Meister Anko Itosu – Ahnenforschung im Karate

Neues über die ganz „alte Schule“

Je mehr man über dessen Hintergründe weiß, desto mehr versteht man einen Sachverhalt. Und schon Konfuzius stellte klar: „Nach dem Alten suchen heißt das Neue verstehen“.

In diesem Sinne erlaube ich mir die Beurteilung eines relativ neuen Buches – oder deren zwei, wie man will – durch meinen Freund und Trainingskameraden Dr. Wolfgang Herbert hier wiederzugeben.

Dem bleibt kaum mehr etwas hinzuzufügen.

Erschienen in Toshiya, Magazin für Karate, Kampfkunst & Kultur, Ed. 91 (Nov./Dez. 2021), 38-41; mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

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zum Jahr des Wasser-Tigers

gewagte (?) Prognosen

Eigentlich hatte ich es vorgezogen mich zu all den Zeremonien zum Jahresende und den mittlerweile recht „flach“ gewordenen Weihnachtsbräuchen nicht mehr gesondert zu äußern. Ich tat dies ja früher mehrfach, insbesondere im Hinblick auf die allenthalben um sich greifenden Verquickungen mit Kampfkunst und Budō. Andererseits hatte ich bislang zu jedem Wechsel der Jahre nach der altchinesischen Zählung meinen Kommentar gegeben. Ich will letzteres wieder tun, obwohl die von mir wenn auch nicht selbst gemachten, sondern von Anderen übernommenen Prognosen am Ende als nicht immer so recht positiv bewahrheiten wollten.

ein Wasser-Tiger

Am 1. Januar beginnt das Jahr des Tigers, es endet am  23. Januar 2023. Nach nun mittlerweile 60 Jahren ist dieser Tiger wieder mit der Wandlungsphase Wasser kombiniert. Dies macht dessen vehementen Auswirkungen etwas moderater. Denn der Tiger gilt zwar als impulsiv, stark und schwer berechenbar, aber das Wasser mildert in gewisser Weise diese Eingenschaften, denn es steht für Flexibiltät und Offenheit. Insofern verspricht das kommende ein spannendes und ereignisreiches Jahr zu werden. Ob jedoch glückverheißend, das hängt von den jeweiligen Umständen ab. Es werden von uns Charakteristika wie Mut, Durchsetzungskraft, Selbstbewusstsein und die Bereitschaft zum Abenteuer gefordert. Andererseits fühlen wir uns alle durch den Einfluss des Tigers etwas mutiger als sonst und meinen entsprechende Kräfte freisetzen zu können. Wie jedoch das ganze dann für jede/n ausgeht, ist nicht garantiert.

das Kanji für Tiger im Rahmen von Horoskopen weicht vom üblichen ab

Somit werden fast alle Menschen, auch die anderer Tierkreiszeichen in Versuchung kommen, sich selbst in riskante Situationen zu bringen. Ganz nach dem Vorbild des Tigers. Zwar können unglaubliche Gewinne realisiert werden, egal in welchem Bereich, ganz getreu dem Motto „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“. Es kann jdeoch auch ebenso zu schweren Verlusten kommen. Während also noch im vergangenen Jahr des Büffels eingermaßen garantiert war, dass sich durch Fleiß und harte Arbeit der Erfolg einstellt, so ist dies bis auf weiteres eher ungewiss, man könnte fast sagen auch ziehmlich vom Glück abhängig.

Das Jahr des Tigers wird ein sehr „starkes“ Jahr, das große Veränderungen und Herausforderungen mit sich bringen wird. Sie können durchaus das allgemeine kulturelle, aber auch das Leben Einzelner durcheinanderbringen. Vor allem das Streben nach Erfolg und Unabhängigkeit prägen das Tigerjahr. Dabei sollten auch die Stärkung von zwischenmenschlichen Beziehungen und die der Gesundheit  eine große Rolle spielen.

Uechi-ryu soll auf den …

Ich möchte hier noch einmal betonen, dass Horoskope stark von ihrer Interpretation abhängen. Ob etwas so oder so eintritt, hängt von dem jeweiligen Individuum ab und von den Umständen, in denen es sich befindet. Das Thema ist sehr komplex und nicht ohne Grund gab es schon immer – nicht nur in China – Experten, Leute die sich intensiv und in der Regel beruflich mit dieser Materie auseinandersetz(t)en. Sie griffen/greifen dabei auf ein immenses Wissen vergangener Jahrtausende, auf präzise Beobachtungen und Erfahrungen weiser Leute zurück. Zwar hatten unsere Vorfahrungen ein Vokabular benutzt, das heute kaum mehr angemessen ist. Trotzdem meine ich, dass nicht alles „Humbug“ ist, nur weil das geschriebene Wort allzu sehr nach Mittelalter anmutet.

… klassischen Stil des Tigers zurückgehen.

Aus meiner Sicht macht die Astrologie die Geschehnisse um uns herum auf subtile Weise erklärbar und kann sie zu einem gewissen Grad vorhersehbar machen. „Vorhersehbar“ bezieht sich hier jedoch nicht auf ein besonderes Ereignis an sich, sondern auf mögliche Konsequenzen, welche positiv, aber auch negativ sein können. Gerade für den letzteren Fall ist es dienlich, mental und emotional vorbereitet zu sein, wobei ich hier in keiner Weise zu Pessimismus raten möchte. Eher im Sinne des Großen Strategen Sun Tsu, der da schrieb: „Rechne nicht damit, dass der Feind nicht angreift und treffe Vorkehrungen; sollte er es dann doch nicht tun, um so besser.“

irgendwie doch unverschämt …

Es geht demnach weniger darum, ob man an Horoskope „glaubt“. Ob die Erstellung eines Horoskops überzeugen kann, hängt von dessen Authentizität ab. Glorreiche Versprechungen sollten sicher unser Misstrauen wecken, ebenso wie all jene Fünfzeiler in der Fernsehzeitung. Ein ernstzunehmendes Horoskop will für die einzelne Person verfasst sein, ein im übrigen sehr aufwendiger Prozess. Darum also nochmals: Prognosen zum Jahr des Tigers können uns allenfalls einstimmen auf einen wahrscheinlichen Verlauf oder eine Grundtendenz. Andersherum ausgedrückt, wir können uns darauf einstellen, wie es wohl schon mal nicht kommen wird. Insofern werden diesjahr vermehrt Entscheidungen gefällt werden. Empfehlenswert nur dies mit Bedacht und nicht zu spontan zu tun!

 

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Alte Schule im Budo

Karate und fortschreitende Lebenszeit

der Blick macht´s

Der Herbst ist wohl für viele Leute – auch außerhalb der Kampfkünste – die Jahreszeit vermehrter Kontemplation. Das Sinnieren über den Lauf der Welt oder das eigene Leben führt nicht selten in die Melancholie. Mag der Oktober noch so golden sein, spätestens im November wird die Stimmung trübe. All dies  wird um so intensiver wahrgenommen wenn es im Laufe des Jahres im persönlichen Umfeld zu tragischen Ereignissen kam, wenn etwa allernächste Angehörige von uns gingen. Bei dem Bemühen um eine würdige Bestattung und der Regelung des Nachlass kommen uns schnell auch Gedanken an das eigene Ende.

Besondere Trauer erfasst uns, wenn wir den betreffenden Menschen in seinen letzten Jahren, Monaten und Tagen begleitet hatten. Man bemerkt, dass auch der eigene Körper nicht mehr so funktioniert wie früher. Es gibt kleinere und größere, teils lästige Beschwerden in zunemender Zahl, die sich nicht so recht bessern wollen. „Magische“ Zahlen wie die 60 oder das klassische Renteneintrittsalter können erschreckend wirken. Die eigenen Gedankengänge spielen sich zunemend in der Vergangenheit ab. Erinnerungen treten vermehrt an die Stelle des Schmiedens von Plänen. Man fragt sich was man alles hätte besser machen können. Dabei sehe ich Nostalgie für sich als etwas Positives. Sie hilft uns zu vermeiden, dass wir unsere Wurzeln verlieren. Sie weckt in uns Respekt und Dankbarkeit für das Erreichte, sei es das unsrige oder das anderer.

Das Altern birgt durchaus die Gefahr, dass man sich allzu sehr in ebenjenen Erinnerungen verliert. Sofern man es allerdings schafft dieses Schwelgen im Vergangenen konstruktiv zu gestalten, kommt es bisweilen sogar zur Erfüllung lang gehegter Wünsche. So fahre ich seit 11 Jahren wieder Motorrad, andere reisen nach Japan, China oder zum Grab Anko Iosus´s nach Okinawa. „Alter schützt vor Torheit nicht“ sagt ein Sprichwort. Andererseits sind wir nicht selten geneigt betagten Menschen ein gewisses Maß an Wissen, wenn nicht sogar Weisheit zuzubilligen. So stellt sich die provokante Frage: kann ein junger Mensch weise sein? Ich lasse die Antwort offen … Zweifel an der Richtigkeit oder dem Sinn des eigenen Tuns sollten im Rückblick zu gewisser Erkenntnis führen, etwa derart, was hätte man (oder ich) anders machen sollen, aber auch was war auch aus heutiger Sicht gut so? Aus den Fehlern lernen wäre das Stichwort.

Torheit? Sensei Demura zerklopft Kieselsteine.

Auf die Kampfkunst bezogen hieße das: welche Art der Übung hat etwas gebracht, welche „kann man vergessen“? Welches Verhalten im Kampf hat sich als zweckmäßig erwiesen, was war „Asche“? Sensei Demura pflegte – besonders in zunehmendem Alter – zu betonen, dass jede/r von uns mindestens einmal im Leben dankbar sein wird über lange Zeit regelmäßig geübt zu haben. Das beginnt damit, dass aus den Regeln des Trainingsalltags, den ständigen Wiederholungen des gleichbleibenden Zeremoniell (s. meinen Beitrag „Ritus Karate“) sich auch eine Bereitschaft im täglichen Leben einstellt Routinen als solche insgesamt zuzulassen.

Ich werde konkreter: Wer in fortgeschrittenem Alter vom Arzt empfohlen bekommt etwas für die Gesundheit zu tun, wird es schwer haben direkt in die dazu nötige Routine zu finden, bzw. sie sich im Alltag einzurichten. Überhaupt bin ich der Meinung, dass die Vermeidung eines Infarkts nur wenig motiviert regelmäßig körperliche Übungen durchzuführen. Hehere Ziele wie etwa die Überlegenheit in einem möglichen Kampf oder erweiterte Geisteszustände sind da besser dienlich. Eventuelle Gefühle des Glücks oder besser gesagt profunder Zufriedenheit im Anschluss an einen Workout kommen erst mit der Zeit; zuerst dominiert die Erschöpfung. Es ist demnach von Vorteil bereits in jüngeren Jahren mit der Übungspraxis zu begonnen zu haben.

Die meisten von uns (Karate-Leuten) tragen bereits das Motto der täglichen Übung – in Japan sagt man: maininchi-mainichi – als pseudomoralisches Ideal in ihrem Unterwusstsein. Mit anderen Worten, wer über lange Zeit regelmäßig trainiert hat, der/dem fehlt etwas wenn er/sie pausiert oder gar aufhört. Es beschleicht einen so etwas wie ein schlechtes Gewissen gegen selbst gesetzte Regeln verstoßen zu haben. Aber mehr noch, der Körper selbst verlangt nach den gewohnten Bewegungen, welche helfen die Zirkulation des Ki zu stabilisieren.

Eine gestörter Fluss des Ki bzw. Qi führt zu Unwohlsein und über die Dauer ins Kranksein. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine persönliche Beobachtung: Durch die vielen unvermeidlichen kleinen und mittleren Blessuren bei Training und Meisterschaft liegt meine Regenerationsfähigkeit insgesamt scheinbar über dem Durchschnitt. Gerade in der letzten Zeit konnte ich beobachten, dass ich mich im Verhältnis zu anderen Leuten relativ rasch erholte, z.B. nachdem ich mit dem Motorrad von einem Auto angefahren wurde. Zumindest äußerten sich alle, die mit der Behandlung meiner (nur leichten) Verletzungen befasst waren recht überrascht darüber. Möglicherweise ist auch diese Reaktionsfähigkeit des Körpers auf ein stabiler fließendes Qi rückführbar. Die relativ geringe Schwere der Folgen jenes Unfalls selbst erklärt sich möglicherweise wohl eher aus einer Fähigkeit zur Reaktion, welche sich aus der Übungsroutine des Kumite ergeben hatte. Wir kennen ja bei den etwas fortgeschritteneren Varianten auch Take-downs oder wenn ma so will „Würfe“. Als Geworfener tut man gut daran dies muskulär entspannt zu ertragen, auf dass man unbeschadet wieder aufsteht. Auch die indirekte innere Zustimmung zur Situation „Ich werde jetzt von meinen Partner geworfen“ erleichtert auf Dauer eine emotionale Entspanntheit auch in weniger kontrollierten Lagen, sei es im Freikampf oder im Rahmen eines Sturzes, sei es bei Glatteis oder eben mit dem Motorrad.

Gift für die Gelenke?

Mit zunehmendem Alter gilt es all diese mit der Zeit erworbenen Fähigkeiten neben den rein (kampf-)technischen zu erhalten. Hierzu gehört auch das Ablegen von Übungsmethoden, die eigentlich nichts bringen. Wenn man jung ist, bemerkt man es kaum, aber es gibt Herangehensweisen an die Technik, die sich im Laufe der Zeit als unzweckmäßig, überholt, wenn nicht sogar schädlich erweisen. Beispiele wären Übungen, welche die Gelenke auf unnatürliche Weise überfordern, wie etwa Drehkicks oder eine falsch ausgeführte Form von Sanchin-dachi.

Auch wenn viele meinen einiges „wegstecken“ zu können, sei es beim Abhärten bestimmter Körperpartien oder bei allzu hartem Kontakt in Übungs- und Wettkämpfen, die mitunter entstehenden, zunächst unbemerkten Blockaden im Qi-Fluss führen unbehandelt, insbesondere bei häufiger Wiederholung der Fehler in Krankheiten wie Arthrose, Bluthochdruck oder schlimmere. Als Beispiel möchte ich die immer noch recht verbreiteten harten Blocktechniken erwähnen. Ich meine, in der Vergangenheit haben sich bei der Entwicklung des Karate zu seiner heutigen Form einige Betrachtungen eingeschlichen, die unangemessen bis falsch sind. Harte Blocktechniken, wie sie allgemein immer noch gelehrt werden, sind im Realfall einfach zu langsam. Die Reizleitung von den Augen über das Gehirn hin zur Muskulatur dauert zu lange. Aber abgesehen davon birgt deren exzessives Üben mit dem Partner die Gefahr, dass bestimmte vitale Zonen in Mitleidenschaft gezogen werden. Am Unterarm befinden sich eine ganze Reihe von Stellen die in der Akupunktur Verwendung finden um chronische Erkrankungen zu behandeln, da sie eine tiefgreifende Wikung auf das Qi bestimmter Organe entfalten können. Werden ebendiese Punkte oder Zonen traumatisiert, kann es zum genau entgegen gerichteteten Prozess kommen. Statt zu einer heilenden kommt es zur krankmachenden Wirkung. Besonders gefährdet ist der Meridianpunkt Lu-7 (Lunge Nr. 7), welcher sich auf der Kante des Leistenknochens in der Nähe des Daumens befindet. Zu harter Kontakt bem Ausführen von Yoko-uke (Uchi-ude-uke) kann tatsächlich zu Problemen mit der Lunge führen. Auch allzu hart ausgeführes Testen der Körperspannung im Rahmen von Sanchin-dameshi kann in dieser unerwünschten Richtung wirken, wenn es dadurch zu einer Bockade in den Leitbahnen des Qi kommt.

Vitalzone Lu-7

Dem Alterungsprozess entgegenzuwirken beginnt eigentlich schon in jungen Jahren. Je später mit der Gesunderhaltung begonnen wird, desto schwerer fällt sie einem und desto weniger bringt sie letzendlich. Es ist nicht nur dies eine Erkenntnis, gegen die man selbst nur wenig ausrichten kann, so unbefriedigend das auch sein mag. Nichtsdestotrotz kann regelmäßige Praxis der Kampfkünste (aber auch die anderen Sports) den Alterungsprozess bis zu einem gewissen Grad aufhalten – analog wie die Ausübung bestimmer Berufe, wie im etwa Bergbau oder am Hochofen, diesen leider auch beschleunigen kann. So galt früher ein 50-Jähriger schon als „alt“, während man da heute sowohl Frauen als auch Männer dieser Altersgruppe gerne als „in den besten Jahren“ bezeichnet würde.

pflegte einen moderaten Lebensstil: Meister Hakuo Sagawa

Man ist so jung wie man/frau sich fühlt, heißt es auch. Dabei hängt vieles von der eigenen Einstellung ab, d.h. ob man „jung denkt“. Ein Problem ist hierbei sicherlich das allmähliche Wegfallen von langfristigen Perspektiven. Je weiter das Leben voranschreitet, desto weniger macht es Sinn weit in die Zukunft zu planen und die Möglichkeit des eigenen Ablebens rückt aus der Ferne mehr und mehr in den Bereich des Wahrscheinlichen. Dies um so mehr wenn „die Einschläge immer dichter kommen“, wenn also im Freundes- und Verwandtenkreis vermehrt geliebte Menschen das Zeitliche segnen. Ein wesentlicher Faktor für das Jungfühlen ist meines Erachtens der Erhalt oder der Zugewinn an Flexibilität. Was die des Körpers angeht, so können wir diese durch geschicktes kontinuierliches Üben einigermaßen erhalten, eher als wenn wir gar nichts täten. Wichtig ist nur sich nicht zu überfordern und dass man das Training allmählich „weicher“ werden lässt. Muskulatur, Sehnen und Gelenke werden mit der Zeit immer spröder und fallen bei überzogenem Einsatz eher der Verletzung anheim. Es ist dies ein Prozess, der bereits mit Anfang zwanzig einsetzt, nur dass wir diesen da kaum bemerken.

In dem uns bekannten Karate wird, so meine ich, allzuviel Wert auf Härte gelegt, wie immer dies interpretiert werden mag: Härte der Technik und Härte beim Üben – oder auch Härte sich selbst gegenüber. Dies alles ist sicher eine für junge Menschen angemesene Grundanforderung. Mit zunehmendem Alter sollte den bereits erwähnten physischen Veränderungen des Körpers und der Erkenntnis des Laotse, nämlich das über lang das Weiche das Harte besiegt, Rechnung getragen werden Als Beispiel mögen unsere Stoßtechniken (tsuki-waza) dienen, welche ja meist mit maximaler Muskelspannung in ihrer Endphase ausgeführt werden bzw. werden sollen. Ein Resultat sich ändernder Vorstellungen im ausgehenden 19. Jahrhundert bezüglich der Motivation weshalb überhaupt Karate geübt werden sollte (vgl. dazu meinen Beitrag über Anko Itosu, „Spatenstich und Gyaku-zuki“).

back to the roots: Fritz Nöpel mit Ippon-ken

Auch im Sinne von „back to the roots“ empfiehlt es sich zumindest darüber nachzudenken an dieser Stelle gewisse Modifizierungen zuzulassen. Der Übergang zu einer federnden Stoßausführung, mitunter muchimi genannt, wäre das Endergebnis. Es ist dies eine für Muskulatur und Gelenke viel schonendere und damit verschleißärmere Weise des Stoßens, die im übrigen, sofern wohlplaziert, auch wirksamer sein kann als der allgemein übliche, in seiner Endphase ja letztlich gebremste Stoß. So sind wir mit dieser Betrachtung zu einem wesentlichen Gesichtspunkt unserer Kampfkunst gelangt. Ihre Wirksamkeit sollte sich auch im Alter weiter entwickeln, d.h. im Rahmen des Möglichen zunehmen! Mir fällt es schwer mich der weit verbreiteten Meinung anzuschließen, dass das Karate eines älteren Menschen sich auf symbolische Bewegungen beschränkt, die zudem nicht einmal dem ästhetischen Empfinden des allmein gültigen Ideals von Dynamik und Spektakularität entsprechen. Denn bei der Wirksamkeit einer Technik ist letztlich das Resultat entscheidend, nicht deren Aussehen.

Auch an dieser Stelle bedarf es einer vermehrten Flexibilität des Denkens. Als „alternder Krieger“ sollte man den sich ändernen Gegebenheiten nachgeben und einen Wandel in Ausführung, Training und Anwendung der eigenen Technik zulassen. Das Aneignen von Hintergrundinformation, insbesondere zur Geschichte des Karate, Kenntnisse in Anatomie und Phsysiologie oder ein Basiswissen in Chinesischer Heilkunde, können sich da als sehr hilfreich erweisen. Der Nachteil abnehmender körperlicher Stärke kann so durch Zunahme an geistiger Überlegenheit ausgeglichen werden. In einem vorigen Beitrag mit dem Titel „Dem Alter gerecht üben Teil 2“ hatte ich bereits detailliert Anregungen zur entspechenden Umsetzung des hier Gesagten in die Praxis gegeben. Und bei all dem bin ich nicht der Einzige, der so denkt. Nebem meiner Wenigkeit hatte auch der uns allen bekannte und geschätzte Meister Fritz Nöpel mit seinem allerorts empfohlenen und unterrichteten Jukuren-Training ganz ähnliche Ansichten vertreten.

alles eine Sache des Ki

Zugegeben, es scheint irgendwo bequemer an dem Alten, scheinbar Bewährten festzuhalten. Umdenken erfordert geistige Mühe. Auch die körperliche Agilität einigermaßen zu erhalten bedarf immer mehr Überwindung. Zwar spürt man ständig diesen Drang, den Wunsch einer inneren Instanz zum Üben, oft vergeht einem dann aber im entscheidenen Moment, nähmlich nach dem Anziehen der Kluft, wenn es losgehen soll total die Lust an der ja letztlich anstrengenden Bewegung. Zumindest ergeht es nicht selten mir so. Hier hilft (wieder einmal) die über einen langen Zeitraum erarbeitete Routine. Nach einem inneren Ruck und den ersten Übungen zum Erwärmen des Körpers und zunehmder Zirkulation des Qi läuft das Programm immer leichter bis zum Ende ab und wir können am Ende zufrieden sein. Tut man all dies nicht, dann befällt einen eine gewisses Unbehagen. Man spürt, dass etwas fehlt und nach längerer Pause oder vollständigen Aufhören kommt es zur schnellen Degeneration, körperlich und geistig; man „rostet“ ein.

Moderate Bewegung – die kann durchaus verbunden mit Schwitzen sein – fördert den Stoffwechsel und kompensiert zu einem gewissen Grad auch unsere Ernährungssünden. Über letztere möchte ich jedoch keine Worte verlieren, zumindest jetzt nicht. Die vermehrte Blutzirkulation während des Trainings erhält auch die Hirnaktivität. Körperliches Üben fördert somit den Geist, während produktives Nachdenken in Richtung eines angemessenen Traingsplans im Gegenzug dem Körper zugute kommt.

sollte zu langem Leben führen: der himmlische Kreislauf der Inneren Alchimie

Meister Gichin Funakoshi erwähnt in einem seiner Werke, dass sich das Ausmaß des täglichen Trainings bei Fortgeschrittenen auf 20 Minuten reduzieren könne. Die Frage ist hier, was verstand der Meister und „Fortgeschrittenen“. Ich würde sagen, zumindest in fortgeschrittenem Alter könne man getrost davon absehen jedes mal volle 2 Stunden zu trainieren. Jene 2 Stunden waren in einer Zeit üblich wo die Vereine nur ein Training pro Woche, eventuell auch zwei anboten. Heute ist es eher möglich sich den Übungsplan nach Bedürfnis und Geschmack zu gestalten – wenn man nur wirklich will … Wichtig ist auf jeden Fall die Regelmäßigkeit. Choki Motobu und dessen Zeitgenossen empfahlen jeden Morgen 200 Tsuki links und 100 Tsuki rechts am Makiwara (vor dem Frühstück) auszuführen. Nun gut, dies hängt auch von der Toleranz der Nachbarn ab (ich bitte letzteres nicht gar so ernst zu nehmen).

Der Gebrauch des Makiwara ist ein schönes Beispiel für eine individualisierte, von der Gruppe losgelösten Übungspraxis, die gerade älter werdende Karateka pflegen sollten. Das nötige Basiswissen dazu dürfte dazu vorhanden sein, was jedoch den guten Willen angeht, da kann ich nur für mich und nicht für andere sprechen. Mit der Kata sind wir im Karate in der glücklichen Lage gleichsam vorgefertigte Übungsprogramme überliefert zu haben. Auch hier empfehle ich beim Üben weniger mehr werden zu lassen. Bei der einzelnen Bewegungen geht es nicht um maximal eingesetzte sondern maximal wirksame Kraft. Es gilt die entsprechenden Momente (Akzente) während der Ausführung mehr und mehr zu erspüren, d.h. den Prozess der technischen Entwicklung nach innen wachsen zu lassen.

Was die nötige Anzahl der geübten Kata angeht, gehen die Meinungen und Geschmäcker auseinander. Ich meine aus alten Geschichten der Kampfkunst vestanden zu haben, dass das Arsenal der geübten Bewegungen sich mit zunehmender Vertiefung der Übungspraxis – was im übrigen auch erst bei zunemenden Alter stattfinden kann – von alleine reduziert. Anders ausgedrückt: man verspürt immer weniger den Wunsch viel zu können, das wenige aber dafür richtig. Insofern reichen sicher 3 bis 5 Kata für das regelmäßige Training aus, Wie in alten Zeiten eben; back to the roots! … Und nach 10, 20, 40 oder mehr Jahren der Übungspraxis sollten von uns doch die unserer Kampfkunst innewohnenden Prinzipien erfasst worden sein.

auch eine Form der Unsterblichkeit

Die Maxime „Karate-do is a life-time study“ verstehe ich daher so, dass die Praxis im Alter durchaus über das reine Erhalten der Fähigkeiten hinaus gehen kann, obwohl kaum noch physisches d.h. körperliches „Besserwerden“ möglich zu sein scheint. Ausgehend von der Ökonomisierung der Bewegungen kann eine Verbesserung  der kampftaktischen Fähigkeiten besonders auf geistiger Ebene erreicht werden, etwa durch das Ausüben energetischer Übungen wie Qigong, durch Meditation oder besondere Formen des Kumite (Iai). Aber auch das profunde Studium einschlägiger Literatur wie Werke von Musashi oder des Sun Tsu  wären hier zu empfehlen. Ob jung oder alt, geistige Flexibelität ist in der Kampfkunst unabdingbar, wozu auch gehört immer wieder sich selbst in Frage zu stellen. Denn dem (potenziellen) Feind ist nicht zu trauen. Wenn man ihm voraus sein will, muss man die eigenen Fähigkeiten stets verbesseren. Und dazu gehört eben nun mal die introspektive Fehlersuche. Eine weitere Maxime des Budo!

Bei der Betrachtung all dieser Dinge empfiehlt es sich dies möglichst wenig beeinflusst von Emotionen zu tun. Trotzdem kommen auch mir bei der Kontemplation Gefühle von Traurigkeit, aber auch von Enttäuschung und Resigniation. Die Bereitschaft die Welt mit ihren Vorgängen so zu nehmen wie sie ist, erweist sich als nicht besonders leicht. Illustre Leute wie der daoistische Weise Chuang-zi beklagten dies schon vor über 2000 Jahren.

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Ritus Karate

Über das Bedürfnis zur Übung.

Während meiner nun doch schon recht lange dauernden Praxis (nicht nur) des Karate traf ich immer wieder auf Leute, welche die Kata als solche ablehnten. Insbesondere in den 70er und 80er Jahren gab es eine breite Anhängerschaft des „modernen“ Karate, in deren Reihen die Kata als historischer Ballast empfunden wurde und nach deren Ansicht für den Kampf eigentlich nicht tauge. Sie übersahen bei einer solchen Be- bzw. Verurteilung, dass es sich bei dem von ihnen als als „Kampf“ Bezeichneten (nach sportlichen Regeln) um eine stark reduzierte Form dessen handelte, was Jahrhunderte zuvor dem Überleben diente. Die meisten jener Leute trainieren schon lange nicht mehr und einige wenige sind nach wie vor auf der Suche nach dem ultimativen System.

In unseren Kata haben sich, wenn auch in stark vereinfachter bis hin zu verschlüsselter Form Anweisungen erhalten, wie man das eigene Leben auf körperlicher, aber auch mentaler Ebene schützen kann. Ich will aber nicht ein weiteres mal auf Sinn und Zweck unserer Kata oder deren Wert eingehen, sondern mich der Frage widmen ob wir tatsächlich ohne solche formalisierte Praxis der Übung auskommen können.

Im Baguan Zhan ist der mystische Bezug noch erhalten.

Über das Entstehen der Kata gibt es ja verschiedene Hypothesen. Ich versuche schon seit längerem für dessen Erklärung eine möglichst der Realität, d.h. eine der Mentalität den früheren Menschen gerecht werdende Sichtweise zu finden. So darf nicht vergessen werden, dass wir in Europa eigentlich noch gar nicht so lange in der Lage sind einen distanzierten Standpunkt zum religiösen Leben einzunehmen, bedingt durch die Entwicklung in Philosophie und Wissenschaft der letzten Jahrhunderte. Goethe und Schiller oder auch Isaak Newton gingen dabei noch regelmäßig, d.h. mindestens jeden Sonntag in den Gottesdienst. Es war dies selbstverständlicher Teil des täglichen Lebens, ob man nun besonders fromm war oder nicht.

Die Schöpfer unserer Kata mögen zum Teil knallharte Realisten gewesen sein, was die Ansicht über Ausführung und Wirkung der im einzelnen zu verwendeten Kampftechnik anging, gleichwohl war es ihnen nicht egal was im Falle einer Niederlage, also dem möglichen Tod mit ihrer Seele passierte. Zudem war zu der Zeit als die Vorläufer unserer Kata entstanden der Konfuzianismus so etwas wie eine Staatsreligion. Später waren viele Menschen praktizierende Buddhisten.

Viele Kata beginnen und enden mit einer besonderen Haltung. Brauch oder Ritual?

Schon lange vor Konfuzius oblag es den Herrschenden dafür zu sorgen, dass der Himmel gnädig gestimmt blieb und die überwiegend im Landbau tätigen Menschen durch hoffentlich ausbleibende Naturkatastrophen genug zu essen hatten. So hatten der Kaiser und seine Beamtenschaft im Laufe eines Jahres eine Unzahl von rituellen Zeremonien zu absolvieren. Diese waren aus schamanistischen Riten der chinesischen Frühzeit entstanden. Bei deren Durchführung nach der Divise „viel hilft viel“ stellten die Verantwortlichen dann wohl auch fest, dass es ihnen dadurch auch gesundheitlich besser ging. Zumindest im (ganz) alten China waren religiöse Praxis und Gesundheitspflege somit nicht voneinander zu trennen.

Sicher empfanden damals – wie auch heute – die meisten Menschen eine gewisse Notwendigkeit für eine rituelle Praxis, also dem häufiges Wiederholen gleicher Abläufe, unter anderem wohl aus Furcht vor negativer Konsquenz bei allzu nachlässiger Einstellung, was dies auch immer beinhalten mochte. Auf der anderen Seite stellt(e) sich nach der Durchführung, zumindest auf längere Sicht ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Ich vermeide bewusst das Wort „Glück“, denn das entsprechende Gefühl hat einen anderen Ursprung.

übliches Ritual: die Dan-Verleihung

Meiner Meinung nach gab es ein Wechselspiel zwischen der auf Spiritualität und/oder Körperwohlsein ausgerichteten Routine und der Notwendigkeit in dem damals rauhen Umfeld wehrhaft zu sein. Ob man nun bewusst kampftechnisch wertvolle Bewegungen einbaute oder mit der Zeit feststellte, dass „gesunde“ Bewegungen auch zum Kampfe taugen, lasse ich offen; wahrscheinlich war beides der Fall. Heutzutage gibt es eine große Zahl an Systemen, bei denen nur die reine Gesundheitspflege gesehen wird (Qigong, Yoga) bis hin zu solchen, bei denen gerade dieser Aspekt scheinbar verloren gegangen ist.

Der Wert der ritualisierten Praxis an sich (ich gebe zu, eine etwas merkwürdige Begriffskombination ..) liegt darin, dass nicht jedes mal eine neue „Choreographie“ ersonnen werden muss. Das gilt für die einzelne Kata genauso wie für unsere Art eine Übungsstunde aufzubauen. Man denke etwa an das Mokuso zu Beginn und Ende, die Gymnastik und die standardisierten Formen von Kihon und Kumite.

Aber wo liegen die Unterschiede zum Brauchtum? Gibt es die überhaupt? Bräuche sind von der jeweiligen Kultur geprägt und finden im Vergleich zu Riten oder besser gesagt Ritualen eher selten statt. Sie dienen der Erbauung, weniger des Einzelnen als vielmehr der Gemeinschaft. Normal geht ja niemand zur Erbauung in die Kirche, wohl aber auf die Wies´n. Rituale werden möglichst häufig durchgeführt und sollen einem selbst etwas bringen. Man denke etwa an das früher häufig noch zelebrierte Tischgebet – oder auch an das Zähneputzen vor dem Schlafengehen. Rituale sind in der Regel was Ort und/oder Zeit betrifft vorbestimmt.

Budo-gi

Was die Handlungen selbst angeht, sind die Unterschiede oft nur graduell. Viele Riten haben sich mit der Zeit zu mehr oder weniger symbolhaftem Brauchtum ohne besondere Tiefe gewandelt, wie zum Beispiel Weihnachten. Alle tun es weil es üblich ist, aber nur wenige hinterfragen es und kaum jemand verspricht sich noch im Innern stattfindende, womöglich spirituelle Vorgänge dabei.

Wenn Brauchtum nicht durchgeführt werden kann, wie vor kurzen während der Pandemie, kann das durchaus als schmerzhaft empfunden werden. Zu Schaden kommt aber eigentlich niemand. Fällt ein Ritual aus, kommt es dagegen zu subtilem Unwohlsein. Nachlässigkeit hat dann für den Einzelnen, zumindest gefühlt, negative Konsequenzen, beginnend etwa bei schlechtem Gewissen bis hin zur ewigen Verdammnis (ein Scherz!).

allmorgentliches Ritual der alten Meister

Rituale unterliegen einer gewissen Standardisierung, sie haben auf lange Sicht immer gleich zu sein und es gibt im Gegensatz zum Brauchtum nur wenig Variationsspielraum. Auf die Praxis des Karate umgesetzt hieße das zum Beispiel: Es ist Brauch beim Training des Karate weiße Anzüge zu tragen, die mit einem farbigen oder schwarzen Gürtel zusammengehalten werden. Innerhalb des Karate zählen zu den Rtualen insbesondere das Verbeugen zum Partner (reishiki) und das Mokusō zu Beginn und Ende des Trainings. Auch der von den Samurai übernommene formelle Sitz (seiza) hat stark rituellen Charakter. Das (mehrmals) wöchentliche Einfinden zum gemeinschaftlichen Übungen jedoch könnte man als Brauch bezeichnen, die individuelle Übungspraxis hingegen als Ritual.

Das Üben der Kampfkünste in Form eines Ritus hat mehrere Vorteile:

– Es erweckt in uns zunehmende Ernsthaftigkeit, zugleich eine entspannte Distanz zur jeweiligen Tätigkeit oder Übung.

– Eine leicht religiös geprägte Grundeinstellung muss nicht unbedingt falsch sein, sofern sie mit Toleranz gepaart ist. Konsequentes Tun wäre der vielleicht bessere Ausdruck. Heilsversprechen sich selbst gegenüber sind jedoch unangemessen. Als Folge von Nächlässigkeit droht allenfalls langsamerer Fortschritt, was für sich schon schlimm genug ist.

– Schon immer half die gleichbleibende Übung der erleichterten Erinnerung, dem vertieften Lernen an sich.

– Innerhalb des über lange Zeit fest vorgegebenen Bewegungsablaufs wird Raum frei für die Detailarbeit.

– Bei der Frage der Genauigkeit ist es vonnöten zu wissen was man tut. Das Ritual darf darum nicht leer sein, worauf schon Konfuzius hinwies.

typisches Ritual auf Lehrgängen: das Gruppenfoto (1993)

Rituale bewirken sicherlich besondere Vorgänge im Gehirn und es kommt zur Formung des Ausübenden auf unbewusster, um nicht zu sagen geistiger oder spiritueller Ebene. Die Auswirkungen auf die Person insgesamt sind darum wohl eher positiv. Ich selbst fühle nach längerer Zeit, in der mein persönliches Training ausfallen musste, das schon erwähnte subtile Unbehagen, bedingt durch weniger flüssig laufendes Ki. Auch stellt sich eine gewisse Sorge ein um den möglichen Verlust an kampftechischen Fähigkeiten. Andersherum fiel es mir während meines Trainings im Home-Dojo während der corona-bedingten Isolation durch die zuvor über viele Jahre stattgefundenen Ritualisierungen ebendiese doch recht leicht zufriedenstellend zu erhalten.

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Kata und Kihon – Henne und Ei

Als ich unlängst wieder einmal im Web in Sachen Karate und deren Schulen herumspökerte (ein norddeutscher Ausdruck) fand ich die Website eines in der Region immer noch recht namhaften Karate-Lehrers, den ich sogar persönlich kenne. Die Aufmachung der Seite fand ich denn auch gar nicht so schlecht, leider jedoch für meinen Geschmack allzu personenbezogen und zudem mit einigen sachlichen Fehlern behaftet, die wir doch eigentlich glaubten überwunden zu haben. Unter der Rubrik „Wissenswertes zum Karate-Do“ steht dort zu lesen:

Kata bedeutet übersetzt Form und ist eine Zusammensetung von dem in Karate-Do existierenden Techniken.

Grundtechnik?

Dabei rühren die Fehler, u.a. in dem Wort „Zusammensetzung“ und der falsche Artikel, es sollte Plural sein, daher wäre „den“ richtig, nicht von meiner Übertragung von jener Website her auf die meine. Und mir ist durchaus klar, dass es absolut fehlerfreie Texte kaum gibt und denke da auch an meine eigenen. Aber innerhalb eines Mediums, das deutschlandweit viele lesen und bei dem für die eigene Seriosität geworben werden soll, dürfte so etwas eigentlich nicht vorkommen, hängt doch der eigene Ruf davon ab. Schwerwiegender sehe ich jedoch die inhaltlich starke Reduzierung des Themas durch diesen einzigen Satz. Denn mehr als das von mir Zitierte steht hierzu dort nicht geschrieben. Zudem ist diese Aussage so einfach nicht richtig.

Wenn dem so wäre, Kata also eine Aneienanderreihung von Grundtechniken, wo liegt dann der Unterschied zur Kihon-Kombination? Wenn Kata mit einer derartigen Einstellung geübt oder unterrichtet wird, kann keine Vertiefung stattfinden, sei sie technischer, spiritueller oder sonst welcher Art.

Pinan Godan nach der Art von Meister Nakahashi

Genau andersherum wäre es richtig gewesen, zumindest historisch. All unsere Techniken, die wir im Kihon finden, stammen aus den Kata, und zwar aus den Versionen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Ich hatte ja schon einige Male einiges hierzu geschrieben, insbesondere zu den Beweggründen der Meister damaliger Zeit, ihnen voran Anko Itosu. Er war es auch, der begann die langen und komplexen Muster der Kata zu „glätten“ und verkürzte Formen zu erschaffen. Dabei wären besonders seine drei Versionen des Klassikers Rohai zu erwähnen, bei denen die zweite und dritte bereits deutliche Eigenschaften eines Ido-Kihons aufweisen. Den Schritt reine Einzeltechniken trainieren zu lassen, tat allerdings erst Itosus Schüler Kentsu Yabu, seines Zeichens Offizier der Armee, wahrscheinlich in Anlehnungan an das dort übliche Exerzieren. Daher denn wohl auch die Ausführung unter Kommando.

Seit alters her werden durch die Kata weniger einzelne oder spezielle Techniken als vielmehr Prinzipien und Konzepte übermittelt. Andererseits hätte man sicher, wäre man dabei gewesen, auch in der Frühzeit der Entstehungsgeschichte unserer Kata so etwas was wir heute als „Grundtechniken“ bezeichnen würden entdecken können, eben als Beispiel für das Treten oder Stoßen an sich. Allerdings war das Arsenal grundlegender der Verteidigung dienenden Aktionen viel reichhaltiger und keineswegs auf das Schlagen und Treten begrenzt. Eine derartige Einschränkung wäre dumm gewesen.

Sensei Fujinaga mit Gyaku-zuki, in den Kata eine eher seltene Technik

Man meint heute zu wissen, dass die Erkenntnisse aus überstandenen Kämpfen, aber auch die Ergebnisse reinen Nachdenkens über Strategie und Taktik nach und nach in vormals rituelle Bewegungsmuster eingearbeitet wurden, die der geistig-körperlichen Gesundhaltung dien(t)en. Das t in Klammern soll andeuten, dass solche Übungen bis heute gepflegt und bisweilen unter dem Begriff Qigong zusammengefasst werden. Diese ersten formellen Übungen waren sicher noch eher kurz und mussten entsprechend oft wiederholt werden. „Magische“ Zahlen wie 108 oder höher waren da die Regel. Später wurde der Wissens- und Erfahrungsschatz umfassender und jene rudimentären Kata immer länger, soweit dass sie zwecks besserer Erlernbarkeit in aufeinander folgende Stufen (-den oder –dan) geteilt wurden.

Von den dem Kampf dienenden Aktionen waren nur die wenigsten äußerlich in ihrer wirklichen Bedeutung erkennbar und mussten gleichsam entschlüsselt werden. Dies konnte durch langjähre intensive Übung geschehen – der beschwerlichere Weg – oder durch geschickt gesetzte Hinweise von Seiten des Meisters. Anders herum ausgedrückt, nicht nur früher, auch heute sollte man wissen, warum man was macht und dadurch erst wie. Aus meiner Sicht erschließt sich erst aus dem Wissen um die Bedeutung einer Bewegung oder besser noch, deren Essenz oder Prinzip die richtige Ausführung. Das gilt zwar in erster Linie für die Kata, jedoch letztlich auch für das Einüben von „Grund“techniken.

Wer hier an eine Art „Doppelblock“ denkt liegt wahrscheinlich falsch.

Im heutigen Kihon-Training werden die Aktionen zum großen Teil aus dem Zusammenhang ihrer Kata gerissen und bekommen durch mangelnde Hintergrundinformation und die damit verbundendene Fehlinterpretation mitunter absurde „Bedeutungen“. Ein Beispiel wäre für mich Age-uke, sowohl in den „modernen“ Kata, als auch in der Grundschule gerne im Vorgehen geübt.

Ich hoffe, dass ich micht recht ausgedrückt habe: Es ist aus meiner Sicht überhaupt nichts dagegen einzuwenden, Abschnitte aus den Kata gesondert zu trainieren. Insbesondere den in den meisten unserer bekannten Kata vorhandenen „Action-Teil“ empfiehlt es sich ausgiebig „auf links“ zu üben, will man nicht einseitig werden. Auch das kontinuierliche Ausführen von einfachen Techniken á la su-zuki oder su-uchi hat seinen besonderen Wert, die über die Kata erworbenen Prinzipien in routinierte Praxistauglichkeit zu übertragen. Aber Achtung! Auch hierfür gibt es in mehreren Kata die überlieferte, wenn auch versteckte Anweisung!

Meister Hirokazu Kanazawa liebte es zu betonen, dass das Karate bzw. dessen Vorgängersysteme ihren Ursprung in Methoden zur Gesunderhaltung hatten. Da ist sicher was dran. Ich persönlich würde alledings nicht ausschließen wollen, dass sich beides, Überlebenskampf und Gesundheitspflege, von Anfang an gegenseitig ergänzten. Aber von der Henne und dem Ei schrieb ich ja bereits ….

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Die Pinan-Kata – Evangelium oder Richtlinie?

hei-an bzw. pin-an

Bedingt durch virusbedingte Abgeschiedenheit und der damit verbundenden vermehrten gedanklichen Einkehr erinnerte ich mich unter anderem an verschiedene Momente, in denen bestimmte, von mir durchaus geschätzte Trainings- und Instruktor-Kollegen lamentierten, dass seitens gewisser Dritter die doch so wertvollen Pinan- bzw. Heian-Kata (sprich: „hee-an„!) zu sehr vernachlässigt würden. Ich erwähnte zu anderer Gelegenheit bereits, dass diese aus meiner Sicht bei nicht wenigen Traditionalisten einen Stellenwert genießen, der ihnen nach heutigem historischem Wissensstand nicht unbedingt zusteht.

Dabei will ich deren Bedeutung für unser Karate keineswegs leugnen. Sie sind von großem Wert für das regelmäßige Training, gerade im Rahmen der Ausbildung vom Anfänger bis zum Schwarzgurt und darüber hinaus. Pinan/Heian bzw. deren Pendant Gekisai gehören neben Sanchin und Naifanchin zum heutigen Standardrepertoire des Karate – ohne Frage. Besondere Tiefe, sei sie technischer, energetischer oder spiritualitueller Natur, besitzen sie jedoch nicht.

Meister Funakoshi mit Heian Nidan

Andererseits kommt es leider tatsächlich gerade bei Prüfungen zu höheren Graden immer wieder vor, dass von den Kandidaten der Ablauf einer oder mehrerer Pinan-Kata nicht wirklich beherrscht wird. „Beherrschen“ heißt in diesem Falle, wie übrigens auch bei anderen Kata, dass diese ohne weiteres gedankliches Zutun einmal angefangen wie von selbst ablaufen müssen. Ja mehr noch, der wirklich fortgeschrittene Karateka sollte gleichsam in der Lage sein während des „Abspulens“ dieser Basis-Kata einfache Berechnungen anzustellen, ein Gedicht aufzusagen oder ähnliches. Ich selbst übe die Pinan-Kata für mich kaum noch, dafür aber jene Kata aus denen all deren Sequenzen entstammen. Trotzdem bin ich nach wie vor fähig, diese ohne „Stockungen“ vorzuführen oder im Unterricht weiterzugeben, ohne dass irgendwelche Unsicherheit aufkäme. Bei entsprechenden Anzeichen wäre es dagegen auch für mich Zeit für ein persönliches Retro.

verschiedene Interpretationen ..

Die Pinan-Kata sind in ihrer Dimension strukturell einfach, im technischen Detail überschaubar und vom Anfänger schnell zu erfassen. Dies erleichtert gewisse Erfolgserlebnisse bei den Übenden. Diese sind wichtig für die Motivation, die ja nicht kurzfristig sondern über einen möglichst langen Zeitraum anhalten soll, um einen wirklichen Fortschritt zu gewährleisten. Meister Anko Itosu bewies daher durchaus didaktisches Geschick als er die Kata in einer Zeit des Umbruchs schuf. Karate sollte von nun an statt vornehmlich eine geheimgehaltene Methode des Kampfes mehr ein Programm zur Körperertüchtigung sein, wodurch die Effektivität der Technik in den Hintergrund trat. Und der Wandel weg von den langen und schwierigen Klassikern machte es möglich von den Teilnehmern die Geduld nicht bis ins Unermessliche abzuverlangen.

… des gleichen …

Die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen und später auch „normalen“ Erwachsenen, die voll im Berufsleben stehen, wurde möglich. Über die weiteren Beweggründe Meister Itosus hatte ich ja schon früher einiges von mir gegeben. Ich will dies hier darum nicht weiter vertiefen.

Richtig betrieben liefern die Pinan-Kata das Rüstzeug für „höhere“ Kata. Es ist jedoch zu bedenken, dass auch letztere vielen Vereinfachungen unterlagen, insbesondere jene, die über die Linie Itosus, dem sogenannten Shuri-te überliefert wurden. Allerdings modifizierten neben Itosu fast alle bekannten Meister jener Zeit ihre Kata in Richtung einfacher Erlernbarkeit. Insofern ist davon auszugehen, dass praktisch allen uns heute bekannten Kata bestimmte technische Feinheiten fehlen und sie einen Großteil eventuell ursprünglich vorhandener spiritueller Details verloren haben.

… Themas

Dabei wäre eins zu beachten: Originale als solche gibt es nicht. Alle Kata sind Produkt einer ständig andauernden Entwicklung und erscheinen daher nur für den Moment des Unterrichts oder per Konvention festgelegt. Und selbst hierbei sind, wenn auch geringfügige, Anpassungen an das jeweilige übende Individuum unumgänglich. Von Person zu Person sieht dieselbe Kata darum immer ein wenig anders aus.

Schon eher unveränderlich sind die den Kata zugrunde liegenden Prinzipien. Tradiert werden bestimmte Konzepte des Kampfes, bevorzugte Methoden für den Sieg: auf welche Weise kann oder soll ein eventueller Gegner überwältigt werden? Die Ausübenden können sich bei ihrem Bemühen zum Erreichen dieser Fähigkeiten an den Kata ausrichten und ihrem Training so einen formellen Rahmen geben, einwichtiger Faktor für einen auf lange Sicht angelegten Erfolg.

Pinan Godan: Gyaku-zuki in der Katzenstellung erscheint vielen heutigen Puristen weniger „kraftvoll“.

Jedwede Kata stellt somit „nur“ einen Formalismus dar, gleichsam als Richtline oder Anordnung von höherer Stelle, an die man sich zu halten hat um das gesteckte Ziel zu erreichen. Ist dieses Ziel erreicht, d.h. die entsprechende kampftechnische Fähigkeit erreicht, wird diese Anordnung eigentlich obsolet, d.h. für einen selbst ohne direkten Belang. Gleichwohl existiert sie weiterhin fort, für Personen, die nach einem das gleiche Ziel erreichen wollen, und denen wir gegebenenfals zur Seite stehen, wie etwa die eigenen Schüler. Mehrere klassisch überlieferte Kata tragen in  ihrem noch chinesisch klingendem Namen diesem Sachverhalt Rechnung: In Kururun-fa oder Sai-fa kann das Kanji für „fa“ entsprechend „Richtlinie“ oder „Anordnung“ geschrieben und die Kata entsprechend gehandhabt werden.

Für die Pinan-Kata heißt das: Für die Anfänger sind Ablauf und Details streng vorgegben. Letztere können mit zunehmenden Fortschritt allmählich individueller ausgelegt werden. Das Grundmuster bleibt dabei jedoch unverändert. Irgendwann wird trotz ständigem Wiederholen aber keine technische Verbesserung mehr sichtbar, allenfalls kann die/der Übende innere Wandlungen erspüren – sofern sie/er dafür offen ist. Was aber bei jedweder betändigen Übungspraxis der Fall ist oder zumindest sein sollte.

Diese Handhaltung wurde von Meister Itosu aus gutem Grund aus dem Programm entfernt.

Ich meine darum: durch abermaliges „stures“ Wiederholen wird keine Tiefe erzeugt, sondern nur durch bewusstes oder unbewusstes (!) Setzen von Akzenten. Dies kann uns womöglich irgendwann einmal die ursprüngliche Essenz einer Kata erahnen lassen, wodurch uns die „wahren“ technischen – oder wer will auch energetischen – Prinzipien persönlich nutzbar werden. Diese Individualisierung entspräche dem Übergang von shu zu ha, der zweiten Stufe des inneren und äußeren Fortschritts SHU-HA-RI,  etwas das eigentlich von allen ernsthaften Budōka angestrebt werden sollte. Aber ohne konkrete Richtlinie ist dies zumindest im Anfang kaum möglich.

Insofern erklärt sich vielleicht auch der von mir etwas provokant anmutende an die bevorstehenden Ostertage erinnernde Titel dieses Beitrags. Die Evangelien sind als frohe Botschaften zu verstehen, als Richtungsweisung zum Positiven hin, jedoch nicht als deren Garant.

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Prognosen zum Jahr des Büffels

Oder: über das Für und Wider von Horoskopen.

In der Vergangenheit schickte ich mich gerne an vorsichtige Prognosen zum jeweiligen traditionell-chinesischen Jahreswechsel zu machen. Ich berief mich dabei auf einschlägige Websites, d.h. auf Meinungen von Leuten, die davon mehr verstehen – oder zumindest sollten. Auch hatte ich im Rahmen meiner naturheilkundlichen Tätigkeit einige Seminare über Feng Shui besucht und mich somit zumindest indirekt mit der chinesischen Astrologie beschäftigt.

Metall-Oxe, -Büffel oder -Stier, was auch immer

Im Hinblick auf das verheerend verlaufene vergangene Jahr fiel mir auf, dass Horoskope gleich welcher Art tendenziell durchweg positiv ausfallen. Gleichwohl wird vor bestimmten Risiken gewarnt, bei den etwas besser gearteten sogar auf einzelne Personen bzw. deren genaue Geburtsdaten bezogen. Im Jahr der Metall-Ratte waren dies vor allem Hinweise in Richtung schwacher Lunge. Die in der Akupunktur oder der Traditionellen Chinesischen Medizin als solcher Bewanderten werden sicherlich wissen, dass der Funktionskreis Lunge-Dickdarm der Wandlungsphase Metall zugeordnet ist. Dies mag sich für andere, „modern-aufgeklärte“ Weltbürger im besseren Falle spirituell anhören und für manchen Skeptiker nach Aberglaube. Ich sehe es hierbei jedoch als wichtig an die über Jahrtausende entwickelten Ansichten der Gelehrten nicht nur Chinas im rechten Licht zu sehen. Sie entspringen einer akribischen Beobachtung der Natur und nur das der Beschreibung dienliche Vokabular erscheint heute altertümlich.

Flying Stars für das kommende Jahr

Wie dem auch sei, niemand mochte Anfang des letzten Jahres ahnen, dass der Einfluss des Metalls derart fatal werden würde. Bekanntlich befällt das Corona-Virus vornehmlich die Lunge, obwohl auch andere Organe schwer betroffen sein können und mitunter der gesamte Organismus des Patienten auf das schwerste leidet.

Wer das Geschehen mit den derzeit üblichen Besorgnis erregenden nachrichtlichen Zahlenangaben und den entsprechend düsteren Kommentaren der Journalisten und Politiker ein wenig mehr aus der Distanz betrachten mag (ohne die Pandemie als solche anzweifeln zu wollen!), wird finden, dass die Welt vor noch gar nicht allzu langer Zeit in einer ähnlichen Lage war, als im Europa der zwanziger Jahre die sogenannte „Spanische Grippe“ wütete. Auch damals wurde zu Beginn die Bedeutung des Erregers heruntergespielt und dessen Gefahr geleugnet.

hat mit all dem eigentlich gar nichts zu tun ..

Denn bei Ausbruch der Seuche in den USA befand man sich im 1. Weltkrieg und die Behörden dort hielten so ziehmlich alle Information, die „Schwäche“ zeigen konnten, geheim. Hingegen ging man man in Spanien, das nicht am Krieg beteiligt war, in Politik und Presse offener mit den Daten um. So dachte man lange Zeit, die Krankeit hätte dort ihren Ursprung. Fotos aus jenen Tagen von maskentragenden Leuten ähneln deutlich denen von heute. Bislang gleicht sogar der zeitliche Verlauf der Corona-Krise dem der Spanischen Grippe. Nach einem anfänglichen, rückbetrachtet mittleren Hoch auf der Skala der Fallstatistik befinden wir uns jetzt in einem viel massiveren, wobei nicht klar ist ob das Maximum bereits überschritten wurde oder noch kommt. Ich persönlich würde mich sogar jenen Fachleuten anschließen wollen, die da meinen, nach dem Abflachen der Kurve käme nach einigen Monaten noch ein weiteres, wenn auch milderes Maximum.

Bloß nicht so genervt dreinschauen!

Ob nun im Jahr des Metall(!)-Oxen diesbezüglich alles besser wird muss abgewartet werden. Zumindest wird es wohl wegen des zu erwartenden subtilen Mangel an allgemeiner Kreativität – auch im Bereich des Naturgeschehens – weniger böse Überraschungen geben. Der Einfluss dieses Tieres sollte uns vielmehr zur Besonnenheit und pragmatischen Tatkraft neigen lassen. Somit ist harte Arbeit und konstruktives Vorgehen angesagt, weniger emotionaler Überschwang. Ich weiss nun nicht weit meine hier formulierten Worte irgend jemanden Mut tatsächlich machen, zumindest hoffe ich es. Mit besonderen Wünschen zum traditionell-chinesischen Jahreswechsel am 12. Februar 2021 halte ich mich daher lieber zurück …

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Budo in Zeiten des Virus

oder: die teils erzwungene Rückbesinnung auf alte Werte

Normalerweise erlaube ich mir um diese Zeit des Jahres einige kritisch-humorige Gedanken zum Sinn und Unsinn unserer Weihnachtsbräuche. In der derzeitigen Lage lass´ ich es lieber und versuche das vermeintlich Gute in ihr zu sehen.

Die Wände heil lassen!

Im vorigen Beitrag hatte ich bereits einige Überlegungen zum Thema Home-Dojo präsentiert und beschrieben wie auch mit nur wenig Platz ein immer noch recht effektives Training möglich ist. Allerdings fällt es nicht wenigen Karateka schwer sich zu überwinden und ohne Anleitung von außen zu üben. Der sogenannte innere Schweinehund lässt grüßen. Naturgemäß fällt dies jenen leichter, die schon länger dabei sind. Sie greifen einfach auf das früher Erlernte zurück und vertiefen es, wodurch hierzu mit zunehmender Zahl an Übungsjahren durch das eigene weiterwerdende Repertoire die Auswahl immer reichhaltiger wird.

Dabei war in früheren Zeiten die individuelle Praxis  gegenüber dem Üben in Gruppen eher die Normalität. Es wird sogar berichtet, dass selbst bei Meister Funakoshi  die ersten Gruppen noch relativ klein waren und praktisch jeder für sich seine Kata oder am Makiwara übte. Für viele Shōtōkan-Enthusiasten heute kaum vorstellbar. Andererseits gab es schon seit Meister Anko Itosu und seinen beiden Schülern Hanashiro Chomo und Kentsu Yabu Bestrebungen in großen Gruppen mit vereinfachten Techniken und simplifizierten Kata zu trainieren. Das Ziel war, wie wir heute wissen, eine Art promilitärische Ausbildung.

Kurioserweise sind wir im tradionellen Karate bis heute diesem Schema weitgehend treu geblieben und, wie ich meine, noch allzu sehr verhaftet. Denn wirklicher Fortschritt des Einzelnen ist nur möglich wenn sich dieser einer Sache ernsthaft, d.h. mit einer gewissen Mindestselbstständigkeit widmet. Das bei den Chinesen dafür gebrauchte Wort heißt Gongfu und muss nicht unbedingt etwas mit Kampfkunst zu tun haben.

der Blick eines Meisters kann motivieren – es ist nur darauf zu achten keine lebende Person abzubilden

Jeder Mensch ist anders. So ermöglicht erst das eigenständige Üben das Ausfeilen von Details verbunden mit dem Überwinden der persönlichen Schwierigkeiten verbunden. Es kann eine Schau nach innen erfolgen: Wie fühlt sich die Technik an? Wie fühle ich mich insgesamt wenn ich übe – oder auch danach? Wenn ein Trainer Kommandos gibt, mag das den fehlenden eigenen Antrieb  ersetzen, weil aber so nicht der eigene Takt zu finden ist, bleibt das Resultat oberflächlich. Hinzu kommt, dass sofern eines Tages eine Situation es erfordert ernsthaft zu kämpfen, der Antrieb hierzu aus einem selbst kommen muss!

Ich erwähnte es mehrfach: im Karate haben wir, ähnlich wie in verwandten Kampfkünsten des Urprungslands China, den Vorteil auf gleichsam vorgefertigte Übungsprogramme zurückgreifen zu können. Die Idee möglichst häufig auszuführender, wiederkehrender Zyklen stammt wohl von den frühen Daoisten und wurde möglicherweise von Bodhidarma bei der Erstellung seines Stärkungsprogramms für die Mönche des Klosters Shaolin aufgegriffen. Ich will mich da jedoch nicht festlegen, weil derzeit allerlei Forschung zu dem Thema durchgeführt wird. Sicher gilt heute jedoch, dass die festgelegten Übungszyklen den Mönchen auch halfen sich auf ihren Reisen, auf denen sie oft allein unterwegs waren, „fit zu halten“.

Unsere formellen Übungen haben denn bis zu einem Grade auch zeremoniellen Charakter, was sich ebenfalls positiv auf die eigene Motivation auswirken kann, selbige Tag für Tag durchzuführen. Die Kata muss nur angefangen werden, dann läuft sie fast von allein; die Choreographie ist ja vorgegeben.

happo – in acht Richtungen üben

Das Üben von Einzeltechniken  im Sinne eines Kihon ist wahrscheinlich jüngeren Datums. In einem vorigen Beitrag war ich auf das für die japanischen Kampfkunste typische Konzept des Suburi bereits eingegangen. Persönlich würde ich allerdings vom Training des allgemein bekannten Standard-Kihon abraten. Für das Ido-Kihon (Auf- und Ablaufen) reicht zuhause meist der Platz nicht und es ist für einen selbst auch nur wenig erbaulich, weil geistig mitunter mehr ermüdend als körperlich. Dann schon eher Sono-ba-kihon, d.h. Übungen auf der Stelle, z.B. möglichst viele Fauststöße in Shiko-dachi und dergleichen. Letzteres „schlaucht“ mehr und spart damit Zeit.

Auch bietet sich das Ausführen von Einzeltechniken bzw. deren Kombinationen in vier oder acht Raumrichtungen an, wie Shiho- oder Happo-zuki/-uchi/-geri. Die vielen Wendungen schulen Koordination, Gleichgewicht und Raumgefühl. Und da haben wir es wieder: zirkulär aufgebaute Übungen sind leichter durchzuhalten. Womöglich bedingt durch einen subtilen Ki-anregender Effekt? Ich bin wohl nicht die/der einzige welche/r festgestellt hat, dass, wenn das Ki erst einmal rundläuft, größere Anzahlen an Wiederholungen weniger schwer fallen.

Bodhidarma, hilf ! …

Vielleicht hilft auch ein begrenztes Sich-Hineinversetzen in die Rolle des einsamen Kriegers oder des gutherzigen Mönchs. Eine nostalgisch geprägte, leicht (!) verklärte Vorstellung kann über ihre Faszination für die „gute alte Zeit“ motivierend wirken. Man sollte dabei nur wissen wo die Imagination aufhören muss, um sich  nicht komplett in eine Scheinwelt zu verlieren (… Querdenken? nein danke!)

Ähnlich wie im regulären Dojo sollte beim Training zuhause eine Minimaletikette gewahrt bleiben. So sollten wir so gut es geht jeweils zur gleichen Tageszeit üben und uns ein gewisses Pensum durchaus vorgeben ohne uns jedoch zu überfordern. Es reicht also nicht mal eben 20 Tsuki oder 15 Mae-geri zwischen Geschirrspülen und Abtrocknen zu machen.

Die Praxis des Budō ist ein individueller Prozess und kämpfen muss man letztlich immer selbst, im schlimmsten Falle sogar allein. Dabei ist Nonkonformismus der Schlüssel zum Sieg, d.h. das zu tun was der Gegner am wenigsten erwartet. Eine solche Strategie entwickelt man am besten für sich allein. Vielleicht gerade jetzt!

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Karate in Zeiten des Home-Dōjō

Wenn der Karate-Weg uns zu Hause festhält.

Perfekt erfüllte Hygienevorschriften

Und doch: das Zum-Training-Gehen ist ein gesellschaftliches Ereignis. Obwohl wir uns in erster Linie zum Dōjō begeben um die Kampfkunst zu erlernen oder gegebenfalls zu unterrichten, schätzen doch die meisten von uns auch das persönliche Aufeinandertreffen mit Gleichgesinnten und „Leidensgenossen“. In der Vergangenheit vermisste daher bestimmt ein/e jede/r von uns nur allzu schnell solcher Art Zusammenkünfte im Falle von Schichtarbeit, Krankheit oder Ferien. Um wieviel schlimmer mag es jetzt vielen ergehen, wenn uns in dieser nun schon länger andauernden Krise die gewohnten Trainingseinrichtungen verschlossen bleiben.

Das Einhalten von ausreichendem Abstand oder gar das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckung können einem zudem, besten Willen vorausgesetzt, den Rest der Freude an der Übung vergällen. Inwieweit der Online-Unterricht via Zoom und Skype da helfen können, möchte ich dahingestellt lassen. Sicher ist da vieles Geschmacksache. Für meinen Teil ersehe ich die persönliche Präsenz von Schüler und Lehrer als essenziell an. Oder esoterisch ausgedrückt: ich meine, man muss die Aura des anderen wahrnehmen können, andernfalls „springt nichts über“.

Basisübung für Kizami-zuki

Allerdings gibt es (nicht nur) in  unserer Kampfkunst einen bisweilen etwas vernachlässigten Aspekt der individuellen Praxis. Vernachlässigt, weil das Training heutzutage in der Regel, zumindest für die Mehrheit der Karateka unter Anleitung stattfindet, wobei während des überwiegenden Teils der Übungssunde der Trainer Kommandos gibt. Gewiss haben wir im Karate mit der Kata einen besonders individuell ausgeprägten Übungspart, aber auch dieser wird in vielen Dojos bevorzugt in der Gruppe trainiert. Es ist eben doch leichter die eigenen körperlichen und mentalen Grenzen zu überwinden, wenn ein Trainer hinter uns steht und uns anfeuert.

Das Training in großen Gruppen ist jedoch, wie viele wohl bereits wissen, nicht das „Original“, sondern ein Produkt von didaktischen Umwälzungen des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Vorher trainierte man überwiegend für sich allein, wobei der Meister anwesend sein konnte oder auch nicht. Hauptsächliche Übung waren die Kata und einfache Übungen von Basistechniken mit möglichst häufigen Wiederholungen, zu denen auch die Arbeit am Makiwara gehört. Sie trugen weitgehend dem Wunsch oder der Notwendikeit nach Geheimhaltung im Rahmen der alten Kampfkünste Rechnung, da diese Übungen wenig Platz beanspruchen und somit leicht im Verborgenen durchführbar sind.

Heranziehen des Fußes

Die in Kontinuation, gleichsam „zyklisch“ ausgeführten Übungen sind darum in den alten Kampfkünsten Japans noch eher präsent. Im Kendō oder Iaidō spricht man von suburi, dem „andauernden Wirbeln“. Charakterisch sind dabei die Wechselschrittfolgen, welche ich in meinem Buch Die Form des Karate als kaeri-ashi bezeichnet hatte. Im Karate können wir entspechend Stoß- und Schlagtechniken oder gar Fußtritte in dieser Manier üben und dies mit su-zuki, su-uchi oder eben su-geri benennen.

Sofern man der gegenwärtigen Situation entsprechend in der eigenen Wohnung, d.h. allein trainieren will oder muss, bieten sich solcherart Übungen an, denn entgegen der Meinung vieler allzu konventionell denkender Karateka muss die individuelle Übungspraxis nicht unbedingt viel Platz beanspruchen. Auf Idō-kihon oder weitläufige Kata wie Kushanku, Useishi oder Suparinpei müsste dabei natürlich vorübergehend verzichtet werden, d.h. eher zentralisiert aufgebaute Kata wie Niseishi, Shisochin oder auch Wanshu in der Version des Itosu wären zu bevorzugen. Auch die Basis-Kata Sanchin, Tensho und Naifanchin beanspruchen nur sehr wenig Fläche. „Raum ist in der kleinsten Hütte“ sagt ein altes Sprichwort; auch bei nur wenig Platz ist es möglich ist ein ausgiebiger Workout möglich. Darüberhinaus meine ich, dass ein guter Kämpfer mit jedweden Platzverhältnissen fertig werden können muss.

der Zyklus beginnt von vorn

Die kontinuierlichen Übungen des „su-Konzeptes“ sind besonders geeignet unsere Technik für den freien Kampf zu routinieren und derzeit ganz besonders uns fit zu halten. Man kann auch auf kleinster Fläche ausgiebig an sich bzw. der eigenen Technik und deren Details arbeiten und dabei gleichzeitig Koordination und Timing schulen. Wenn man auf ein Zielobjekt zuhält, ideal sind vorspringende Mauerecken oder auch das Blatt einer offenen Türe, kann zudem das Gefühl für den rechten Abstand verbessert werden.

Gleichwohl brauchen wir uns gar nicht bei anderen Budō-Künsten umzuschauen, bei richtigem Hinsehen finden auch in unseren Kata Hinweise auf diese Form der Übung. Beispiele wären die Kata Bassai/Passai oder Rohai. Beim Üben nicht nur dieser Kata hilft es nicht selten, wenn man in der Lage ist den räumlichen Bedarf an das vorhandene Angebot anzupassen. Mit anderen Worten wenn in eine Richtung der Weg für einen kompletten Schitt zu zu kurz ist, behilft man sich mit einem Wechselschritt á la kaeri-ashi (s. Buch). Überhaupt meine ich, dass komplette Schritte, seien sie vor-, rück- oder seitwärts, wie sie in den Kata gezeigt werden in einer realen Umsetzung eher die Ausnahme wären. Wir sollten bei all dem jedoch ständig auf der Hut sein unsere persönlichen und zumeist temporären Abänderungen der Kata nie „offiziell“ werden zu lassen. Unsere Kata sollten so bleiben wie sie (überliefert) sind.

aus meinem Buch Die Form des Karate

Viele Wiederholungen einfacher Bewegungsmuster schulen die Koordination, helfen Muskulatur aufzubauen und fördern bei fortgeschrittener Praxis auch das Durchhaltevermögen, vor allem wenn kein fordernder Trainer hinter einem steht. Überhaupt bieten die Kampfünste, flexibles Herangehen vorausgesetzt, insgesamt diesen Aspekt des Durchaltens in schwierigen Situationen mehr als andere Sportarten – was jedoch meiner persönlichen Meinung entspricht.

Die Fotos zeigen einige Beispiele wie es gehen kann, der Kreativität der/s Einzelnen sind hier jedoch kaum Grenzen gesetzt. Statt den Hinterfuß heranzuziehen kann man dies mit dem vorderen tun und wie im vorliegenden Fall statt Kizami-zuki dann Gyaku-zuki üben. Auch lassen sich Ausweichschritte in Kombination mit Abwehrbewegungen integrieren. Die zitierte Abbildung aus meinem Buch möge dies verdeutlichen.

Präzisionsschulung ..

Abschließen möchte ich diesen Beitrag mit dem Rat für das Training im Home-Dōjō grundsätzlich den Karategi anzuziehen. Man schafft sich so ein klein wenig  Atmosphäre, d.h. das ganze fühlt sich eher wie gewohnt an, was die Anstrengung in der durchaus unüblichen Umgebung etwas erleichtert. Gegebenenfalls sollten einige Möbel beiseite geräumt werden und wer mit Waffen wie Sai oder Tonfa üben mag (auch das geht), die/der achte auf die Lampen. Ein wenig esoterische oder buddhistisch-daostisch angehauchte Klänge von einer CD können auch motivierend wirken.

Also dann, allen das beste und gutes Vorankommen im Home-Dōjō!

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Korona-Bushi – Karate im Zeichen des Virus

Sinnfälliges zur allgemeinen Übungssituation

So manche/r, der/die sich dann und wann auf meinen Blog einfindet, hat für sich vielleicht schon einige profunde Kenntnisse bezüglich der Kultur und Gebräuche Japans angeeignet, womöglich sogar über die klassische oder auch moderne Musik des Landes. Irgendwo zwischen Volkslied und nostalgischem Schlager angesiedelt sind einige Versionen des Liedes Tanko-bushi, übersetzt in etwa „Kohlenverse“, obwohl man auch geneigt sein könnte so etwas wie „Kohlenkrieger“ zu vermuten … wegen „bushi„, ist jedoch eine andere Schreibweise. Es entstand wohl im 19. Jahrhundet, als Japan begann sich, zumindest äußerlich, zum Staat nach westlichem Vorbild zu wandeln und im Zuge der Industrialisierung auch die Förderung von Steinkohle zu intensivieren. Tanko-bushi ist somit ein Kohlenkumpel-Song, recht vergnüglich anzuhören und wird gerne bei volkstümlichen Festivals als Musik zu traditionellen Tänzen, z.B. den bon-odori aufgelegt. Ein Beispiel ist unten angefügt.

Ganz anders klingt dagegen das Lied des Kuroda-bushi. Es handelt von der dramatischen Geschichte eines todesverachtenden und zugleich trinkfesten Samurai. Die Melodie ist getragen, fast wie ein spanischer Fandango. Entsprechend wird dieses Lied denn auch inner- und teilweise wohl auch außerhalb Japans gerne zu fortgeschrittener Stunde im Kreise traditionsbewusster (reis-)weinseeliger Budōka angestimmt. Beispiel siehe unten.

Was diese Info hier bezwecken soll? .. Nun, ein klein wenig mehr Heiterkeit als sonst kann uns doch helfen mit der Virus-Krise emotional fertig zu werden. Nach dem Lockdown wollen ja alle gern zu einer gewissen „Normalität“ zurück und dies natürlich auch bei uns in Budō-Kreisen. Allenthalben wird dann auch viel Sorge getragen wie im Übungsbetrieb Abstands- und Hygieneregeln einhaltbar sein können ohne dass die Effektivität der Übungspraxis zu kurz kommt. Dabei weisen die meisten Budō-Disziplinen, genau wie die chinesischen Wushu, in ihrem Grundkonzept einen enormen Vorteil auf, der in anderen Sytemen der körperlichen Ertüchtigung weitgehend fehlt. Es handelt sich um tradierte Formalismen, uns als Kata bekannt, welche in der Vergangenheit wohl aus vergleichbaren Beweggründen entwickelt wurden.

Schlemihl, rechts im Bild, suchte schon vor der Krise allzu sehr die Nähe … „genau!“

Uns Karate-Leuten fällt es in Zeiten geforderter sozialer Distanz weitaus leichter mit der Praxis (einfach) fortzufahren; Kata und Kihon machen es möglich. Und sogar im Bereich des Kumite bietet sich dem flexibel denkenden Übenden oder Trainer ein weites Spektrum an Übungen, bei denen der Mindestabstand von 1,5 bis 2.0 m leicht einzuhalten ist. Ich denke dabei an eine Form der Übung, die Meister Funakoshi in seinem Werk Karate-dō Kyohan mit Iai bezeichnet hatte. Er bezog sich dabei zwar mehr auf eine besondere Kumite-Form aus dem Sitzen heraus, die Grundidee des Iai blieb dort aber erhalten: Angriff und Verteidigung gestalten sich im Verhältnis recht einfach, vielmehr wird Wert auf eine möglichst spontane und angemessene Reaktion gelegt.

Der Begriff i-ai setzt sich aus den Kanji i, in etwa „vollständig präsent sein“ und ai für „Harmonie“ zusammen. Mit dem völligen Präsentsein meint man – so hab´ ich es verstanden – eine geistige Wachheit, die Anwesenheit im Hier und Jetzt, wobei jedwede Gedanken, die bei der Übung aufkommen mögen sofort wieder losgelassen werden sollen. Dies dient dem freien Fluss des Ki, der vonnöten ist um auf unvorhergesehene Angriffe, insbesondere aus dem Hinterhalt, angemessen antworten zu können. Der Übende soll  zum Einklang mit seiner Umgebung finden, gleichsam eins-werden mit dem potentiellen Angreifer, eine Grundvoraussetzung für das Vorausahnen eines Angriffs, was erst eine spontane und sichere Gegenreaktion, die nicht vom „Glück“ abhängt, ermöglicht.

Iai-dō

Die meisten kennen und einige von uns praktizieren sogar das Iai-, heute bekannt als eine besondere Form der Übung mit dem japanischen Schwert. Es entstand, wie fast alle Budō, im ausgehenden 19. Jahrhundert aus dem Iai-jutsu. Letzteres war zuvor in den traditionellen Kampfschulen Teil eines Gesamtkonzepts. Gleichwohl gibt es im Iaidō als geschlossenes System Suburi-, d.h. Kihon- und auch Partnerübungen, nicht zu vergessen den Effektivitätstest Tameshi-giri.

Die Kata des Iai-jutsu bzw. Iai-dō erscheinen von außen gesehen recht einfach, komplett anders als die mitunter sehr langen und komplexen Abläufe der Kampfkünste chinesischen Ursprungs, wie auch die des Karate. Natürlich muss auch im Iai-dō die Technik bis ins Detail stimmen, dies jedoch eher als Voraussetzung für die eigentliche – mentale – Übung: Die Ausführung der Kata soll im Laufe der Zeit vermehrt ohne willentliches Zutun, „wie von selbst“, stattfinden.

Auf technischer Ebene geht es vornehmlich darum auf zügige Weise das Schwert aus der Scheide zu bringen, den imaginären Gegner zu „besiegen“, um am Ende die Klinge sicher wieder zurückzuführen. Bei fehlender Kontrolle der Bewegungen kann es zu Schäden an Schwert und Scheide oder gar der eigenen Hände, bisweilen sogar der Füße kommen. Im Moment der Überraschung und vor allem angesichts eines möglichen Todes kann jede Hast verheerend wirken. Ein kühler Geist, der gelernt hat auch in solch extremer Lage gelassen zu bleiben – was einfach klingt – und der auf eine sichere und effektive,  über einen langen Zeitraum erlernte Technik zurückgreifen kann, ist das letztendliche Ziel der Übung des Iai.

Iai der etwas besonderen Art

Derlei Übungen lassen sich bis zu einem Grade auch mit einem (oder mehreren) Partner(n) durchführen. Dabei werden Aspekte wie genaues Treffen oder Abstände vorerst außer Acht gelassen. Man könnte sagen, auf Reaktion und Timing kommt es an. Gewöhnlich widmen sich solcher Art Training eher Fortgeschrittene, die sich nicht mehr auf vordergründige Details ihrer Technik konzentrieren müssen. Zudem wird das Repertoire der Aktionen auf wenige Grundmuster eingeengt. Die „Kontrahenten“ stehen oder sitzen sich gegenüber, einer verteidigt, der andere oder die anderen greifen an. Angriffs- und Abwehr-/Konteraktonen können abgesprochen werden, man kann aber auch zu einem gewissen Grade „frei“ agieren. Das ganze funktionert gefahrlos natürlich nur auf Distanz, d.h. wir stehen 2, 3 oder mehr Meter auseinander. Das Ziel der Übung besteht darin, früher mit der eigenen Aktion fertig zu sein als die vermeintlichen Angreifer, wobei es nicht um Schnelligkeit der Technik selbst geht, sondern um das frühere Einsetzen der eigenen Aktion. Sen-no-sen wäre hier ein passendes Stichwort.

Für das Karate eröffnen sich hier verschiedenerlei Möglichkeiten:

– Wir können alle Formen der kampfbezogenen Partnerübung (also nicht die Fitnessübungen) mit großem Abstand üben, wobei jedweder direkter Kontakt wegfällt und die Übung rein optisch-akustisch, d.h. „fernsensuell“ vonstatten geht.

– In der Unter- und Mittelstufe können wir z.B. Kihon-ippon-kumite auf 3 – 4 m Distanz üben (lassen), wobei besagte Reaktionsschnelle den Hauptschwerpunkt (bei korrekter Technk!) bilden soll.

– Fortgeschrittene können jedwede Form des Kumite analog umsetzen, insbesondere Situationen des Turnierkampfes.

– Besonders das Einüben von Überraschungsangriffen, etwa von der Seite oder vom Rücken her können zunächst langsam, dann zügiger durchgeführt werden. Dabei kann es dienlich sein den Angriff zunächst mit einer Art „Kiai“ anzukündigen.

– Bisweilen kann es hilfreich sein wenn ein „Schiedsrichter“ die Übenden beobachtet, korrigiert und bestimmt ob der Übungszweck erfüllt wurde.

aus Zeiten lange vor der Krise

Der Erwähnung wert sind natürlich auch die uns allen bekannten, überaus geduldigen Ersatzpartner wie Makiwara, Sandsack und wer mag die chinesische Holzpuppe. Bei ihnen besteht kaum die Gefahr einer Ansteckung, auch nicht, dass sie sich wehren oder zurückschlagen (ein Witz!).

Ich hoffe, ich konnte mit dem hier geschilderten „Corona-Iai“ der/dem einen oder anderen Instruktor/in einige Insprirationen liefern, auf dass wir dann als ehrenwerte Korona-Bushi in die Geschichte eingehen mögen.

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