Die Pinan-Kata – Evangelium oder Richtlinie?

hei-an bzw. pin-an

Bedingt durch virusbedingte Abgeschiedenheit und der damit verbundenden vermehrten gedanklichen Einkehr erinnerte ich mich unter anderem an verschiedene Momente, in denen bestimmte, von mir durchaus geschätzte Trainings- und Instruktor-Kollegen lamentierten, dass seitens gewisser Dritter die doch so wertvollen Pinan- bzw. Heian-Kata (sprich: „hee-an„!) zu sehr vernachlässigt würden. Ich erwähnte zu anderer Gelegenheit bereits, dass diese aus meiner Sicht bei nicht wenigen Traditionalisten einen Stellenwert genießen, der ihnen nach heutigem historischem Wissensstand nicht unbedingt zusteht.

Dabei will ich deren Bedeutung für unser Karate keineswegs leugnen. Sie sind von großem Wert für das regelmäßige Training, gerade im Rahmen der Ausbildung vom Anfänger bis zum Schwarzgurt und darüber hinaus. Pinan/Heian bzw. deren Pendant Gekisai gehören neben Sanchin und Naifanchin zum heutigen Standardrepertoire des Karate – ohne Frage. Besondere Tiefe, sei sie technischer, energetischer oder spiritualitueller Natur, besitzen sie jedoch nicht.

Meister Funakoshi mit Heian Nidan

Andererseits kommt es leider tatsächlich gerade bei Prüfungen zu höheren Graden immer wieder vor, dass von den Kandidaten der Ablauf einer oder mehrerer Pinan-Kata nicht wirklich beherrscht wird. „Beherrschen“ heißt in diesem Falle, wie übrigens auch bei anderen Kata, dass diese ohne weiteres gedankliches Zutun einmal angefangen wie von selbst ablaufen müssen. Ja mehr noch, der wirklich fortgeschrittene Karateka sollte gleichsam in der Lage sein während des „Abspulens“ dieser Basis-Kata einfache Berechnungen anzustellen, ein Gedicht aufzusagen oder ähnliches. Ich selbst übe die Pinan-Kata für mich kaum noch, dafür aber jene Kata aus denen all deren Sequenzen entstammen. Trotzdem bin ich nach wie vor fähig, diese ohne „Stockungen“ vorzuführen oder im Unterricht weiterzugeben, ohne dass irgendwelche Unsicherheit aufkäme. Bei entsprechenden Anzeichen wäre es dagegen auch für mich Zeit für ein persönliches Retro.

verschiedene Interpretationen ..

Die Pinan-Kata sind in ihrer Dimension strukturell einfach, im technischen Detail überschaubar und vom Anfänger schnell zu erfassen. Dies erleichtert gewisse Erfolgserlebnisse bei den Übenden. Diese sind wichtig für die Motivation, die ja nicht kurzfristig sondern über einen möglichst langen Zeitraum anhalten soll, um einen wirklichen Fortschritt zu gewährleisten. Meister Anko Itosu bewies daher durchaus didaktisches Geschick als er die Kata in einer Zeit des Umbruchs schuf. Karate sollte von nun an statt vornehmlich eine geheimgehaltene Methode des Kampfes mehr ein Programm zur Körperertüchtigung sein, wodurch die Effektivität der Technik in den Hintergrund trat. Und der Wandel weg von den langen und schwierigen Klassikern machte es möglich von den Teilnehmern die Geduld nicht bis ins Unermessliche abzuverlangen.

… des gleichen …

Die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen und später auch „normalen“ Erwachsenen, die voll im Berufsleben stehen, wurde möglich. Über die weiteren Beweggründe Meister Itosus hatte ich ja schon früher einiges von mir gegeben. Ich will dies hier darum nicht weiter vertiefen.

Richtig betrieben liefern die Pinan-Kata das Rüstzeug für „höhere“ Kata. Es ist jedoch zu bedenken, dass auch letztere vielen Vereinfachungen unterlagen, insbesondere jene, die über die Linie Itosus, dem sogenannten Shuri-te überliefert wurden. Allerdings modifizierten neben Itosu fast alle bekannten Meister jener Zeit ihre Kata in Richtung einfacher Erlernbarkeit. Insofern ist davon auszugehen, dass praktisch allen uns heute bekannten Kata bestimmte technische Feinheiten fehlen und sie einen Großteil eventuell ursprünglich vorhandener spiritueller Details verloren haben.

… Themas

Dabei wäre eins zu beachten: Originale als solche gibt es nicht. Alle Kata sind Produkt einer ständig andauernden Entwicklung und erscheinen daher nur für den Moment des Unterrichts oder per Konvention festgelegt. Und selbst hierbei sind, wenn auch geringfügige, Anpassungen an das jeweilige übende Individuum unumgänglich. Von Person zu Person sieht dieselbe Kata darum immer ein wenig anders aus.

Schon eher unveränderlich sind die den Kata zugrunde liegenden Prinzipien. Tradiert werden bestimmte Konzepte des Kampfes, bevorzugte Methoden für den Sieg: auf welche Weise kann oder soll ein eventueller Gegner überwältigt werden? Die Ausübenden können sich bei ihrem Bemühen zum Erreichen dieser Fähigkeiten an den Kata ausrichten und ihrem Training so einen formellen Rahmen geben, einwichtiger Faktor für einen auf lange Sicht angelegten Erfolg.

Pinan Godan: Gyaku-zuki in der Katzenstellung erscheint vielen heutigen Puristen weniger „kraftvoll“.

Jedwede Kata stellt somit „nur“ einen Formalismus dar, gleichsam als Richtline oder Anordnung von höherer Stelle, an die man sich zu halten hat um das gesteckte Ziel zu erreichen. Ist dieses Ziel erreicht, d.h. die entsprechende kampftechnische Fähigkeit erreicht, wird diese Anordnung eigentlich obsolet, d.h. für einen selbst ohne direkten Belang. Gleichwohl existiert sie weiterhin fort, für Personen, die nach einem das gleiche Ziel erreichen wollen, und denen wir gegebenenfals zur Seite stehen, wie etwa die eigenen Schüler. Mehrere klassisch überlieferte Kata tragen in  ihrem noch chinesisch klingendem Namen diesem Sachverhalt Rechnung: In Kururun-fa oder Sai-fa kann das Kanji für „fa“ entsprechend „Richtlinie“ oder „Anordnung“ geschrieben und die Kata entsprechend gehandhabt werden.

Für die Pinan-Kata heißt das: Für die Anfänger sind Ablauf und Details streng vorgegben. Letztere können mit zunehmenden Fortschritt allmählich individueller ausgelegt werden. Das Grundmuster bleibt dabei jedoch unverändert. Irgendwann wird trotz ständigem Wiederholen aber keine technische Verbesserung mehr sichtbar, allenfalls kann die/der Übende innere Wandlungen erspüren – sofern sie/er dafür offen ist. Was aber bei jedweder betändigen Übungspraxis der Fall ist oder zumindest sein sollte.

Diese Handhaltung wurde von Meister Itosu aus gutem Grund aus dem Programm entfernt.

Ich meine darum: durch abermaliges „stures“ Wiederholen wird keine Tiefe erzeugt, sondern nur durch bewusstes oder unbewusstes (!) Setzen von Akzenten. Dies kann uns womöglich irgendwann einmal die ursprüngliche Essenz einer Kata erahnen lassen, wodurch uns die „wahren“ technischen – oder wer will auch energetischen – Prinzipien persönlich nutzbar werden. Diese Individualisierung entspräche dem Übergang von shu zu ha, der zweiten Stufe des inneren und äußeren Fortschritts SHU-HA-RI,  etwas das eigentlich von allen ernsthaften Budōka angestrebt werden sollte. Aber ohne konkrete Richtlinie ist dies zumindest im Anfang kaum möglich.

Insofern erklärt sich vielleicht auch der von mir etwas provokant anmutende an die bevorstehenden Ostertage erinnernde Titel dieses Beitrags. Die Evangelien sind als frohe Botschaften zu verstehen, als Richtungsweisung zum Positiven hin, jedoch nicht als deren Garant.

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Prognosen zum Jahr des Büffels

Oder: über das Für und Wider von Horoskopen.

In der Vergangenheit schickte ich mich gerne an vorsichtige Prognosen zum jeweiligen traditionell-chinesischen Jahreswechsel zu machen. Ich berief mich dabei auf einschlägige Websites, d.h. auf Meinungen von Leuten, die davon mehr verstehen – oder zumindest sollten. Auch hatte ich im Rahmen meiner naturheilkundlichen Tätigkeit einige Seminare über Feng Shui besucht und mich somit zumindest indirekt mit der chinesischen Astrologie beschäftigt.

Metall-Oxe, -Büffel oder -Stier, was auch immer

Im Hinblick auf das verheerend verlaufene vergangene Jahr fiel mir auf, dass Horoskope gleich welcher Art tendenziell durchweg positiv ausfallen. Gleichwohl wird vor bestimmten Risiken gewarnt, bei den etwas besser gearteten sogar auf einzelne Personen bzw. deren genaue Geburtsdaten bezogen. Im Jahr der Metall-Ratte waren dies vor allem Hinweise in Richtung schwacher Lunge. Die in der Akupunktur oder der Traditionellen Chinesischen Medizin als solcher Bewanderten werden sicherlich wissen, dass der Funktionskreis Lunge-Dickdarm der Wandlungsphase Metall zugeordnet ist. Dies mag sich für andere, „modern-aufgeklärte“ Weltbürger im besseren Falle spirituell anhören und für manchen Skeptiker nach Aberglaube. Ich sehe es hierbei jedoch als wichtig an die über Jahrtausende entwickelten Ansichten der Gelehrten nicht nur Chinas im rechten Licht zu sehen. Sie entspringen einer akribischen Beobachtung der Natur und nur das der Beschreibung dienliche Vokabular erscheint heute altertümlich.

Flying Stars für das kommende Jahr

Wie dem auch sei, niemand mochte Anfang des letzten Jahres ahnen, dass der Einfluss des Metalls derart fatal werden würde. Bekanntlich befällt das Corona-Virus vornehmlich die Lunge, obwohl auch andere Organe schwer betroffen sein können und mitunter der gesamte Organismus des Patienten auf das schwerste leidet.

Wer das Geschehen mit den derzeit üblichen Besorgnis erregenden nachrichtlichen Zahlenangaben und den entsprechend düsteren Kommentaren der Journalisten und Politiker ein wenig mehr aus der Distanz betrachten mag (ohne die Pandemie als solche anzweifeln zu wollen!), wird finden, dass die Welt vor noch gar nicht allzu langer Zeit in einer ähnlichen Lage war, als im Europa der zwanziger Jahre die sogenannte „Spanische Grippe“ wütete. Auch damals wurde zu Beginn die Bedeutung des Erregers heruntergespielt und dessen Gefahr geleugnet.

hat mit all dem eigentlich gar nichts zu tun ..

Denn bei Ausbruch der Seuche in den USA befand man sich im 1. Weltkrieg und die Behörden dort hielten so ziehmlich alle Information, die „Schwäche“ zeigen konnten, geheim. Hingegen ging man man in Spanien, das nicht am Krieg beteiligt war, in Politik und Presse offener mit den Daten um. So dachte man lange Zeit, die Krankeit hätte dort ihren Ursprung. Fotos aus jenen Tagen von maskentragenden Leuten ähneln deutlich denen von heute. Bislang gleicht sogar der zeitliche Verlauf der Corona-Krise dem der Spanischen Grippe. Nach einem anfänglichen, rückbetrachtet mittleren Hoch auf der Skala der Fallstatistik befinden wir uns jetzt in einem viel massiveren, wobei nicht klar ist ob das Maximum bereits überschritten wurde oder noch kommt. Ich persönlich würde mich sogar jenen Fachleuten anschließen wollen, die da meinen, nach dem Abflachen der Kurve käme nach einigen Monaten noch ein weiteres, wenn auch milderes Maximum.

Bloß nicht so genervt dreinschauen!

Ob nun im Jahr des Metall(!)-Oxen diesbezüglich alles besser wird muss abgewartet werden. Zumindest wird es wohl wegen des zu erwartenden subtilen Mangel an allgemeiner Kreativität – auch im Bereich des Naturgeschehens – weniger böse Überraschungen geben. Der Einfluss dieses Tieres sollte uns vielmehr zur Besonnenheit und pragmatischen Tatkraft neigen lassen. Somit ist harte Arbeit und konstruktives Vorgehen angesagt, weniger emotionaler Überschwang. Ich weiss nun nicht weit meine hier formulierten Worte irgend jemanden Mut tatsächlich machen, zumindest hoffe ich es. Mit besonderen Wünschen zum traditionell-chinesischen Jahreswechsel am 12. Februar 2021 halte ich mich daher lieber zurück …

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Budo in Zeiten des Virus

oder: die teils erzwungene Rückbesinnung auf alte Werte

Normalerweise erlaube ich mir um diese Zeit des Jahres einige kritisch-humorige Gedanken zum Sinn und Unsinn unserer Weihnachtsbräuche. In der derzeitigen Lage lass´ ich es lieber und versuche das vermeintlich Gute in ihr zu sehen.

Die Wände heil lassen!

Im vorigen Beitrag hatte ich bereits einige Überlegungen zum Thema Home-Dojo präsentiert und beschrieben wie auch mit nur wenig Platz ein immer noch recht effektives Training möglich ist. Allerdings fällt es nicht wenigen Karateka schwer sich zu überwinden und ohne Anleitung von außen zu üben. Der sogenannte innere Schweinehund lässt grüßen. Naturgemäß fällt dies jenen leichter, die schon länger dabei sind. Sie greifen einfach auf das früher Erlernte zurück und vertiefen es, wodurch hierzu mit zunehmender Zahl an Übungsjahren durch das eigene weiterwerdende Repertoire die Auswahl immer reichhaltiger wird.

Dabei war in früheren Zeiten die individuelle Praxis  gegenüber dem Üben in Gruppen eher die Normalität. Es wird sogar berichtet, dass selbst bei Meister Funakoshi  die ersten Gruppen noch relativ klein waren und praktisch jeder für sich seine Kata oder am Makiwara übte. Für viele Shōtōkan-Enthusiasten heute kaum vorstellbar. Andererseits gab es schon seit Meister Anko Itosu und seinen beiden Schülern Hanashiro Chomo und Kentsu Yabu Bestrebungen in großen Gruppen mit vereinfachten Techniken und simplifizierten Kata zu trainieren. Das Ziel war, wie wir heute wissen, eine Art promilitärische Ausbildung.

Kurioserweise sind wir im tradionellen Karate bis heute diesem Schema weitgehend treu geblieben und, wie ich meine, noch allzu sehr verhaftet. Denn wirklicher Fortschritt des Einzelnen ist nur möglich wenn sich dieser einer Sache ernsthaft, d.h. mit einer gewissen Mindestselbstständigkeit widmet. Das bei den Chinesen dafür gebrauchte Wort heißt Gongfu und muss nicht unbedingt etwas mit Kampfkunst zu tun haben.

der Blick eines Meisters kann motivieren – es ist nur darauf zu achten keine lebende Person abzubilden

Jeder Mensch ist anders. So ermöglicht erst das eigenständige Üben das Ausfeilen von Details verbunden mit dem Überwinden der persönlichen Schwierigkeiten verbunden. Es kann eine Schau nach innen erfolgen: Wie fühlt sich die Technik an? Wie fühle ich mich insgesamt wenn ich übe – oder auch danach? Wenn ein Trainer Kommandos gibt, mag das den fehlenden eigenen Antrieb  ersetzen, weil aber so nicht der eigene Takt zu finden ist, bleibt das Resultat oberflächlich. Hinzu kommt, dass sofern eines Tages eine Situation es erfordert ernsthaft zu kämpfen, der Antrieb hierzu aus einem selbst kommen muss!

Ich erwähnte es mehrfach: im Karate haben wir, ähnlich wie in verwandten Kampfkünsten des Urprungslands China, den Vorteil auf gleichsam vorgefertigte Übungsprogramme zurückgreifen zu können. Die Idee möglichst häufig auszuführender, wiederkehrender Zyklen stammt wohl von den frühen Daoisten und wurde möglicherweise von Bodhidarma bei der Erstellung seines Stärkungsprogramms für die Mönche des Klosters Shaolin aufgegriffen. Ich will mich da jedoch nicht festlegen, weil derzeit allerlei Forschung zu dem Thema durchgeführt wird. Sicher gilt heute jedoch, dass die festgelegten Übungszyklen den Mönchen auch halfen sich auf ihren Reisen, auf denen sie oft allein unterwegs waren, „fit zu halten“.

Unsere formellen Übungen haben denn bis zu einem Grade auch zeremoniellen Charakter, was sich ebenfalls positiv auf die eigene Motivation auswirken kann, selbige Tag für Tag durchzuführen. Die Kata muss nur angefangen werden, dann läuft sie fast von allein; die Choreographie ist ja vorgegeben.

happo – in acht Richtungen üben

Das Üben von Einzeltechniken  im Sinne eines Kihon ist wahrscheinlich jüngeren Datums. In einem vorigen Beitrag war ich auf das für die japanischen Kampfkunste typische Konzept des Suburi bereits eingegangen. Persönlich würde ich allerdings vom Training des allgemein bekannten Standard-Kihon abraten. Für das Ido-Kihon (Auf- und Ablaufen) reicht zuhause meist der Platz nicht und es ist für einen selbst auch nur wenig erbaulich, weil geistig mitunter mehr ermüdend als körperlich. Dann schon eher Sono-ba-kihon, d.h. Übungen auf der Stelle, z.B. möglichst viele Fauststöße in Shiko-dachi und dergleichen. Letzteres „schlaucht“ mehr und spart damit Zeit.

Auch bietet sich das Ausführen von Einzeltechniken bzw. deren Kombinationen in vier oder acht Raumrichtungen an, wie Shiho- oder Happo-zuki/-uchi/-geri. Die vielen Wendungen schulen Koordination, Gleichgewicht und Raumgefühl. Und da haben wir es wieder: zirkulär aufgebaute Übungen sind leichter durchzuhalten. Womöglich bedingt durch einen subtilen Ki-anregender Effekt? Ich bin wohl nicht die/der einzige welche/r festgestellt hat, dass, wenn das Ki erst einmal rundläuft, größere Anzahlen an Wiederholungen weniger schwer fallen.

Bodhidarma, hilf ! …

Vielleicht hilft auch ein begrenztes Sich-Hineinversetzen in die Rolle des einsamen Kriegers oder des gutherzigen Mönchs. Eine nostalgisch geprägte, leicht (!) verklärte Vorstellung kann über ihre Faszination für die „gute alte Zeit“ motivierend wirken. Man sollte dabei nur wissen wo die Imagination aufhören muss, um sich  nicht komplett in eine Scheinwelt zu verlieren (… Querdenken? nein danke!)

Ähnlich wie im regulären Dojo sollte beim Training zuhause eine Minimaletikette gewahrt bleiben. So sollten wir so gut es geht jeweils zur gleichen Tageszeit üben und uns ein gewisses Pensum durchaus vorgeben ohne uns jedoch zu überfordern. Es reicht also nicht mal eben 20 Tsuki oder 15 Mae-geri zwischen Geschirrspülen und Abtrocknen zu machen.

Die Praxis des Budō ist ein individueller Prozess und kämpfen muss man letztlich immer selbst, im schlimmsten Falle sogar allein. Dabei ist Nonkonformismus der Schlüssel zum Sieg, d.h. das zu tun was der Gegner am wenigsten erwartet. Eine solche Strategie entwickelt man am besten für sich allein. Vielleicht gerade jetzt!

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Karate in Zeiten des Home-Dōjō

Wenn der Karate-Weg uns zu Hause festhält.

Perfekt erfüllte Hygienevorschriften

Und doch: das Zum-Training-Gehen ist ein gesellschaftliches Ereignis. Obwohl wir uns in erster Linie zum Dōjō begeben um die Kampfkunst zu erlernen oder gegebenfalls zu unterrichten, schätzen doch die meisten von uns auch das persönliche Aufeinandertreffen mit Gleichgesinnten und „Leidensgenossen“. In der Vergangenheit vermisste daher bestimmt ein/e jede/r von uns nur allzu schnell solcher Art Zusammenkünfte im Falle von Schichtarbeit, Krankheit oder Ferien. Um wieviel schlimmer mag es jetzt vielen ergehen, wenn uns in dieser nun schon länger andauernden Krise die gewohnten Trainingseinrichtungen verschlossen bleiben.

Das Einhalten von ausreichendem Abstand oder gar das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckung können einem zudem, besten Willen vorausgesetzt, den Rest der Freude an der Übung vergällen. Inwieweit der Online-Unterricht via Zoom und Skype da helfen können, möchte ich dahingestellt lassen. Sicher ist da vieles Geschmacksache. Für meinen Teil ersehe ich die persönliche Präsenz von Schüler und Lehrer als essenziell an. Oder esoterisch ausgedrückt: ich meine, man muss die Aura des anderen wahrnehmen können, andernfalls „springt nichts über“.

Basisübung für Kizami-zuki

Allerdings gibt es (nicht nur) in  unserer Kampfkunst einen bisweilen etwas vernachlässigten Aspekt der individuellen Praxis. Vernachlässigt, weil das Training heutzutage in der Regel, zumindest für die Mehrheit der Karateka unter Anleitung stattfindet, wobei während des überwiegenden Teils der Übungssunde der Trainer Kommandos gibt. Gewiss haben wir im Karate mit der Kata einen besonders individuell ausgeprägten Übungspart, aber auch dieser wird in vielen Dojos bevorzugt in der Gruppe trainiert. Es ist eben doch leichter die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu überwinden, wenn ein Trainer hinter uns steht und uns anfeuert.

Das Training in großen Gruppen ist jedoch, wie viele wohl bereits wissen, nicht das „Original“, sondern ein Produkt von didaktischen Umwälzungen des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Vorher trainierte man überwiegend für sich allein, wobei der Meister anwesend sein konnte oder auch nicht. Hauptsächliche Übung waren die Kata und einfache Übungen von Basistechniken mit möglichst häufigen Wiederholungen, zu denen auch die Arbeit am Makiwara gehört. Sie trugen weitgehend dem Wunsch oder der Notwendikeit nach Geheimhaltung im Rahmen der alten Kampfkünste Rechnung, da diese Übungen wenig Platz beanspruchen und somit leicht im Verborgenen durchführbar sind.

Heranziehen des Fußes

Die in Kontinuation, gleichsam „zyklisch“ ausgeführten Übungen sind darum in den alten Kampfkünsten Japans noch eher präsent. Im Kendō oder Iaidō spricht man von suburi, dem „andauernden Wirbeln“. Charakterisch sind dabei die Wechselschrittfolgen, welche ich in meinem Buch Die Form des Karate als kaeri-ashi bezeichnet hatte. Im Karate können wir entspechend Stoß- und Schlagtechniken oder gar Fußtritte in dieser Manier üben und dies mit su-zuki, su-uchi oder eben su-geri benennen.

Sofern man der gegenwärtigen Situation entsprechend in der eigenen Wohnung, d.h. allein trainieren will oder muss, bieten sich solcherart Übungen an, denn entgegen der Meinung vieler allzu konventionell denkender Karateka muss die individuelle Übungspraxis nicht unbedingt viel Platz beanspruchen. Auf Idō-kihon oder weitläufige Kata wie Kushanku, Useishi oder Suparinpei müsste dabei natürlich vorübergehend verzichtet werden, d.h. eher zentralisiert aufgebaute Kata wie Niseishi, Shisochin oder auch Wanshu in der Version des Itosu wären zu bevorzugen. Auch die Basis-Kata Sanchin, Tensho und Naifanchin beanspruchen nur sehr wenig Fläche. „Raum ist in der kleinsten Hütte“ sagt ein altes Sprichwort; auch bei nur wenig Platz ist es möglich ist ein ausgiebiger Workout möglich. Darüberhinaus meine ich, dass ein guter Kämpfer mit jedweden Platzverhältnissen fertig werden können muss.

der Zyklus beginnt von vorn

Die kontinuierlichen Übungen des „su-Konzeptes“ sind besonders geeignet unsere Technik für den freien Kampf zu routinieren und derzeit ganz besonders uns fit zu halten. Man kann auch auf kleinster Fläche ausgiebig an sich bzw. der eigenen Technik und deren Details arbeiten und dabei gleichzeitig Koordination und Timing schulen. Wenn man auf ein Zielobjekt zuhält, ideal sind vorspringende Mauerecken oder auch das Blatt einer offenen Türe, kann zudem das Gefühl für den rechten Abstand verbessert werden.

Gleichwohl brauchen wir uns gar nicht bei anderen Budō-Künsten umzuschauen, bei richtigem Hinsehen finden auch in unseren Kata Hinweise auf diese Form der Übung. Beispiele wären die Kata Bassai/Passai oder Rohai. Beim Üben nicht nur dieser Kata hilft es nicht selten, wenn man in der Lage ist den räumlichen Bedarf an das vorhandene Angebot anzupassen. Mit anderen Worten wenn in eine Richtung der Weg für einen kompletten Schitt zu zu kurz ist, behilft man sich mit einem Wechselschritt á la kaeri-ashi (s. Buch). Überhaupt meine ich, dass komplette Schritte, seien sie vor-, rück- oder seitwärts, wie sie in den Kata gezeigt werden in einer realen Umsetzung eher die Ausnahme wären. Wir sollten bei all dem jedoch ständig auf der Hut sein unsere persönlichen und zumeist temporären Abänderungen der Kata nie „offiziell“ werden zu lassen. Unsere Kata sollten so bleiben wie sie (überliefert) sind.

aus meinem Buch Die Form des Karate

Viele Wiederholungen einfacher Bewegungsmuster schulen die Koordination, helfen Muskulatur aufzubauen und fördern bei fortgeschrittener Praxis auch das Durchhaltevermögen, vor allem wenn kein fordernder Trainer hinter einem steht. Überhaupt bieten die Kampfünste, flexibles Herangehen vorausgesetzt, insgesamt diesen Aspekt des Durchaltens in schwierigen Situationen mehr als andere Sportarten – was jedoch meiner persönlichen Meinung entspricht.

Die Fotos zeigen einige Beispiele wie es gehen kann, der Kreativität der/s Einzelnen sind hier jedoch kaum Grenzen gesetzt. Statt den Hinterfuß heranzuziehen kann man dies mit dem vorderen tun und wie im vorliegenden Fall statt Kizami-zuki dann Gyaku-zuki üben. Auch lassen sich Ausweichschritte in Kombination mit Abwehrbewegungen integrieren. Die zitierte Abbildung aus meinem Buch möge dies verdeutlichen.

Präzisionsschulung ..

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit dem Rat für das Training im Home-Dōjō grundsätzlich den Karategi anzuziehen. Man schafft sich so ein klein wenig  Atmosphäre, d.h. das ganze fühlt sich eher wie gewohnt an, was die Anstrengung in der durchaus unüblichen Umgebung etwas erleichtert. Gegebenenfalls sollten einige Möbel beiseite geräumt werden und wer mit Waffen wie Sai oder Tonfa üben mag (auch das geht), die/der achte auf die Lampen. Ein wenig esoterische oder buddhistisch-daostisch angehauchte Klänge von einer CD können auch motivierend wirken.

Also dann, allen das beste und gutes Vorankommen im Home-Dōjō!

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Korona-Bushi – Karate im Zeichen des Virus

Sinnfälliges zur allgemeinen Übungssituation

So manche/r, der/die sich dann und wann auf meinen Blog einfindet, hat für sich vielleicht schon einige profunde Kenntnisse bezüglich der Kultur und Gebräuche Japans angeeignet, womöglich sogar über die klassische oder auch moderne Musik des Landes. Irgendwo zwischen Volkslied und nostalgischem Schlager angesiedelt sind einige Versionen des Liedes Tanko-bushi, übersetzt in etwa „Kohlenverse“, obwohl man auch geneigt sein könnte so etwas wie „Kohlenkrieger“ zu vermuten … wegen „bushi„, ist jedoch eine andere Schreibweise. Es entstand wohl im 19. Jahrhundet, als Japan begann sich, zumindest äußerlich, zum Staat nach westlichem Vorbild zu wandeln und im Zuge der Industrialisierung auch die Förderung von Steinkohle zu intensivieren. Tanko-bushi ist somit ein Kohlenkumpel-Song, recht vergnüglich anzuhören und wird gerne bei volkstümlichen Festivals als Musik zu traditionellen Tänzen, z.B. den bon-odori aufgelegt. Ein Beispiel ist unten angefügt.

Ganz anders klingt dagegen das Lied des Kuroda-bushi. Es handelt von der dramatischen Geschichte eines todesverachtenden und zugleich trinkfesten Samurai. Die Melodie ist getragen, fast wie ein spanischer Fandango. Entsprechend wird dieses Lied denn auch inner- und teilweise wohl auch außerhalb Japans gerne zu fortgeschrittener Stunde im Kreise traditionsbewusster (reis-)weinseeliger Budōka angestimmt. Beispiel siehe unten.

Was diese Info hier bezwecken soll? .. Nun, ein klein wenig mehr Heiterkeit als sonst kann uns doch helfen mit der Virus-Krise emotional fertig zu werden. Nach dem Lockdown wollen ja alle gern zu einer gewissen „Normalität“ zurück und dies natürlich auch bei uns in Budō-Kreisen. Allenthalben wird dann auch viel Sorge getragen wie im Übungsbetrieb Abstands- und Hygieneregeln einhaltbar sein können ohne dass die Effektivität der Übungspraxis zu kurz kommt. Dabei weisen die meisten Budō-Disziplinen, genau wie die chinesischen Wushu, in ihrem Grundkonzept einen enormen Vorteil auf, der in anderen Sytemen der körperlichen Ertüchtigung weitgehend fehlt. Es handelt sich um tradierte Formalismen, uns als Kata bekannt, welche in der Vergangenheit wohl aus vergleichbaren Beweggründen entwickelt wurden.

Schlemihl, rechts im Bild, suchte schon vor der Krise allzu sehr die Nähe … „genau!“

Uns Karate-Leuten fällt es in Zeiten geforderter sozialer Distanz weitaus leichter mit der Praxis (einfach) fortzufahren; Kata und Kihon machen es möglich. Und sogar im Bereich des Kumite bietet sich dem flexibel denkenden Übenden oder Trainer ein weites Spektrum an Übungen, bei denen der Mindestabstand von 1,5 bis 2.0 m leicht einzuhalten ist. Ich denke dabei an eine Form der Übung, die Meister Funakoshi in seinem Werk Karate-dō Kyohan mit Iai bezeichnet hatte. Er bezog sich dabei zwar mehr auf eine besondere Kumite-Form aus dem Sitzen heraus, die Grundidee des Iai blieb dort aber erhalten: Angriff und Verteidigung gestalten sich im Verhältnis recht einfach, vielmehr wird Wert auf eine möglichst spontane und angemessene Reaktion gelegt.

Der Begriff i-ai setzt sich aus den Kanji i, in etwa „vollständig präsent sein“ und ai für „Harmonie“ zusammen. Mit dem völligen Präsentsein meint man – so hab´ ich es verstanden – eine geistige Wachheit, die Anwesenheit im Hier und Jetzt, wobei jedwede Gedanken, die bei der Übung aufkommen mögen sofort wieder losgelassen werden sollen. Dies dient dem freien Fluss des Ki, der vonnöten ist um auf unvorhergesehene Angriffe, insbesondere aus dem Hinterhalt, angemessen antworten zu können. Der Übende soll  zum Einklang mit seiner Umgebung finden, gleichsam eins-werden mit dem potentiellen Angreifer, eine Grundvoraussetzung für das Vorausahnen eines Angriffs, was erst eine spontane und sichere Gegenreaktion, die nicht vom „Glück“ abhängt, ermöglicht.

Iai-dō

Die meisten kennen und einige von uns praktizieren sogar das Iai-, heute bekannt als eine besondere Form der Übung mit dem japanischen Schwert. Es entstand, wie fast alle Budō, im ausgehenden 19. Jahrhundert aus dem Iai-jutsu. Letzteres war zuvor in den traditionellen Kampfschulen Teil eines Gesamtkonzepts. Gleichwohl gibt es im Iaidō als geschlossenes System Suburi-, d.h. Kihon- und auch Partnerübungen, nicht zu vergessen den Effektivitätstest Tameshi-giri.

Die Kata des Iai-jutsu bzw. Iai-dō erscheinen von außen gesehen recht einfach, komplett anders als die mitunter sehr langen und komplexen Abläufe der Kampfkünste chinesischen Ursprungs, wie auch die des Karate. Natürlich muss auch im Iai-dō die Technik bis ins Detail stimmen, dies jedoch eher als Voraussetzung für die eigentliche – mentale – Übung: Die Ausführung der Kata soll im Laufe der Zeit vermehrt ohne willentliches Zutun, „wie von selbst“, stattfinden.

Auf technischer Ebene geht es vornehmlich darum auf zügige Weise das Schwert aus der Scheide zu bringen, den imaginären Gegner zu „besiegen“, um am Ende die Klinge sicher wieder zurückzuführen. Bei fehlender Kontrolle der Bewegungen kann es zu Schäden an Schwert und Scheide oder gar der eigenen Hände, bisweilen sogar der Füße kommen. Im Moment der Überraschung und vor allem angesichts eines möglichen Todes kann jede Hast verheerend wirken. Ein kühler Geist, der gelernt hat auch in solch extremer Lage gelassen zu bleiben – was einfach klingt – und der auf eine sichere und effektive,  über einen langen Zeitraum erlernte Technik zurückgreifen kann, ist das letztendliche Ziel der Übung des Iai.

Iai der etwas besonderen Art

Derlei Übungen lassen sich bis zu einem Grade auch mit einem (oder mehreren) Partner(n) durchführen. Dabei werden Aspekte wie genaues Treffen oder Abstände vorerst außer Acht gelassen. Man könnte sagen, auf Reaktion und Timing kommt es an. Gewöhnlich widmen sich solcher Art Training eher Fortgeschrittene, die sich nicht mehr auf vordergründige Details ihrer Technik konzentrieren müssen. Zudem wird das Repertoire der Aktionen auf wenige Grundmuster eingeengt. Die „Kontrahenten“ stehen oder sitzen sich gegenüber, einer verteidigt, der andere oder die anderen greifen an. Angriffs- und Abwehr-/Konteraktonen können abgesprochen werden, man kann aber auch zu einem gewissen Grade „frei“ agieren. Das ganze funktionert gefahrlos natürlich nur auf Distanz, d.h. wir stehen 2, 3 oder mehr Meter auseinander. Das Ziel der Übung besteht darin, früher mit der eigenen Aktion fertig zu sein als die vermeintlichen Angreifer, wobei es nicht um Schnelligkeit der Technik selbst geht, sondern um das frühere Einsetzen der eigenen Aktion. Sen-no-sen wäre hier ein passendes Stichwort.

Für das Karate eröffnen sich hier verschiedenerlei Möglichkeiten:

– Wir können alle Formen der kampfbezogenen Partnerübung (also nicht die Fitnessübungen) mit großem Abstand üben, wobei jedweder direkter Kontakt wegfällt und die Übung rein optisch-akustisch, d.h. „fernsensuell“ vonstatten geht.

– In der Unter- und Mittelstufe können wir z.B. Kihon-ippon-kumite auf 3 – 4 m Distanz üben (lassen), wobei besagte Reaktionsschnelle den Hauptschwerpunkt (bei korrekter Technk!) bilden soll.

– Fortgeschrittene können jedwede Form des Kumite analog umsetzen, insbesondere Situationen des Turnierkampfes.

– Besonders das Einüben von Überraschungsangriffen, etwa von der Seite oder vom Rücken her können zunächst langsam, dann zügiger durchgeführt werden. Dabei kann es dienlich sein den Angriff zunächst mit einer Art „Kiai“ anzukündigen.

– Bisweilen kann es hilfreich sein wenn ein „Schiedsrichter“ die Übenden beobachtet, korrigiert und bestimmt ob der Übungszweck erfüllt wurde.

aus Zeiten lange vor der Krise

Der Erwähnung wert sind natürlich auch die uns allen bekannten, überaus geduldigen Ersatzpartner wie Makiwara, Sandsack und wer mag die chinesische Holzpuppe. Bei ihnen besteht kaum die Gefahr einer Ansteckung, auch nicht, dass sie sich wehren oder zurückschlagen (ein Witz!).

Ich hoffe, ich konnte mit dem hier geschilderten „Corona-Iai“ der/dem einen oder anderen Instruktor/in einige Insprirationen liefern, auf dass wir dann als ehrenwerte Korona-Bushi in die Geschichte eingehen mögen.

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Nix los – auch im Budo.

etwas zur allgemeinen Lage

Kontemplation …

Seit Beginn des Jahres habe ich nur noch wenig verlautbart. Dies wird manche/n Leser/in vielleicht wundern, denn in Zeiten verordneten privaten Rückzugs sollte man doch eigentlich viel mehr dazu kommen sinnfällige Texte zu schreiben. Natürlich ist dem auch so bei mir.

Allerdings ist die Thematik Budō mittlerweile „ausgereizt“ und ein Blick auf mein eigenes Blog-Werk neulich ließ mich  selbst staunen, was ich in all den Jahren so zusammengereimt habe. Andererseits geschieht in der Szene im Moment auch nicht viel neues, das eine Stellungnahme wert wäre.

Ohne mich nun mit dem berühmten Mann auf eine Stufe stellen zu wollen, so habe auch ich, ähnlich wie es einst Isaac Newton tat, als er in den Pestjahren Ende des 17. Jahrhunderts auf dem Land zurückgezogen seine Philosophia Naturalis Principia Mathematica verfasste, begonnen an einem dritten Buch zu arbeiten.

Obschon ich bereits zum Ende des vergangenen Jahres begann erste Entwürfe hierfür zu formulieren, nutze ich nun die im erhöhten Maß zur Verfügung stehende Zeit um jene rudimentalen Gedanken zu präzisieren. Ich widme mich einem Thema, das mich schon länger bewegt. Einzelne Aussagen hierzu findet man ja beim Lesen meiner diversen Beiträge immer wieder.

Es geht um das Qi bzw. Ki, welches in den Ländern Südostasiens, allen voran China, Japan und Korea in allen Bereichen des Lebens gegenwärtig ist. Die Menschen dort erklären mit dem Begriff alltägliche und subtile Phänomene auf detaillierte Weise sowie das eigene Empfinden und das Erleben der Natur. Insbesondere in Heilkunde  und Kampfkunst arbeiten wahre Experten bevorzugt mit dem Qi. Aber inwieweit ist dieses nur postuliert und kann seine Existenz – oder Nichtexistenz – irgendwie doch nachgewiesen werden? Ich möchte die fundamentale Größe der asiatischen Weltsicht kritisch und offen hinterfragen um sie dann für uns Europäer noch leichter annehmbar zu machen. Wie lange es das dauern wird bis ich hiermit fertig bin, ist schwer abzuschätzen ..

als Schutzmaske ungeeignet

Darum an dieser Stelle vielleicht doch noch etwas Aktuelles. Aus Gründen des Schutzes vor Infektionen ist folgendes zu beachten:

– Auf das Training am Makiwara in den frühen Morgenstunden ist zwecks Vermeiden von Lärmbelästigung vorerst zu verzichten.

– Kumite-Übungen außerhalb der Wohnung sind auf 2 Personen (Angreifer + Verteidiger) zu beschränken.

– Bunkai mit mehreren Personen, außer mit in der eigenen Wohnungsgemeinschaft lebenden Kindern und Ehegatten ist unzulässig.

besser geeignet

– Das Training insbesondere weiträumiger Kata darf nicht auf die Wohnung des Nachbarn ausdehnt werden.

– Bruchtest sollten sich auf ein Minimum reduzieren um die Vorräte an Material in den Baumärkten zu schonen.

– Beim Training an der frischen Luft empfiehlt sich das Tragen einer Schutzmaske.

Nach der Divise: Spaß kann sein, muss aber nicht. In dieser Lage allen das beste!

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Kampf oder Gesundheit? Über die Ursprünge des Karate.

Oder auch: von der Henne und dem Ei

Angeregt durch einen Meinungsaustausch mit dem in Japan lebenden Karate-Experten und früheren Kameraden aus SKI-Shotokan-Zeiten Wolfgang Herbert möchte ich einiges hoffentlich Sinnhaftes zu dem genannten Thema von mir geben.

Hat unsere Kampfkunst ihre Ursprünge im Gesundheitswesen?

Wolfgang widmet sich schon seit geraumer Zeit dem Leben und Wirken Bodhidarmas und hat dazu bereits einen umfangreichen Bestand an Daten zusammengetragen. In der älteren Literatur kann man zur Entstehung unserer Kampfkunst ja häufig lesen wie die Mönche des Klosters Shaolin von ihrem aus Indien stammenden Abt Bodhidarma instruiert wurden durch besondere Übungen ihre körperliche Verfassung zu verbesseren. Sie sollten dadurch eher imstande sein die langen stillen Meditationssitzungen durchzustehen. Später wären diese Übungen zur Methoden des Kampfes umfunktioniert worden. Schriften neueren Datums wiederum geben an es handelte sich bei den Übungen von vorn herein um Kampftechniken, jedoch entdeckte man später deren gesundheitsfördernde Wirkung. Beides klingt für den ersten Moment widersprüchlich, denn buddhistische Mönche sollten doch der Gewalt entsagen, da diese doch immer mit der Zufügung von Leid einhergeht, wozu also Kampftechniken?

Bodhidarma, wie ihn sich viele vorstellen

Fast scheint es daher als ob Bodhidarma als erster verantwortlich war für ein Zusammenfügen spriritueller Praxis mit körperlicher Übung. Zumindest ist – meines Wissens nach – nichts anderes dokumentiert oder sonstwie überliefert. Im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten, die sich in der chinesischen Geschichte um die Kampfkünste verdient gemacht haben sollen gilt das Leben Bodhidarmas als ziehmlich sicher. Allerdings wurde sein Wirken durch allerlei wundersame Legenden reichlich ausgeschmückt. Unter anderem soll er erst im Alter von etwa 200 Jahren im Kloster Shaolin angekommen sein. Seine Hauptaktivität dort wird um das Jahr 700 datiert, während andere Quellen angeben, dass er um 440 geboren und um 530 gestorben sei. Alles ziemlich unübersichtlich, aber für die damaligen Menschen war die korrekte Chronologie bei solche außerordentlichen Personen eh nur wenig relevant.

Eine weitere für die Entwicklung der chinesischen Kampfkünste höchst bedeutende Person ist Zhang Sanfeng. Ob er tatsächlich gelebt hat ist jedoch weniger belegt als im Falle Bodhidarmas. Bereits sein Geburtsjahr wird in unterschiedlichen Quellen mit 960, 1247 oder 1279 angegeben. Auch um ihn ranken sich etliche Sagen und Legenden. Den meisten Quellen nach soll er in den Wudang-Bergen gelebt haben, obwohl mitunter auch behauptet wird, er habe im Kloster Shaolin geweilt. Beides könnte meiner Meinung nach stimmen, d.h. das eine schleißt das andere nicht aus. In unserer monotheistisch geprägten Grundhaltung meinen wir häufig etwas müsse entweder so oder so sein. Zwei Wahrheiten zugleich, das ist für viele schwer vorstell- oder akzeptierbar. Hingegen haben Menschen aus dem vom Daoismismus geprägten Kulturkreis kein Problem damit. Insbesondere wenn es darum geht die Entwicklung unserer Kampfkunst geschichtlich zu belegen, kommt es bei uns leicht zu Kontroversen bezüglich der Zielsetzung unserer Karate-Urahnen, darüber mit welcher Motivation diese übten: für ihre Gesundheit oder für den Kampf?

Übungen zur Gesundheitspflege?

Im Falle Bodhidarmas wird weithin argumentiert, er habe seine Übungen rein zur Stärkung des Körpers eingeführt, als Gesundheitsprophylaxe gewissermaßen. Auch wird gerne argumentiert die Mönche hätten das als reine Kräftigung gedachte Programm später zur Kampftechnik umfunktioniert, weil sie ständig irgendwelchen Gefahren ausgesetzt gewesen wären, etwa Angriffe durch Räuber und dergleichen. Jedoch, was soll man einem Mönch schon wegnehmen? Hingegen gilt mittlerweile als sicher, dass Bodhindarma ein Könner der sehr alten, bis heute praktizierten indischen Kampfdisziplin Kalaripayattu war. So wird zumindest nachvollziehbar warum er seinen Schülern gerade ein solches Training gleichsam als Fitness-Programm verordnete.

Kalaripayattu – eine Spezialität Bodhidarmas

Zumindest scheint es, dass Bodhidarma den besonderen Wert des Trainings kämpferischer Bewegungen für die Kräftigung des Körpers erkannte. Denn ein Krieger ist nur dann erfolgreich wenn er vollständig über all seine körperlichen und geistigen Reserven verfügt, d.h seine Technik ist nur dann maximal effektiv wenn sie optimal koordiniert, schnell und mit stimmigen Krafteinsatz (wir würden heute sagen: mit kime) ausgeführt wird, und das mit rechten Timing, was wiederum ein beträchtliches Maß an geistiger Kompetenz voraussetzt. Die Ausbildung im bewaffneten, vor allem aber waffenlosen Kampf führt somit fast zwangsläufing zu Verbesserung körperlich-geistiger Fähigkeiten des Übenden, wie es dann ja auch viel später Meister Itosu für das Karate erkannte und es als Programm für die Volksgesundheit propagierte, wenn auch aus anderen Beweggründen (s. Beitrag „Spatenstich und Gyaku-zuki“). Aber wieso verfügte Bodhidarma als Mönch überhaupt über Kenntnisse des Kampfes? Eine Antwort wäre vielleicht, dass er bevor er Mönch wurde als junger Mann schon eine Karriere als Krieger hinter sich hatte. Ein Wechsel hin zur spirituellen Enwicklung kam ja bekanntlich gar nicht so selten vor.

Zhang Sanfeng´s angebliche Inspiration durch Kranich und Schlange

Ähnlich soll Zhang Sanfeng einer der diversen Legenden nach ebenfalls ein Experte der „äußeren“, d.h. harten Kampfmethoden gewesen sein und im bereits fortgeschrittenem Alter im daoistischen Kloster Wudang nach langer Introspektion und dem Beobachten der Vorgänge in der Natur das Prinzip des „weichen Kämpfens“ mit innerer Kraft erkannt haben. In der so entstandenen „inneren“ Kampfkunst bekam der Einsatz des Qi eine zentrale Bedeutung, die physische, muskelkraftorientierte Technik trat in ihrer Bedeutung weitgehend zurück. Es galt das Qi zu kultivieren, derart dass es für den Kampf direkt nutzbar würde. Zhan Sanfeng soll dazu auch intensiv die vitalen Stellen des menschlichen Körper studiert und klassifiziert haben, womit diese für den Kampf zu einem entscheidungsbringenden Faktor werden konnten. Mit anderen Worten, Erkenntnisse und Erfahrungen der Chinesischen Medizin wurden für den Kampf nutzbar gemacht und mit der vermehrten Berücksichtigung von Anatomie und Physiologe eine noch höhere Effektivität erzielt. Dies allerdings zu dem Preis, dass die Ausbildung sehr komplex wurde und mitunder mehrere Jahrzehnte dauern konnte.

Die Leitbahnen des Qi gehörten zum Basiswissen – nicht nür Ärtze, bisweilen auch für Kampfexperten.

Bei Zhang Sanfeng finden wir somit eine eher umgekehrte Entwicklung zu der von Bodhidarma. Beiden gemein ist aber, dass bestehendes Wissen verschiedener „Fachbereiche“ zu einem neuen (?) Übungsprogramm zusammengefügt wurden, gleich ob vornehmlich heilerische oder verteidigungstaktische Aspekte im Vordergrund standen. Interessant wäre jedoch  zu wissen, ab wann man überhaupt ein zielgerichtetes Üben praktizierte, eines das darauf abzielte „für den Fall dass“ vorbereitet zu sein. Das Einüben von definierten Handlungsweisen ermöglichten es rasch auf Ausnahmezustände wie Fluten, Feuer, oder auch Unfälle, drohendes Ertrinken, Stürze und dergleichen rasch zu reagieren. Durch die Praxis solcher Formalismen konnte größeres Leid verhindert werden. Sicher wurden dabei schon lange vor Bodhidarme und Zhang Sanfeng die aus Erfahrung und Überlegung gewonnenen Erkenntnisse von einem aufs andere Tätigkeitsfeld übertragen und entsprechende Analogieschlüsse gezogen.

Deratige zunächst sicher eher individuell weitergegeben Hinweise und Routinen wurden im recht früh administrativ weit fortgeschrittenen China, zumindest aber ab der Qin-Dynastie (um 220 v. Chr.), zu allgemein verbindlichen Richtlinen. Diese mußten von Leuten in verantwortungsvollen Positionen beherrscht werden, das bedeutete Auswendiglernen und wiederholtes (Ein-)Üben. Formalisierungen erleichtern dies natürlich. So  strukturierte man die viele Information auf bestimmte Weise, wobei Symbolhaftigkeiten eine  besondere Rolle spielten und es dann zu besonders blumigen Bezeichnungen kam, wie etwa „goldene Jade-Verordnung“ oder „Liegender Löwe-Richtlinie“. Auch  „magische“ Zahlen wurden gerne gebraucht. Mit der Zeit wussten allerdings nur noch Eingeweihte worum es bei all dem genau ging.

Laufen im Kreis: das Bagua Zhang gilt als typisches Beispiel innerer Kampfkünste

Die so weitergegebenen Erfahrungen wurden in ihrer Zusammenfassung allmählich  zum Lehrkonzept. Aus dem unbewußten Üben, d.h. der Routine aus der Praxis heraus entstand die bewusste Übung, die auf eine eventuale Anwendung abzielt. Die Übung ist ein gerichtetes, aber „leeres“ Tun ohne direktes Resultat, aus einer Vorstellung heraus, wie das Geübte wirken würde oder anzuwenden wäre. So ging schamanistisches Heilen über in aus Beobachtung und Logik gewonnene medizinische Prognostik. Aus erfolgreicher Diagnose und Therapie konnte im Umkehrschluss Prophylaxe werden. Es entstanden Gesundheitsprogramme, in denen das Qi als funktionale feinstoffliche Größe eine besondere Bedeutung hat.

Man vermutet, dass die frühzeitliche Menschen Chinas im Rahmen ihrer rituellen Handlungen, also solchen welche den Himmel oder die Götter gnädig stimmen sollten und die entsprechend oft wiederholt wurden, bemerkten, dass sie sich im Anschluss besser fühlten oder langfristig widerstandfähiger wurden. Einige spürten dann wohl auch so etwas was wir heute als Fluss oder Anreicherung des Qi benennen würden. Vor allem zirkuläre Abläufe erwiesen sich als günstig oder das gedankliche Einbeziehen der Himmels- bzw. Raumrichtungen. Durch Bewahren und Pflegen des Qi können die Vorgänge im eigenen Körper positiv beeinflusst werden. Aber wie wäre es wenn es gelänge ebendies bei einem Widersacher ins Gegenteil zu verkehren? Das Erkennen dieser Möglichkeiten wird Zhang Sanfeng zugeschrieben.

Innere Kreisläufe des Qi sind Basis altchinesischer Gesunderhaltung.

Strukturierte Übungen zur kampftechischen Fertigkeit gibt es mindestens seit dem Alten Rom. Die Gladiatoren erhielten ein spezifisches Training, das neben der rein physischen Schlag- und Stichtechnik mit Speer, Schwert oder Dreizack auch besondere Taktiken umfasste, etwa um den Gegner zu Fall zu bringen, aber auch Informationen wie dieser durch das Treffen besonder Körperzonen leicht zu schwächen war. Solche Konzepte für den Kampf Mann gegen Mann waren sicher nicht auf die Arena beschränkt, d.h. auch die Legionäre erhielten entsprechende Unterweisungen. Ich gehe sogar davon aus, dass derartiges Kriegshandwerk noch wesentlich älter ist.

Übertragung der energetischen Übung in den Stand

Schlachtaufstellungen, wie sie nicht nur die römische Armee sondern auch deren Kontrahenten und Vorgänger benutzen, setzen zudem voraus, dass der einzelne Soldat genaus weiß was er zu tun hat wenn ein Kommando ertönt oder ein Signal sicht-/hörbar wird. Er hat unverzüglich ohne langes Nachdenken zu reagieren, weshalb all die Manöver über einen längeren Zeitraum eingeübt werden müssen. Das koordinierte Handeln der römischen Soldaten machte den meist siegbringenden Unterschied aus zu den Horden der später unterworfenen Volksgruppen. Schon der große Stratege Sun Tsu weist in seinem Werk mehrfach darauf hin wie Soldaten verschiedener Neigungen in den größeren Verband eingebunden werden müssen, will man gegen den Feind erfolgreich sein. Die Einigung Chinas durch die Qin-Armee konnte nur durch den Einsatz in Vorwege genormter Strategien gelingen und dies erforderte langes zielgerichtetes Üben. Die Frage nun ob das Einüben kampftechnischer Taktiken oder die Routine gesundheitlicher Vorsorge älter sei ist so gesehen eigentlich müßig. Ich meine, das Stärken der Körperkräfte ging einher mit dem Auspfeilen von Methoden und Techniken des Überlebens, vom Feuermachen bis hin zur Herstellung von Werzeugen, die ebensogut als Waffen einsatzbar waren, nebst deren Gebrauch.

Die Qi-Säule, eine Übung für sich, aber auch Ausgangsposition vieler innerer Kampfstile.

Das Formalisieren des Übens geht sicher auch auf das wiederholte Ausführen bestimmter Riten zurück. Nach dem Motto „viel hilft viel“ konnte es wohl hier nie gesug sein und die Anzahl der Wiederholungen richtete sich nach den schon erwähnten magischen Zahlen, 36 oder 108 waren besonders beliebt. Häufiges Niederwerfen und das Laufen im Kreis, verbunden mit Gestikulationen wie „Wolken wegschieben“ und ähnlichem bringen mehr als nur eine gute Ernte sondern für den Ausführenden selbst ein subtiles Wohlbefinden, eben durch ein verbessert rundlaufendes Qi. Und da allgemeine Gegebenheiten wie das Klima und individuelle Vorlieben bei Priesterschaft, den Kriegern, Handwerkern oder wem auch immer mit in die Entwicklung einflossen, kam es zwangsläufig zu Unterschieden in der Ausprägung welche später die Lehrschulen voneinander abgrenzten.

Eine durchgängige Wirbelsäule ist Voraussetzung für gute Gesundheit und effektive Kampftechnik.

Für die frühen Daoisten war die Gesunderhaltung eher ein Nebenprodukt. Vielmehr war deren letztes Ziel die Unsterblichkeit oder zumindest Langlebigkeit, d.h. ihnen ging es mehr um eine spirituelle Entwicklung. Die Transformation von materiell über feinstofflich (Qi) hin zu rein-geistig (Shen) war allerdings, wie sie meinten, nur mit einem robusten Körper zu erreichen. Mit anderen Worten, um die physische Existenz des Körpers zu überwinden musste dieser zunächst maximal gestärkt, bzw. dessen innere Funktionen optimiert werden. Dies wiederum kann vorteilhaft sein bei Notsituationen, bei Unbill der Natur oder bei Konfrontationen mit wilden Tieren oder agressiv gestimmten Mitmenschen. Wir hatten das schon weiter oben erwähnt.

Die Beweggründe für das Üben waren somit seit jeher komplex, da der Kampf ums Überleben sich auf mehreren Ebenen abspielte. Eine Betrachtung all dieser Dinge aus heutiger Sicht kann jedoch zu so manchem Fehlschluss führen. Der für uns fast selbstverständliche distanziert-rationale Umgang mit den Dingen ist relativ neu und die Wahrnehmung der Vorgänge in der Natur war in den verschiedenen Zeitaltern eine jeweils andere als die unsrige heute. Dem Qi wurde bisweilen sogar eine gewisse Wesenhaftigkeit zuerkannt, ähnlich der „Seele“ oder dem „Geist“ in verschiedenen Epochen in der europäischen Geschichte.

Der „Weiße Kranich“ als Ursprung des Naha-te.

Beim Lesen der bestehenden Schriften über die Entwicklung des Karate ist für mich besonders bei japanischen Autoren irgendwie ein gewisser Wunsch nach Rechtfertigung  unüberhörbar. Es kostet dort anscheinend immer noch viel Überwindung zuzugeben, dass (nicht nur) das Karate eben kein Produkt der japanischen Kultur ist, sondern in diesem Land „nur“ verfeinert wurde. Es fand dort entsprechend den Umständen der Zeit, zunächst in der des Nationalismus und dann später nach dem Weltkrieg, eine Umstrukturierung zum modernen Budō bis hin zum Sport statt. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Aber zu behaupten, das Karate gehe mehr oder weniger direkt auf die Kampfkunst des Klosters Shaolin oder womöglich noch auf den Buddha selbst zurück ist, wie ich meine, nicht mehr ganz zeitgemäß.

Obwohl es nach dem was man über das frühe Leben des Buddha als Prinz Siddharta weiß gar nicht nicht so unwahrscheinlich wäre, dass auch er als Sohn eines Raja (Regionalfürst) in den Waffenkünsten ausgebildet wurde. Bekannt ist, dass er all dem luxuriösen höfischen Leben überdrüssig nach alternativen Lebensweisen suchte und diese nach intensiver Suche dann auch fand. Nach dem Ausüben verschiender damals bekannter Lehrmethoden wie Meditation bis hin zu extremer Askese schuf er den Mittleren Weg und entwickelte somit eine höchst erfolgreiche Weise der sprituellen Praxis.

Was also war zuerst da, die Henne oder das Ei?

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Sinnhaftes zum Jahr der Ratte

Wie jedes Jahr an dieser Stelle ein paar, so hoffe ich, sinnvolle Worte zum Jahreswechsel. Nach der altchinesischen Astrolgie beginnt am Samstag, dem 25. Januar das Jahr der Metall-Ratte. Es endet am 11. Februar 2021. Die Ratte ist das erste Zeichen des chinesischen Tierkreises, weshalb ein entsprechendes Jahr gerne als eines des Neubeginns – wobei auch immer –  betrachtet wird.

Natürlich sollte es vor allem für die in diesem Jahr Geborenen besonders gewinnbringend und glücklich werden. Aber nicht nur sie, jedwede/r sonst wird gegenüber seinen Zielen, Bestrebungen oder auch Hobbys vermehrt Entschlossenheit zeigen. Es ist somit ein ideales Jahr für Gründungen und intensivierte Entwicklung. Jedoch werden alle Initiativen nur dann erfolgreich sein, wenn sie sorgfältig geplant wurden.

Anders als bei uns werden in China der Ratte oder auch der Maus weit weniger negative Attribute als bei uns beigemessen. Man sieht ähnlich (wie beim Schwein) zumindest in der Astrologie sowohl positive als auch negative Seiten des Tieres, es finden aber keine Verteufelungen statt.

Famose Ratte: Meister Splinter aus dem Film „Ninja Turtles“

Das Jahr 2019 stand im Zeichen des Erde-Schweins, was es zu einer eher „gemütlichen“ Zeitspanne, wenn auch mit vielen Möglichkeiten, machte. Die Schwein-Einflüsse weckten unsere gutmütige, genießerische Seite. Das Jahr der Ratte 2020 wiederum stärkt unsere Widerstandskraft, schenkt Raffinesse, Cleverness und Fleiß. Laut chinesischem Horoskop gibt es im Jahr 2020, also dem der Metall-Ratte keine Probleme, sondern nur Chancen. In der Tat werden wir durch den Einfluss der Ratte zu starkem Ehrgeiz angetrieben, der bei einigen sogar in Perfektionismus gipfeln kann.

Menschliche Stärken, welche im kommenden Jahr durch diesen kosmische Einfluß besonders gestärkt werden sollen sind u.a. Klugheit, Kreativität und Wissensdurst. Hinzu kommen Ehrgeiz, Tatkraft, Wendigkeit und Einfühlungsvermögen, aber auch Ordnungssinn und Fürsorglichkeit. Natürlich bibt es auch Negatives, etwa Starrsinn, Inflexibilität oder Streitlust, die sich bei uns und unseren Mitmenschen in überhöhten Ansprüchen und Unnachgiebigkeit äußern können.

Kosmische Vorgänge nicht sind manipulierbar. Ihr Einfluß ist eher subtil. Alle astrologische Weisheit ändert nichts daran, sie gibt uns jedoch die Chance besser auf die Geschehnisse vorbereitet zu sein und das beste aus allem herauszuholen.

In diesem Sinne, allen die freundlichsten Gruße und ein gedeihliches Jahr der Ratte 2020.

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In memoriam: Meister Hirokazu Kanazawa

Einer der ganz Großen der Kampfkunst ist vor kurzem leider von uns gegangen. Ich erlaube mir darum hier einen Beitrag meines in Japan lebenden ehemaligen SKI-Trainingskameraden und besonderen Kanazawa-Schüler Wolfgang Herbert wiederzugeben.

Hirokazu Kanazawa-sôke (1931-2019) – Ein persönlicher Nachruf

Am 8. Dezember 2019 verstarb Kanazawa Hirokazu, “peacefully”, wie es in der offiziellen Verlautbarung hieß. Ich hatte die Ehre und Freude seine Autobiographie ins Deutsche übertragen zu dürfen. Für diese Ausgabe habe ich auch ein Interview mit ihm geführt. Dabei sprach ich mit ihm über den Tod. In diesem Kontext sagte er: “Wenn man ein ganz gewöhnliches Training macht, einen ganz normalen Lebensstil pflegt, dann bleibt auch die Entfaltungsmöglichkeit eine ganz gewöhnliche. Wenn man allerdings ein Training in der Weise des Übersteigens, des Transzendierens der natürlichen Kräfte macht, heißt das nach meiner Ansichtin allen, auch den kleinsten Dingen, mit vollem Ernst dabei zu sein, ein wenig übertrieben gesagt, alles so zu machen, als ginge es um Leben oder Tod. Mit vollem Ernst bei der Sache zu sein, also doch sozu handeln, als ginge es um Leben oder Tod, ist ja, so meine ich, der wahre und endgültige Sinn des Bushidô (Kriegerethos). Wenn man alles unter Einsatz seines Lebens macht, dann gibt es nichts, auf das man mit Bedauern zurückblicken müsste und wenn die Zeit des Sterbens kommt, kann man in Seelenruhe sterben. Ich glaube, die Art und Weise des Sterbens ist ein Barometer dafür, wie man gelebt hat. Auch darin besteht der Weg des Kriegers (Bushidô).

Kanazawa-sôke hat zweifelsfrei wie ein Krieger gelebt und ist wie einer von dannen gegangen. Kanazawa Hirokazu wurde 1931 in der Präfektur Iwate, im Nordosten Japans an einer rauen Meeresküste mit schroffen Klippen und Kieferhainen geboren. Er war das sechste Kind, hatte eine ältere Schwester und vier ältere und zwei jüngere Brüder. Der Großfamilienverband, der Fischerei-und Handelsbetrieb seines Vaters und die mütterliche Obhut schufen ein soziales Umfeld, in dem er sich Rücksichtnahme, Kooperation und gegenseitiges Wohlwollen als Umgangsform einverleibte. “Harmonie” sollte dann ja die zentrale Säule seiner Karate-Philosophie werden. In seiner Jugend betrieb Hirokazu – neben dem Herumtollen in der Natur und am Meer – Sumô, Judô, Rugby und Boxen. Sein Körper war somit bestens präpariert, als er mit 18 Jahren in der Karate-Abteilung der Takushoku-Universität ernsthaft mit dem Karate begann. Nach Abschluß der Universität wurde er mit Mikami Takayuki der erste Absolvent des Instruktoren-Kurses der 1949 gegründeten JKA (Japan Karate Association). 1957 war er der Gewinner der ersten gesamtjapanischen Meisterschaft der JKA. Diesen Sieg sollte er in Folge noch zwei Mal erringen. 1960 wurde er als Karatelehrer der JKA nach Hawai´i geschickt. Damit begann sein beipielloser Weg in die Welt. Wohl kein anderer japanischer Karatelehrer ist so viel und oft auf dem gesamten Globus herumgereist wie Kanazawa Hirokazu.

Die meisten von der JKA entsandten Instruktoren ließen sich ja vor Ort nieder und bauten ihre Landesorganisationen auf. Sôke verweilte zwar länger in England und Deutschland, war aber Auslandsbeauftragter in der JKA und als solcher viel unterwegs. Besonders nach der Gründung seiner eigenen Organisation (1978) war Sôke praktisch ständig auf Visite in aller Herren Länder. Das machte ihn zu einem der weltweit bekanntesten Karateka überhaupt. Der Bruch mit der JKA war von Sôke weder initiiert worden noch gewollt, in meinen Augen darf er letztlich als Glücksfall angesehen werden. Er bot ihm die Möglichkeit, ungehindert sein Karate-dô zu entwickeln und weiterzugeben. Das “International” (jap. kokusai, Shotokan Karate-do International Federation SKIF) in seinem Organisationsnamen hatte er in der japanischen Version bewusst an den Anfang gestellt (Kokusai Shôtôkan Karate-dô Renmei), um zu demonstrieren, dass es sich bei Karate um eine globale Bewegung und ein kulturelles Welterbe handelt. Sôkes Reputation beruhte aber nicht nur auf seiner Internationalität, sondern auf seinem Ausnahmekönnen, seiner technischen Brillianz und vor allem seiner Persönlichkeit, seinem Charisma und seinem Charme. Was ihn auch auszeichnete war, dass er auf Großveranstaltungen oder Lehrgängen umstandslos perfekte und atemberaubende Demonstrationen sowohl in Kumite wie Kata liefern konnte. Das Hervorstechende an Sôke lag nicht nur in seiner technischen Raffinesse und warmherzigen und engagierten Unterrichtsweise, sondern darin, dass er und sein Karate wirklich für alle da waren, ungeachtet des Geschlechtes, des Alters, der Rasse, Nationalität, Religionszugehörigkeit, des sozialen oder ökonomischen Status etc.. Bevor er nach Hawai´i ging, äußerte er in einem Interview, dass er Karate in seinen drei Aspekten, als Leibeserziehung, als Kampfkunst und als Wettkampfsport zur Entfaltung und Verbreitung verhelfen wolle. Auch hier zeigte sich die Breite seines Ansatzes: sein Karate-dô war für jede(n) gedacht, für Jung und Alt, Hobby-Sportler und Spitzenathleten, ja selbst für körperlich Gehandikapte. Die Weite von Sôkes Horizont zeigte sich auch darin, dass er anderen Stilarten und Kampfkünsten gegenüber Offenheit und eine stete Lernbereitschaft entgegenbrachte. Alte Kata (z.B. Koryû Gankaku, Nijû Hachi Ho) die das Bewegungsspektrum über das orhodoxe Shôtôkan hinaus erweitern sollen, wurden von ihm in seinen Syllabus übernommen. Daneben war er für seine meisterliche Beherrschung der Waffen Stock (bô) und Nunchaku bekannt, die er auch in den Unterricht integrierte. Mit Lehrern anderer Stilrichtungen, aber auch der JKA, verbanden ihn lebenslange Freundschaften und reger Austausch. Kanazawa Hirokazu vertrat in einem seiner englischsprachigen Bücher die Perspektive, dass Karate historisch besehen einem gesundheitshygienischen Programm entsprang, das erst nachträglich zum Selbstschutz eingesetzt worden ist. Er konstatierte darin unter Beleuchtung “einer Facette, die üblicherweise übersehen wird”: “Die Geschichte des Karate begann vor etwa viertausend Jahren mit einer Serie von Bewegungen für die Gesundheit. Später wurde entdeckt, dass diese auch für das Kämpfen eingesetzt werden können. In den letzten Jahren hat es sich zu einem Sport entwickelt. Alle anderen wettstreitorientierten Sportarten haben mit Kampftechniken ihr Leben begonnen. Daher ist Karate die einzige, die von natürlichen Bewegungen zur Förderung der Gesundheit ihren Ausgang nahm.”

Daraus resultiert ein Charakteristikum seines Karate-dô: seine Betonung der Wichtigkeit einer korrekten Atmung mittels derer die Zirkulation des Ki (chines. Qi, “Universalenergie”) gesteuert wird und die psychophysische Konzentration auf das Körperzentrum im Unterbauch (seika tanden), in dem das Ki akkumuliert und von dem das Ki hinausgeschickt werden kann. Ki ist ein zentrales Konzept der chinesischen Kosmologie und Medizin und wird gerne mit “innerer Energie” oder “Vitalkraft” wiedergegeben. Mit “Energie” verbindet man im Westen eher physikalische Phänomene und versteht sie als Quantum. Beim Ki geht es mehr um eine Qualität, eine Form der Bewusstheit. Es hat zugleich materielle wie immaterielle Aspekte. Ki wird über den Willen mobilisiert. Jede Art der Konzentration lässt Ki in deren Objekt fließen. Kanazawa-sôke konnte bei Bruchtests aus mehrfach geschichteten Brettern nur dasjenige zerbersten lassen, das ihm angewiesen worden war. Er erläuterte es damit, dass er sein Ki willentlich kontrollieren konnte. Auch wenn nur ganz wenige auf dieses Niveau kommen, war für Kanazawa-sôke die Regulierung des Ki ein zentrales Element des Karate. Und darauf beruht auch dessen gesundheitlicher Effekt. Nach chinesischer Anschauung bedeutet ein blockadenfreier Fluss des Ki im Körper Gesundheit. Um diesen Fluss ungehindert geschehen zu lassen, wurden seit altersher Meditationsmethoden, Atemtechniken, therapeutische Eingriffe (Akupunktur, Moxibustion, Massagen) und Körperübungen (z.B. Qigong) entwickelt. Sôke hatte ja auch lebenslang Taijiquan betrieben und war mit dem entsprechenden Gedanken gut vertraut. Im Taijiquan geht es darum, den Ki-Fluss zu äquilibrieren und ins Lot zu bringen und das galt für Sôke auch für das Karate. Dies führt zu Harmonie und Wohlbefinden, etwas pathetisch formuliert, zum Einklang mit dem Universum. Und darum ist es Sôke wirklich gegangen. Ich habe das in Gesprächen und aus Interviews immer wieder erfahren. Es ist für meine Karate-Praxis ein Leitelement geworden. Diese Fundierung seines Karate-dô in der chinesischen Philosophie hob ihn für mich von allen anderen Karate-Lehrern ab. Für mich hatte Sôke und sein Karate-dô eine spirituelle Dimension, die hingegen gänzlich unaufdringlich war. Wer seine Antennen dorthin ausfuhr, hatte reichlich Empfang, wem nichts daran lag, wurde damit nicht behelligt. Sôke verstand Karate immer als Zen in Bewegung. Einen egofreien Zustand heller Wachheit, frei flottierender allumfassender Aufmerksamkeit und innerer Ruhe zu erreichen, war sein Ideal. Dafür verwendete er Ausdrücke aus dem Zen-Buddhismus und der Schwertkunst. Mushin (Nicht-Geist/Herz) oder muga (Nicht-Ich) waren solche Chiffren. Wenn man Sôke erlebte, hatte man immer wieder den Eindruck, dass er diese Zustände verkörperte. Er hatte eine Aura, die jeden mit Frieden und Gelassenheit umhüllte. Wieder mag ich pathetisch klingen, aber wenn ich in seiner Präsenz war, erfüllte mich das einfach somit stillem Glück. Ich habe nie eine negative Emotion wie Ärger oder Aufgebrachtsein an ihm wahrgenommen. Viele kennen sicher seineu nendliche Geduld und Langmut, wenn er nach Lehrgängen in zuweilen stundenlangen Sessions Bücher, T-Shirts und dergleichen mit seinem Berg-Fuji-Emblem signierte.

Was ich in keiner Weise möchte, ist den Eindruck zu erwecken, dass ich in irgendeiner Form eine “besondere” Beziehung zu Sôke gehabt hätte. Jede(r) hatte seine/ihre eigene Verbindung und ureigene Erlebnisse mit ihm geteilt. Sôke zeigte keine Sonderpräferenzen, er war für alle da, vom altgedienten Schwarzgurt bis zum Anfängerkind. Ich bin Sôke immer wieder “punktuell” begegnet. Seine Sicht auf das Karate und die Welt haben mich aber zutiefst geprägt. In diesem Sinne ist und war er mir steter Begleiter und Leitstern. Einige persönliche Fußnoten und Anekdoten möchte ich daher anbringen. Bei einem seiner Aufenthalte in Vorarlberg in den 1980er Jahren kamen wir auf den Winter zu sprechen. Sôke zeigte sich verwundert darüber, dass in einem kalten Alpenland ein Haramaki (eine [baum]wollene Bauchbinde, eine Art Nierengurt) nicht gebräuchlich war. In Japan sind Haramaki unter Arbeitern, die im Freien oder in kalten Werkstätten malochen, sehr beliebt. Sôke kommentierte: “Wenn der Bauch (hara) warm gehalten wird, wird der ganze Körper durchwärmt.” Freilich hatte der Hara für einen Kampfkünstler wie Sôke eine weit größere Bedeutung als nur der physische Unterleib. Er ist die Drehscheibe jeglicher Technik und Lokus der Ki-Konzentration. “Hara gut/warm, alles gut/warm” könnte man sagen. Auf jeden Fall ließ ich mir aus Japan zwei Haramaki schicken, die ich bis heute im Winter vor allem in den ungeheizten Dôjô trage! Die Entdeckung des Haramaki verdanke ich Sôke und ich denke immer an ihn (und an seine Lehre den hara betreffend!), wenn ich mir einen anlege. Im Übrigen erleben Haramaki, die bis vor kurzem als hoffnungslos altmodisch und proletenhaft gegolten hatten, seit einigen Jahren in Japan eine Renaissance als Fashion-Accessoire und Kälteschutz. Als junger Athlet war ich sehr ernährungsbewusst. Ich wollte daher von Sôke wissen, was er als gesunde und gut balancierte Ernährung ansah. Er erwiderte sinngemäß: “Ich bin sehrviel auf Reisen und mit entsprechend vielen diversen Landesküchen konfrontiert. Meist werde ich eingeladen, da kann ich aufgetischte Speisen nicht ausschlagen. Es ist so: während ich die Gerichte zu mir nehme, denke ich innerlich: ‘Das ist gut für meinen Körper, liefert mir feine Energie und kräftigt mich!’ Damit wird jede Nahrung zielgerecht aufgenommen und verwertet! Selbst Fast-Food kann man mit dieser positiven Einstellung mit Gewinn zu sich nehmen. Allgemein gesprochen, ist es am Besten lokal Produziertes und saisonal eben Gewachsenes zu konsumieren.” Auch hier erfuhr ich, wie sehr bei Sôke der Geist als Agens vor dem Körper stand, Geist für ihn stärker als Materie war. Nebenbei bemerkt: in punkto Getränken hat Sôke in Österreich eine ausgeprochene Vorliebe für Pilsner Bier bekundet. Nachdem ich selbst längere Zeit mit dem Karate ausgesetzt hatte, hatte ich die Chuzpe Sôke zu fragen, ob er jemals daran gedacht habe mit dem Karate aufzuhören. Es habe mehrere kritische Perioden in seinem Leben gegeben, in denen er das ernsthaft erwogen habe, gab er ohne Zögern zur Antwort. Aber jedes Mal habe er sich zum Reflektieren zurückgezogen und dann seien unweigerlich Kata-Sequenzen vor seinem inneren Auge aufgestiegen. Er sah sich etwa die Kankû-dai ausführen und wusste dann unzweifelhaft mit jeder Faser seines Leibes, dass dies sein “Schicksal”, sein Auftrag, seine Lebensaufgabe war. Sôke hatte immer schon Augenmerk auf das jüngst wieder aktuell werdende “Imagery Training” gelegt. Das hatte offenbar auch hier seine Rückwirkungen. Er ging unbeirrt von Höhen und Tiefen seinen Weg weiter. Als ich nach einer geraumen Pause im Karate wieder mit dem Training begann, fuhr ich mehrmals am Mittwoch nach Tokyo, um im Honbu-Dôjô Unterweisungen zu erhalten. An diesem Tag unterrichtete nämlich Sôke höchstpersönlich und auch alle im Lande anwesenden Instruktoren fanden sich ein. Dabei hatte ich bei einem Grußritual den falschen Fuß herangezogen und wurde von Sôke in seiner wohlwollenden Art auf meinen “Fehltritt” aufmerksam gemacht. Kurz war ich irritiert und dachte mir, warum nur auf solchen Kleinigkeiten insistiert wird. In einer plötzlichen Intuition wurde mir dann klar, dass die Botschaft darin bestand, dass gerade in diesen kleinen Gesten die geistige Haltung dahinter zum Ausdruck kommen soll.

Sôke war ein aufmerksamer Beobachter. Ich hatte zum x-ten mal an der gesamtjapanischen Meisterschaft in der Klasse “Kata Individual Masters II (50-59 Jahre)” teilgenommen, zu einer Zeit als Sôke schon recht fragil war. Am Abend danach gab es eine Party mit Stehbuffet nebst Umtrunk. An den jährlich abgehaltenen Championships nehmen stets weit über sechshundert Leute teil, Sie sind bei Kindern nach Schulstufen, bei den Erwachsenen nach Altersklassen und in etliche Wettbewerbsdisziplinen aufgesplittert und ziehen sich über zwei Tage lang hin. An besagtem Abend brach Kanazawa-sôke im Hinblick auf seine körperliche Verfassung frühzeitig nach Hause auf. Alle Partygäste bildeten ein Spalier und verbeugten sich tief vor Sôke, sobald er an seinem Stock an ihnen vorbeiging. Als er auf meine Höhe kam, blieb er stehen, blickte mich an, lächelte und bemerkte: “Heute hast du eine Medaille gewonnen! Gratuliere!” Ich war gerührt. In dem ganzen Wettkampfgewimmel war ihm dies und wohl sonst auch nichts entgangen!

Menschen waren Sôke wichtig. In den 1980er Jahren (meiner Karate-aktivsten Zeit) erkundigte sich Sôke bei unseren Treffen stets als erstes nach dem Befinden von Fujinaga Yasuyuki (1944-1995). Ich empfand dies als äußerst aufmerksam und habe dann die Grußbotschaften zwischen den beiden überbracht. Fujinaga-sensei leitete ein JKA-Dôjô in Wien, in dem ich zwei Mal die Woche am Training teilnehmen durfte. Fujinaga-sensei hatte zu Kanazawa-sôkes JKA-Zeiten in Japan eine Weile unter ihm trainiert. Selbst nach dem Ableben von Fujinaga-sensei hat mir Kanazawa-sôke Jahre danach mehrfach sein Bedauern darüber bekundet, dass er so früh von uns gegangen war. Sôke wusste, wie sehr ich Fujinaga-sensei geradezu verehrt und geschätzt hatte.

1982 wurde der erste SKI-Verband in Österreich gegründet. Ich wurde eines der ersten Mitglieder und war bis Ende der 1980er Jahre im Vorstand und als Dôjô-Leiter in Wien tätig. In der Bezeichnung haben wir bewusst den Namen des Gründers an den Kopf gestellt: Kanazawa Shotokan Kokusai Karate-do Österreich (KSKKÖ). Dem selbstlosen Engagement und Einsatz der Pädagogin Rosemarie Osirnigg war es zu verdanken, dass Sôke in dieser Zeit jährlich nach Vorarlberg kam und mehrtägige Lehrgänge abhielt. Zudem wurden Videos gedreht, die als Lehrmaterial geplant waren. Sie sind heute über VP-Masberg im Handel erhältlich und zeigen Kanazawa Hirokazu auf der Höhe seines Könnens. Auch Bundestrainer Kawasoe Norio (1951-2013) ist darin mit seiner exzellenten Technik verewigt. Ich durfte oftmals als Sôkes Dolmetscher fungieren, was mir auch Einblick in sein didaktisches Geschick und seinen systematischen Zugang zum Karate schenkte. Der KSKKÖ wurde Anfang der 1990er Jahre aufgrund diverser Querelen aufgelöst. Ein Großteil seiner Mitglieder trat geschlossen in die Organisation von Nishiyama Hidetaka über. Obwohl ich dazu eingeladen wurde, habe ich diesen Schritt nicht getan. Mit Nishiyama-sensei verband mich praktisch nichts, mit Kanazawa-sôke aber alles, was für mich Karate bedeutete. Ich bin ihm loyal geblieben, habe mich aber auch wegen sonstiger verbandspolitischer Kleinkariertheiten eine lange Weile von Karate-Organisationen ferngehalten. Als ich Kanazawa-sôke nach fast zwei Dekaden im Honbu-Dôjô aufsuchte und wiedertraf war da sogleich ein Einvernehmen und eine Verbundenheit, die Zeit und Ort überstieg. Es war als wäre seit dem letzten Treffen keine Zeit vergangen. Er konnte sich an erstaunliche Details aus den gemeinsam erlebten Momenten erinnern. Sôke ermunterte mich für ihn ein Dôjô in Tokushima, wo ich an der Universität lehre, zu eröffnen. Ohne diesen Rückhalt wäre mir nie in den Sinn gekommen, in Japan Karate zu unterrichten.

In meinen Zwanzigern hatte ich von Sôke ein wenig Taijiquan gelernt. Daran erinnerte ich mich und begann wieder, Taijiquan im Yang-Stil zu lernen und täglich zu üben. Als ich ihm davon berichtete, war er hoch erfreut: “Taijiquan und Karate sind wie Yin und Yang, weich und hart, fließend-rund und rasant-direkt. Sie sind komplementär und synergetisch. Es ist gut beides zu praktizieren, vor allem im Alter ist es empfehlenswert mehr auf die weiche Seite zu gehen und sich – weg von der Muskelkraft – auf die Kultivierung des Ki zu konzentrieren. ”Sôke sagte dies zu einer Zeit, als er selbst nicht mehr praktizieren konnte. Und hier komme ich auf etwas zu sprechen, was mir meine restlose Bewunderung abgerungen hat: die große Würde im Alles-Loslassen-Können. Sôke fuhr sein Leben lang gerne Schi und hatte ein Schilehrer-Diplom aus Davos. Mit Ende siebzig hatte er einen Schiunfall in Oberitalien und zog sich mehrere Wirbelbrüche zu. Seither verschlechterte sich seine körperliche Konstitution. Nach längerer Rehabilitation kehrte er dennoch ins Dôjô zurück. Als Sôke die achtzig überschritt, brach eine Krankheit aus, die bis zu seinem Ableben medikamentös gebändigt wurde: Parkinson. Sie machte ihm zunehmend das Gehen, dann das Sprechen und zuletzt die Nahrungsaufnahme schwer. Dieser unvergleichliche Kampfkunstmeister, der jede Zelle seines Körpers im Griff gehabt hatte, musste zusehen, wie ihm die Kontrolle über diesen entglitt. Und dabei offenbarte sich wieder Sôkes Geistesgröße: kein Hadern, keine Bitterkeit, kein Lamento. Er erduldete sein Gebrechlichwerden mit stoischer Gelassenheit und gab alles, ohne sich an irgendetwas zu klammern, aus den Händen. Mit dieser Dignität dem Altern und dem Lauf der Dinge seelenruhig zusehen zu können, wird mir für immer als Ideal ins Gedächtnis gebrannt bleiben. Es war schlicht eine daoistische Eingestimmtheit in den Kosmos.

Sôke sagte einmal zu mir, dass er mit zunehmendem Alter die Überzeugung gewann, von einer höheren Macht beschützt zu sein. Der 8. Dezember ist Bodhi-Tag, der Tag, an dem das Erwachen des historischen Buddha Shakyamuni memoriert und gefeiert wird. Er ist der Höhepunkt einer achttägigen intensiven Meditationsperiode (rôhatsu) in den Zen-Klöstern. Kanazawa Hirokazu ist im Lichte des Buddha an das andere Ufer gegangen und nun mit den höheren Mächten vereint. Mit Sôke als Schutzmacht und Behüter des Karate-dô wird sein Lebenswerk auch weiterhin ausstrahlen und nachwirken.

Ewig Dank, Sôke! Ossu!

Wolfgang Herbert

Dem ist von meiner Seite kaum mehr hinzuzufügen. Vielen Dank!

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die Kata auf links üben

In meiner Kindheit und auch später noch hörte ich bisweilen den Ausdruck „auf links bügeln“, womit gestande Frauen im Haushalt meinten den Stoff von Tischtüchern oder Bettwäsche von der Rückseite her zu „plätten“. Dies diente unter anderem dazu die Strukturen auf der vorderen Seite wie Bedruckungen oder Stickereien zu schonen. Der Ausdruck „auf links“ fasziniert mich bis heute. Er bezeichnet so etwas wie anders bis hin zu falsch herum. In fast allen Kulturen galt schon immer die linke Seite als der rechten untergeordnet, was wohl daher kommt, dass das Gros der Menschen rechtshändig ist. Die überwiegende Rechthändigkeit kann auf neurologische, also letztlich biologische Zusammenhänge zurückgeführt werden. Recht(s) stand dann sprachlich auch stellvertretend für richtig, im Gegensatz zu falsch. Im Englischen wird dies noch deutlicher: „right“ für „rechts“ gleicht vollständig dem Ausdruck „right“ im Sinne von „richtig“.

Womöglich wird hier gerade auf links gebügelt.

Andererseits kennen wir im Deutschen neben „links“ auch das Wort „linkisch“ als Attribut für einen Menschen, der unkare Absichten verfolgt. Linkshänder waren früher weniger vertrauenswürdig. In bestimmten religiös geprägten Gegenden ist es sogar verboten die linke Hand bei bestimten Tätigkeiten zu gebrauchen, sie gilt als unrein. Meiner persönlichen Beobachtung nach sind linkshändige Menschen jedoch oft sensibler oder kreativer als der Durchschnitt. Und in der Kampfkunst kann eine „verkehrte Polung“ sogar von erheblichem Vorteil sein. Nichtsdestotrotz, ein überwiegender Teil der traditionellen Kampfkünste oder auch militärischer Richtlinien tragen der scheinbaren Normalität Rechnung, wodurch das technische Repertoire überwiegend für Rechtshänder ausgelegt ist. So wurde im alten Japan das Schwert links getragen und das Gewehr später rechts geschultert.

Wir wissen heute – oder zumindest sollten wir das – , dass Bewertungen im Sinne von gut oder schlecht nur wenig nützen und das Miteinander erschweren. Für die Daoisten war ohnehin Yin nie „schlechter“ als Yang, denn das eine kann ohne das andere gar nicht existieren. Und ob etwas von Vorteil oder Nachteil für einen selbst, die Familie oder das eigene Land ist, hängt weitgehend von der Perspektive ab. Da sollten alle ehrlich mit sich sein und viele wenn nicht alle Konflikte in der Welt könnten sich auf diese Weise auflösen.

Im Bagua Zhang wird konsequent in Zirkeln rechts und links geübt.

In meinem Buch „Die Form des Karate“ hatte ich einiges zum Drehsinn körperlicher Bewegungen ausgeführt. Dieser kann je nach Ausrichtung auf spituell-energetischer Ebene zu Anreicherung oder Zerstreuung führen. Gegen die Uhr wird Qi konzentriert, mit der Uhr werden unerwünschte Ansammlungen, die zu Blockaden und damit gesundheitlichen Störungen führen könnten, aufgelöst. Auch hatte ich geschrieben, dass man im alten China immer darauf bedacht war Extreme zu vermeiden, was sich bei einer ganzen Reihe von Kata darin zeigt, dass allzu viele Körperdrehungen mit der Uhr durch eine meist geringere Anzahl von Wendungen in entgegengesetzter Richtung ausgeglichen werden. Zwar wird so ein Teil der Anreicherung wieder zerstreut, ein insgesamt stärkender anreichernder Effekt bleibt aber trotzdem erhalten ohne dass es zu „Blockaden“ kommt. Besonders in der traditionellen Chinesischen Medizin wird dieses Prinzip angewandt, sowohl in Akupunktur und Tuina-Massage als auch in der Kräuterkunde.

Bis in heutige Zeit aktuell: die 8 Trigramme des Bagua.

Allerdings sind Kata neueren Datums da oft weit weniger ausbalanciert oder sie haben durch zahlreiche Überarbeitungen ihre Ausgewogenheit verloren. Hier dominiert häufig die rechte Seite, insbesondere in den speziellen Sequenzen, die ich früher gerne als „Action-Teil“ bezeichnete, jener der sich nicht als Spiegelbild wiederholt (linker Arm – rechter Arm etc.). So haben wir in den meisten unserer Kata zwar ein gewisses Gleichgewicht bezüglich linker und rechter Ausführung bei Sequenzen, die wir gemeinhin als Grundtechnik ansehen würden, hingegen totale Einseitigkeit bei den „Spezialitäten“. Wenn wir dann nach langjährigem Üben eine bestimmte Kata „linksherum“ vorzeigen wollen oder sollen, dann haben wir gerade da unsere Schwierigkeiten (die/der eine mehr, die/der andere weniger).

Das Bagua Zhang wurde u.a. durch den Film „Deadly Fury“ bekannt.

Aus rein kampfkunstphilosophischer Sicht ist dies höchst bedenklich, wissen wir doch nie ob wir eines Tages einem Gegner mit anderer Händigkeit als der unseren gegenüberstehen werden. Nun gut, wäre die Lösung da nicht alle Kata sowohl rechts als auch links herum zu üben? Scheint plausibel, jedoch ist die Tradition eine andere. Warum nur? Die Antwort liegt wohl in dem bereits Erwähnten, u.a. darin, dass dann kein energetischer Anreicherungseffekt mehr vorläge. Diesen könnten wir zwar als modern-aufgeklärte Menschen, als die wir uns sehen mögen, die nur das glauben was sie sehen, anzweifeln. Ein Blick auf die Anatomie zeigt aber, dass wir eben nicht symmetrisch gebaut sind und auch nicht so funktionieren. Die inneren Organe liegen ungleichmäßg verteilt und man weiß heute, dass linke und rechte Gehirnhälfte in weiten Teilen ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Sequenzen, die problemlos …

Um einer drohenden kampftechnischen Einseitigkeit, insbesondere durch das Üben „rechtslastiger“ Kata, zu begegnen üben wir ja im Kihon- und Kumite-Training immer sowohl die linke als auch die rechte Seite. Links fühlt sich aber meist schwächer an (bei Linkshändern ist dies umgekehrt) und die alten Meister empfahlen daher links doppelt so oft auszuführen wie rechts, insbesondere beim Üben am Makiwara. Leider finden wir in vielen unserer Kata konzeptionell das genaue Gegenteil: Bei dreimaligem Aufteten einer Technik wird fast immer 2 x rechts und nur 1 x links ausgeführt. Beispiele wären die Pinan/Heian-Kata, Bassai-sho, Jion oder Jitte.

So bin ich in den letzten Jahren dazu übergegengen die entsprechenden Dreiersequenzen in umgekehrter Manier separat zu üben, genau wie all die nur einfach angebotenen „Spezialitäten“. Man kann so auch einer körperlichen Dysbalance entgegenwirken, zu der wir naturgemäß tendieren und die sich leicht in Problemen der Statik manifestiert. Gemeint sind Fehlstellungen der Wirbelsäule oder des Beckens und in deren Folge „Verschleißerscheinungen“ in Schulter-, Hüft- und Kniegelenken. Aber Obacht! Die gesamte Kata linksherum sollte nur in Ausnahmefällen gleichsam als spezielle Übung aufgeführt werden. Allzu häufig würde dies die Gesundheit beeinträchtigen, so Sensei Fumio Demura bereits in den 80er Jahren.

… rechts und links zu üben sind.

Wer z.b. unter langwierigen Schmerzen in den Gelenken oder ähnlichen Beschwerden leidet, die/der überprüfe auch die eigenen Trainingsmodalitäten. Manualtherapien wie Osteopathie oder Chiropraktik können nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn die Ursachen der „Schiefstellungen“ behoben werden. Meist liegen diese im Bereich des Qi, mitunter sogar auf emotionaler Ebene. Übungen entgegen dem gewohnten oder naturgegebenen Drehsinn können darum recht heilsam sein, wenn bereits Probleme bestehen. Wie mein Qigong-Lehrer Meister Zhichang Li einmal erklärte müsse man sich dabei nur der „Nebenwirkungen“ bewusst sein, wie bei jedem anderen Medikament auch, d.h. wissen was man tut und warum.

Auch bei mir hinterlässt das Altern seine Spuren. Das bedeutet unter anderem zunehmende Einschränkungen in der technischen Dynamik, was mich dazu brachte vermehrt über die genannten Zusammenhänge nachzudenken. Entsprechend bin ich weiterhin bemüht die Balance zu halten, körperlich, energetisch und emotional. Letzteres ist wohl am schwierigsten.

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