Karate-Grade und -Ungrade

Über dieses innerhalb des Budō nicht ganz so unproblematische Thema hatte ich mich das eine oder andere Mal schon ausgelassen, etwa unter den Titeln „Grad-Wanderungen“ und „Dan oder nicht Dan – Graduelle Abweichungen“, wenn auch dort nicht ganz so ernsthaft. Hier nun ein paar Gedanken mehr dazu.

ungerade

„Gerade“, das bedeutet im Ursprung des Wortes „nicht krumm“. In der niederen Mathematik unterscheidet man gerade Zahlen somit von den krummen, den un-geraden. Solche, die nicht durch 2 teilbar sind werden als ungerade bezeichnet. Es bleibt ein Rest in Höhe von 1, ebenfalls eine ungerade, krumme Zahl. Woher diese Bezeichnungen rühren, konnte ich nicht auf befriedigende Weise in Erfahrung bringen. Nur soviel: Im Deutschen ist seit jeher die Vorsilbe „un“ mit Negativität behaftet, sie steht gleichsam für das Gegenteilige des Guten. Man denke an das Un-Glück oder die Un-Kräuter! Insofern scheint es ein kurioser Zufall zu sein, dass der derzeitige Machthaber Nordkoreas Kim der Dritte den (nachgestellten) Vornahmen Jong-Un besitzt.

„Gerade“ – oder wie in Norddeutschland meist knapp ausgesprochen: „grade“ – heißt auf Lateinisch rectus, bei Zahlen jedoch par. Das klingt auch nach „richtig“. Gerade Zahlen sind demnach „korrekte“ Zahlen. Möglicherweise wollte man hiermit einem Wunsch nach Symmetrie Rechnung tragen, einer göttlichen Perfektion gewissermaßen. Ungerade Zahlen sind nicht so göttlich, nicht unbedingt so teuflisch wie die Primzahlen, aber doch irgendwie …

Graduierung

Doch halt, ich beginne mich wieder einmal in Spitzfindigkeiten und Wortspielereien zu verlieren, die scheinbar nichts mit dem Budō zu tun haben. Aber ist dem wirklich so? Findet man doch in praktisch allen Budō-Künsten ein Graduierungs-system, welches einen groben Anhalt über den Entwicklungsstand eines Adepten oder Meisters geben soll. Allerdings leitet sich das deutsche Wort hier vom lateinischen gradus ab, was „Schritt“ oder „Stufe“ bedeutet. Das würde fast direkt dem japanischen dan entsprechen. Und in der Tat wurde das Dan/Kyu-System von Jigoro Kano mit einer solchen Absicht geschaffen. Er orientierte sich dabei angeblich an den Dienstgraden der Militärs.

Zunächst waren es wohl je 6 Grade, dann erfolgten nach und nach Erweiterungen, so dass wir im Karate bekanntlich vom 9. bis zum 1. Kyu und danach vom 1. bis zum 9. Dan gelangen können. Kyu bedeutet im übrigen keineswegs „Schülergrad“, es handelt sich lediglich um eine andere Schreib- und Sprechweise für die selbe Sache.

Oku-Iai – Meister Hakuo Sagawa

Eine weitere Anregung für die Einführung eines neuen Stufensystems war wohl auch die vielleicht von den damaligen Verantwortlichen als antiquiert angesehene Tradition der alten Kampfkünste Japans ihre Ausbildungprogramme in drei, mitunter auch vier Leistungs- bzw. Erkenntnisstufen aufzuteilen. Man sprach von shoden, chuden und okuden.

Das Wort den wiederum bedeutet  „Methode“, „Tradition“, „Überlieferung“, in diesem Falle also tradiertes Wissen um die Prinzipien der eigenen Schule. Die jewelige Information bezüglich Technik und Übungsmethode wurde einem Schulmitglied erst nach Erreichen eines bestimmten Reifegrades weitergegeben. Die letzte „verborgene“ Stufe war dabei nur sehr wenigen vorbehalten.

Naifanchin Sandan – Itosus´s Okuden?

Diese Dreiteilung lebt indirekt weiter in den auf Meister Anko Itosu zurückgehenden Versionen der Kata Naifanchin und Rohai. Möglich auch, dass bei den Channan-Kata, den späteren Pinan, dem Meister die Idee vorschwebte, das alte System der Leistungsstufen in Erinnerung zu erhalten, indem er die „Ursprungskata“ in gerade drei Schwierigkeitsstufen aufteilte (Es gibt Quellen, die behaupten, dass es auch im Falle der Channan/Pinan-Kata zunächst nur drei gegeben habe.). Heute sagen wir „shodan„, „nidan“ und „sandan„, aber war das schon immer so? Zumindest sollten wir uns immer vergegenwärtigen, dass Meister wie Anko Itosu oder Sōkon Matsumura Mitte des 19. Jahrhunderts aufwuchsen, als die alten Sitten und Gebräuche Japans und damit auch Okinawas noch vollends präsent waren.

Je heftiger die Diktatur, desto mehr Dekoration.

Ein bestimmter Grad sagt nichts über den wirklichen Wert einer Sache aus. Er muß mit Bedeutung erfüllt werden. 20 Grad Raumtemperatur können angenehm oder unerträglich kalt sein. Im einen Fall würde sich der Wert auf die Celsius-Skala beziehen. Wenn man jedoch die Kelvin-Skala zugrunde legt, dann läge die Temperatur nach der von uns üblicherweise gebrauchten bei 253 Grad unter Null! Noch komplizierter wird die Sache wenn wir mit der Messung nach Fahrenheit anfangen. Dieses Beispiel sollte zeigen, dass die Zahl an sich nicht viel aussagt, wenn die dahinter liegende Aufteilung der zu messenden Größe in einzelne Werte und deren Abstände voneinander nicht bekannt sind. Somit ist es (nicht nur) in den Kampfkünsten recht unsinnig die entsprechende Werte zu verabsolutieren, etwa in dem Sinne, dass jemand ab einem bestimmten Grad unbesiegbar wäre oder nichts mehr zu lernen hätte, denn das genaue Gegenteil ist eigentlich der Fall.

In zahlreichen Schlachten hatte Kaiser Wilhem II Mut und Tapferkeit bewiesen – zumindest legt die Behängung dies nahe.

Jede Kampfkunst hat ihr eigenes System einer Abgrenzung der einzelnen Leistungsstufen, wobei sich im traditionellen (japanischen) Karate beträchtliche Überschneidungen zwischen den einzelnen Stilen ergeben. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass sich unser Karate in den 20er und 30er Jahren unter intensivem gedanklichen und praktischen Austausch zwischen den heute als „Stilgründer“ bekannten Meistern entwickelte.

Wir Budōka sollten daher vorsichtig sein bei der Beurteilung anderer, seien dies Leute aus den eigenen Reihen oder solche, die einem „konkurrierenden“ Stil angehören. Besonders aufpassen müssen wir hierbei jedoch bei der Betrachtung gänzlich andererer Kampfkünste. Statt auf die Ziffern zu starren ist es sinnvoller sich jenen so unvoreingenommen es geht (womöglich sogar wohlwollend) zu nähern und sie nicht nur an den eigenen Kriterien zu messen. Entsprechend sollten wir innerhalb des eigenen Stils so ehrlich wie möglich miteinander umgehen. Schön wäre es denn auch wenn wieder vermehrt Respekt und Bescheidenheit, die alten Tugenden des Budō, gewahrt würden und man weniger dem Drang nach möglichst hohen und/oder vielen Zahlenwerten nachgäbe.

Früher war mehr Lametta …

Zu der Zeit als ich noch bei Sensei Akio Nagai im SKID (Shōtōkan Karatedō International Deutschland) trainierte (1980er Jahre), war ein 2. Dan schon recht viel. Um uns herum gab es aber diverse, meist private Schulen, deren Leiter scheinbar wahre Genies der Kampfkünste waren. Bei all den hohen Graden in den verschiedensten Disziplinen war dieser Schluss durchaus naheliegend. Trotzdem wurde das Prozedere damals schon relativ leicht erkannt: Man gründe (wie einst Bruce Lee) einen eigenen Stil, der nur das Beste der bisherigen Kampfsysteme enthält (was das auch immer sei). Man wäre dann somit sein eigener Meister, was erfordern würde die entsprechend eindrucksvolle Graduierung vorzuweisen. Gedacht – getan; es gab eine ganze Reihe solcher „ultimativer“ Stile, die dann aber irgendwann wieder von der Szene verschwanden, weil sie von dem nächsten Geniestreich überholt wurden. 

erinnert mehr an einen Flugkapitän

Leider beeindruckte das Gebahren jener selbsternannter Meister allzu sehr die meist schlecht informierten Vertreter der Presse, so dass dann in teils geschmackloser Weise über die angeblich sensationellen Fähigkeiten dieser Experten berichtet wurde. Der Zulauf zu diesen vielversprechenden Instituten und Akademien war beträchtlich, während wir mit unserer realistisch-zurückhaltenden Propaganda nicht selten auf der Strecke blieben. In unserem Verdruss machten wir uns, „ermutigt“ durch unsere japanischen Lehrer, gelegentlich den Spaß jene Kampfschulen zu besuchen um die Leute dort herauszufordern. Zum Glück kam es kaum zu nennenswerten Konflikten mit Verletzten oder Polizeieinsatz. Jugendlicher Leichtsinn!

Graduierungsverächter Motobu?

Der „Schwarze Gürtel“ hat für viele Außenstehende immer noch etwas mystisches an sich und für einen Verein oder ein Dōjō sind Dan-Grade gewiss ein Reklamefaktor. Die Öffentlichkeit hat aber nur wenige Vergleichsmöglichkeiten, weshalb wir, die wir es ernst meinen mit der Moral, die wir so gerne proklamieren, diesbezüglich korrekte Angaben machen und bei der Wahrheit bleiben sollten, wodurch wir jeglichen unlauteren Wettbewerb zu vermeiden helfen. Zu meinem Bedauern greift aber die Dan-Inflation mittlerweile auch vermehrt in bisher graduierungs-technisch eher restriktiv agierenden Organisationen über. So tummeln sich allerlei unangemessen hochrangige Instruktoren in besonderen Führungspositionen, weil es für das Image der Association/Federation natürlich mehr hermacht, wenn im Vergleich der heute zugegeben sehr starken Konkurrenz zumindest scheinbar ein möglichst hohes Ausbildungsniveau vorherrscht.

Dabei sagen die Graduierungen nur wenig bis gar nichts über Fähigkeiten, Erfahrung oder Kreativität der betreffenden Personen aus. Bisweilen ist sogar jemand auf ein Niveau gerutscht, das ihm eigentlich (noch) gar nicht zusteht, wobei der eigene Sempai/Trainer überholt wurde. Zu erklären ist dies durch das geschickte Erheischen von der Meisters Wohlwollen, indem der Aspirant die Gegebenheiten in seinem Verantwortungsbereich (Land oder Provinz) besonders schönredet und es dabei mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Die Berichte entsprechen dann mehr dem Wunschdenken, vor allem dem des Meisters, als der Realität.

Antreten zum Grad-Verleih

Viele der heutigen durchaus hochqualifizierten Meister sind zugleich Chef ihrer eigenen, meist weltumspannenden, Organisation. Durch das englische und damit international klingende Wort „Association“ wird einem schnell eine beträchtliche Größe derselben vorgegaukelt. Tatsächlich haben viele dieser „Weltverbände“ nur Mitgliederzahlen von einigen Tausend, also um die 80 bis 200 pro Mitgliedsland. Zum Vergleich: Der Deutsche Karateverband umfasst etwa 120.000 Mitglieder. Vertretungen in so und so viel Ländern der Erde bedeutet denn auch in Wirklichkeit meist: Es gibt dort irgendwo mindestens einen halbwegs ernsthaften Schüler des Meisters als „Repräsentanten“ des jeweiligen Stils mit seiner mehr oder minder groβen Gruppe von Anhängern, nicht selten jedoch auch nicht mehr.

ein Klassiker

Die Ziffern vor dem „Dan“ müssen richtig ein- bzw. zugeordnet werden, dann korrelliert die Qualität mit der Quantität. Mein derzeitiger Lehrer Sensei Fumio Demura besaß 19 Jahre lang den 5. Dan. Nach seinen Bekundungen hatte dies seine Ursache in organisatorischen Problemen. Er hatte bei all seinen Verpflichtungen in Kalifornien einfach zu wenig Zeit um nach Japan zu reisen und sich einer für ihn damals weniger wichtigen Prüfung zu stellen. Man kann das so oder so beurteilen, sollte dabei jedoch bedenken, dass der Kontakt zu seinen Kollegen in Japan damals eher ein wenig frostig war. Im Jahr 1993 wurde er dann aber endlich in Anerkennung seiner Verdienste von seinem Meister Ryusho Sakagami im Rahmen eines Besuches desselben in den USA direkt zum 7. Dan befördert. Die Verleihung des 9. Dan erfolgte im Jahr 2005 im Namen des japanischen Hozon Shubu-kai Verbandes durch dessen Präsidenten Shigeru Sawabe.

Monument auf der Insel Ganryu-jima: Das berühmte Duell zwischen Miyamoto Musashi und Sasaski Kojiro

Wenn ich selbst auf das leidige Thema angesprochen werde, so antworte ich meist auf norddeutsch-scherzhafte Art, also scheinbar bitter-ernst, dass ich es meinem Meister gleichtun wolle, womit ich nicht selten heftiges Erstaunen hervorrufe. Man müsse doch vorankommen, höre ich dann. Ich meine: Natürlich muß man vorankommen, es ist sogar unabdingbar und gehört zur Essenz des Budō. Jedoch denke zumindest ich dabei an technisch-spirituellen Fortschritt, weniger an Zahlen. Denn durch eine höhere Ziffer wird die Technik keineswegs besser, sondern nur durch die tägliche Praxis. Seit meiner letzten Prüfung sind nun acht Jahre vergangen, es fehlen daher nur noch elf. Na gut, ganz so extrem muss es ja nicht kommen. Aber trotzdem, gut Ding will und soll Weile haben. Denn mit dem Grad steigt auch die Verantwortung gegenüber dem kampfkünstlichen Umfeld.

Wichtiger als alle Zahlen: tägliches Üben

Wie all jenen bekannt, welche in den 80er Jahren Eiji Yoshikawas Novelle über Miyamoto Musashi gelesen haben, war auch dieser ein Grad-Verweigerer, genau wie sein Kontrahent und Erzrivale Sasaki Kojiro, der jedwede Beurkundung seines Könnens  (menkyo kaiden) ablehnte. Die Beispiele dieser beiden können so manchem vielleicht helfen zur rechten Bescheidenheit zurückzugelangen. Humorvoller Schluss dieser Betrachtung: zu Recht erworbene Grade stehen im Gegensatzt zu den Un-Graden. … Naja, etwas gequält, aber ich lass´ es trotzdem so stehen!

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Dem Alter gerecht üben im Budo – Teil 2

Im ersten Teil dieses Beitrags hatte ich die sich bei uns mit der Zeit ändernden körperlichen Voraussetzungen erörtert und auf die Möglichkeiten hingewiesen wie man sich trotz der sich eventuell hieraus ergebenden Einschränkungen eine wirksame Technik erarbeiten und deren erfolgreiche Anwendung gewährleisten kann. Hier nun einige Details und Tipps für die Umsetzung in die Praxis:

War bekannt für sein exzessiv hartes Training: Meister Funakoshis Sohn Yoshitaka. Er starb relativ jung an Tuberkulose ….

Das Erfassen neuer Strukturen fällt jüngeren Menschen leichter, vor allem wenn sie noch in der Ausbildung stehen. Ist diese abgeschlossen, dann erfolgt bei vielen ein Übergang zur Routine, welcher oft auch das übrige Leben betriff. Als Folge kommt es zu Umstrukturierungen im Gehirn, die den geändernten Anforderungen Rechnung tragen und das Erlernen neuer Strukturen fällt schwerer. Insofern stellt die Maxime „Budō is a life-time study“ all jene vor gewisse Probleme, welche es nicht vergönnt war ihre Fähigkeit zu Lernen hinreichend zu erhalten.

So bereitet das Neuerlernen von Kata vielen Erwachsenen erhebliche Schwierigkeiten, allerdings weniger was die technischen Details angeht, denn hier ist Gedult und Beharrlichkeit gefragt, etwas was vielen Jungendlichen (noch) fehlt, sondern mehr bezüglich der bisweilen recht langen und komplexen Abläufe. Als besonders krasse Beipiele wären hier die Kata Kushanku-dai oder Suparinpei zu nennen. Jugendliche haben den Ablauf von solchen Kata meist nach einem bis zwei Trainingsabenden drauf, Erwachsene fortgeschrittenen Alters brauchen hierfür mitunter Wochen bis Monate

Auch frühere Kata-Champions waren nicht rei von Fehlern. Wer findet sie?

Persönlich hege ich daher schon seit langem meine Zweifel an der Notwendigkeit der Anzahl der z.B. für Prüfungen für nötig erachteten Kata, gerade auch weil mein eigener Stil Shito-ryū in dieser Hinsicht als besonders extrem auffällt. Gewiss müssen wir die zu erlernenden Kata nicht wie in alten Zeiten auf zwei oder drei beschränken, jedoch sollte man den Fortschritt den Menschen nicht unnötig durch eine Masse an Kata erschweren, die sich in weiten Teilen überschneiden und sich dadurch bezüglich Sequenz und Einzeltechnik zumindest vom Anschein her eigentlich nur wiederholen. Basis-Kata wie Sanchin, Tensho oder Naifanchin halte ich für unumgänglich. Was darüber hinaus geht stelle ich jedoch zur Diskussion unter Experten oder solche, die sich dafür halten. Natürlich gehe ich mit Meister Kenwa Mabuni konform, wenn es darum geht möglichst viele der noch bekannten Kata der Nachwelt zu erhalten. Dieser Aufgabe mögen sich gern all jene widmen, die dazu fähig sind und daran Freude haben, sie sollte aber niemanden aufgezwungen werden. Aber wie so oft habe auch ich für dieses Problem keine ideale Lösung parat.

Meister Kanazawa macht es vor: 5% Rest vor dem vollständigen Strecken des Ellbogens

Wie im ersten Teil dieses Beitrags bereits angedeutet, handelt es sich bei einer dem Alter gerechten Trainingspraxis um einen Übergang von einer rein körperlichen hin zur feinstofflich bzw. „energetisch“ ausgerichteten und letztendlich vielleicht sogar von Spiritualität geprägten Form des Übens –  wobei der Umgang, oder besser gesagt, die Arbeit mit dem Ki (Qi) eine zentrale Rolle spielt. Wir erinnern uns vielleicht noch: Der Ki-Begriff ist im Japanischen recht umfassend. Er beinhaltet neben dem (in traditionellen Medizinsystemen postulierten) feinstofflichen, lebenserhaltenden Fluidum auch eine Umschreibung von Phänomenen, die sich der strengen Logik entziehen, vor allem unser Gefühlsleben. Durch einen geschickten Trainingsaufbau, in welchem wir uns zwar fordern, aber nicht überforden, kann eine Verbesserung dieses Ki-Flusses erreicht werden, was sowohl unseren Fähigkeiten im Kampf, vor allem aber unserer Gesundheit zugute kommt. In der täglichen Übungspraxis sollten daher aus meiner Sicht folgende Gesichtspunkte besondere Beachtung finden:

– Wir müssen unsere Gelenke schonen, insbesondere die von Knie und Ellbogen. Das beliebte vollständige „Einrasten“ bei den Stoßtechniken ist darum zu vermeiden. Vielmehr gilt es die schnelle Bewegung von Schlägen und Stößen durch die der jeweilgen Bewegung entgegengesetzt wirkenden Muskeln, die Antagonisten zu bremsen, kurz bevor es zur völligen Streckung kommt (mehr darüber in meinem Buch Die Form des Karate). Zum Beispiel empfiehlt es sich in der Endstellung des Fauststoß Gyaku-zuki das Ellenbogengelenk noch zu ca. 5% gebeugt zu halten.

Die Wirbelsäule muss allen Belastungen standhalten, wozu sie naturgerecht auszurichten ist. Überlastungen durch Fehlhaltungen sind zu vermeiden.

– Gelenksverschleiß ist eine der häufigsten Quellen von Beschwerden bei älteren Sportlern, nicht nur im Karate, welche auf Überforderung in jüngeren Jahren zurückgehen. Es empfiehlt sich daher schon rechtzeitig eine „elastische“ Ausführung der Techniken zu erlernen. Insbesondere bei gestoßenen Tritten wie Ushiro-geri oder Yoko-geri. Es leiden sonst unnötig die Hüft- und vor allem die Kniegelenke. Letztere sind gegenüber seitlicher Belastung hochempfindlich. Wir können sie gesund erhalten, indem wir stets auf die korrekte Ausrichtung der Füße, besonders im Anschluss an Körperdrehungen, achten.

– Fortgeschrittene sollten zudem auf lange Sicht auch bei den Stoßtechniken von der statischen Endphase zu einer federnden übergehen. Diese in Okinawa mit muchimi bezeichnete Ausführungsweise ist gelenkschonender und zudem oft wirkungsvoller.

– Besonderer Augenmerk ist auf eine korrekt ausgerichtete Wirbelsäule zu richten, wobei durch gedankliches Strecken nach oben und unten die natürlichen Krümmungen leicht verringert werden, was die Belastung der Bandscheiben zu vermindern hilft.

Geöffnete Hände erleichtern die Zirkulation des Ki:  Kata Shisochin.

– Die zerstörerische Kraft der Karate-Technik soll den Gegner treffen, insofern es unsinnig ist beim Üben übermäßige Härte gegen sich selbst walten zu lassen. Gewiss sollte ein Krieger einigermaßen hart im Nehmen, vor allem aber im Geben sein. Andererseits sollte er darauf achten, dass sich die Härte des Trainings nicht verselbstständigt und er am Ende an sich selbst zugrunde geht (statt durch einen siegreichen Feind, was zumindest noch ehrenhaft wäre). Die Meister warnten in früheren Zeiten daher auch vor dem „Übel des Steins“. Hiermit wurden durch übermäßig auf Härte ausgerichtetes Training hervorgerufene Ansammlungs- und Stagnationsprozesse bezeichnet, die zu Bluthochdruck und später zu Hirn- oder Herzschlag oder zu Geschwülsten, wir würden heute sagen zu Krebs, führen.

– Für eine routinierte, bis ins Unbewußte vertiefte Technik ist deren abermaliges Wiederholen nötig. Neben der Präzision ist auf die richtige Dosierung der Kraft zu achten. Schläge, Stöße und Tritte erfordern in ihrer Anfangsphase der Bewegung „maximale Beschleunigung“. Ansonsten empfehlen die Meister für das Routinetraining einen Krafteinsatz von etwa 30% des möglichen. Dem Aspekt der Körperertüchtigung (Workout) kann durch entsprechend zahlreiche Wiederholungen Rechnung getragen werden. So empfahl etwa Meister Chojun Miyagi für das allmorgendliche Üben am Makiwara zunächst 200 Stöße mit der linken, dann 200 mit der rechten und wieder 200 Stöße mit der linken Faust, was wohl kaum möglich ist wenn man sich gleich zu Beginn verausgabt.

Schulung der Balance: Kata Rohai

– Für das Wirksamwerden unserer Techniken braucht es einen festen Stand. So macht es nur wenig Sinn Fauststöße auszuführen während der Körper noch „unterwegs“ ist. Alle Schrittbewegungen in Kata und Kihon sollten daher weitgehend zu Ende kommen bevor gestoßen oder geschlagen wird. Dies betrifft vor allem auch die Drehungen, welche bei angemessenem Timing weniger kraftzehrend und damit schneller vonstatten gehen. Die Zeitabstände zwischen den beiden Phasen werden dann durch die verbesserte Ökonomie allmählich von selbst immer kürzer.

– Jede Technik braucht ihre Zeit zur vollen Entfaltung. Alle Einzelbewegungen einer Kata müssen darum vollständig zu Ende gebracht werden bevor man die nächste beginnt. Im realen Kampf kann ein zu hastiges Agieren fatale Folgen haben. Insbesondere bei den Tritten ist auf das hinreichende Zurückziehen und kontrollierte Absetzen des Fußes zu achten.

– Das Tempo, mit der eine Kata geübt oder vorgeführt wird sollte eher verhalten sein, sodass alle Bewegungen zu Ende gebracht werden und ihre „Essenz“ erspürt werden kann, womit der gewünschte Vertiefungsprozess erst möglich wird. Geschwindigkeit entsteht mit der Zeit von allein, wenn die Koordination optimiert wurde und damit „die Kanäle frei“ sind. Übereiltes Ausführen der Kata lässt im übrigen auf fehlendes Zanshin (mentale Präsens) schließen.

Nach wie vor essentiel für alle Alterstufen: die Nainfanchin-Kata

– Zwar kann es so für Außenstehende dem äußeren Bild unserer Kampfkunst ein wenig an Dynamik fehlen, jedoch sollte das für uns ohne Belang sein. Andererseits kann durch das beschriebene Herangehen an die Übung das bisherige Image des Karate überwunden werden, sofern wir nur gewillt sind Rigidität gegen mit Geschmeidigkeit gepaarte Straffheit zu tauschen. Gerade die männlichen Budōka können so loskommen von einem falschen Ideal. Der wahre Krieger erscheint äußerlich sanft, ist aber in der Lage sofern nötig die schon erwähnte physische Härte gegen den Feind walten zu lassen und „auszuteilen“. Jedoch wird er diesem zugleich mit Verständnis und Wohlwollen begegnen, soll ein Konflikt im Sinne des Budō zu einer langfristigen Lösung finden.

– Auch beim Kumite sollten wir wie bei Kata und Kihon auf Präzision bedacht sein und entsprechend verhalten üben und keine Hektik aufkommen lassen. Zusätzlich haben wir hier auf den korrekten Abstand ma-ai zu achten, der von Technik zu Technik recht stark variieren kann. Schnelligkeit ist darum eher zweitrangig, sie ergibt sich (wieder einmal) aus dem optimalen Timing, wobei eine scheinbar schnelle Reaktion eigentlich aus dem subtilen Vorausahnen eines Angriffs herrührt. Das teils unbewußte Einfühlen in die Absichten des Gegners sollte darum das langfristige Ziel aller Partnerübungen, insbesondere von Übungskämpfen sein.

Naifanchin – verhaltenes Üben trotz Wirken der Schwerkraft.

– Bei den Übungen von Abwehr und Gegenangriff sollte flexiblem Ausweichen gegenüber den klassischen harten Basistechniken der Vorzug gegeben werden. Der ideale Winkel beträgt 45°. Aus ihm läßt sich am leichtesten der Abstand zum Gegner anpassen, und zwar mit den Schrittübungen Tsuri-ashi und Tsugi-ashi (s. Buch). In fortgeschrittenem Stadium wird dieses Ausweichen immer knapper und der 45°-Winkel somit zwar gedanklich angestrebt, aber nach außen hin nur noch ansatzweise realisiert bzw. sichtbar.

– Desweiteren sollten wir uns im Kumite bezüglich der Abwehraktionen auf einfache Techniken beschränken, denn der Erstimpuls muß immens schnell sein, soll das Nachfolgende überhaupt einen Sinn machen. Es geht vornehmlich um zügiges Reagieren, allzuviel Verspieltes oder Spektakuläres behindern dabei nur den Geist. Von überschwänglichem und allzu hypothetisch ausgelegtem Bunkai mit übermäßig langen Sequenzen ist darum abzuraten.

– Budōka reiferen Alters sollten Ambitionen bezüglich Meistertitel abgelegt haben. Im Ernstfall, d.h. in einem Kampf, bei dem offensichtlich das Leben in Gefahr ist, werden andere Hirnareale aktiv als bei Auseinandersetzungen um Ansehen und Rangfolge (sog. Ritualkämpfe), wie etwa auf Turnieren oder in der Kneipe. Zur angemessenen Wirksamkeit kommt es in solch einer Situation nur wenn die individuell optimierte Technik mit einer spontanen und kompromisslosen Reaktion gepaart ist.

Naifanchin – Arbeit am Detail

– Beim Üben der Kata empfinde ich es als „spannend“ mir vorzustellen was die Meister vergangener Zeiten wohl an Information herüberbringen wollten. Eins ist jedoch klar: Es fanden aus Gründen der damals notwendigen Geheimhaltung umfangreiche Verschlüsselungen statt, so dass unsere Kata nie 1:1 anwendbar sind. Mehr noch, häufig ist die einzelne Bewegung nur als Ansatz zu einer weit vielschichtigeren Aktion zu sehen. Eingeweihte wußten damals was gemeint war, wir heute kaum noch. Vielleicht ist es jedoch schon ein kleiner Fortschritt, wenn wir lernen Kamae von Waza, also abwartende Körperhaltung von ausgeführter Technik zu unterscheiden.

– Die Gymnastik ist darauf zu beschränken den Körper auf die anschließende Belastung vorzubereiten. Muskeln, Sehnen, Gelenke und Nerven werden optimal erwärmt, deren eigentliches Training ist dann aber die Technik. Zu beachten wäre hier, dass bestimmte Muskelgruppen mit den Energieleitbahnen (Meridianen) der Traditionell-Chinesischen Medizin korrellieren. Es ist darum ratsam mit der Stimulation der rückwärtigen Muskeln (Tai-Yang) zu beginnen, es folgen die der Front (Yang-Ming) und im Anschluss die der Körperseiten (Shao-Yang). Dies ist aber nur eine Richtlinie und nicht von allzu tiefer Bedeutung. Wichtiger ist es mit genügendem Gemach an das Erwärmen und anschließende Strecken heranzugehen. Es genügt wenn jeder einzelne Muskel des Körpers im Laufe der Gymnastik einmal ausgiebig gedehnt wurde.

Eisenhandübung – sofern das Material es zulässt.

– Bei der Gymnastik ist zudem auf absurde Übungen zu verzichten, die sich zwar über die Jahrzehnte etabliert haben, die aber mehr schaden als dass sie Nutzen bringen. Viele von ihnen sind vom Konzept her falsch ausgelegt oder nicht genügend durchdacht. Beispiele wären der Hürdensitz oder Dehnungsübungen frei auf einem Bein. Bei letzteren laufen im Gehirn zwei gegensätzliche Botschaften zusammen. Das Halten des Gleichgewichts erfordert die Aktivität zahlreicher Muskeln an Rumpf und Bein. Dehnungen, deren Vorausetzung ja die Entspannung ist, werden so erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht. Letztlich ist für eine tiefe und vollständige, vor allem aber risikolose Muskeldehnung die Entspannung möglichst aller Körperbereiche von Vorteil, weshalb viele der sinnvollen Übungen auf dem Boden durchgeführt werden. Zumindest muss gewähleistet sein, dass nicht irgendein Muskel dem jeweils angestrebten Dehnungsprozess unkontrolliert entgegenwirkt.

– Für die meridianbezogene Dehnung der Muskeln der Arme eignet sich besonders die Kata Tensho. Diese ist auch recht dienlich als Übergang hin zum regulären Training im Anschluss an die Aufwärmphase, und dies weit besser als die Kata Sanchin, die heutzutage meist viel zu kraft- und spannungslastig geübt wird. Tensho entspricht in ihrer Charakteristik denn auch mehr dem historischen Original der Kata Sanchin mit dem chinesischen Namen San-zhan oder Sam-chien.

 – Krafttraining: Wer darauf nicht verzichten mag, die/der sollte dieses am Ende des Trainings durchführen. Dazu schrieb schon Meister Hidetaka Nishiyama in seinem Buch Karate: The Art of Empty-Hand Fighting, dass das beste Krafttraining die Technik selbst sei (Anmerkung: Sie muß nur häufig genug ausgeführt werden.). Es gäbe allerdings als Ausnahme die Bauchmuskeln, welche für Dynamik und Stabiltät essenziell sind und darum eines gesonderten Aufbaus bedürfen.

Daoistische Übung: durch Qi-Aufnahme von einem Baum an Kraft gewinnen.

Soviel zur Übungspraxis. Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass aus dem Wissen um die beschrieben Sachverhalte in Verbindung mit der beständigen, langfristigen Verfeinerung der Technik beim Übenden eine Gelassenheit entsteht, welche zur Auflösungen von Verspannungen, sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler Ebene führen kann. Hieraus ergibt sich wiederum der allseits gepriesene gesundhaltende Effekt des Karate, der das Eintreten von tatsächlichen, nach außen hin sichtbaren Alterserscheinungen dann bisweilen zeitlich nach weit vorne verlagert.

Egal wie intensiv man jedoch mit Hilfe des täglichen Trainings dagegenan arbeitet, bei fortschreitendem Alter lassen Schnelligkeit und Muskelkraft nach. Daher wird für den Kampf das geschickte Anpassen an Gegner und Situation immer wichtiger. Bei angemessenem Traingskonztept sollte dies aber gewährleistet sein. Die so erlangte taktische Flexibiltät im Kampf überträgt sich meist sogar auf das übrige Handeln, beginnend vom Üben an sich bis hin zu den Dingen des täglichen Lebens. Budō bedeutet in diesem Sinne: Über den Körper den Geist schulen.

Den Baum stützen, dass er nicht umfällt.

Altersgerechtes Üben ist somit abhängig von der Grundeinstellung, nämlich was frau/man von der Praxis erwartet und wie es erreicht werden soll. Gelegentlich sollte daher auch die Frage nach den Prioräten gestellt werden sollte: „Wo steht Budō in meinem Leben?“ Ich meine, wenn man sich schon dafür entscheidet, so sollte man konsequent sein und ernsthaft an die Sache heran gehen, dabei jedoch eine gesunde Distanz wahren und allen Fanatismus vermeiden. Budō sollte durchaus einen hohen Stellenwert haben, wenn auch nicht den höchsten.

Insofern bewahrheitet sich das – eigentlich allen bekannte – Geheimnis des Karate-dō, nämlich Bescheidenheit gepaart mit beständigem Üben. Dabei klingt einigen „Bescheidenheit“ sicherlich ein wenig zu pathetisch und „Selbstkritik“ und „Heiterkeit“ wären vielleicht die besseren Worte, gleich bedeutend damit dem bitteren Ernst mit Humor zu begegnen. Und wahrer Humor ist doch, wenn man über sich selbst lachen kann … Vielleicht wäre dies sogar ein passender Ratschlag als Abschluss zum gegebenen Thema. Insofern bitte ich darum die letzten Fotos nicht allzu ernst zu nehmen!

Offen gebliebene Fragen beantworte ich gern auf dem am Wochende des 21./22. April 2018 in Lübeck stattfindenden Lehrgang. Er wird vom Genbukai Lübeck e.V. ausgerichtet. Nähere Informationen gibt es bei Rainer Kummerfeldt, Email: rainer.kummerfeldt@online.de.

 

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Dem Alter gerecht üben im Budo – Teil 1

Wiederholungen sind bei ganzheitlichen Betrachtungen nicht immer zu umgehen. Die Themen überschneiden sich häufig in weiten Teilen. Im Mai 2016 hatte ich das vorliegende unter dem Stichwort „Krafteinsatz“ ja bereits angerissen. Hier nun das ganze noch einmal etwas detaillierter.

Sinnbild der vergehenden Zeit: Astrologische Uhr in der Rostocker Marienkirche

Die Jahre vergehen und man bemerkt, ob´s einem gefällt oder nicht, das Nagen des Zahns der Zeit an einem selbst. Vieles fällt einem nicht mehr so leicht wie zuvor. Schmerzlich wird diese Erfahrung gerade beim Training mit jüngeren Leuten, insbesondere beim üblichen Kumite. Sofern wir das Karate aber weniger als Sport, sondern eher als körperlich-geistigen Bildungsprozess verstehen, dann wird klar, dass ab einem bestimmten Altersbereich Kraft und Geschwindigkeit anderen Kritereien weichen müssen, soll das Üben für den (wenn auch meist hypothetisch bleibenden) Kampf ums Dasein erfolgreich sein. In meinem ersten Buch Karate als Budo war ich vielleicht nicht weit genug auf diese Problematik eingegangen, weshalb ich versuchen will dies hiermit nachzuholen.

Anders als zu der Zeit, in der ich mit dem Karate begann (vor mehr als 45 Jahren) wird selbiges heute nicht mehr überwiegend von jungen Leuten betrieben. Zwar kamen auch damals schon ab und an Personen fortgeschrittenen Alters zu unserem Training, doch blieb dies eher die Ausnahme. Andersherum gilt das Karate heute eher als ein Sport für Kinder und Jugendliche, dann klafft eine Alterslücke, die sich um die Dreißig wieder schließt. Anders ausgedrückt, das Karate übt nicht mehr den stimulierenden Reiz auf die „Zwanziger“ aus wie noch zu meiner Zeit. Wirkliche Risikosportarten scheinen da attraktiver oder zumindest solche, die vom Outfit mehr hermachen, wie z.B. verkehrsbehinderndes Rennradfahren mit Farbgebungen bei der Kleidung wie sie vom Karneval her kennen.

Besonders in jungen Jahren ist der Spaß-Faktor nicht zu unterschätzen.

Doch Wehklagen soll nicht Inhalt dieses Beitrags sein, sondern vielmehr die Frage: Wie kann das Karate einer jeden Altersgruppe gerecht werden, so dass alle maximal von der Übung profitieren? „Profitieren“ bedeutet hier maximaler Nutzen bei minimalem Aufwand und, im Sport besonders wichtig, minimales Risiko für die körperliche Gesundheit. Aus meiner Sicht hat sich folgende Einteilung nach dem Lebensalter bewährt um sich vom Unterrichtskonzept her auf die jeweiligen Schüler optimal einzustellen:

  • Kinder unter 6 Jahren, Vorschulalter
  • Kinder von 6 bis 12 Jahren
  • Jugendliche von 13 bis 16 Jahren
  • Jungendliche über 16 Jahre
  • Erwachsene ab etwa 20 Jahren
  • Erwachsene zwischen 40 und 60 Jahren
  • Budōka über 60 Jahre

Anschaulichkeit ist oft das Geheimnis guter Übungsergebnisse.

Die Abgrenzungen sind natürlich fließend und nicht alle werden mit dieser Anordung einverstanden sein. Noch weniger Leser werden meine Einschätzung teilen, dass Kinder vor dem achten Lebensjahr beim Karate nicht unbedingt ideal aufgehoben sind. Jedoch ist nach eigener Erfahrung die Vorstellungskraft erst ab diesem Alter soweit entwickelt, dass das dem Karate zugrundliegende Konzept hinreichend logisch erfasst werden kann. Darunter ist für die Kinder das Judō weit besser geeignet, weil das Resultat einer erfolgreich ausgeführten Technik offensichtlich ist: Der Gegner liegt am Boden, kann sich durch den Haltegriff kaum bewegen oder im Falle eines Gelenkshebels tut ihm dies weh. Zudem meine ich, dass Kinder den Unterschied zwischen Unterricht und Spiel erfasst haben müssen. Ansonsten gestaltet sich das Training wie eine Stunde im Kindergarten. Karate bleibt für mich immer noch eine Methode zum – wenn auch defensiv ausgerichteten – Kampf. Kinder müssen lernen, verantwortungsvoll mit der Gewalt an sich umzugehen, wozu dann auch gehört das Recht auf die Gesundheit des Partners, eventuell auch der eines Gegners außerhalb des Dojos zu achten. Aus all diesen Beweggründen hatte ich immer nur möglichst Kinder ab 8 Jahren in meine Gruppen aufgenommen oder zumindest sollten sie bereits die Schule besuchen.

Nett anzusehen, aber wissen die beiden um den wirklichen Sinn ihrer Übung?

Gleichwohl muß die Übungsstunde dem Alter entsprechend durchgeführt und dem Bewegungsdrang der meisten Kinder Rechnung getragen werden. Wovon ich jedoch überhaupt nichts halte ist die Jungen und Mädchen zu Champions zu formen. Wenn sie das Zeug dazu haben, werden sie das von selbst, die rechte, wohldosierte Betreuung von Seiten des Trainers vorausgesetzt. Denn wichter als alle Meistertitel ist die Verbesserung der Koordination in der Bewegung und der Zugewinn an geistiger Reife im Sinne von Rücksichtnahme und dem Respekt vor den anderen. Natürlich kann man bei Kindern, anders als bei den Erwachsenen, nur bedingt eine spirituelle Entwicklung im Sinne eines Karate- erwarten.

Hier wird nicht genügend Augenmerk auf die korrekte Rückwärtsstellung gelegt. Knieprobleme sind absehbar.

Ganz wichtig, und das nicht nur in der Kindergruppe, ist die Freude an der Sache. Karate ist durchaus anstrengend, sollte aber auch Spaß machen. Dies betrifft das Training als solches, wie auch die Freude an einem „bestandenen Gurt“ und meinetwegen auch an einem Meistertitel. Hilfreich hierbei ist eine der Altersgruppe angemessene Sprache. Es bringt wenig bei Kindern und Jugendlichen allzu geschwollen daherzureden oder sie mit esoterischen Spekulationen zu langweilen. Das Vokabular ist entscheidend ob die jeweilige „Message“ herüberkommt. Zudem erleichtert auch hier ein gesunder Humor das Lernen: An Ereignisse, bei denen man lachen konnte erinnert man sich viel später immer noch gern. Derart werden die Fakten bezüglich Technik und deren Anwendung eher im Gedächtnis behalten. Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass wir beim Training albern werden. Der Humor muss wohl dosiert sein, soll der tiefe Ernst unserer Kampfkunst nicht verloren gehen.

Deutlich bessere Position des Hinterfußes, wodurch das Knie weitgehend natürlich belastet wird.

Was den Bewegungsdrang angeht, so gibt es auch Ausnahmen, denn neben dicklichen Kindern und trägen Personen aller Altersgruppen kennen wir auch überagile Greise, wie etwa jene 80jährigen Marathonläufer. Insgesamt aber nimmt die Lust sich zu bewegen im Laufe der Lebensjahre ab, d.h. es kostet immer mehr innere Überwindung weiterzutrainieren, insbesondere wenn nach und nach kleinere und größere körperlich Leiden uns einschränken wollen. Hier setzt dann der persönlichkeitsbildenede Effekt des Budō an: Wir gehen zum Training obwohl wir eigentlich gar keine Lust haben. Hilfreich ist es dann auch wenn diesbezüglich bereits eine gewisse Routine vorliegt, man also schon längere Zeit dabei ist und „einfach nur“ weitermacht.

Das Knie ist bedingt durch seinen Aufbau empfindlich gegenüber seitlicher Belastung.

Der stimmungshebende Effekt körperlicher Betätigung ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei dieser Routine. Obwohl körperlich müde von der Anstrengung durchdringt uns doch ein subtiles Wohlbefinden, aus der Gewissheit etwas konstruktiv-positives für uns getan zu haben. Aus der Perspektive einer sich stetig verbessernden Technik ergibt sich eine tiefgehende Zufriedenheit, die langfristiger ist als jene, die wir erfahren wenn wir z.B. am Schäppchenmarkt ein „günstiges Teil“ ergattern konnten. Die kleinen Fortschritte während des Trainings, wenn etwa bei der Partnerübung etwas gut funktioniert hat oder wir einen komplexen technischen Zusammenhang in der Kata erkannt haben, bringen ebenfalls ein gutes Gefühl. Erklären lässt sich dies durch Endorphinausschüttungen im Gehirn oder traditionell ausgedrückt, durch ein frei und harmonisch zirkulierendes Ki. Es ist denn auch dies das Ziel aller Übung, sofern man Karate als betreiben will.

Diese Rückwärtsstellung sieht vielleicht toll aus, bietet dem Gegner aber eine gute Möglichkeiten das unstabile Vorderknie anzugreifen.

Im Falle negativer Umstände beim Üben, etwa von Schmerz infolge Verletzungen, Frustrationeserlebnissen, aber auch wenn wir selbst ungute Absichten verfolgten, kommt es zu „unrund laufendem“ Ki oder modern ausgedrückt, zur Ausschüttung von Stresshormonen. Entsprechende körperlichen Empfindungen werden von uns teils bewusst erfahren, oft aber auch nur intuitiv wahrgenommen (Man denke an das „schlechte Gewissen“!). Um sie zu vermeiden verhalten wir uns bei der Übung anständig oder fair, auch hier meist ohne uns der eigentlichen Zielsetzung, nähmlich dem subtilen Zugewinn an eigenem Wohlbefinden, wirklich bewusst zu sein. Unser Handeln wird so für die Umwelt allmählich verträglicher. Eine positiv-konstruktive Grundeinstellung verbessert den Ki-Fluß, destruktives Verhalten blockert ihn.

Luftsprünge jugendlichen Leichtsinns (1979)

Im leicht fortgeschrittenen Alter, so ab ungefähr 30 Jahren, sollten wir uns allmählich über die hier beschriebenen Vorgänge klar werden. Dazu gehört zunächst einmal die als von Natur aus vorhandenen Gefühlsregungen anzuerkennen und sie für uns und andere zuzulassen, was bedeutet für sie körperlich und gedanklich empfänglich zu werden. Nur allzu oft werden Emotionen unterdrückt oder falsch kanalisiert und wir geben anderen die Schuld am eigenen Versagen. Gewiss existieren einige willfährige Prüfer, die einen tatsächlich „durchfallen lassen wollen“, oder auch „blinde“ Schiedsrichter, die dojofiltrierende Brillen tragen. Sie sind aber, dem Himmel sei Dank, höchst selten. Wir selbst sind verantwortlich für unser Tun, uns selbst und anderen gegenüber. Wenn also etwas daneben geht, eine Anwendung nicht funktioniert oder es zu Verletzungen kommt, dann prüfe man sich selbst. Meist liegt der Grund des Missgeschicks im eigenen Unvermögen, das es dann zu verbessert gilt – und deswegen trainiert man doch letztlich.

Generell gilt: Je früher man mit dem Üben anfängt, desto besser. Es fällt einem in jungen Jahren leichter die erwähnte nötige Routine zu erreichen, bei der man nicht mehr aufhören kann, obwohl einem ab und an durchaus danach wäre. Der verbesserte oder gestärkte Ki-Fluss bewirkt eine Gewöhnung an die Praxis, bedingt durch die immer wiederkehrende aus körperlicher Anstrengung und die kleinen Erfolgserlebnisse resultierende Endorphinausschüttung.

„Alte“ Schule: Die Meister Miyagi und Funakoshi.

Dementsprechend ist es gerade für Späteinsteiger umso schwieriger sich diese Routine anzueignen. Die Trainer sollten dies wissen und jenen, welche sich jenseits der Jugendjahre für den Weg des Karate entscheiden oder dies zumindest versuchen, entsprechend in der Anfangsphase lerntechnisch (noch) nicht allzu viel abverlangen (Mehr dazu im zweiten Teil dieses Beitrags!). Dabei ist die Motivation „älterer“ Karateka häufig viel gefestigter als bei den „jüngeren“, auch wenn die Technik ersterer mitunter vom äußeren Bild her dies nicht vermuten läßt. Hier liegt meines Erachtens ein weitverbreiteter Denkfehler: Eine Technik, die schön anzusehen ist, muss nicht unbedingt wirksam sein!

Seit ich erinnern kann, mußten die Bewegungen beim Training, besonders aber auf Prüfungen und Turnieren „stark“ aussehen. Dazu gehörten tiefe Fußstellungen und langausgeführte Stoß- Schlag- und Tritt-Techniken. Lange Zeit war man (mich eingeschlossen) der im übrigen immer noch vorherrschenden Meinung, die Wirkung der Karate-Technik würde durch ihre Wucht hervorgerufen. Zum Glück setzt sich jedoch allmählich eine weit komplexere Sichtweise durch, dahingehend, dass vor allem Präzision und richtiges Timing über der Erfolg einer Aktion im Kampf entscheiden.

Nach wie vor ein Ideal
für vollendete Dynamik: Hirokazu Kanazwa mit Yoko-tobi-geri.

Unser kampf-ästhetisches Empfinden wurde aber auch durch das Kino beeinflusst. Stundenlanger Schlagabtausch und akrobatisch anmutende Auseinandersetzungen beherrschen die bekannten Produktionen aus Hong-Kong und später auch die aus Hollywood. Dort werden die meisten Kämpfe nach wie vor durch Schläge und Tritte in Richtung Kopf entschieden und gehen nur selten in den Bereich des Unterkörpers oder der Beine – Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Ich glaube jedoch, den meisten von uns ist klar, dass wir fähig sein müssen Fiktion von der Realität zu unterscheiden. Ein „guter“ Kampf ist nur kurz. Zudem ist von außen her kaum zu sehen, was da passiert, nur dass am Ende einer oder mehrere Leute am Boden liegen. Die Memoiren von Meister Funakoshi zeugen hiervon mit einigen Bespielen, wie dessen Lehrer Anko Itosu derartiges handhabte. Auch Choki Motobu war für seine kurzen, aber schmerzhaften und bewusstseinstrübenden Aktionen bekannt. Junge Leute mögen durchaus kraftbetont üben und sich nach dem Prinzip „viel hilft viel“ verausgaben, wodurch sie einen Überschuss an vorhandener ansonsten möglicherweise destruktiv eingesetzter Energie abbauen können. Ab einer bestimmten Altersphase sollte jedoch ein allmählicher Übergang, eben hin zu mehr Präzision und Timing, einsetzen.

Wirksamkeit im Sinne des Budō bedeutet, dass ein Gegner mit möglichst wenig Aufwand entscheidend (s.u.) beeinträchtigt und somit zur Aufgabe gezwungen wird. Dazu muß er nicht zwingend getötet oder schwer verletzt werden. Wichtig ist, dass am Ende des Kampfes seitens des „Gewinners“ eine sichtliche Überlegenheit vorherrscht: So etwas ist angesichts eines sich mit einem gebrochenen Bein vor Schmerzen auf der Erde windenen Gegner natürlich offensichtlich, es bedarf aber nicht unbedingt solch drastischer Ergebnisse, Luftnot oder Schwindel tun es auch (haha!). Noch schöner wäre es jedoch, wenn es beim Gegner zur vernunftbedingten Einsicht kommt und er von sich die Überlegenheit des anderen, vielleicht sogar die Absurdität der eigenen übelwollender Absichten anerkennt.

Kime – auch im Judo.

Auch wenn ich Gefahr laufe mich abermals zu wiederholen, an dieser Stelle sollte der Zusatz trotzdem nicht fehlen, dass kime eben nicht „kräftig“, „fokussiert“ oder „maximal hart“ bedeutet, sondern so etwas wie „Entscheidung bringend“. Kime kann sich demnach von der Technik her durchaus sanft oder elastisch manifestieren, auf die innere Einstellung beim Ausführenden kommt es an. Bündelung ja, aber gemeint sind eher die geistigen Kräfte. Ich möchte mich nun aber nicht weiter in Details, etwa bezüglich vitaler Körperzonen, verlieren (ich tat dies ja schon einige Male), sondern auf den Schluss beschränken, dass Voraussetzung für eine wirklich effektive Aktion des Budō eine genau platzierte, korrekt dosierte und vor allem im rechten Moment ausgeführte Bewegung darstellt. Und genau hierauf muß unser Üben allgemein und besonders bei fortschreitendem Alter ausgerichtet sein.

Beispiel hocheffektiver Präzision: Kyuzo Mifune

Die für eine hocheffektive Aktion nötige Präzision kann nur durch ständige Verfeinerung im Rahmen der täglichen Praxis erreicht werden. Das Wort „täglich“ ist hierbei nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, eher kommt es auf das regelmäßige zielgerichtete Üben an. Die Meister Okinawas betonten in ihren Schriften denn auch immer wieder, wie wichtig es sei jeden Tag vielleicht gar nicht unbedingt besonders viel zu machen, das wenige aber wirklich konsequent „durchzuziehen“. In Gichin Funakoshis Werk Karate-dō Kyōhan liest man denn auch, dass es für einen Fortgeschrittenen durchaus reiche, wenn er pro Tag ungefähr 20 Minuten trainiere. Da stellt sich uns natürlich die Frage, was verstand Meister Funakoshi unter einem „Fortgeschrittenen“?

Meister Funakoshi bei der täglichen Übung.

Wir erkennen hier das Problem, nämlich dass unsere heutigen Tagesabläufe mit all den uns auferlegten Verpflichtungen ein wenn auch nur kurzes tägliches Training kaum zulassen. Andererseits reichen zwei mal 1,5 Stunden pro Woche für einen wirklichen Fortschritt im erwähnten Sinne kaum aus. Zudem kann das konventionelle Training unter Anleitung nur der Vermittlung von Informationen und der immer wieder nötigen technischen Korrektur dienen. Für das Vertiefen der erlernten oder im Detail verbesserten Bewegungen hingegen muß jeder Einzelne das seinige tun. Um das individuelle Üben kommt keine/r herum. Leider habe ich dafür, wie dies im Einzelfall zu realisieren sein könnte, kaum Ratschläge parat. Ich warne sogar vor dem zuweilen einsetzenden Fanatismus, bei dem versucht wird das Leben gänzlich nach dem Karate auszurichten. Der mittlere Weg wäre auch hier der angemesse und mit etwas gutem Willen findet sich sicher für jeden Budōka eine praktikabele Lösung.

Das allmorgendliche Training am Makiwara kann problematisch werden – wegen der Nachbarn!

Besonders beim eigenständigen Üben kommt es darauf an die jeweilige Technik, oder besser die ihr zugrunde liegenden Prinipien, den individellen Gegebenheiten anzupassen. Neben dem Alter sind dies Veranlagungen wie Körpergröße und Statur, Gewicht, Muskulatur, Geschlecht und persönliche Vorlieben bezüglich der Bewegung allgemein. Kaum eine Technik ist für alle gleichermaßen geeignet. Es ist dies ein Grund warum wir in unseren Kata so ein breites Arsenal vorfinden, von dem nur ein Bruchteil beherrscht werden kann. Ich wage sogar zu behaupten, dass nach 30- bis 40jähriger Praxis allenfalls 2 bis 3 Techniken so gut sitzen, dass sie sich im Ernstfall unter psychischem Druck einigermaßen spontan, also ohne willentliches Zutun entwicken und sich gleichsam von selbst freisetzen. Das Herausfinden dieses für einen selbst optimal geeigneten Satz an Techniken geht (wieder einmal) nur über die längerfristige Praxis. Erst durch eingehendes Studium des gesamten zur eigenen Kampfkunst zugehörigen technischen Repertoires kann eine sinnvolle Präferenz erwachsen. Mit anderen Worten, mit der Zeit stellt man von allein fest welche Techniken einem liegen und welche weniger.

Neko-ashi, eine gelenkschonende und zudem sehr praxisgerechte Fußstellung

Auch sollte man sich klar sein über die Methode(n) auf welche Weise die erwünschten Verfeinerungen erreicht werden können. Zu nennen wären etwa die optimale Bündelung und Fokussierung des Ki, d.h. aller zur Verfügung stehenden Kräfte, von der rein geistigen bis hin zu den Muskeln, Sehnen und Knochen oder ausreichende Balance, damit wir bei der Anwendung von Stoß- oder Schlagtechniken von der Wucht des Aufpralls nicht selbst umgeworfen werden. Technische Präzision erwächst aus optimierter Koordination aller an einer Bewegung beteiligten Muskeln, wobei sich keiner von ihnen zu spät oder zu früh anspannen darf, damit sich die Kochen analog einer straffen Kette verhalten. Dieser mechanische Fluß ist unter anderem gemeint wenn vom Ki gesprochen wird. Für eine entscheidungsbringende Aktion (s.o.) müssen alle „Kanäle“ des Ki frei sein. Verspanntheiten, seien sie körperlich oder emotional, behindern da nur.

Die Kenntnis  empfindlicher Stellen allein reicht nicht. Auch die Art und Weise der Manipulation muss bekannt sein.

Die Genauigkeit in der Anwendung ist Voraussetzung für eine optimale Wirkung beim Kontrahenten. Letztlich geht es um eine Einflussnahme auf dessen Ki-Fluss. Diese kann durch Manipulation von vitalen Stellen, aber auch durch Behinderung der Zufuhr von Luft zur Lunge oder Blut zum Gehirn erfolgen. Auch das Erzeugen von Schmerzen ist hilfreich. Wird der freie Fluss des Ki hinreichend beeinträchtigt oder blockiert, wird er sich hoffentlich unwohl genug fühlen und aufgeben. Im Falle von Bewustlosigkeit oder Paralyse erfolgt letzteres von selbst, erst recht natürlich bei Eintritt des Todes. Wichtig bei all dem ist das Maß der an die jeweilige Situation angepasste und gefühlvoll eingesetzen eigenen (Muskel-)Kraft. Vitalpunkte, Nervenbündel und Arterien müssen genau und in einem bestimmten Winkel getroffen werden, genau wie Strangulationen und Gelenksattacken nur an der richtigen Stelle ihre volle Wirkung entfalten.

Wir können dieses Dosieren der Kraft natürlich gut mit einem Partner üben, jedoch steht ein solcher nicht immer, und wenn dann nur zeitlich begrenzt, zur Verfügung. Zum Glück bietet das Üben der Kata auch hierfür eine Möglichkeit zum Vorankommen, und zwar durch das Setzen von Akzenten innerhalb der Bewegungen. Diese entspringen der klaren Vorstellung wo und in welchem Moment ich im Laufe eines Kampfes welche Intensität an Kraft einsetzen müsste um größtmögliche Wirkung zu erziehlen. Auch ökonomische Gesichtspunkte sollten berücksichtigt werden, vor allem da man nie weiß wie lange sich ein Kampf in der Realität hinziehen wird. Ziel nicht nur des Trainings Älterer (Jukuren) muß es daher sein im Laufe der Jahre zu einem optimal niedrigen Verhältnis von Krafteinsatz und erzielter Wirkung zu gelangen.

Nicht selten in Okinawa ist Fitness bis ins hohe Alter – Shoshin Nagamine.

Älter werdende Kämpfer verfügen nicht mehr über die Muskelkraft früherer Jahre, aus der sich Schnelligkeit und Stoß-/Schlagwirkung hauptsächlich ergeben. Die Reaktionswege werden nun länger, so dass es von Vorteil wird im Kampf zunehmend geschickter zu taktieren und aus der Erfahrung in Zeiten der Jugend zu schöpfen. Dazu ist es allerdings erforderlich, das eigene Grundverständnis bezüglich des Kampfes anzupassen, in dem Sinne „nicht die Kraft ist entscheidend, sondern das Timing“. „Intuition“ wäre ein weiteres Stichwort. Aber auch diese erwächst nur aus einem gelassenen, nicht von vordergründigen Gedanken an Stäke oder Schnelligkeit belasteten Geist.

Katzenfuß-Stellung …

„Dem zunehmenden Alter gerecht“ heißt demnach auch sich all die Zeit zu nehmen, die jeweils nötig ist. Eile hat im Budō keinen Platz. Beim Üben gilt es ins Detail zu gehen und ein subtiles Gefühl für die korrekt ausgeführte Technik zu entwickeln. Der im eigenen Innern ablaufende Lern- und Vertiefungsprozess wird einem somit immer mehr bewußt und man gewinnt zunehmend Erkenntnisse über sich selbst, eine Voraussetzung für den erfolgreichen Kampf. Denn nach dem Großen Strategen Sun Tsu ist ein sicher Sieg nur dann möglich wenn man den Gegner und vor allem sich selbst genaustens erforscht hat.

Im zweiten Teil dieses Beitrags (im nächten Monat) werde ich noch mehr auf einzelne Aspekte des Trainings bei fortschreitendem Alter eingehen. Und am Wochenende des 21./22. April 2018 wird in Lübeck zu diesem Thema ein Lehrgang stattfinden. Dort wird mein langjähriger Freund und Trainingskameraden Michael Stenke auch etwas darüber erzählen wie man erfolgreich ein Dojo aufbaut und weiterführt. Interessierte wenden sich bitte an Rainer Kummerfeldt, Genbukai Lübeck e.V., Email: rainer.kummerfeldt@online.de!

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Zum Jahr des Erde-Hundes

Die Feuer verlöschen und es wird ruhiger.

Jahr des Hundes

Wie zu Beginn eines jeden Jahres will ich an dieser Stelle wagen eine Prognose für das kommende Jahr anhand der Chinesischen Astrologie abzugeben, wobei ich mir vollends bewußt bin, dass diese wie immer recht unvollständig ausfallen muß, einfach weil einerseits der Platz nicht reichen würde, vor allem aber weil bei mir für weiteres detailliertere Kenntnisse fehlen.

Anders als in den Jahren des Feuer-Affen und des Feuer-Hahns geht es im kommenden, dem des Erde-Hunds, das vom 16. Januar 2018 bis zum 4. Januar 2019 dauern wird, nun nicht mehr so darum, mutig Neues zu wagen oder sich selbst in Szene zu setzen. Vielmehr sind nun wieder mehr Bodenständigkeit, also Sicherheitsdenken, Stabilität und praktische Intelligenz gefordert.

Steht nach wie vor für Moral und klaren Verstand: Konfuzius

Nach der chinesischen Astrologie ist der Hund idealistisch und unbestechlich. Er stellt, anders als etwa Affe, Hahn oder Drache, das Allgemeinwohl stets vor den eigenen Vorteil, etwas was insbesondere auf der politischen Weltbühne interessant werden dürfte. Beziehungen sollten wichtiger werden als Geld und Erfolg. Für romantische Abenteuer und emotionale Exzesse ist dabei nur wenig Platz. Der neue Regent schätzt Treue und klare Worte.

Das großspurige Gehabe des Feuer-Hahns geht vorüber und man wird wieder sachlich. Als Konsequenz können sich Konflikte durch klare Argumentation lösen – oder auch verschärfen, wodurch leider auch Kriege wahrscheinlicher werden. Eine gewisse Vorsicht ist daher angeraten.

Lange Zeit war ich der Überzeugung, dass das Tierkreiszeichen des derzeitigen US-Präsidenten der Hahn wäre. Sein Gehabe und seine Geltungssucht machen dies eigentlich wahrscheinlich. Genaueres Nachforschen hat jedoch ergeben, dass jener in einem Hundejahr (1946) geboren wurde. Dabei sucht man Sicherheitsdenken und Streben nach Stabilität bei ihm vergebens. Und praktische Intelligenz? Naja, in gewisser Weise könnte sie vorhanden sein, obwohl: wenn einer Milliarden von Dollar in den Sand setzt? ….

Metamorphose: die Maske und …

Mit diesem Widerspruch habe ich so meine Probleme, wenn mir auch bewußt ist, dass der Charakter eines Menschen nicht nur vom Geburtsjahr, sondern neben familiärer Veranlagung auch von Geburtsstunde, -woche und vor allem -monat geprägt wird. Zudem bin ich nicht gerade ein Experte der Astrolgie. Die chinesische hilft mir nur einige Verhaltensweisen meiner Mitmenschen zu verstehen, im Sinne von „er oder sie kann eben nicht anders“ (mich eingeschlossen!). Letztlich sagt keine Astrologie der Welt etwas aus über das vorhandene geistige Vermögen eines Menschen. Bestes Bespiel dafür ist denn wohl tatsächlich der orangene Herrscher Amerikas. Immerhin ist dieser in einem Jahr des Feuers geboren, was zumindest dessen Impulsivität erklären mag.

… das wahre Gesicht?

Viele der heutigen Horoskope aus direkt-chinesischer Hand zielen darauf ab, Prognosen für Beruf und Karriere zu machen, nach dem Motto, wie werde ich mit Sicherheit wohlhabend und erfolgreich? Man muß da aufpassen bezüglich Wunschdenken, auch bei den Voraussagen, welche Familie und Beziehung betreffen. Überhaupt ist es nicht leicht hier Faktisches vom Aberglauben zu trennen. All die netten billigen aber auch mitunter sehr teuren Feng-Shui-Accessoires sind ein guter Beleg dafür, wie weit wir geneigt sind uns in die Irre leiten zu lassen.

Hat überhaupt keinen Bezug zum Thema, aber was soll´s?

Wahres Feng-Shui ist sehr komplex und von seiner Wirkung her eher subtil. Wer hingegen sein Qi optimal reguliert, hat meist recht gute Vorrausetzungen für den persönlichen Erfolg. So in etwa erklärte es mir einst mein Qigong-Meister Zhichang Li. Jahresprognosen hin oder her, ein klarer Verstand gepaart mit einem einfühlsamen Herzen sind die beste Grundlage für den angemessenen Weg.

Ich wünsche allen ein ein besonnenes und von Gerechtigkeit geprägtes „Hunde-Jahr“!

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Besinnliches zum Advent: Gedanken zur Budowelt

„Advent, Advent … ein Lichtlein brennt …“

Nein, keine Sorge, ich will nicht schon wieder anfangen, moderne konsum-orientierte Weihnachtsbräuche oder deren sinnfremde Verquickung mit dem Budō in Frage zu stellen. Meinetwegen soll jede/r diesbezüglich nach ihrer/seiner Facon („Fassong“) glücklich werden. Vielmehr möchte ich hier einige Ergebnisse meiner November-Kontemplationen mitteilen. Aber anders als der derzeite US-Präsident tue ich dies auf dezentere Art, d.h. die/der geneigte Leser/-in muss sich die Mühe schon machen, auf diesen-meinen Blog zu gehen.

sehr zu empfehlen: St. Jakobi in Lübeck

Durch das Grau des Novembers und die kürzer werdenden Tage neigen wir ja bisweilen zur inneren Einkehr. Besonders im Norden erwächst in dieser Jahreszeit der Wunsch nach Geborgenheit oder es sich „gemütlich“ zu machen. Es ist dies ein natürlicher Vorgang und wir sollten ihn zulassen, jedoch nur aufpassen dass das ganze nicht allzu deprimierend ausfällt und positive Perspektiven erhalten bleiben.

Mitunter wird man sich auch mehr als zu jeder anderen Zeit des Jahres den steten Veränderungen bewusst, sowohl die Umgebung als auch die eigene Person betreffend. Man wird nicht jünger, ein positiver Aspekt des Älterwerdens ist jedoch die zunehmende Reife, welche aus den nicht immer angenehmen Erfahrungen des Lebens erwächst (Zu den Fragen bezüglich der Übungspraxis in reiferem Alter werde ich mich Anfang des neuen Jahres genauer äußern). Unsere Sichtweisen auf die Dinge sollten sich dem Wandel der Gegebenheiten anpassen. Dieser daoistische Ansatz mit der Welt und deren Geschehnissen umzugehen, ist nicht immer leicht umzusetzen, vor allem wenn man in jüngeren Jahren bestimmte Sachverhalte als richtig anerkannt und diese gleichsam wie naturgegeben ins eigene Weltbild eingebaut hatte. Es ist nicht gerade angenehm wenn die eigenen Prinzipien ins Wanken geraten.

Budo-Literatur damals ..

Den geschickten Krieger zeichnet eine flexible Einstellung aus, durch die er eine auf die jeweilige Situation abgestimmte Handlungsweise bevorzugt, ohne dass grundlegende Prinzipien geopfert würden. Unsere alten Meister, wie etwa Choki Motobu, Kenwa Mabuni, Chojun  Miyagi und vor allem Gichin Funakoshi wären gute Beispiele für eine solche Grundhaltung. Und nicht zu vergessen Anko Itosu, der die Zeichen der Zeit erkannte und den damals sicher nicht unumstrittenen Schritt wagte das Karate für alle zugänglich zu machen.

Auch unsere Kampfkunst ist dem steten Wandel unterworfen. Ich mag kaum zurückdenken an das was uns damals, in den 70er Jahren und davor, so alles unter der Aufschrift „Karate“ vorgemacht wurde. Nun gut, man wusste es von Seiten der Trainerschaft ja auch nicht besser. Aber damals schon gab es einige, die suchten, während andere meinten schon alles zu wissen. Ich hatte mich für den etwas beschwerlicheren Weg entschieden und beschlossen zu suchen.

… und heute

Das äußere Bild des Karate hat sich seitdem grundlegend geändert, besonders die Art und Weise wie geübt wird sowie die gesamte Einstellung gegenüber einer Kampfkunst, die bis vor rund 150 Jahren noch streng geheimgehalten wurde. Dass Zugeständnisse nötig waren um das Karate öffentlich machen zu können und nicht mehr einem erlauchten Kreis Auserwählter  zu vermitteln, sollte uns allen klar sein – oder werden. Karate ist lange nicht mehr die „Kunst der tödlichen Schläge“, allenfalls eine Kunst, die sich mit dem Kampf als solchen befasst und die leider auch zunehmend zum reinen Turniersport wird. Zum Glück gibt es aber auch Tendenzen dem letzteren entgegen zu wirken.

Frauen im Karate früher: Emma Peel, Expertin der Handkante

Tatsächlich wissen wir heute recht viel über das Karate als asiatisches Kulturgut, als Übung zur Formung von Körper und Geist oder gar als Weg zur persönlichen Entwicklung hin zum guten Menschen. Aber aufgepasst: das was wir wissen, könnte sich schnell als nur die Spitze eines Eisbergs mit dem Namen Kampfkunst erweisen. Wir können kaum abschätzen, was noch alles im Verborgenen liegt. Es ist dies ein Problem, das auch die moderne Wissenschaft umtreibt und schon von den griechischen Philosophen erkannt wurde. „Ich weiß, (zumindest) dass ich nichts weiß (nicht viel, im Verhältnis zu dem was da noch kommen kann)“ ist ein bekannter auf Sokrates zurückgehender Satz. Leute, die behaupten alles zu wissen gibt es leider nur allzu viele.

Frauen im Karate heute!

Rückblickend auf 45 Jahre persönlich erlebte Karate-Geschichte, würde ich behaupten, dass wir heute recht gute Möglichkeiten haben uns die nötigen Infos für ein ernstzunehmendes Training anzueignen. Auch ist durch die Fachverbände, allen voran der Deutsche Karate Verband ein gut durchorganiserter Sport-, Trainings- und Fortbildungsbetrieb gewährleistet. Viele kleinere z.B. auf Kobudō oder einen bestimmten Stil spezialisierte Organisationen füllen eventuelle Angebotslücken. Allerdings hege ich meine Zweifel ob das Bestreben Karate olympisch werden zu lassen wirklich als Fortschritt zu werten ist. So manches, das als großer Gewinn proklamiert wurde, erwies sich später eher als das Gegenteil. Ich meine, wir sollten bei dem allgegenwärtigen vermeintlichen Fortschritt unsere Wurzeln nicht vergessen. Wie schon Konfuzius sagte, kann das Verständnis für das Gegenwärtige nur über das Studium des Vergangenen erlangt werden. Auch vertrat er die Ansicht, dass alles Handeln durchdacht und von innerer Überzeugung erfüllt sein sollte (klingt irgendwie auch nach Kant).

Kulturelle Gegensätze – Movie „Santa´s Slay“

Bei den Weihnachtsbräuchen, aber auch bei all jenen kleinen Riten, die wir im Dojo praktizieren sollte uns klar sein was wir da eigentlich tun. Zwar bin ich nicht besonders fromm, mir aber meiner europäischen und damit christlich geprägten  Abstammung durchaus bewusst. Europäisch, das bedeutet aber auch facettenreich und durch positive Werte geprägt, von denen zwar eine ganze Menge aus der christlichen Lehre stammen, aber eben nicht alle. Zudem sollte uns das viele Unrecht und Leid, das im angeblichen Nahmen Christi in vielen Jahrhunderten in die Welt gebracht wurde uns alle mahnen, insbesondere wenn sich bestimmte Politiker immer noch anschicken überheblich über andere Völker oder deren Kultur und Religion zu urteilen und versuchen ihnen das was sie für die „wahre“ Demokratie halten aufzuzwängen.

Meister Miyagi

Viele oder vielleicht sogar die meisten unserer in Advent und Weihnacht gepflegten Bräuche sind denn gar nicht so christlich wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Das zu erkennen und zu akzeptieren ist meiner Sicht von Vorteil, denn wenn wir deren Herkunft ergründen, dann stärken wir unsere eigenen Wurzeln. Starke Wurzeln sind für uns nötig, wollen wir uns nicht irgendwann in der Welt des Konsums und der Dekadenz verlieren. – „Starke Wurzeln … “ – Zitat von Meister Miyagi im Film Karate-Kid 3.

Ein Grog – wärmt von innen.

So schließe ich denn meinen kontemplativen Exkurs mit den besten Wünschen zu den Rauhnächten, dem Perchtenlaufen, der Zeit zwischen den Jahren. Besonders die  Nacht zum 1. Januar, in der unsere Welt nach altkeltischer Sicht besonders instabil wird und die Grenzen zu anderen Welten durchlässig werden, sollte man nicht allein verbringen. Auch sollte man viel Lärm machen, damit Dämonen und übelgesinnte Geister bald wieder vertrieben werden.

Viel Schwein zum neuen Jahr!

Dann also: Guten Rutsch! …. Naja, doch irgendwie ein seltsamer Wunsch, von dem die meisten kaum wissen woher dieser eigentlich stammt. Das jüdische Neujahr heißt Rosh ha Shanah, wörtlich „Kopf des Jahres“. Auf Jiddisch wünscht(e) man sich in der Zeit um diesen Feiertag „a git Rosch„, also „einen guten Kopf„, wohl im Sinne von gutem (Jahres-)Beginn. Dakammamasehn (da kann man mal sehen)!

So, jetzt reicht´s aber. Allen ein gutes und produktives Jahr 2018!

Oder vielleicht doch noch etwas ganz speziell Besinnliches?

 

 

 

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Zeitgeist

Nach Monaten längerer Abstinenz erfüllt mich wieder das Bedürfnis mich zum Geschehen in der Welt – nicht nur der des Budō – zu äußern.

„Nach dem Alten suchen, heißt das Neue verstehen“ war ein von Meister Gichin Funakoshi gerne zitierter Satz des Konfuzius. Auch ich hatte mir schon das eine oder andere mal erlaubt hierauf Bezug zu nehmen.

Früheste Literaturbeispiele

Die Geschehnisse in vielen Teilen der Welt lassen uns fragen, was da eigentlch abgeht. Da streben welche nach politischer Unabhängigkeit, und das in Ländern in denen noch vor ungefähr 30 Jahren komplett Gegenteiliges vorherrschte. Wie etwa in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, die nun auf einmal ´raus wollen aus der EU. Besonders brisant ist die Lage in Spanien: Die Katalanen fordern einen eigenen Staat, wohl wissend, dass sie dann bis auf weiteres in der Welt völlig isoliert dastehen werden und alle politischen und wirtschaftlichen Verbindungen von Grund auf neu aufbauen müssten. Es wären dies Prozesse, die früher für andere Länder Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte der diplomatischen Anstrengung bedeuteten.

Auch wir Deutschen sollten sehr gut darüber Bescheid wissen war früher war und entsprechend handeln (z.B. wählen gehen) anstatt uns in Parolen der Schuldzuweisung zu verlieren, wie es eine neue namhafte Partei gerne zu tun pflegt.

Das erste ernstzunehmende Standardwerk

Noch einmal zu Spanien: Anfang des 12. Jahrhunderts hatte sich ein katalanischer Adeliger, der Graf von Barcelona freiwillig (!) mit der Königen von Aragón vermählt, wodurch Katalonien nun zu Aragón gehörte und später Teil der gesamtspanischen Geschichte mit all ihren territorialen Fluktuationen wurde. Dass zwischenzeitlich Unrecht und Unterdrückung herrschten will niemand abstreiten. Es ist dies aber keine rein katalanische Erfahrung und somit sind entsprechende Argumente, die von populistisch geprägten Politikern der Region bei ihren Unabhängigkeitsbestrebungen vorgebracht werden, bei genauerer Betrachtung der Geschichte kaum relevant. Eher geht es um Geld, Prestige und letztlich viel Emotion.

Leider haben wir Menschen uns von unseren Vorfahren des Stein-Zeitalters in dieser Hinsicht kaum fortentwickelt. In uns regieren nach wie vor die selben archaischen Existenzängste mit den damit verbundenen irrationalen Egoismen wie vor Jahrtausenden.

Karategi a la Miyagi – Anfang 20. Jahrhundert

Der Weg des Budō sollte dabei helfen dies zu überwinden. Dieser besteht ja, zumindest habe ich es so verstanden, aus einem Wechselspiel von Vernunft und Emotion. Über die tägliche Praxis lernen wir unsere Gefühlesregungen zu ergründen und sie vermittels des Ki in positive Richtungen zu lenken. Zugleich sollten durch die verbesserte Verfassung unseres Körpers auch Funktionen des Hirns gestärkt werden, was bedeutet, dass wir durch unser hartes Körpertraining auch unseren Geist schärfen, klarer denken und dadurch Zusammenhänge erkennen, die uns ohne dem womöglich verborgen blieben.

Kenwa Mabuni erscheint fast schon modern; der Anzug selbst entsprach aber noch eher einem Judogi

Eine Grunderkenntnis seit der Antike – auch der europäischen – ist, dass jedweder Konflikt das Potenzial zur Zerstörung bietet, weshalb zumindest die weisen Krieger seit jeher versuchten, den Einsatz von Gewalt zu vermeiden, sei es im Kampf Mann gegen Mann oder indem einem realen Krieg mit verlustbringenden Schlachten lieber der Diplomatie, meist in Form von (Heirats-)Bündnissen zwischen den machthabenden Familien, der Vorzug gegeben wurde. Ich denke da z.B. an Maximilian von Östereich.

Ausgetragene, d.h. nicht auf kommunikativem Wege gelöste Konflikte bedeuten immer heeren Verlust. Leider wird dies im Überschwang der Emotionen schnell vergessen. Und so kommt es leider immer wieder vor, dass die Ergebnisse harter Arbeit von Generationen von Menschen, wie viele Monumente der Geschichte, in kürzester Zeit teils unwiederbringlich zerstört werden. Die EU, so fehlerbehaftet sei aus sein mag, hat uns Jahrzehnte friedlichen Zusammenlebens gebracht, von den wirtschaftlichen Vorteilen und den vielen Frei(!)zügigkeiten etwa beim Reisen ganz zu schweigen. Schritte zurück bringen da nur Verluste – gerade auch von einer ganzen Reihe von liebgewordenen Kauf- und Reisegewohnheiten! Die sogenannte Freiheit der Populisten bedeutet in Wirklichkeit Rückkehr zur Einschränkung und Immobilität.

Es ist ratsam aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, den eigenen und denen anderer. Einen schweren Fehler in der Gegenwart begehen andersherum viele Zeitgenossen wenn sie annehmen: Diese/m oder jene/r hatte kein Glück bei ihrem/seinen Vorhaben, darum ging es (was auch immer) schief, aber mir wird es schon gut gehen … totaler Trugschluss!

„Mode“ der 60er Jahre: extrem kurze Jacken.

Auch sollte man wissen, wann bei einer Sache die beste, d.h. maximal produktive Zeit um ist. Dies betrifft vor allem auch das Innehaben von verantwortungsvollen Stellungen. Wie schon Gregor Gysi mehrfach anmekte: „Man muß wissen wann´s vorbei ist. Sonst wird man statt in guter eher in unangenehmer Erinnerung behalten.“ Helmut Kohl machte es vor wie es nicht sein soll, seine Nachfolgerin scheint ihm auch in dieser Hinsicht nachzueifern. Leider sind wir in den Organsisationen derer, die sich dem Budō widmen, nicht von einer derartigen Inflexibilität gefeit. Zu viele Funktionäre und nahmhafte Chief-Instruktoren scheinen auf ihrem jeweiligen Thron regelrecht angeleimt worden zu sein. Sie halten sich für unersetzlich, aus der Überzeugung heraus, dass eventuelle Nachfolger ihre Arbeit kaum ebenso gut ausführen zu könnten. Oder sie befürchten, dass jene in der Lage wären ihre Aufgabe sogar noch besser oder zumindest einfach einmal anders zu bewerkstelligen. Auf das Ergebnis sollte es jedoch letztlich ankommen, nicht so sehr auf das „wie“. Man korrigiere mich!

80er Jahre – Der Anzug war noch etwas neu ….

Was ich mit all dem ausdrücken möchte ist, dass ich es als falsch erachte unreflektiert dem Vergangenen nach dem Motto „Früher war alles besser“ anzuhaften. Die Welt war schon immer im Wandel und es überlebten jeweils nur jene, die sich dem anpassen konnten – oder wollten. Andersherum sollte man auch nicht jeden Trend mitmachen, nur weil er neu ist, angeblich mehr Komfort oder sonst welche Vorteile verspricht: Kritische Distanz zu den Umständen, auch zu den eigenen, sollte bewahrt werden. Als wahrer Bushi des alten Japan war man in der Pflicht die Dinge genau zu reflektieren, bevor Unschuldige entzwei geschnitten, d.h. umgebracht wurden. Gleichwohl wurden nur wenige Samurai dieser Maxime gerecht.

Natürlich ist auch unser Karate in stetem Wandel. Was vor 50 Jahren als „neu“ galt, ist heute veraltet. Und auf der „Suche nach dem Alten“ finden wir bei unserer Forschung ständig – zumindest für uns – Neues. Kurios: Nach dem Alten suchen, kann auch bedeuten neue Sichtweisen zu finden.

Erste Erprobung von Protektoren.

Wichtig finde ich auch, dass wir das rechte Tempo bewahren und besonnen vorgehen bei all unserem Tun. Persönlich gelte ich deswegen in meinem Umfeld bei einigen Leuten als ein wenig rückständig, z.B. weil ich „nur“ ein „Handy zum Telefonieren“ (und sonst nix) besitze und nicht jedes Jahr das ultmativ neueste Smartphone mein eigen nenne. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich eines Tages nicht auch ein Smartphone benutzen werde, wenn dann gewährleistet ist, das dafür in den afrikanischen Cobalt- und Litium-Minen keine Negerkinder mehr schuften müssen.

Abschließend vielleicht noch die Anmerkung, dass die auch von mir vertretene Prognose bezüglich der diesjährigen chinesischen Astrologie – Jahr des Feuer-Hahns – bei weitem übertroffen wurde. Das derzeitige weltpolitische Geschehen kann einem Angst machen. Aber der wahre Krieger bewahrt äußere und vor allem innere Ruhe. – Häufig jedoch leichter gesagt als getan …

Bei der Fotoauswahl für diesen Post habe ich versucht ein wenig den Wandel im Bereich des Karate im Laufe der Zahrzehnte in Bezug auf Literatur und „Mode“ zu reflektieren. Etwas arg kurzweilig vielleicht, aber sei´s drum. Wichtig bei deren Betrachtung: Die Art der Barttracht Meister Mabunis war damals allgemein modern und nicht nur einem bestimmten Politiker östereichischer Abstammung vorbehalten!

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Rückschau zum Neuen Jahr 2017:

ein wahrer Feuer-Hahn

ein wahrer Feuer-Hahn

Zum vorigen Jahreswechsel 2015/2016 hatte ich auf 5 Jahre Karate als Budo zurückgeschaut. Diese Website sollte ja – zugegebenermaßen – im wesentlichen dazu beitragen zunächst das Buch mit gleichem Titel und in Folge das zweite Werk über den Wert der Kata in unserer Kampfkunst bekannt und attraktiv zu machen. Im Laufe der Zeit entwickelte sie sich dann jedoch zunehmend zu einer Plattform, auf der nicht nur ich mich zu bestimmten Aspekten der Budō-Praxis äußerte. So sollte es zum Ende des vorletzten Jahres, nachdem so ziemlich alles die Übungspraxis Betreffende benannt und von verschieden Seiten her ausgeleuchtet wurde, eigentlich zu einem Abschluss kommen, wobei ich mir durchaus klar war, dass dieser wahrscheinlich nur vorläufig sein würde. Aufgrund einiger Anfragen von Lesern von Blog oder Buch schrieb ich daher doch noch den einen oder anderen (Antwort-)Kommentar.

Meine Prognose bezüglich der chinesischen Astrologie hat sich in weiten Zügen bewahrheitet: Das Jahr des Feuer-Affen hatte so manche Überraschung gebracht, von denen nicht wenige wegen der im nach dem System der „Flying Stars“ im Zentrum aller Gebäude befindlichen Krankheit und Unglück symbolisierenden Zwei ziemlich fatal anmuten. Vor allem im politisch-wirtschaftlichen Bereich können diese durchaus Ängste hervorrufen, jedoch möchte ich hierauf nicht weiter eingehen. Nur soviel: Fanatismus war noch nie dem Wohl der Menschen zuträglich. Mehr noch, jedweder Extremismus schadet, und das auch in der Tier- und Pflanzenwelt, d.h. letztlich in der gesamten Natur.

Lübecker Weihnachtsmarkt am Koberg

Lübecker Weihnachtsmarkt am Koberg – einer von mehreren

Gerade für uns Budōka im Norden Europas kann dies bedeuten, dass wir besonders in der „Zeit zwischen den Jahren“ unserer in unserem Innersten verwurzelten Neigung zur Kontemplation nachgehen sollten, anstatt ständig dem scheinbaren Zwang zum immer-währenden Training anzuhängen. Ich will damit sagen, dass die Technik kaum darunter leiden wird, wenn man/frau sich einmal einige Tage oder gar Wochen weniger quält und das eigentlich positiv geprägte weihnachtliche Ambiente genießt.

nicht nur wein-geistiges ..

Punschbude

Ich schreibe dies hier auch im Sinne der von den Lebensjahren her etwas fortgeschritteneren Budōka, von denen es mittlerweile schon recht viele gibt. Man sollte sich selbst gegenüber ehrlich sein und die mit zunehmenden Alter auftretenden physischen „Randerscheinungen“, also abnehmende Körperkräfte und dafür länger andauernde Regenerationsphasen, akzeptieren. Vor allem aber sei nicht zu vergessen, dass die Praxis des Budō uns dienen soll, und zwar auf vielschichtige Weise, jedoch nicht umgekehrt! Ich erwähnte es bereits mehrfach: Wer meint dem Sport dienen zu müssen, womöglich noch ganz aufopferungsvoll, der/die hat etwas falsch verstanden. Hingabe ist etwas anderes.

Jubiläumslehrgang

Jubiläumslehrgang …

Für viele hat Budō auch etwas mit Tradition zu tun. Es gilt das Alte zu ergründen um das Präsente zu verstehen – sagte schon Konfuzius. Viele unserer Traditionen und Bräuche wurden von weisen Leuten erdacht oder eingeführt, um den Menschen Hoffnung und ein Gefühl der Geborgenheit in einer (früher noch weit mehr) bedrohlichen Welt zu vermitteln. Eine ganze Reihe religiöser Praktiken und Riten gehört dazu, auch gerade solche, die wir in der Zeit des Advents und des anbrechenden neuen Jahres zu begehen pflegen. Wenn wir nur ihren tieferen Sinn verstehen und somit ihren Wert erhalten oder auch wiederfinden, dann werden sie auch für die/denjenigen attraktiv, die nicht besonders fromm sind (so wie ich).

Die Praxis Budō soll ja eigentlich von den Extremen wegführen. Zumindest ergibt sich dies sowohl aus dem ihm zugrundeliegenden konfuzianischen Gedankengut, als auch dem buddhistischen Prinzip des Mittleren Weges – von daoistischer Gelassenheit einmal ganz abgesehen. Die tägliche Übung – im Sinne von konstant und regelmäßig – kann helfen zum besseren Menschen zu werden (was das auch immer sein mag), durch ein straffes Regelwerk, Normen und die aus der beständigen Übung erwachsenden inneren Moral.

Erläuterungen

.. wie immer mit zahlreichen Erläuterungen …

Für mich verlief das vergangene Jahr mit seinem das eher Unvorhergesehene unterstützende Einfluss des Feuer-Affen durchaus positiv. Mehrere Bekanntschaften/Kontakte aus vergangenen Tagen lebten wieder auf. Besonders gefreut habe ich mich über die Zuschrift eines „alten“ Kameraden aus Zeiten des S.K.I. und seine recht positiv ausfallenden Beurteilung meines Buches über die Kata, Dr. Wolfgang Herbert, der mittlerweile schon lange in Japan lebt und als Professor für Vergleichende Kulturwissenschaften an der Universität Tokushima tätig ist (s. Kontakte). Einige seiner die japanischen Wortbedeutungen und Schreibweisen betreffenden Kritikpunkte  werden bestimmt bei der (hoffentlich) nächsten Auflage des Buches mit einfließen. In dem sich anschießenden Schriftwechsel konnten wir eine Menge an Meinungen und Erfahrungen austauschen. Dabei stellte sich heraus, dass wir maßgeblich von einem besonderen japanischen Instruktor profitieren konnten. So konnte auch auf diese Weise einem meiner bedeutendsten Lehrer, dem leider schon vor vielen Jahren verstorbenen Sensei Yasuyuki Fujinaga eine weitere ihm angemessene späte Würdigung zuteil werden. Überhaupt ist mein Betrag über Sensei Fujinaga mit der meistgelesenste und -kommentierte.

Angetan war ich auch über die Einladung zu dem anlässlich seines 30jährigen Jubiläums stattfindenden Lehrgang des Karatevereins Genbukai Lübeck e.V., bei dem ich lange Jahre als Trainer gearbeitet und als Vorsitzende fungiert hatte.

Flying Stars 2017

Flying Stars 2017

Nun fehlt nur noch eine Vorausschau auf das kommende Jahr. Am 28. Januar beginnt nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Feuer-Hahns. Vieles wird fortan übertrieben und hochgespielt, wobei nicht unbedingt die entsprechenden Taten folgen werden. Ins Zentrum der Häuser tritt jedoch nach dem System der „Flying Stars“  die Eins, eine positive Zahl, die Sieg oder besser gesagt Erfolg im Wettbewerb symbolisiert. Es sollte einem demnach doch einigermaßen leicht fallen die eigenen Vorhaben real werden zu lassen

Im Jahr des Feuer-Hahns haben wir alle die Chance, unser volles Potenzial auszuschöpfen.  Doch um dies tun zu können, müssen wir zuerst mit uns selbst im reinen sein und lernen unsere Stärken auf die richtige Art und Weise einzusetzen. Nach der chinesischen Astrologie ist der Hahn sehr offen und selbstbewusst, andererseits sehnt er sich nach Bestätigung und Bewunderung. Dies ist jedoch nicht als Aufruf zu verstehen, egoistisch(er) zu werden. Vielmehr geht es darum besonders in diesem Jahr selbstsicher aufzutreten, souverän zu handeln und an die eigenen Fähigkeiten zu glauben. Die Energie des Feuers, welche das Jahr dominiert, kann Vorteile haben, indem wir sie zusätzlich zu der für den Hahn typische Tatkraft für die eigene Motivation nutzen.

gehört zum Jahreswechsel dazu: Rückschau der besonderen Art

gehört zum Jahreswechsel unbedingt dazu: Rückschau der besonderen Art

Das kommende Jahr kann somit die Gelegenheit dafür bieten, Probleme aus dem letzten Jahr noch einmal zu überdenken und dadurch angemessene(re) Lösungen zu finden. In diesem Jahr kann auf allen Ebenen viel erreicht werden. Allerdings wird es nicht leicht, wir müssen bereit sein, hart dafür zu arbeiten. – Ich wünsche allen ein gedeihliches Jahr voll Freude und Zuversicht, verbunden mit der Gabe zum konstruktiven und damit zum produktiven Tun!

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