen wird dieser Übergang deutlich. Die drei Kata Rohai-shodan, -nidan und -sandan sind Nachfolgeversionen einer älteren einzelnen Form und enthalten nun viele Sequenzen, die genauso gut im Auf- und Abgehen ähnlich wie im Kihon geübt werden könnten. Auch Jion und Jiin muten sehr „kihon-mäßig“ an, d.h. sie enthalten überwiegend einzelne Basistechniken im Vorgehen. Das Ende dieser Entwicklung, weg von den komplexen und somit schwierigen Aktionen hin zur einfachen Stoß- oder Abwehrbewegung, finden wir in Pinan-nidan bzw. Heian-shodan, bei der es sich eigentlich nur noch um die Ausführung von Kihon auf einem einfachen Schrittdiagramm handelt. Interessant ist diesbezüglich eine Anmerkung von Meister Gichin Funakoshi in seinem Buch „Karate-dō Kyohan“, nach der die heutige Heian-shodan ursprünglich Heian(Pinan)-godan gehießen hätte. Diese Information entzog sich lange meiner Logik, ist doch Heian-shodan viel simpler als die übrigen Kata der selben Gruppe. Wieso wurde sie dann den Schülern erst „am Schluss“ beigebracht? Lange Zeit interpretierte ich diesen Sachverhalt als einen spirituell-didaktischen Schritt, nach dem der Schüler den Lehren des Zen entsprechend zur Einfachheit finden sollte. Erst viel später wurde mir klar, dass diese Form wohl als letztes entstand und sie somit Meister Itosus (noch) nicht vollzogenen Schritt zum reinen Kihon im Sinne eines Übens von Einzeltechniken darstellt. Diesen taten dann seine Schüler, u.a. Hanashiro Chomo und Kentsu Yabu. In meinem Buch „Die Form des Karate“ habe ich diesem Thema einigen Raum gewidmet.

Motobu Kumite

Frühe Formen des Kumite: Choki  Motobu

Vor der Einführung der Pinan-Kata wurde die Ausbildung im Tōde-jutsu in der Regel mit Naifanchin oder Vorläufern der Kata Sanchin begonnen. Aus heutiger Sicht betrachtet stellen Kata wie Heian-shodan/Pinan-nidan, Gekisai oder Fukyu-kata recht gute Formen der Übung dar, die nicht allzu hohe Anforderungen an den/die Anfäger/in stellen. Ob es aber all der neuen Taikyoku- und Kihon-kata bedarf, mit denen die Schüler gewisser Meister beschäftigt gehalten werden, wage ich zu bezweifeln.

Im uns bekannten Kihon dominiert der Fauststoß im Vorgehen. Vielleicht war Oi-zuki  für die Militarisierung Japans eine besonders vorteilhafte Form des Übens? Der Soldat sollte ja vorrücken und Rückzug war nicht vorgesehen (s.a. meinen vorangegangenen Beitrag zum ähnlichenThema). Andererseits kommt Oi-zuki selbst in den von Meister Itosu überlieferten, d.h. für ihn „typischen“ Kata nur relativ selten vor. Es sind dies Jiin, Jion, Wankan, Bassai-sho, Kushanku-sho, Chinto und ein Teil der Pinan-Kata, nämlich Pinan-sandan, Pinan-yondan und Pinan-nidan. Daneben gibt es noch ältere (?) Versionen, etwa von Chinto oder Rohai, in denen so etwas wie Oi-zuki in Shiko-dachi ausgeführt wird.

Dogmatismus

„Architektur“? – Statischer geht es kaum. Zementierter Dogmatismus

Kushanku-dai, Shiho-Kushanku und Pinan-shodan (Heian-nidan) enthalten Oi-zuki mit Yonhon-Nukite, wobei ich (u.a. auch in meinem Buch) bereits ausführte, dass Zweifel angebracht seien, ob es sich wirklich um einen Stoß mit den vier Fingern handeln kann. Im Falle der beiden Aktionen mit Nihon-nukite als Angriff zu den Augen innerhalb der Kata Chinte erscheint der Fall jedoch klar. Ob man Fauststöße aus dem Absetzen des Fußes nach einem Tritt, wie in Chinto oder Unshu, noch als Oi-zuki bezeichnen soll, lasse ich dahingestellt. Die Kata des Naha-te enthalten überhaupt keinen Oi-zuki. Die beiden Gekisai-Kata sind hingegen neueren Datums und wurden von Chojun Miyagi nach dem Muster der Pinan geschaffen (Kenwa Mabuni und er waren gute Freude). Anmerkung: Es handelt sich bei der obigen Aufstellung um mir bekannte Versionen der Kata von Shito-ryu, Goju-ryu, Shotokan und Shorin-ryu. Etwaige Fehlbetrachtungen bitte ich zu entschuldigen. Man kann nicht alles wissen!

Tsuki abwärts – oft mehr Zeremonie als sinnvoll.

Warum Oi-zuki heute als so wichtig angesehen wird mag wohl auch in der Nowendigkeit begründet liegen all die sonst erlernten Abwehren und Gegenangriffe mit Partner einüben zu können. Ich sehe hier durchaus den praktischen Wert, insbesondere für die unteren Ausbildungsstufen und im Training der Kinder. Reines Üben von Kata würde für viele keinen Sinn machen und somit absurd  erscheinen. Es wurde sogar herausgefunden, dass sinnloses Tun ohne konkrete Zielsetzung und Struktur – und sei es nur im Spiel – nicht gerade zuträglich für das Gehirn ist. Gefahr entseht hier jedoch durch eine mangelnde kritsche Distanz, wenn das Geübte als direkte Übung für den reaen Kampf und nicht als reine Schulung von Koordination und Distanzgefühl angesehen wird. Meister wie Gichin Funakoshi wollten ja bekanntlich kein Kumite und dies wohl weniger wegen ihrer pazifistischen Einstellung, sondern sie befürchteten womöglich eine Verwässerung, in der Technik selbst und in der geistigen Einstellung: Bei geregelten Auseinandersetzungen wie dem Kihon-kumite oder dem sportlichen Wettkampf werden bestimmte das Überleben gewährleistende Hirnareale nicht aktiviert. Eine Schulung für den realen Kampf bleibt somit aus.

Standardfaust Seiken – Sensei Fumio Demura in jungen Jahren.

Oi-zuki als reinen Angriff auszuführen ist höchst gefährlich. Allenfalls ein Zuvorkommen im Sinne von Sen no Sen wäre denkbar, setzt aber sehr weit fortgeschrittene kämpferische Fähigkeiten voraus. Ansonsten eignet sich ein Vorgehen mit anschließenden Stoß nur als finale Technik und womögllich erklärt sich daraus auch warum in den Kata wenn überhaupt Oi-zuki in der Regel erst am Ende einer Sequenz ausgeführt wird. Auch gilt es einen kuriosen Brauch zu beachten, der für uns heutzutage kaum vorstellbar ist. In der Zeit bis zur Meiji-Reform hatten sich in Japan sowie auf den Ryukyu-Inseln die Menschen auf der Straße streng nach ihrer sozialen Stellung zu verhalten. Dabei bewegten die Mitglieder Kriegerkaste ihre Arme nicht entgegen der Füße so wie wir, sondern bevorzugten eine „synchrone“ Art des Gehens. Wir würden dies heute als unnatürlich empfinden, aber wahrscheinlich ergaben sich für die Samurai und womöglich auch für die Oberschicht Okinawas gewisse Vorteile und man versprach sich dadurch schnellere Abwehraktionen im Falle eines hinterhältigen Angriffs. In der Kata Pinan-sandan wird ein derartiges Verhalten angedeutet, fraglich jedoch ob solch eine Übung heute uns noch dienlich ist.

Die Beispiele zeigen, dass das technische Repertoir, welches wir uns beim Üben von Kata und Kihon aneignen nicht unbedingt den Erfordernissen entspricht, die jemand an eine effektive Form des Kampfes für die heutige Zeit stellen würde. Die Zielsetzung der Meister im ausgehenden 19. Jahrhundert warja auch eine andere.  Besondere Fähigkeiten im Zweikampf wurden wenn überhaupt nur einem einem besonderen Kreis ausgewählter Personen vermittelt. In dieser Hinsicht hatte sich somit nur wenig geändert.

Sofern wir uns der Pflege dieses Kulturgutes widmen, dann sollten wir uns all dessen bewußt und uns selbst gegenüber ehrlich sein. Spaß und Freude an der Pflege von Traditionen und Riten sind ein nicht zu unterschätzender Teil unseres Lebens. Sie sind wichtig weil sonst unsere kulturellen und eventuell auch spirituellen Wurzeln verloren gehen. Im Falle einer Kampfkunst wie des Karate sollten wir jedoch unbedingt unterscheiden was davon reines Brauchtum ist und wissen warum es so oder so gelehrt wird. Wir müssen dieses Brauchtum abgrenzen von der Praxis des Kampfes. Gewiss gibt es Überschneidungen und unsere Frage sollte sein: Was ist so wie es derzeit geübt wird wirklich brauchbar und wo bedarf es für die sinnvolle Anwendung Modifikationen?

Zur präzisen Auswahl der Trefferzonen bedarf es auch Kenntnisse in Anatomie.

Kurioserweise bietet gerade der sportliche Wettkampf hier recht positive Impulse. Gyaku-zuki, die auf Turnieren bislang am häufigsten bepunktete Technik kann prinzipiell auch in der Selbstverteidigung sehr wertvoll sein. Es bedarf jedoch Anpassungen in der Ausführung und vor allem bei der Auswahl der Trefferzonen. Im Gegensatz zum Turnier sollte Gyaku-zuki für Außenstehende (Schiedsrichter und Publikum) kaum wahrnehmbar sein. Der Stoß muß vollkommen überraschend und damit kurz und so schnell wie möglich ausgeführt werden und sich keinesfalls „kraftvoll“ anfühlen. Ähnliches gilt für Kizami-zuki oder Mae-geri. Spektakuläre Aktionen wie etwa Mawashi-geri jodan sind nur schön für die Zuschauer, in einem realen Kampf jedoch höchst risikoreich.

Somit gewährleistet ein langjähriges Üben der Kampfkunst Karate inklusive des sportlichen Wettkampfs durchaus bessere Chancen nicht nur in direkter Konfrontation mit üblen Zeitgenossen, sondern in allen Gefahrensituationen, und zwar durch überdurchschnittliche Beweglichkeit und Koordination sowie schnelle Reaktionen. Für den freien (nicht Wett-) Kampf ist jedoch eine Anpassung an die eigene Person unabdingbar. Die Auswahl gewisser „Lieblingstechniken“ reicht hier nicht aus, es bedarf einer wirklichen Vertiefung des Erlernten durch tägliche Übung und Reflexion. Das Prinzip „Probieren geht über Studieren“ kann hierbei helfen, ebenso das Schauen über den eigenen Tellerrand, etwa das Einbeziehen von Erkenntnissen sowohl der traditionellen als auch der modernen Medizin. Ein Anhaften an überkommenen Ansichten ist im Bereich der Kampfkunst eher hinderlich und steht einem Fortschritt im Sinne von Shu Ha Ri, d.h. einer ernstzunehmende Praxis des Karate als Dō, nur im Wege.

Karategi 2

Der Karategi in seinen Anfängen, hier zu sehen: Modell Motubu.

Letztlich sollte man anerkennen, dass das heutige Karate richtig betrieben einen recht guten Freizeitsport (den Begriff mag ich eigentich nicht so gern) darstellt, der vielleicht nicht eines/r jeden Geschmack trifft, aber als ganzheitlich-ausgewogenes Fitnessprogramm den Körper optimal fordert und fördert. Zum Spass an der Freud´ trägt sicherlich auch das umfangreiche Angebot von Herstellern wie Kamikaze oder Shureido bei. Unsere Bekleidung, der Karate-gi ist ausgereift, es gibt ihn für jeden Geschmack und Geldbeutel.

Begonnen hatte ich in jungen Jahren mit Judō und danach mit Karate ursprünglich mit dem Ziel einer effektvollen Verteigung. Das Erkennen der hier beschriebenen historischen Zusammenhänge kann darum in Anbetracht der scheinbar vergeblichen Müh´ recht bitter sein. Andersherum könnte ich mich fragen, wie wäre mein Leben verlaufen wenn Leute wie Meister Itosu ihre Kunst weiterhin geheim gehalten hätten? Die Praxis des Budō hat mich der japanischen und chinesischen Kultur, den Ländern und deren Menschen, deren Religion und Philosophie nähergebracht. Ich hätte mich sonst vielleicht nie der Chinesischen Medizin oder der Naturheilkunde allgemein gewidmet. All das hat mich als Mensch – wie ich meine – postiv geprägt. Und dessen bin ich allen Beteiligten dankbar.

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Spatenstich und Gyaku-zuki – Teil 2

Im ersten Teil dieses Artikels hatte ich versucht eine These aufzustellen, die erklärt wie wahrscheinlich durch den Einfluß militärischer Notwendigkeiten aus dem Tōde-jutsu, einer elitären Kampfkunst alter Zeiten Okinawas, ein Programm zur Ertüchtigung der japanischen Nation werden sollte.

Greift den Konflikt zwischen alter und neuer Schule thematisch auf: der Film „Kuro-obi“.

Meister Anko Itosu betont in seinen an das Erziehungs- und das Kriegsministerium gerichteten 10 Lehrsätze den Wert der Karate-Praxis für die Volksgesundheit und das Militär. Zum Ende des 19. Jahrhunderts war ein aus heutiger Sicht überzogener Patriotismus bis hin zum Nationalismus „normal“ und entsprach dem damaligen Zeitgeist. Unklar bleibt allerdings inwieweit Meister Itosu mit der späteren Entwicklung, dem japanischen Imperialismus und der daraus folgenden Katastrophe des 2. Weltkrieges einverstanden gewesen wäre. Für mich ist jedoch klar, dass Itosus Ziel wohl keineswegs war Karate als Sport auf der ganzen Welt zu verbreiten, sondern vielmehr das japanische Volk fit zu machen, wofür auch immer.

Training in großer Gruppe; man achte auf den „Karate-gi“: Uniformhose + T-Shirt!

Sinn all dieser womöglich als spitzfindig und blasphemisch empfundenen Denkansätze soll sein ein tieferes Verständnis  für den historischen Werdegang des Karate zu ermöglichen, besonders im Hinblick auf eine Reihe von Charakteristika unserer Techniken. In all meinen bisherigen Beiträgen hatte ich ja zu einer distanziert-kritischen Sichtweise geraten, wenn es darum ging dieses oder jenes Überlieferte als unumstößlich wahr anzunehmen. Vieles scheinbar Offenbare erscheint  bei näherer Betrachtung eher zweifelhaft oder wird zumindest vielschichtig.

„Schon mal was gemacht? …“

Ich will an dieser Stelle jedoch nicht erneut auf die Problematik der leider oft fragwürdigen Interpretation von Technik und Kata im Rahmen von Bunkai eingehen. Vielmehr bewegt mich momentan die Vorstellung einer indirekten militärischen Ausbildung, die man womöglich anstrebte als die Verbreitung des Tōde/Karate zu Beginn des 20sten Jahrhunderts so vehement vorangetrieben wurde. Denn Fitness aus Gründen der reinen Gesundheit oder des persönlichen Wohlbefindens ist etwas relativ neues. Eine „geistig und körperlich starke Nation“ – wozu dient dieses Ideal? Interessant ist doch, dass Itosus Brief auch an das „Kriegs“ministerium ging. „Verteidigungs“ministerium zu sagen war damals unüblich.

Und hier nun der Kern meiner These: Ich meine, es ist durchaus vorstellbar, dass das körperliche Üben, ähnlich wie bei uns später in den Jugendverbänden des Dritten Reiches, einerseits hart im Nehmen machen und andererseits auf den Einsatz an der Waffe vorbereiten sollte.

Bajonettstich  …

Nicht nur bei Itosu, auch später bei Funakoshi und Mabuni fällt einem das wiederholte Gleichsetzen von Händen und Füßen mit Hieb- und Stichwaffen auf. Wahrscheinlich zititieren letztere ihren Meister in wohlgemeinter konfuzianischer Tradition, allerdings ohne das Gesagte hinreichend zu hinterfragen. Sie empfehlen die Gliedmaßen so einzusetzen als wären sie scharf oder spitz. Aber auch sie wollten wohl kaum auf das alt-chinesische Konzept der „Eisenhand“ hinaus, sondern eher auf eine Ausführung mit der Vorstellung „als wenn …“. Eine solche prägte dann zwangsläufig auch die Übungsweise der Techniken. Statt einen paralysiernenden Impuls zu übetragen, will man dann bewusst oder unbewusst ins Gewebe des Gegners eindringen. Die entsprechende Motorik ist jedoch eine ganz andere als die eines auf die Oberfläche aufgebrachten zerstörerischen Impulses, einer Schockwelle, die sich selbst ohne materielles Medium in tiefere Schichten fortpflanzt.

… und Spatenstich

Beispiele für beide Zielsetzungen, zerstörerischer Impuls und Eindringen ins Material, finden wir beim Betrachten der Arbeit auf der Baustelle: Bis heute fasziniert mich mit welcher Präzision mein Onkel, er war Maurer der alten Schule, Ziegelsteine auf das benötigte Maß anpasste. Er benutzte dazu keineswegs irgend welche Schneidwerkzeuge, sondern nur seinen Maurerhammer. Einige wenige leichte, aber gezielte und federnde (!) Schläge auf die richtige Stelle und dann ein etwas größerer, alles scheinbar kraftlos. Wir Arbeitsleute (als Student arbeitete ich mit auf dem Bau) hatten das Material heranzuschaffen und bereitzustellen. Daneben gehörte zu unserer Arbeit das Schippen von Kies oder das Ausheben von Erdreich. Auch hier war eine korrekte „Technik“ vonnöten, wollte man ein angemessenes Ergebnis in entsprechender Zeit vorzeigen. Zunächst muß der oberflächliche Widerstand des Materials, z.B. von Sand oder Erdreich, überwunden werden, wobei Geschwindigkeit recht hilfreich ist. Zugleich aber muss besonders nach dem Eindringen ein ausreichender Druck ausgeübt werden, auf dass man nicht mit Schaufel oder Spaten an der Oberfläche hängen bleibt. Mit anderen Worten, nach dem Einstich muss ein starkes Schieben erfolgen, damit der Widerstand der Gleitreibung überwunden wird und die Haftreibung den Vorgang nicht ausbremst. Auf ähnliche Weise muss das Zustechen mit Gegenständen wie Messer, Schwert und Spieß erfolgen –  oder der Einsatz eines Bajonetts.

Jukendo: Vorführung zum Gefallen der Massen. Man beachte die Schutzausrüstung!

Wenn auch in einer modernen Armee des beginnenden 20. Jahrhunderts  nicht mehr primär auf naher Distanz gekämpft wird, so schloss man von der Heeresleitung her derartige Situationen nicht gänzlich aus. Bei Versagen des Gewehrs oder Mangel an Munition wird das Bajonett aufgepflanzt, auf den Gegner losgestürmt und am Ende, sofern man noch lebte, zugestochen. In der japanischen Armee wurde dann wohl jedoch, mehr als in jeder anderen der damaligen Zeit, konzentriert diese Art von Nahkampf gepflegt. Rekruten, die eine entsprechende Vorausbildung genossen hatten waren hier sicher im Vorteil, bzw. aus der Sicht der Führung gesehen besser zu gebrauchen. Der Bajonettkampf wurde so intensiv geübt und ähnlich wie das Kendo strukturiert, dass sogar Wettkämpfe möglich wurden.

Passai des Matsumura: bevorzugt werden zentrierte Fußstellungen

So manche/r mag vielleicht fragen: Was nützt uns all diese Information im Übungsalltag? Ich würde meinen, recht viel. Denn je mehr wir uns klar werden über die Zielsetzung unseres Tuns, desto mehr wird dieses durch Erfolg, sprich die Erfüllung unserer Erwartung belohnt. Ich richte mich hier eher an jene, welche in der Praxis des Karate (auch) eine effektive Form der Verteidigung suchen. Ertüchtigung von Körper und Geist oder Spiritualität können ja bekannlich auch auf anderem Wege erreicht werden. Zum Budō gehört eben auch, dass das Geübte einen Sinn macht und wenn dieser nicht darin bestehen soll einen möglichen Feind mit dem Bajonett aufzuspießen, so muss zumindest das Üben bestimmter Techniken, insbesondere von Gyaku-zuki, genauerer überprüft werden. Würde sie in einem Ernstfall wie gewünscht  funktionieren? Insofern sehe in der weit verbreiteten Art Gyaku-zuki auszuführen, nämlich mit einem möglichst weiten Zug nach vorne durch alle zur Verfügung stehenden Musken, nicht den richtigen Approach. Zuviel Einsatz von Kraft und schon allein der Gedanke an ihn machen langsam. Dagegen schöpfen alle Schlag- und Stoßtechniken ihre Wirkung hauptsächlich aus der Geschwindigeit beim Aufprall. Gyaku-zuki sollte keine verkappte Übung für den Bajonettstoß sein.

Nein, es handelt sich hier nicht um die „schaufelnde Lähmung“ aus dem Buch von Alfred Hasemeier.

Analog betrachtet können einem ähnliche Zweifel an der Bedeutung des Fauststoß im Vorgehen Oi-zuki kommen. In der heute üblichen Praxis wird Anfängern diese Technik ziehmlich zu Anfang vermittelt, in Verbindung mit der Vorwärtsstellung Zenkutsu-dachi und man meint dadurch leicht es handele es sich um eine Art Angriffstechnik. Dies kollidiert jedoch mit dem Ideal, welches besagt, dass der „wahre“ Karateka sich defensiv verhält und den Angriff des Gegners abwartet. Wozu also ein Angriffstsoß? Zu bedenken wäre hier allerdings, dass diese Maxime erst nach dem Krieg propagiert wurde, als das Karate zum „Do“ strukturiert wurde. Eine erste Lösung des Widerspruchs: Oi-zuki war eventuell ursprünglich nur als finaler Stoß am Ende einer Reihe erfolgreichen Kampfaktionen gedacht. Zumindest lassen die Sequenzen einiger Kata dies so vermuten.

Ältere Kata, also jene welche nicht von Meister Itosu überarbeitet oder direkt erschaffen wurden (wie z.B. Rohai shodan/nidan/sandan), und die des Naha-te weisen kaum Oi-zuki auf (man korrigiere mich). Auch die stark nach vorn gerichtetete Fußstellung Zenkutsu-dachi kommt in den alten Versionen unserer Kata eher selten vor. Ein Vergleich der Kata Bassai in den Versionen des Itosu und des Ishimine verdeutlicht vielleicht ganz gut den Übergang „nach vorn“. Beide Meister waren Zeitgenossen und sollten sich gut gekannt haben und es scheint fast als handele es sich bei der Ishimine-Version um einen Vorläufer von Itosus Bassai-dai. Sie unterscheiden sich handtechnisch nur wenig, jedoch beträchtlich in der Bevorzugung der Fußstellung: Neko-ashi bei Ishimine – Zenkutsu bei Itosu.

formalisierte Endstellung einer komplexen Aktion

Für eine effektive Schockwirkung beim Aufprall von Hand oder Faust ist ein vollends durchgestrecktes Bein eher hinderlich. Möglich, dass Meister Itosu dies als unvermeidlich in Kauf nahm als er mit dem Wechsel der bevorzugten Fußstellung einem mentalen Streben nach vorn und einer über längere Sicht sich entsprechend einstellenden inneren Einstellung beim Übenden höhere Priorität einräumte. Das Üben von Oi-zuki in großen Gruppen wiederum fördert in idealer Weise den gewünschen (aggressiven?) Mannschaftsgeist. Der strategische Rückzug war nicht vorgesehen.

Eine weitere Erklärung für die Einführung von Oi-zuki als Basistechnik wäre neben dem zuvor Beschriebenen die Notwendigkeit Aktionen der Abwehr einüben zu können. Was wir als Kumite kennen und als ganz selbstverständlich ansehen, gab es in der Epoche Itosus wenn überhaupt nur ansatzweise und in ganz anderer Form, auf jedenfall nicht so formalisiert wie heute üblich. Auch gilt es zu bedenken, dass Oi-zuki in mehreren auf Anko Itosu zurückgehenden Stilen, insbesondere mit der Bezeichnung Shorin-ryu, Oi-zuki in ihren Kata in relativ hoher Vorwärtsstellung ausgeführt wird, während das extrem tiefe Stehen hier eine spätere japanische Entwicklung darstellt.

„Hurra, wir ziehen in den Krieg.“

In meinem Buch „Die Form des Karate“ habe ich mich noch etwas mehr mit diesem Thema befasst. Wie auch dort möchte ich noch hier keine absoluten Wahrheitsansprüche vertreten. Ich war damals nicht dabei und habe niemals, auch nicht in irgendwelchen nächtlichen Visionen, mit Meistern wie Itosu oder Matsuhiga gesprochen, weshalb alles von mir Gegebene hypothetischen Charakter besitzt. Mir geht es vornehmlich darum, den Horizont zu erweitern und damit potenzielle Irrtümer zu erkennen. Ganz im Sinne des Großen Strategen Sun Tsu, der da meinte, dass in der Kriegsführung nur höchst umfassende Information zum Erfolg führen kann. Alles andere wäre Glück oder Zufall.

Auch möchte ich betonen, dass es mir in keiner Weise darum geht Meister Itosu bezüglich seiner Verdienste zu diskreditieren. Sein aus heutiger Sicht durchaus kritikwürdiges Vorgehen kann nur vor dem Hintergrund der damals vorherrschenden Denkweise korrekt eingeordnet werden. Auch bei uns zogen zur gleichen Zeit tausende junger Soldaten freudig für Vaterland und Kaiser in den Krieg. Sicher hätte Meister Itosu angesichts der späteren Massaker in den von Japan besetzten Ländern Asiens seine Argumentation überdacht und geändert.

Besser als aller Bajonettkampf: Stippe-Föttche. – Kölns Rote Funken.

Uns allen sollte auch klar sein, dass ohne die Bemühungen Meister Itosus wir Karate wohl nie hätten lernen können. Möglicherweise wäre es heute eine unbedeutende kulturelle Besonderheit der Ryukyu Inseln. Und was die körperlich-geistige Übung angeht, so bin ich bisweilen recht froh fast während meines ganzen Lebens (neben anderen Budō hauptsächlich) Karate trainiert zu haben. Gerade im Hinblick fortschreitenden Alters zeigt sich dessen Wert als ganzheitlich-ausgewogenes Übungskonzept. Und auch wenn ich mich nie ernsthaft meiner Haut wehren musste, so konnte ich in meinem Leben mehrfach durch überdurchschnittlich schnelle und angemessene Reaktion die Folgen gefährlicher Situationen in ihrer Schwere in Grenzen halten. Unfälle mit dem Motorrad oder (Beinahe-)Stürze jedweder Art verliefen bei mir im Vergleich zu meinen Mitmenschen durchweg glimpflig oder konnten zur Gänze vermieden werden – Meister Itosu sei Dank!

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